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Schlafende Riesen

Kurzgeschichte von Heiko Freitag

Am 14 Juni dieses Jahres erschütterte ein "Erdbeben" die hiesige Gegend. Es war kein richtiges Erdbeben. Nur die Verwüstungen die es hinterließ, waren mit denen eines Erdbeben zu vergleichen. Zwei kleine Dörfer waren davon betroffen. Keiner konnte sich inmitten von Norddeutschland eine solche Katastrophe vorstellen. Völlig überraschend hatte sich in der Nacht die Erde geöffnet und zwei bewaldete Berge waren nicht mehr da. Nicht daß sie verschwunden waren, nein sie lagen flach und zerschlagen da, wo sie früher noch standen. Bäume waren hunderte von Metern geflogen und kein Wissenschaftler hatte dafür ein passende Erklärung. Mancher versuchte es mit tektonischen Bewegungen zu erklären, doch so recht glauben wollte ihnen niemand. Man hatte Recht wenn man sagte, diese Region war wie geschockt.
Prominente waren da und sprachen Opfern ihr Mitgefühl aus. In Wirklichkeit waren sie doch froh, daß sie hier nicht wohnten. Doch dieses Unglück brachte sie auch zum Nachdenken, wenn man nicht mal mehr in der norddeutschen Ebene sicher war vor Naturkatastrophen, wo dann?
Die Anzahl der Toten waren auch gering, in Anbetracht der Verwüstung. Die beiden Dörfer waren von den jetzt nicht mehr vorhandenen Hügeln eingerahmt. Sie lagen teilweise direkt am Berg, die Menschen die direkt am Berg gewohnt hatten, waren die ersten Toten gewesen. Menschliche Schicksale in Sekunden ausgelöscht. Deutschland schaute wie verzweifelt aus diese kleinen Dörfer. In der berühmten Richter Skala wurde anhand der Verwüstungen errechnet, daß das Beben eine Stärke von zum Teil über 10,5 hatte. Eine derartige Wucht war nicht einmal beim großen Erdbeben von 1908 gemessen. Los Angeles wäre damals fast im San Andreas Graben verschwunden. Nur bei diesem Unglück gab es eine kleine aber feine Ungereimtheit, die unter den Tisch gekehrt wurde. Es gab keine Messungen in den geologischen Instituten, die damit befaßt waren. Die Frühwarnungseinrichtungen hatten nicht angeschlagen und die Meßgeräte nichts aufgezeichnet. Eigentlich gab es dieses Erdbeben gar nicht. Daß wiederum sahen die Bewohner anders. Fernsehteams überfielen die Region wie Heuschrecken. Jeder Sender hatte sein Team vor Ort. Alle Reporter waren auf die Story ihres Lebens scharf, doch niemand hatte etwas gesehen oder gehört.
Niemand außer mir wußte was passiert war. Ich versuche es zu erzählen, begriffen habe ich es auch noch nicht und werde es wohl auch nicht können. Denn normale Maßstäbe konnte man hier nicht anwenden.
Ich versuche nichts zu vergessen, doch das Erinnern fällt schwer. Ich besuchte einen Freund, den ich schon länger nicht gesehen hatte. Ich hatte ganz gegen meine Gewohnheiten drei Bier getrunken und fühlte mich leicht angeschlagen. Doch das Auto fahren war kein Problem, ich war noch voll Herr meiner Sinne. Wir hatten lange und ausführlich über alles gesprochen, worüber man sich unterhält, wenn man sich lange nicht gesehen hatte.
Mit angemessener Geschwindigkeit fuhr ich den Weg nach Hause. Es waren knapp 30 Kilometer. Nachdem ich ungefähr ein gutes Drittel hinter mir hatte, erreichte ich die Ortsgrenze von Everloh.
Langsam ließ ich meinen Wagen auf die erlaubte Geschwindigkeit ausrollen. Ich fuhr über die grüne Ampel und näherte mich schon fast dem Ortsausgang. Kurz vor dem Ortsausgang befindet sich ein kleiner Tümpel, dies war auch der Ort, den ich mir ausgesucht hatte um schnell und unauffällig ein menschliches Bedürfnis zu erledigen, wäre ich doch bloß bei meinem Freund auf die Toilette gegangen. Ich fuhr den Wagen an den Straßenrand und schaute mich unauffällig um, wie ein Dieb in der Nacht. Doch keiner sah mich. Ich ging an Bäumen vorbei und näherte mich dem Ufer. Nachdem ich mein Geschäft erledigt hatte, blickte ich mich um. Es war eine sternklare Nacht, und die Sterne waren klar und deutlich zu erkennen.
Einer örtlichen Geschichte zu folge, war dieser Tümpel der Einschlag eines Hammers. Der Berg von Everloh, soll der Sage nach ein schlafender Riese sein. Der zerstörte Nachbarort Gehrden, lag auch an einem Berg, der der Sage nach ebenfalls ein schlafender Riese war. Diese beiden Riesen schmiedeten Waffen für die Götter. Dabei warfen sie sich von Zeit zu Zeit den schwersten Hammer zu, den Hammer teilten sich beide. Vor Urzeiten hatten die Zwerge für die beiden Riesen diesen sehr großen Hammer geschmiedet, also teilte die Beiden sich ihn von Zeit zu Zeit. Eines Tages nahm einer der Riesen den Hammer und wollte ihm dem anderen zu werfen.
Dieser Teich vor dem ich stand, sollte auf einen Fehlgriff eines Riesen zurück führen sein. Der eine Riese hatte vorbei gegriffen und der Hammer schlug in den Boden und hinterließ einen tiefen Teich. Über diesen Fehlgriff erregten sich die Beiden sehr. Sie stritten sich und kämpften. Es krachte und donnerte als die Riesen sich in der Mitte der Ortschaften trafen. Den Göttern, die den Lärm natürlich hörten, paßte dieser Streit nicht, sie bevorzugten es, wenn Frieden auf der Welt war. Also ließen sie die beiden Kontrahenten schlafen. Die Riesen wurden müde und beschlossen ihren Kampf nach dem Schlaf auszutragen. Sie legten sich in ihre Schmieden und wurden von der Zeit vergessen. Auf ihren Schmieden wuchsen Bäume und nach fünfhundert Jahren war nichts mehr vorhanden was auf sie irgendwie hinwies. Die Berge oder viel mehr diese Hügel waren entstanden. Heute, knapp dreitausend Jahre später, stand ich am Ort des Geschehens.
Ich bemerkte einen leuchtenden Schimmer im Wasser. Fasziniert davon näherte ich mich und blickt in den Teich. In der Mitte schimmerte es grünlich oder bläulich. Jedenfalls unheimlich und interessant zugleich. Es war außerhalb meiner Reichweite, aber ich war versessen mehr zu erfahren. Ich ging zum Auto und kam mit einer Taschenlampe zurück. Ich leuchtete in die Nacht, doch konnte nichts erkennen. Ich brach einen langen Zweig ab und versucht in die Nähe des Schimmern zu kommen und erreichte nichts. Nur langsam erkannte ich, daß ich nichts ausrichten konnte und beschloß von dannen zu ziehen. Ich zündete mir eine Zigarette an, und kickte aus Wut über meinen Mißerfolg eine Konservendose in den Teich. Sie versank in Richtung des Lichtes und war dann verschwunden. Ich rauchte die Zigarette zu ende und trat sie mit meinen Schuhen aus. Als ich mich umdrehte um in Richtung meines Wagens zu gehen, da hörte ich einen dumpfes metallisches Geräusch. Es klang als wenn Metall auf einen Amboß schlagen würde. Ich drehte mich um und es haute mich von den Beinen.
Ich setzte mich dort, wo ich eben noch gestanden hatte, hin und starrte mit offenem Mund vor mich hin. Über dem Wasser schwebte der größte Hammer, den ich jemals gesehen hatte. Seine Größe konnte man am Besten mit einem Sarg vergleichen. Der Hammer schwebte in der Luft.
Dies war der Anfang vom Untergang.
Ich spürte wie der Boden unter mir erzitterte. Dann hörte ich ein Krachen und ein Bersten. Der Berg erhob sich. Ich rieb meine Augen, doch es blieb dabei. Der Berg erhob sich. Ich sah wie Bäume wegflogen, große Steine fielen zu Boden. Ein großes Wesen erhob sich, es sah aus, als würde er die Decke aus Boden, Steinen und Bäumen einfach abstreifen. Dann richtete sich zu voller Größe auf, reckte sich und schrie einen tausende Jahre alten Ruf aus. Meine Trommelfelle blockierten sofort den Ton, es war zu laut. Ich schrie vor Schmerz und hielt mir die Ohren zu. Der Hammer rotierte nun um seine eigene Achse. Ich war nicht fähig mich zu bewegen, mein Verstand schrie vor Angst, doch meine Beine weigerten sich, sich zu bewegen. Ich bliebt steif und starr stehen. Der Riese ging nun von seinem Standpunkt auf dem Berg auf mich zu. Mit seinen Schritten zertrümmerte er Häuser, Autos, Straßen alles zerbrach unter der Kraft und Wucht seiner Schritte. Es war ein Riese. Ein Riese. Wie aus einem Märchen.
Ich kann nur ungefähr schätzen wie groß er war, meiner Meinung nach war er um die dreißig Meter hoch. Eine Schneise der totalen Zerstörung hinter sich her ziehend näherte sich der Riese. Kurz vor dem Teich blieb er stehen.
Ich sah zu ihm hinauf und versuchte Gesichtszüge zu erkennen. Doch ich blickte in eine starre Maske, die wie gebannt in Richtung Gehrden starrte. Ich folgte seinem Blick und erschrak wieder. Ein weiterer Riese näherte sich aus Richtung Gehrden. Dieser zog ebenso eine Schneise der Verwüstung hinter sich her. Das einzige Hochhaus in Gehrden - das Krankenhaus - fehlte einfach. Man konnte es nicht mehr sehen. Auch der Berg war nicht mehr da. Was mir wirklich Todesangst einjagte, war die Tatsache, daß dieser zweite Riese sich auch in meine Richtung bewegte. Kurz bevor er mich erreichte blieb er stehen und blickte er den anderen Riesen an. Beide blickten einander an. Dann blickten sie auf mich oder den Hammer, dies konnte ich nicht so genau beurteilen. Ich war noch froh, daß ich am Leben war. Dann unterhielten sie sich in einer Sprache die ich nicht verstanden hatte. Als Folge des Gesprächs bückte sich der Gehrdener Riese, um dem Hammer aufzuheben. Der andere Riese war offensichtlich anderer Meinung. Er griff auch nach dem Hammer. Der Hammer rotierte immer noch. Unter dem Hammer war ein Loch im Teich, ja ein Loch. Das Wasser fehlte einfach an der Stelle, wo der Hammer über dem Wasser schwebte. Es ging offensichtlich bis auf den Grund. Langsam und unauffällig versuchte ich mich davon zu stehlen. Doch der Hammer zeigte nun auf mich. Dies war der Moment als die Riesen auf mich aufmerksam wurden. Beide bückten sich und auf einmal war mein Gesicht von zwei Riesenköpfen umgeben, die mich anstarrten. Sie unterhielten sich wieder in der mir unbekannten Sprache. Dann schrie mich einer der Riesen an. Ich hielt mir die Ohren zu, und steckte mir meine Zeigefinger tief in die Ohren. Nach kurzer Zeit unterhielten sich die Riesen wieder miteinander. Nach kurzem Gespräch fing der Streit wieder an. Einer der Beiden hob den anderen hoch und schleuderte ihn gute einhundert Meter weit. Der Einschlag des Riesen auf den Boden riß mich von den Füßen. Der Riese ließ sich das nicht gefallen und stürzte sich auf den anderen.
Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen zwischen den Füßen zweier kämpfender Riesen hin und her geschleudert zu werden. Der Kampf war für die Dörfer der Untergang. Als einer der beiden zu Boden stürzte, da begrub er das örtliche Asylantenheim unter sich. Ein anderer zertrat ein sehr exquisites italienisches Feinschmecker - Restaurant unter sich. Auf dem Friedhof war alles ebenerdig, der Fußballplatz war zu keiner Sportart mehr zu gebrauchen, eventuell wäre er noch für Motorcross geeignet. Es war die totale Verwüstung. Die Dörfer waren größtenteils zerstört.
Mein Auto war bis jetzt verschont worden, ich ordnete meine wild umher rasenden Gedanken und beschloß zu fliehen. Ich schlich mich vorsichtig in Richtung meines Autos davon. Ich konnte von meinem Standpunkt aus sehen, wie sich die Beiden zwischen den Ortschaften auf dem freien Felde prügelten. Alles was vorher war, war hinterher nicht mehr vorhanden. Ein Traktor verschwand im Boden als ein Riese auf ihn trat. Es war ein Höllenlärm, ich zitterte und erschrak vor den enormen Kräften der Beiden. Es war eine ungefesselte Urgewalt die auf das zwanzigsten Jahrhundert prallte.
Ich rannte zu meinem Auto und fuhr über den Bürgersteig aus dem Ort hinaus. Am Ortsausgang blickte ich mich um. Die Uhr in meinem Auto zeigte drei Uhr morgens, meine Armbanduhr zeigte zwanzig Minuten nach Mitternacht an. Offensichtlich war ich vorher tatsächlich in einer Zeitblase gewesen. Kaum zu glauben, aber nach den Riesen, konnte ich hierüber nur müde lächeln. Ich blickte zwischen den beiden Orten hin und her. Die Zerstörung war immens. Ich finde keine Worte die Szenen zu beschreiben, aber jeder kann sich ausmalen was passiert, wenn ein knapp dreißig Meter hoher, zorniger Riese anstellen kann.
Ich fand im Kofferraum meines Autos ein altes Fernglas wieder. Es war nur ein kleiner Feldstecher, doch ich war mutig ihn zu benutzen. Ich konnte sehen was geschah. Hätte ich doch nur ein Foto machen können, oder hätte ich meine Videokamera dabei gehabt. Doch so sahen nur meine Augen, was sich dort abspielte. Ich versuche es zu schildern, aber es ist noch verrückter als das vorangegangene. Über den Köpfen der beiden Riesen hatte sich der Himmel bewölkt und er leuchtete. Es war, als wären hinter den Wolken so große Halogenscheinwerfer angebracht, daß die Wolken von ID4 wie eine laue Herbstbrise aussahen. Durch die Wolken fiel Tageslicht, erst wenig, dann mehr und dann war der Ausschnitt so groß, daß er die beiden Riesen umkreiste. Es ertönte eine Stimme die voller Donner und Macht war. Es wurde um die Riesen herum Tag. Hellichter Tag. Es war immer noch Nacht, doch nicht da. Die Stimme hallte von jedem Gegenstand nieder. Das Echo war phantastisch, nur leider verstand ich auch nicht was geschah. Es wurde nur immer heller und heller. Gleißendes Licht, zuckende Blitze und ein Geräusch wuchs und wuchs stetig an. Ich kann es nicht erklären, es klang als wäre eine Steinlawine unterwegs. Große klackende und klatschende Geräusche erfüllten die Luft. Ich stieg in mein Auto und floh über den Bürgersteig auf die Reste der Straße und als ich Gas geben konnte, da trat ich so doll zu, daß ich glaubte ich würde das Pedal abtreten. Im Rückspiegel konnte ich erkennen, wie die beiden Riesen zerfielen.
Ich fuhr und fuhr wie der Wind bei einem Orkan . Auf Verkehrsregeln pfiff ich, ich raste wie ein Verrückter die Straße lang. Bis ich zu Hause war, überfuhr ich jede rote Ampel und jedes Stoppschild.
Kaum in der Wohnung angekommen, war ich nicht in der Lage meine Gedanken unter Kontrolle zu bekommen. Ich rannte in der Wohnung hin und her und versuchte mich zu beruhigen. Nach ein paar kräftigen Drinks verstummten die Schreie in meinem Kopf. Meine Freundin schlief tief und fest. Sollte ich ihr das erzählen, was mir soeben widerfahren war? Würde sie mir glauben? Würde ich mir glauben? Ich denke mal nicht. Ich glaube es ja jetzt noch nicht einmal.
An Schlaf war nicht zu denken, ich war aufgewühlt, verängstigt, überrascht und verwirrt zu gleich. Mehrere Bücher über Mythen und Sagen befanden sich in meinem Besitz. Ich beschloß mich sofort mit dieser Sache, diesem - sollte man sagen - Wunder zu beschäftigen. In einem alten Buch über germanische Mythologien glaubte ich zu erkennen, was dort vorgefallen war. Es waren keine Riesen sondern Bergtrolle gewesen. Sie galten vor den Zwergen als Schmiede der Götter. Doch die Beiden von vorhin waren nicht in dem Buch. Nirgends, in keinem Buch und auch nicht im Internet wurde ich fündig. Es war geschehen, doch ich konnte es nicht erklären. Es war früher Morgen als die Feuerwehrsirenen ansprangen und den Ort wachrüttelten. Es schien sich um ein sehr schlimmes Unglück zu handeln, die Sirene hörte gar nicht mehr auf zu heulen. Meine Freundin bekam von diesem Lärm wieder mal nichts mit.
Ich blieb wach und verfolgte dann die ersten Nachrichten über das "Erdbeben"; für das es keine wissenschaftliche Erklärung gab.


© by Heiko Freitag

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04.07.99