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Bärenjagd

Eine fantastische Geschichte von Karin Sittenauer

Maire horchte auf. Im Wald vor der Höhle ging etwas vor sich und dies hörte sich nicht erfreulich an. Sie erhob sich von den bequemen Fellen und eilte zum Höhleneingang. Es war ein sonniger, warmer Frühlingsmorgen und Vogelstimmen zwitscherten ein wahres Konzert in den Bäumen ringsherum.

Da - jetzt hörte sie es wieder! Der schrille Klang eines Jagdhorns zerschnitt wie ein scharfes Messer die Ruhe des Waldes. Die Vögel schwiegen einen Augenblick, um dann nach und nach wieder in ihren Gesang einzustimmen. Die junge Frau sah sich ängstlich um.

Wo steckte Herne? Er musste sich draußen im Wald befinden, dort wo ihn die Jäger aufspüren konnten! Ihre Hände zitterten, doch sie wollte sich dieser schleichenden Furcht nicht ergeben. Herne konnte sehr gut auf sich selbst aufpassen. Im Gegensatz zu ihr war er im Wald aufgewachsen.

Und nicht zuletzt - und dies sagte sie sich zur Beruhigung immer wieder vor - konnte er sich in jede beliebige Tiergestalt verwandeln. Niemand würde ihn finden und wenn ja, dann könnte ihm sicher keiner etwas anhaben. Herne war viel zu klug, um die Jäger an sich herankommen zu lassen. Sie seufzte tief und kehrte in die Höhle zurück.

Das Jagdhorn erschallte erneut und diesmal klang es schon erschreckend nah. Laute Schritte stampften zur Höhle empor und Zweige brachen. Maire sprang auf. Dies konnte nicht Herne sein! Niemals verursachte er solchen Lärm! Hatten die Jäger ihre Höhle entdeckt und wollten hier eindringen?

Sie zweifelte noch, ob sie sich verstecken oder ihren Dolch ziehen sollte, da erschien bereits ein großer Schatten am Eingang. Das war kein Mensch! Der Schatten wankte leicht und bewegte sich mühsam näher. Ein Bär stapfte auf sie zu, starrte sie mit verzweifelten Augen an und brach zusammen. Ein abgebrochener Speer steckte in seiner Seite und er atmete schwer.

Vorsichtig trat Maire näher und da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Dies war Herne! Die Jäger hatten ihn gestellt und verwundet und nun reichte seine Kraft nicht aus, um sich in einen Menschen zurück zu verwandeln. Wieder vernahm sie vor der Höhle Geräusche. Eine Männerstimme rief:

"Dort oben muss das Biest sich verkrochen haben! Dort scheint eine Höhle zu sein!"

Was sollte sie tun? Sie konnte den Männern niemals begreiflich machen, dass sie den Bären nicht töten durften! Neben dem Kopf des großen Tieres kniete sie nieder, hob ihn an und flüsterte eindringlich:

"Du kannst hier nicht bleiben. Du musst dich verstecken. Versuche aufzustehen, ich kann dich so nicht tragen!"

Ein erschöpftes Brummen kam als einzige Antwort und schon klangen die Stimmen näher. Jeden Augenblick konnten die Jäger auftauchen! Maire zerrte an dem Fell des Tieres und fühlte es unter ihren Händen qualvoll zusammenzucken. Tränen standen in ihren Augen, sie wollte ihm doch nicht noch mehr Schmerzen zufügen!

"Bitte, bitte, stehe doch auf", flehte sie leise. "Du musst nur bis zu unserem Schlafplatz, dort werden sie dich nicht gleich sehen. Bitte, versuche es doch! Ich werde dir helfen."

Es war eine lächerliche Behauptung, dass sie einem großen Bären helfen konnte, sich zu erheben. Doch er versuchte trotzdem auf seine Pranken zu kommen und irgendwie schaffte er es. Schwerfällig tappte er einige Schritte auf die Rückseite der großen Höhle zu. Wieder schwankte er und Maire lehnte sich mit aller Kraft gegen seinen Körper, um ihn zu stützen.

Eindringliche Befehle ertönten in ihrem Rücken: "Vorsichtig jetzt, keiner geht alleine in die Höhle! Der Bär ist nur verwundet, er kann auf euch losgehen. Dieses Biest ist gefährlich!"

Herne erreichte endlich die kleine Nische und stürzte schwer auf die Schlaffelle. Maire zog hastig die Decke vor, mit der sie diesen Teil der Höhle vor Zugluft und Kälte abschirmten.

"Da brennt ein Feuer! Die Höhle ist bewohnt!", rief einer der Jäger überrascht.

Maire konnte ihn nicht sehen und sie nahm sich keine Zeit, aus ihrer Ecke hervor zu spähen. Stattdessen griff sie nach sämtlichen Decken und Fellen, die sie finden konnte und breitete sie über den massigen Leib des Bären. Vielleicht würden die Männer nicht mehr suchen, vielleicht würden sie hier kein wildes Tier vermuten, dann konnte dieses Versteck genügen.

Nochmals beugte sie sich zu ihrem Freund. "Ich versuche, die Männer abzulenken. Bleib nur ganz ruhig liegen, später werde ich den Speer herausziehen."

Sie wollte ihn nicht fragen, ob er sich vielleicht in einen Menschen verwandeln würde. Dies hätte alles so viel leichter gemacht und doch, die Waffe, die den Bären nur verletzt hatte, könnte für den Menschen tödlich sein! Nein, sie musste die Jäger ablenken und beschwichtigen und wenn sie weg wären, dann würde sie selbst versuchen, ihren Freund zu verarzten.

Es gab keine andere Möglichkeit! Dabei gab sie sich keinen Illusionen über ihre zweifelhaften Heilkünste hin. Vielleicht würde sie ihn mit ihren armseligen Versuchen töten! Daran wollte sie nicht einmal denken und das durfte sie jetzt auch nicht. Sie wischte die Tränen von ihren Wangen, atmete tief durch und schritt in die Haupthöhle zurück.

Fünf Männer standen am Eingang und spähten ins Innere. Drei davon hielten Lanzen zum Abwurf bereit und die anderen zwei drohten mit schweren Äxten. Maire gab sich ganz ruhig, trat ihnen entgegen und fragte:

"Was wollt Ihr hier? Warum dringt Ihr bei mir ein?"

Verwirrt ließen die Männer ihre Waffen sinken. "Wir haben einen Bären verfolgt", erklärte einer aus ihrer Mitte schließlich.

Er trat mehrere Schritte vor und winkte den Jägern, zurückzubleiben. Der Mann trug einen hochwertigen Waffenrock und auf einem Wappen konnte Maire das Zeichen des Grafen erkennen. Sie schätzte den Mann auf etwa fünfunddreißig Jahre. Ja, das konnte der Graf persönlich sein. Wie sollte sie einem Fürst befehlen, ihre Höhle zu verlassen?

"Seine Spuren führen direkt in diese Höhle. Habt Ihr ihn gesehen? Ich hoffe, Euch ist nichts zugestoßen", fuhr er fort.

Sie schüttelte leicht verwirrt den Kopf, fasste sich aber schnell wieder. "Hier war kein Bär. Ich denke kaum, dass ich so ruhig bliebe, wenn ein wildes Tier zu mir hereingeschneit wäre."

Der Mann nickte vorsichtig, musterte die Höhle dennoch gründlich. Seine Augen schweiften über die Feuerstelle und die Vorräte, vorbei an der Abgrenzung zum Schlafplatz und blieben schließlich am Boden neben ihr hängen.

"Woher kommt dieser Blutfleck?", fragte er ganz ruhig.

Maire erbebte, daran hatte sie nicht gedacht und selbst wenn, sie hätte keine Zeit gehabt, ihn zu entfernen! Was sollte sie jetzt sagen? Scharf musterte der Graf sie und befahl:

"Antwortet mir!"

Mutlos hob sie die Schultern und behauptete: "Ich weiß es nicht." Nein, sie war Herne keine große Hilfe! Erbost fuhr sie fort: "Von einem Bären jedenfalls nicht oder nehmt Ihr an, dass ich hier wilde Tiere verstecke?"

"Das vermute ich in der Tat nicht", sprach der Graf ganz ruhig. "Dennoch werden meine Männer die Höhle durchsuchen."

"Wie könnt Ihr es wagen?", rief sie. "Dies ist mein Zuhause!"

"Dies ist mein Wald und alles was sich darin befindet gehört zu meinem Besitz!", erwiderte er scharf.

Maire hatte es gewusst, vor diesem Augenblick der Entdeckung hatte sie sich immer gefürchtet. Herne hatte darüber nur lachen können. Er lebte hier bereits so lange und niemals hatte ihn jemand gefunden. Er hatte ja keine Ahnung von Feudalherren und deren Ansicht der Dinge. Ein Graf nahm sich, was er wollte und er gestattete sich, was andere nicht wagen würden.

Auf einen Wink hin begannen die vier Männer die Höhle zu durchkämmen. Dazu brauchten sie nicht lange, denn in der Tat gab es nur eine einzige Ecke, in der Maire etwas verstecken konnte.

"Seid vorsichtig da hinten!", befahl der Graf.

Ein Mann nickte und trat zögernd näher, griff nach der Decke und schob sie zurück. Die junge Frau hielt unwillkürlich den Atem an, jetzt würden sie Herne entdecken!

"Herr, seht Euch das an!", rief der Jäger erschrocken.

Der Graf trat näher und Maire eilte hinterher. Ihre Hand glitt zum Dolch - sie würde auf die Männer losgehen, wenn sie den Bären töten wollten. Auch wenn sie die Jäger nicht aufhalten konnte, sie würde es ihnen wenigstens ein bisschen schwerer machen.

Auf den Decken aber lag kein Bär, sondern ein Mann, dem ein Speer aus der linken Seite ragte. Herne hatte sich zurück verwandelt! Jetzt lag er reglos in dem Winkel, seine Augen waren geschlossen und sein Gesicht wirkte fahl.

"Was ist hier geschehen?", fragte der Graf beunruhigt. Er starrte auf den Verwundeten, als hätte er so etwas noch nie gesehen. Maire fasste sich wieder und erwiderte barsch:

"Irgendein Verrückter wollte meinen Mann umbringen!"

Betreten stockte der Graf und befahl schließlich einem seiner Jäger: "Holt den Wundarzt!" Dann beugte er sich zu Herne und schob die Decken beiseite. Es schien ihn nicht zu wundern, dass der Mann nackt war. Er starrte nur auf die zerbrochene Lanze und flüsterte:

"Es ist mein Speer. Ich war mir sicher, dass ich einen Bären getroffen habe. Sollte ich mich so geirrt haben?"

Der Medikus tauchte hinter ihm auf und kniete sich zu dem Verletzten. Jetzt öffnete Herne seine Augen. Maire wusste, dass er Ärzte verabscheute. Jede Kräuterfrau aus dem Wald wäre ihm willkommener gewesen. So hauchte er denn auch gequält über die Lippen:

"Wollt Ihr mich jetzt auch noch zur Ader lassen?" Anderes Wissen traute er keinem Medikus zu.

"Patraig versteht sich gut auf die Heilkunst, er wird Euch die Speerspitze entfernen", erklärte der Graf milde. Er führte einen Trinkschlauch an Hernes Lippen und flößte ihm Branntwein ein. Danach machte sich der Wundarzt an die Arbeit und Hernes Kopf glitt zur Seite.

"Er hat das Bewusstsein verloren, zum Glück", murmelte der Graf. Der Eingriff dauerte nicht lange und schließlich, nachdem er seinen Patienten verbunden hatte, erklärte der Arzt:

"Er wird es überleben, obwohl er viel Blut verloren hat. Er ist ungewöhnlich widerstandsfähig. Er scheint über Bärenkräfte zu verfügen, wenn er sich mit solch einer Verletzung bis hierher schleppen konnte ."

Jetzt endlich vermochte Maire wieder zu lächeln. Der Mann ahnte ja nicht, wie Recht er mit seiner Annahme hatte.

© by Karin Sittenauer

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16.02.2000