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Warten am Bahnhof

Kurzgeschichte von Torsten Schulz

Es war früher Nachmittag. Ich stand im Imbiss am Bahnhof und holte das versäumte Mittagessen nach. Ich stand so, daß ich während des Essens beobachten konnte, wie die Leute den Bahnhof verließen oder dort ankamen, einen Fahrschein lösten und dann die Treppen zur U-Bahn hinuntergingen. Vor dem Bahnhof warteten die Leute auf den Bus. Dort stand auch eine Frau, die aber wohl nicht mit dem Bus fahren wollte. Sie schaute jedesmal, wenn eine Bahn kam, die Treppe hinunter, wartete offensichtlich auf jemanden. Sie war nicht allein. Sie schob eine Kinderkarre, an der ein kleiner Sonnenschirm befestigt war, hin und her. Darin saß ein ungefähr eineinhalbjähriges Kind mit einer weißen Mütze. Die Frau ging vor den Bahnhof, wenn gerade kein Zug kam. Sie schob die Karre vor und zurück, wechselte von einem Bein auf das andere, sah immer wieder in eine andere Richtung. Sie trug eine hellrote Jacke und einen weißen Spitzenrock. Ihre Beine waren nackt in flachen Schuhen, die farblich zur Jacke paßten. Sie hatte lange Beine, durch den weißen Spitzenrock konnte man es hin und wieder ahnen. Die schulterlangen Haare waren teilweise zu einem Pferdeschwanz gebunden. An ihren Ohren hingen weiße Bommel. Ihr Mund war etwas groß, aber sonst war sie eine schöne, schlanke Mutter, und ich war gespannt, wer der Glückliche war, auf den sie wartete. Es kamen einige Züge. Sie ging dann immer nahe an die Sperre und versuchte, von oben zu erkennen, ob unten der Erwartete bei denen war, die unten begannen, die Treppe hochzuhasten. Sie strengte ihre Augen an, vielleicht brauchte sie ein Brille. Sie ging wieder zurück zu der Karre, in der inzwischen auch das Kind angefangen hatte zu schreien. Sie nahm es auf den Arm, und das schien das junge Menschenkind zu beruhigen. Nun wanderte sie mit dem Kind auf dem Arm auf und ab und wartete. Ich bestellte mir noch eine Tasse Kaffee, weil ich nun wirklich wissen wollte, was das für einer war, der sie dort so lange warten ließ. Als ich meinen Kaffee schon ausgetrunken hatte, war immer noch niemand gekommen. Ich verließ den Imbiß und versuchte, in Sehweite zu bleiben, um zu sehen, ob die Sache nicht doch gut aus ginge. Sie setzte das Kind in die Karre und schaute ein letztes Mal, ob nicht derjenige käme, auf den sie wartet, und dann fuhr sie mit der Karre davon. Sie schob die Karre ziemlich schnell, und sie machte ein enttäuschtes Gesicht.

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24.05.99