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Pech

Kurzgeschichte von Heiko Freitag

Pech. Mein Leben ist vom Pech gezeichnet. Pech war es als Findelkind bei irgendwelchen Leuten vor die Tür gestellt worden zu sein. Pech war es auch, daß sie arm waren. Pech war auch die harte Arbeit die ich tun mußte. Pech war auch, daß ich auf Umwegen erst mit 15 Jahren das Schreiben und Lesen lernte. Das einzige Mal in meinem Leben, daß ich Glück hatte, war, als ich bei der Magiergilde eine Aushilfsarbeit fand. Aber das Glück wehrte nicht lange, ein verunglückter magischer Streich unter Anfängern und schon wurde ich exmatrikuliert. Von der Gilde ausgeschlossen. Verbannt. Ja sogar die erworbenen Auszeichnungen mußte ich zurück lassen. In dieser Stadt war ich Geschichte. Schlechte Geschichte. Pech zeichnete meinen Weg. Aber durch den Umstand, daß ich in der Gilde war, habe ich erfahren, daß meine tatsächlichen Eltern tot waren. Doch welch Wink des Schicksals, ich hatte einen Bruder. Er wohnte am anderen Ende des Reiches, und ich mußte ihn sehen. Ich wußte nicht, warum oder was ich ihm sagen wollte, wenn ich ihn fand. Doch ich mußte ihn finden, das stand fest.
Nach einer Woche mühseliger Reise auf Schusters Rappen, hatte ich schon keine Lust mehr. Doch ich konnte nicht zurück, ich mußte weiter. Eines abends war ich so müde vom Laufen, daß ich einfach einschlief; ob es jetzt im Gehen war oder ob ich schon saß, ich weiß es nicht mehr. Ich schlief und schlief. Als ich erwachte, war um mich herum Lärm. Viel Lärm, sehr laut. Ich riß die Augen auf und sah zwei schwarze Pferde, die eine schwarze Kutsche zogen. Die Pferde bäumten sich genau vor mir auf. Ich hatte fürchterlich Angst erschlagen zu werden. Doch die Pferde blieben kurz vor mir stehen und schauten mich an. Nein sie starrten mich an.
So begegnete ich dem Schicksal erneut. Die Tür der Kutsche öffnete sich und ein in (natürlich) schwarzer Kleidung gekleideter Herr bat mich einzusteigen. Ich fragte ihn vorher ob er der Tod sei, doch er lachte nur. Nein mein Sohn, antwortete er. Aber er ist ein guter Freund von mir. Dies hätte mir zu denken geben sollen, doch ich tat es als Angeberei ab.
Er war ein seltsamer Mensch, hager und von bleicher Hautfarbe, sofern ich das bei diesem schummrigen Licht überhaupt erkennen konnte. Was mich verwunderte, war die Tatsache, daß er die kleine Laterne in der Kutsche erst angemacht hatte, als ich eingestiegen war. Seinen Namen wollte er mir nicht sagen, aber er erzählte mir seine Geschichte. Erst viel später erfuhr ich die volle Wahrheit. Seine Geschichte klang jedoch glaubhaft. Er war ein hoher Bediensteter beim Hofe des Fürsten gewesen. Durch die dauerhafte Nähe zu dem Hofstaat lernte er die Fürstin kennen. Es kam wie es kommen mußte. Sie verführte ihn und er verführte sie. Nach einem Monat begann der Fürst Verdacht zu schöpfen und nach einem weiteren Monat hatte er die Beweise die er brauchte. Er konnte mit seinem treuen Gehilfen fliehen und so versuchten sie aus dem Reich zu entkommen. Sie fuhren nur in der Nacht und schliefen in der Kutsche versteckt im Wald. Ich fühlte Mitleid mit diesem Mann, der von der Liebe vertrieben wurde. Ich sah vor allen meinen Vorteil, so kam ich fast zehnmal so schnell voran. Der dunkle Mann - ich nenne in der einfach halber so - gab mir gern und reichlich von seinem Essen ab. Wir fuhren so durch die Nacht. Nach dem zweiten Tag fühlte ich mich unwohl und schlapp. Ich schob es auf die lange Reise.
Nach dem dritten Tag hatte ich Schmerzen am ganzen Körper und ich war stetig müde. Mein Begleiter kümmerte sich rührend um mich, er reichte mir eine warme Suppe, wo immer er sie auch her hatte. Nach dem vierten Tag waren die Schmerzen auf dem Höhepunkt angelangt, doch als die Nacht anbrach fielen die Schmerzen von mir ab, wie Blätter im Herbst von einem Baum. Ich war auf einmal auf verschiedenen Bewußtseinsebenen aktiv. Ich konnte Tiere hören, wirklich hören. Man konnte sagen, ich spürte die Natur, so pathetisch wie es klingt, es war wahr. Ich sah die Wärme die Tiere aufsteigen. Ich ging durch den Wald, die Dämmerung begann gerade und ich mußte zu der Kutsche zurück. Ich näherte mich der Kutsche, wo ich die wahre Gestalt meines Gastgebers erkannte. Schockiert blieb ich hinter einem Baum stehen. Er war ein Vampir, ein Fabelwesen. Langsam und vorsichtig näherte ich mich der Kutsche, wissend daß es falsch ist. Doch die Neugier übermannte mich. Ich stieg in die Kutsche ein und starrte meinen Gastgeber an, nach kurzer Zeit sprach er mich an. Er entschuldigte sich - ich verstand nicht wofür - bei mir. Ich verstand gar nichts mehr. Im laufe der Fahrt bekam ich immer mehr Angst, doch mein Gastgeber beruhigte mich, daß ich vor nichts mehr auf dieser Welt Angst haben müßte. Es beruhigte mich nicht sehr. Wir fuhren später am Tag über eine Brücke und mein Körper schrie auf. Auch dieses verstand ich nicht. Ich verstand nicht mehr viel. Doch ich bemerkte etwas an der Kutsche, was ich vorher nicht bemerkt hatte. In dem Aufbau hinten an der Kutsche hatte sich etwas bewegt. Ich spürte die Bewegung eines menschlichen Wesen. Das reichte aus für mich. Ich beschloß zu fliehen. Ich mußte es tun, nicht einen Tag länger hielt ich es mehr aus. Als sich der Morgen näherte, stand mein Entschluß fest. Ich wartete bis sich mein Begleiter hinlegte. Wir standen mitten im Wald, verdeckt vor neugierigen Blicken von der Straße. Ich öffnete die Tür vorsichtig und schlich mich raus. Der Kutscher schlief unter der Kutsche. Langsam und jeden Schritt mit Bedacht setzend schlich ich in die Nacht. Doch auf meinem Wege erinnerte ich mich an die Geräusche. Jemand war dort eingeschlossen. Ich mußte ihn befreien. Ich schlich mich vorsichtig an die Kutsche. Die Klappe hinten war mit Knoten verschlossen. Ich holte mir die gußeiserne Pfanne aus dem Gepäck. Ich brauchte die Schwere der Pfanne als Sicherheit in meinen Händen. Leise und mit viel Mühe öffnete ich einen Knoten nach dem anderem. Leise öffnete ich die Klappe. Zu meinem Erstaunen fiel mir eine junge Frau mit hellblonden Haaren entgegen. Ich war so verblüfft, daß ich vorbei griff. Sie prallte seitlich an mir ab und hätte mich fast umgeworfen. Ein schmerzerfülltes Stöhnen erfüllte die Stille. Sie war wach. Der Kutscher auch. Mit finsterer Miene näherte er sich, er murmelte etwas in einer für mich fremden Sprache. Ich setzte all meine Wut und Angst in einem entscheidenden Schlag und hieb ihm die Pfanne quer ins Gesicht. Es krachte und ich befürchtete der Kutscher wäre tot. Doch er war nur bewußtlos. Komisch war das schon, bei allen anderen Kneipenschlägereien hatte ich immer die Hucke voll bekommen. Ich schulterte die unbekannte Frau und schlich mich davon. Es fiel mir wirklich nicht schwer, sie zu tragen, ich verfügte über Bärenkräfte. Wir waren kaum eine Meile weit gekommen, als ein markerschütternder Schrei durch den anbrechenden Morgen klang. Wölfe heulten, Vögel flogen erschreckt auf und Hasen verkrochen sich noch tiefer als sonst in ihren Bau. All dieses bemerkte ich, doch ich ignorierte es. Wieder einmal hatte ich Pech, ich lief mit einer Unbekannten über die Schulter durch eine unbekannte Gegend, wahrscheinlich von einem Vampir gejagt.
Es war wie immer. Pech dominierte mein Leben.
Ich fand nach einer langen Zeit ein Höhle. Na ja, ehrlich gesagt, fielen wir hinein. Ich strauchelte über eine Wurzel und fiel in eine Tanne, die genau vor dem Eingang der Höhle wuchs. Dann wurde alles schwarz um mich herum. Ich wachte mit Kopfschmerzen und gefesselten Händen auf. Die Unbekannte hatte mich gefesselt und sie verstand ihr Handwerk. Ich begann sofort die Geschichte ihrer Befreiung zu erzählen. Ich konnte förmlich spüren, wie sie mir mißtraute. Doch nach einiger Zeit änderte sich ihr Gesichtsausdruck. Als sie ihre Geschichte mir erzählte, da stockte mir der Atem. Sie war arbeitete für den Hofalchimisten und wäre auch bestimmt seine Nachfolgerin geworden, wenn nicht dieser Mann dazwischen gekommen wäre. Er stellte sich am Hof des Fürsten als Heiler vor. Er zog die Frauen in seinem Bann, doch er war kein Heiler. Er war ein Böser Mensch, er war ein Vampir. Eines abends tötete er den Alchimisten. Doch keiner glaubte ihr, man lachte sie aus. Die Fürstin war ihre Vertraute, doch als sie sie fand, saugte der Vampir bereits ihr Blut aus. Der Vampir überwältigte sie nun und verschleppte sie. Bevor er sie in die Kutsche sperrte, erklärte er ihr, daß sie jetzt seine Braut werden sollte. Er hatte sie gebissen. Wir blickten uns beide an und bemerkten beide am Hals des anderen die Bißmale. Uns war klar was das bedeuten mußte. Wir wurden selber zu Kreaturen der Nacht. Nach dem ersten Schock wurde uns klar, daß wir zusammen bleiben mußten. Keiner uns hatte Lust Menschen das Blut auszusaugen und wenn man es sagen will, könnte man behaupten, daß wir uns voreinander und uns selbst anekelten. Wir mußten einen Weg finden, um aus dieser Situation herauszukommen. Wir würden die schlausten Magier des Reiches befragen. Die ausgefallensten Heiler würden wir aufsuchen. Meinen Bruder schob ich in Gedanken weit fort von mir, wer will schon einen Vampir zum Bruder haben? Pech, mein Leben wird einfach vom Pech dominiert. Vielleicht auf dieser Odyssee und zu zweit könnte ich dem Schicksal mal ein wenig Glück abjagen, aber es würde hart werden. Verdammt hart.

© by Heiko Freitag

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12.07.99