Kurzgeschichten    Gedichte    Krimis    Fantasy    Kinder    Buchtips

www.Kongolo.de

Dein Buch im Internet

_________________________________________________________________________

Polly

Kurzgeschichte von Heiko Freitag

Polly war ein normales Mädchen, doch was bedeutet heute schon normal? Sie zog niemals blaugelb gestreifte Kleider an - aber wer tut das schon - sie war ein Mädchen, daß mit beiden Beinen fest auf den Boden stand. Sie war jetzt vierzehn ein halb Jahre alt und die Tochter des Müllers von Grumbach. Einem hart arbeitenden Mann, der sich trotz seiner schweren Arbeit den Humor nicht verderben ließ. Auch seine Frau, die bei der Geburt von Polly am Kindbettfieber gestorben war, war Zeit ihres Lebens eine humorvolle Frau gewesen. Dieses war bestimmt die Tatsache, warum Polly ein Lächeln hatte, welches den härtesten Stein zum Lächeln bringen konnte. Dieses herzerfrischende Lachen war es auch, welches den Müller dazu brachte, fast all ihre Streiche gleich wieder zu verzeihen. Obwohl er sich jedesmal vornahm, sie zu bestrafen. Aber wer konnte einem vierzehn - ein halb - Jahre alten Mädchen schon böse sein, wenn sie ihre Augen aufschlug und die Unterlippe nach vorn schob? Ach, hier ist noch etwas, was ich bisher vergaß. Ihre Haare. Sie hatte eine Haarfarbe, die an intensives Bronze erinnern ließ, sie trug ihre langen Haare meistens zu einem Zopf und wehe dem Jungen, der es wagte daran zu ziehen.

Da sie manchmal in der Mühle aushelfen mußte, war sie auch für ihr Alter kräftig.

Kräftig genug, um es mit jedem Junge im Dorf aufzunehmen. Schon manches freches Wort eines unvorsichtigen Jungen hatte sie mit einer Backpfeife zum Verstummen gebracht. Sie ließ keine Balgerei aus, obwohl sie eigentlich niemals anfing, war sie durchaus in der Lage sich zu wehren. Meistens zum Leidwesen der anderen Beteiligten.

Eines schönen Tages, da brach das Schicksal über den neu zugezogenen Nachbarjungen ein. Er war wohl so knapp 5 Jahre alt. Armes Kind, ob er wohl wußte, was er tat, als er sie mit "Feuerteufel" ansprach? Ihr Blick war ihm wohl nicht aufgefallen, sonst hätte er nicht um sie herum getanzt und immer wieder "Feuerteufel" geschrien. Die anderen Kinder des Dorfes, die aufgrund des Geschreis aufmerksam geworden waren, gingen schon einmal - rein vorsorglich - in Deckung.

Nichtsdestotrotz beobachten sie aus sicherer Entfernung, wie sich dieses Situation entwickeln würde, und ob man sich auf die Suche nach Körperteilen des Jungen machen konnte.

Der kleine Junge kam nur noch bis zum "Feu......." dann machte es laut Klatsch und dann "Buhäääh". Der Junge hockte entsetzt am Boden und schluchzte laut. Zwischen den Tränen rief er immer "Cord, Cord, sie hat mich gehauen." Erbsen große Tränen rannten seine Wangen herunter. Also, daß Mädchen doof waren, das wußte er, doch daß sie jetzt auch noch zurückschlugen, daß war wirklich gemein.

Er tat sich selber sehr leid und schniefte laut. Also, rothaarige Mädchen schlagen zurück, er beschloß dieses nie wieder zu vergessen. "COOORD, wo bist du denn?"

Dann kam ein Junge angelaufen, der wohl Cord war. Er war ungefähr in Polly ´s Alter und hatte blonde Haare. Er sah seinen Bruder umringt von anderen Kindern, und der weinte wie ein Schloßhund (...also ich habe noch nie einen Hund gesehen, der in einem Schloß hauste, aber wenn ihr mal einen seht, dann vergeßt nicht mit Bescheid zu geben).

Mühsam brachte sein kleiner Bruder unter Tränen das Wort "Verhauen" über die Lippen und schluchzte dann weiter. Cord schaute fragend in die Menge und dann fragte er, wer seinen Bruder verhauen hatte. Ein mutiges Kind zeigte kurz auf Polly und ließ dann seinen Finger wieder hinter dem Rücken verschwinden. Polly stand ganz unschuldig da und schaute Cord an. Der lachte und sagte "Ihr Feiglinge, kommt sagt schon wer war daß? Ich ramme denjenigen unangespitzt in den Boden." Doch die Kinder schauten alle nur Polly an und sagten nichts. Sein Bruder hockte noch auf den Boden und schluchzte vor sich hin. Insgeheim freute er sich, daß er so im Mittelpunkt stand. Cord blickte Polly an und lachte "Dieses Püpchen soll meinen Bruder verhauen haben?" (sein erster Fehler) "Ha..." - weiter kam er nicht, weil auch er in den Genuß einer Ohrfeige von Polly gekommen war. Die Kinder gingen sofort wieder in Deckung. "Das machst Du aber nicht noch mal (sein zweiter Fehler), sonst... " Klatsch - die zweite Ohrfeige. Jetzt war Cord erst einmal sprachlos und schaute sich nach den anderen Kindern um. Er sah den Schrecken auf ihren Gesichtern und das Entsetzen auf dem Gesicht seines Bruders. Er sah Polly an und sah das Feuer in ihren Augen und rieb sich die Wange. "Na gut, ich gebe mich geschlagen, vorerst", sagte er und lächelte dabei. Sein Bruder schaute ihn fragend an. Cord zog ihn hoch und sagte "Peter, was hast du wieder angestellt, ich habe dir doch gesagt, du sollst nicht immer Streit anfangen". Er zog seinen kleinen Bruder am Kragen hoch und schliff ihn hinter sich her. Peter schaute ernst und als er merkte, daß Cord es wirklich ernst meinte, da fing er wieder an zu schluchzten. Kurz bevor sie um die nächste Ecke verschwanden, da schaute Cord sich um, lächelte und winkte Polly kurz. Dann drehte er sich zu seinem Bruder um und stellte ihn wieder auf die Beine.

Polly hatte nichts gesagt, doch Cord gefiel ihr irgendwie. Das hatte noch nie einer gemacht, Nachschlag verlangt und dann noch gelacht. Komisch dachte sie, ob mit mir noch alles in Ordnung ist? Als sie dann dem nächsten Kind, welches ihr anerkennend auf die Schulter klopfte, kurz in die Rippen knuffte und dann die Tränen im Auge des Kindes sah, da wußte sie, daß noch alles seine Richtigkeit hatte.


© by Heiko Freitag

____________________________________________________________________________________

nach oben                        Autorenprofil                     nächste Geschichte

04.07.99