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Zu spät

Kurzgeschichte von Heiko Freitag

Was für ein Arsch. "Du Penner" schreie ich. Nimmt der mir doch die Vorfahrt. Natürlich wieder ein SHG Kennzeichen, oh Mann. Scheiße bin ich spät dran. Jetzt rechts abbiegen. Gut, kein Verkehr. Beschleunigen und Kurve schneiden. Sehr schön. Das hat geklappt. Sehr gut. Weiter aufs Gas, über die Brücke mit Vollgas. Siebzig sind erlaubt, keiner fährt hier Siebzig. Hundertzehn sind angebracht. Bei der Kurvenführung; und die Straße ist ja auch sehr schön ausgebaut. An der Nutte vorbei; man, wer geht da bei. Aber es scheint ja immer noch welche zu geben, die dort verkehren. Egal. Weiter geht es. Der nächste Ort fliegt heran und schön an das Tempolimit halten, die Cops blitzen hier öfter. Also schön 50, oh ich hab es eilig. Nein. Nein. Ein Trecker, mußte das sein. Ah, er biegt ab, gut so. Jetzt wieder drauf aufs Gaspedal.

Die Ampel ist Grün, nein Gelb. Gas, Kurve schneiden. Schön prollig mit quietschenden Reifen um die Ampelkurve. Die Kinder an der Bushaltestelle schauen ungläubig hinterher. Vorbei an den wartenden Autos vorm Kiosk, raus aus dem Kaff. Jetzt wieder kurze Zeit Siebzig. Ein Blick - keine Bullen, also mit Vollgas an den Siebzig Km/h Schildern vorbei. Das nächste Kaff naht. Abbremsen und rein. Dreißig Sekunden später wieder raus. Und wieder rauf aufs Gas. Vierter Gang hoch und schön schalten in den Fünften. Kein Verkehr vor mir, weiter so. Man bin ich spät dran. Daß sich siebenundzwanzig Kilometer so lang hinziehen können. Die nächste Kurve so eng wie möglich anfahren, perfekt. Die nächste Siebzig Zone nähert sich schnell. Egal, ich hab es eilig. Weiter, da naht auch schon meine Abfahrt. Bremsen, Blinken und Schalten sind eins. Im zweiten Gang um die Kurve, dann die Gänge hochziehen - weiter und weiter.

Man bin ich spät dran. Und wieder eine Siebzig Zone, aber nur 200 Meter lang. So ein Scheiß, nur damit die Bullen die rechtliche Möglichkeit haben zwischen den Schildern zu blitzen. Zu früh für die Bullen. Jetzt die irre langgezogene Rechtskurve, mit Hundertvierzig rein, langsamer werden und schon ist man im nächsten Kaff. Tempolimit einhalten, mit sechzig fahre ich durch die einzige Kurve in dem Kaff. Sofort tut sich eine Ampel vor meinen Augen auf. Sie steht auf dunkelgelb, als ich vorbei rase. Neunzig auf der anderen Straßenseite. Sehr schön. Kein Verkehr auf der anderen Seite, also Straßenseite wechseln und die nächste Kurve richtig schneiden, super geklappt. Wieder drauf auf das Pedal. Eine langgezogene Linkskurve mit Wald auf der linken Seite fliegt vorbei. Und so rase ich auf die - richtig geraten - nächste Siebzig Zone zu. Eine lange Gerade tut sich am Ende der Kurve auf. Am Ende ist wieder eine Ampel. Langsam in den Ort hinein und an der Ampel warten. Endlich geht es weiter. Vorbei am Zebrastreifen, sorry Leute, aber heute habe ich es wirklich eilig. Nach dem Ortsausgang wartet wieder eine Siebzig Zone auf mich. Die nächste Ampel ist Grün, sehr gut. Ende der Siebzig Zone direkt nach der Ampel. So, jetzt noch schnell den Fünften Gang rein hauen und immer weiter. Bin ich eigentlich auf der Flucht? Nein auf dem Weg zur Arbeit.

Ungefähr Achthundert Meter weiter beginnt die nächste Siebzig Zone. Wieder ein wenig vom Gas, an der Stelle vorbei wo die Bullen immer blitzen. Cool, keine Bullen in Sicht. Und da naht auch schon die nächste Stadt. Zwei Ampeln, eine Siebzig Zone weiter und ich stehe an der letzten Ampel, die mich am Vollgas hindert. Endlich Grün, an der Ansteigung mit dem Gullydeckel in der Mitte links vorbei, das unterscheidet die Ortskundigen von den Unkundigen. Weiter durch die langgezogene Linkskurve in die nächste Siebzig Zone. Oh man, ich kann keine mehr sehen aber eine steht mir noch bevor. Und schon bin ich da, die letzte Siebzig Zone auf meinem morgendlichen Weg zur Arbeit. Mit einem unguten Gefühl gehe ich vom Gas. Richtige Entscheidung! Hinter einer Hauseinfahrt lauert die Ordnungsmacht auf Menschen, die zu schnell vorbei fahren. Bremsen!!!! Gerade noch frühzeitig erkannt; das Heck des Blitzautos lugte ein wenig hervor und noch rechtzeitig auf die zulässige Geschwindigkeit abgebremst und vorbei gerollt. Außer Sicht wird natürlich das Pedal wieder durchgetreten. Jetzt durch die Kleinstadt, wo ich meinem Arbeitgeber dienen darf. Aber ich muß noch an vier Ampeln vorbei. Drei Grüne Ampeln und eine Rote Ampel weiter, stehe ich an besagter Roter Ampel und warte und warte. Mensch das dauert, noch Zwei Minuten bis Ultimo. Endlich Grün, oh nein, den kompletten Gegenverkehr muß ich noch durchlassen. Eine Minute noch. Egal ich fahr jetzt. Irgendwie zwischen den Gegenverkehr gemogelt und drauf aufs Pedal. Die letzten 60 Sekunden laufen und es sind nur noch wenige Meter. Jetzt nur noch einmal abbiegen, geklappt - Scheiß auf Gegenverkehr. Jetzt über den Parkplatz heizen, parken, abschließen und schnellen Schrittes in Richtung der Eingangstür. Schnell den Türcode eingeben, und die Stempelkarte in den Schacht rammen und kommen drücken. Puh, geschafft. Eine Minute vor Sieben. Vor Sieben, warum denn Sieben Uhr??? Oh Nein. Oh Nein. Ich brauche einige Minuten, um zu begreifen, was hier passiert ist. Gibt’s nicht. Deswegen waren auch so wenig Autos unterwegs. Ich hasse die Sommerzeit.


© by Heiko Freitag

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14.07.99