Matthias und Gülsüm - Ein ganz normales Liebespaar 1. Das Totengebet Ich war am Boden zerstört: Tieftraurig blickte ich auf das offene Grab und konnte den Schmerz einfach nicht begreifen. Der Iman sprach das Totengebet ganz nach alevitischer Tradition und alle Verwandten von Gülsüm und auch meine Eltern und Geschwister hatten sich nun um das offene Grab versammelt. Nur meine kleine Yasemin war nicht dabei gewesen, Birgit, eine alte Schulkameradin und Freundin von mir hütete sie. „Gülsüm, wieso hattest du uns und mich verlassen,“....immer wieder stellte ich mir die gleiche Frage und bekam dann doch keine Antwort. Es war der härteste Tag meines Lebens....was war passiert: Nun Gülsüm hatte sich auch ausgerechnet an diesem naßkalten Novembermorgen mit ihrer Harley- Davidson auf die Straße begeben. Draußen war es noch überall stockdunkel, aber irgendwie mußte sie ja nun zur Arbeit kommen, über die alte huckelige Landstraße. Dabei wollte ich sie nun mit dem Auto hinfahren....jetzt bei dem gefährlichen Aqua-Planing. Doch sie wollte einfach nicht hören. „Todesmutig“ schwang sie sich auf die Harley und düste in die Dunkelheit. 1 Stunde später klingelte plötzlich bei mir das Telefon. Mit einem komischen Gefühl im Bauch näherte ich mich langsam dem Telefon, das nun unaufhaltsam klingelte. Irgendwie machte es mir Angst – dieses Klingeln wollte gar nicht aufhören zu klingen....es wollte mir unbedingt diese traurige Nachricht überreichen, die schlagartig mein Leben ändern würde. Schlagartig würde das zerstört werden, wofür ich monatelang gekämpft hatte....für eine Liebe, eine ganz besondere Liebe....einer Liebesbeziehung zwischen einem Christen und einer Muslimin. Einer Liebesbeziehung zwischen 2 Kulturkreisen, die von Anfang an nicht von jedem gern gesehen worden war. Nun nahm ich doch das Telefon ab....ich mußte mich der Wahrheit stellen. Am anderen Ende meldete sich eine etwas monotone Stimme mit den Worten: „Herr Matthias Heinrichs. Das sind Sie doch oder nicht ? Sind sie nicht der Ehemann von einer Frau Gülsüm Heinrichs geborene Yildirim ?“ Wie in Trance erwiderte ich mit einem monotonen Ja. „ Ich muß Ihnen eine traurige Nachricht mitteilen,“ nun hob sich seine Stimme ein wenig und er fuhr fort: „ Ihre Frau ist vorhin hier schwerverletzt ins St. Anna-Hospital eingeliefert worden. Doch wir konnten nichts mehr tun. Sie ist vor 5 Minuten an den schweren inneren und äußeren Verletzungen verstorben. Wir haben Sie draußen auf der Emser Landstraße vor einem Baum aufgegabelt. Sie muß mit Vollkaracho vor einen Baum geschleudert worden sein. Es tut mir sehr leid Ihnen dieses mitteilen zu müssen.“ Dieser Augenblick sollte mein Leben prägen...alles war nun verloren, wofür ich die letzten 2 Jahre gekämpft hatte. Mein Leben machte keinen Sinn mehr und nun wieder kehrten meine Gedanken zurück an das Grab, wo Gülsüms Leichnam, in ein Tuch gehüllt, in die Erde gelassen wurde – der Iman sprach dazu immer noch das Totengebet aus dem Koran auf Türkisch. Es waren insgesamt ca. 40 Leute, die sich um das Grab versammelt hatten. Erkan Yildirim, mein Schwiegervater, war ein alter Mann geworden und seine Frau Nuray stand dabei. Er hatte auf einen Schlag seinen ganzen Stolz verloren, seine kleine Gülsüm. Er hatte sie als einziges Mädchen immer verwöhnt und hatte ihr immer genauso viele Rechte eingeräumt, wie deutsche Mädchen sie auch hatten, auch wenn er damit manchmal bei strenggläubigen Arbeitskollegen aneckte. Er wollte, das Gülsüm es besser haben sollte als er damals. Er, der vor 30 Jahren seine Heimat verließ, raus aus dem strengen Elternhaus ins liberale Deutschland. Hier hatte er Nuray kennengelernt und hatte sie erst gegen den Willen seines strengen Vaters geheiratet. Sein Vater hatte eigentlich vorgesehen, das er als Vater seinem Sohn die passende Braut aussucht. Irgendwann dann hatten die Eltern es dann doch akzeptiert das ihr Sohn, die aus liberalem Elternhause stammende Istanbulerin Nuray heiratete. Erkan wollte das seine eigene Tochter glücklich würde, mit dem Mann den sie wirklich liebte, egal ob dieser nun Kurde, Türke, Aramäer oder Deutscher war. Erkan arbeitete auf einem Schlachthof mit vielen Nationalitäten zusammen, vor allen Dingen natürlich mit Türken. Viele von ihnen waren in Punkto Glauben sehr religiös und strenggläubig und hatten ganz andere Ansichten in Bezug auf Frauen, Erziehung und Glauben als Erkan. Erkan war Alevit, ein westlichorientierter Türke, der den Gebotskanon des Koran in großen Teilen nicht ausübte wie z.B. das 5 malige Beten am Tag oder das Fasten im Fastenmonat Ramaddan. Lediglich einmal pro Woche ging er zusammen mit seiner Frau in das Versammlungshaus des alevitischen Kulturverein, wo er im Kreise der Aleviten betete und mit ihnen Gottesdienst abhielt. 2. Die Krankenschwester mit den schwarzen Locken Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern: Es war an einem Frühlingstag vor über 2 Jahren gewesen, und ich mußte wie etwa jeder zweite deutsche Mann meinen Zivildienst ableisten. Nun, meine Verweigerung hatte ich gut hinter mich gebracht und wurde schließlich einen Monat vor dem Antreten meiner Zivildienststelle als „Kriegsdienstverweigerer“ anerkannt. Zwar hatte ich an jenem Aprilmorgen nicht auf dem Kasernenhof zu erscheinen, aber wenn ich daran dachte im Sankt-Anna-Hospital anfangen zu müssen, um den Urinkellner zu spielen, war mir gar nicht nach Aufstehen zu Mute. 13 lange Monate Urinkellner und AOK-Schopper-Fahrer zu spielen, darin würden meine Aufgaben bestehen. Naja, mit etwas miesepetrigen Gesicht ging ich also dem Tag entgegen. Das Sankt-Anna-Hospital wirkte von außen etwas unfreundlich und wenig einladend. Nein, die großen Fenster und die nicht gestrichene Außenfassade machte dieses Krankenhaus zu einen unbeseelten und kalten Ort, wo man seine Krankheiten nicht in Ruhe auskurieren konnte, sondern froh war dieses Krankenhaus hinter sich zu lassen, ob nun tot oder lebendig. Als ich das Gebäude betrat, wurde ich allerdings eines Besseren belehrt. Nicht, das ich noch nie in diesem großen, häßlichen Kasten gewesen war, doch klar, schließlich hatte ich mich hier beworben, allerdings ohne auf die Optik des Krankenhauses zu achten. Ich mußte ja schließlich innerhalb einer Frist von 6 Wochen eine Zivildienststelle suchen, nun ja und ich war bei der Auswahl nicht gerade sehr erfinderisch und nahm das an, was sich anbot. Nachdem ich mich bei der Pflegedienstleitung vorgestellt hatte, führte man mich auf die Station 9, einer Station für Krebskranke. Hier sollte ich anfangen. Diese Station wirkte auch gar nicht so abweisend und die Kranken, die hier lagen merkte es man nicht an, das sie vielleicht in ein paar Tagen ein paar Etagen tiefer lagen. Man stellte mir das Team auf dieser Station vor: Da waren in der Frühschicht gerade Anke, Stefan, Marlene, Henrike und die junge Stationsärztin Dr. Bielefeld. Ich kam mir ein wenig schüchtern vor und es fiel mir plötzlich schwer ein Wort rauszubringen. Aber so war ich manchmal, ein wenig zurückhaltend. Es war auch das neue Unbekannte, wo ich nicht wußte, was mich hier erwartete. Vielleicht würde ich auch schönes erleben, ja aber mit Sicherheit würde ich Schönes erleben. Plötzlich dachte ich mir, wäre es ja doch nicht so schlecht hier meinen Zivildienst anzufangen, denn wie schon erwähnt machte die Station, aber auch das Personal einen freundlichen einladenden Eindruck auf mich, ganz anders als die Optik des Krankenhauses. Marlene und Henrike waren schon so um die 40 – Frauen, die schon lange eine Familie gegründet hatten und deren Kinder nun dabei waren die Grundschule zu verlassen. Marlene war etwas forscher und hatte auch kein Problem damit unverschämten Krankenhausbesuchern die Meinung zu geigen, aber nicht nur das auch die Pflegedienstleitung hatte doch recht viel Respekt vor ihr – sie war halt eine Frau, die sich nicht von der Pflegedienstleitung und anderen des Hauses herum kommandieren ließ. Henrike dagegen war eher die Liebe, die oft die Arbeit für die Anderen tat, ohne sich dabei ausgenutzt zu fühlen. Anke und Stefan waren ein paar Jahre älter als ich und hatten vor nicht allzu langer Zeit ihr Exam hinter sich gebracht. Anke und Stefan waren eigentlich Personen, die man nicht groß beschreiben konnte.....sie hatten beide nichts markantes in ihrer Art, was sie von anderen auszeichnete. Aber mit allen verstand ich mich wirklich gut, so war das mein Gefühl. Vielleicht, so dachte ich mir, könnte ich mich auch ein wenig mit Anke und Stefan privat anfreunden, auch wenn sie vielleicht auf den ersten Blick etwas langweilig und schon zu „normal“ waren. Aber je länger ich mit ihnen meine Arbeitszeit verbrachte, desto interessanter wurden sie, auch wenn immer noch keine markanten Charaktereigenschaften zum Ausdruck kamen......es waren eben keine extremen Menschen und das war ja auch etwas, was man durchaus schätzen konnte. Nun neigte sich mein erster Arbeitstag dem Ende zu und man hatte mir fast alles schon gezeigt, was ich wissen sollte, aber natürlich doch wieder sofort vergaß (in der Beziehung hatte ich halt ein Gedächtnis von 12 bis mittags). Nun sollte wohl die Spätschicht kommen, auf die ich auch schon sehr gespannt war, denn ich würde auch mit den Leuten, die an diesem Tag die Spätschicht hatten, Dienst haben. Es war 13.27 Uhr und der Schichtwechsel kam immer näher, wer mochten wohl die Leute sein, die jetzt Spätschicht hatten. Und dann um genau 13.28 Uhr und 22 Sekunden kam die 3 Schwestern, die heute Spätschicht hatten, hereingeschneit und fast alle auf einmal: Schwester Ursula, Schwester Hedwig - mir stockte fast der Atem – und ein Mädchen, kaum älter als ich mit schwarzen Locken, einem süßen Gesicht und einer Bombe von Figur. Sie machte einen sehr südländischen Eindruck.....doch wie mochte sie heißen....sie hatte ihr Namensschild noch nicht an den weißen Kittel befestigt. Doch dann holte sie ihr Namensschild aus der Tasche des Kittels und machte es an ihrer Brust fest: GÜLSÜM YILDIRIM. Sie guckte mich ganz erstaunt mit ihren wunderschönen braunen Rehaugen an und schien wie ich auch sprachlos zu sein. Und wußte nicht was ich hervorbringen sollte außer ein schüchternes Hallo und ohne groß nachzudenken, flüchtete ich auch aus dem Raum Richtung Umkleide. Das Herz fing an wie wild zu pochen......Oh mein Gott, ich war verliebt. Wieso ausgerechnet jetzt ?? 3. Eine hoffnungslose Liebe ??? Ich mußte jetzt erst einmal ganz ruhig werden, um meine Gedanken klar ordnen zu können. Es hatte mich nun wirklich erwischt und nun wo ich nach Hause fuhr, begann meine Sehnsucht diese Gülsüm wiederzusehen. Ich dachte mir, das war doch eigentlich alles kein Problem. Vielleicht wäre es sogar möglich mit dieser Gülsüm eine Beziehung anzufangen. Aber ich glaube da dachte ich an jener Stelle schon zu weit. Erst einmal mußte ich mir folgender Situation klar werden: Gülsüm, das war ein türkischer Name, da gab es gar keinen Zweifel.......eine Türkin, oha !!!!!! Nein, ich war wirklich der Letzte der Ausländer feindlich war, ich kam wirklich mit Italienern, Polen und Spaniern gut zu recht, aber der Umgang mit Türken war schwierig....schon wegen ihrer Religion. Ich erinnerte mich nämlich an die Schulzeit zurück....da war auch eine Türkin namens Fatma in meiner Klasse, wir waren damals vielleicht 16, 17.....Es war nach den Sommerferien gewesen: Fatma war ein irgendwie immer aufgeschlossenes und aufgewecktes Mädchen, aber jeder von uns wußte, daß sie zu Hause sehr kurz gehalten wurde. Außerhalb der Schule hatte kaum einer mit ihr Kontakt und auf Klassenfahrten und Parties durfte sie nur im Ausnahmefall. Sie kam an diesen Morgen nach den Schulferien weinend in die Klasse. Als sie dann mit ihren Sorgen in der Schulpause herausrückte hieß es, sie sei in diesem Sommer in der Türkei verheiratet worden. Nun würde ihr Angetrauter bald nachkommen. Da stockte mir der Atem. Obwohl ich natürlich auch wußte, das es den meisten türkischen Mädchen nicht so ergehen würde wie Fatma, so war mir doch klar, daß es auch heute nicht überall selbstverständlich ist, daß sich türkische Mädchen ihren Ehemann selber suchen. Ich kam nach Hause, wo schon meine Mutter mit dem Essen wartete. Ja meine Mutter wartete mit dem Essen. Das tat sie immer, so nach alter Herrensitte, wie sie es die vergangenen 20 Jahre auch immer getan hatte. Irgendwie hatte ich mich immer etwas unterdrückt gefühlt – schon, daß sie auf mich wartete, damit ich und sie gemeinsam Essen konnten, war für mich ein Art Greuel. Andere in meinem Alter hatten schon eine eigene Wohnung und eine feste Freundin...ich dagegen hatte gerade mal mit Ach und Krach meinen Führerschein bestanden und Flirts waren die Einzige Erfahrung, die ich bis jetzt mit Mädchen hatte. Aber das meine Mutter mit dem Essen auf mich wartete hatte auch einen guten Grund, denn meine Mutter konnte schlecht alleine sein, sie war seit 7 Jahren geschieden und hatte sonst keinen außer mir, der mit ihr zusammenlebte. Meine beiden großen Schwestern Sabrina und Merle waren seit 4 Jahren aus dem Haus. Merle, die Älteste von uns, hatte den Beruf der Lebenskünstlerin gewählt – erst sich hier und dort durchgebissen und sich anschließend mit einem Tattoo-Shop selbständig gemacht. Sabrina dagegen hatte eine richtige Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert und war deswegen auch einige Jahre im Ausland, hatte sogar mal 2 Jahre als Stewardess gearbeitet. Mam war eigentlich nicht so spießig und hatte Sabrina, wie Merle gewähren lassen, doch seitdem mein Vater bei uns ausgezogen war, hatte sie in manchen Dingen etwas komische Ansichten. Auch bei mir, denn während meine Schwestern vor 4 Jahren ausgezogen waren, klammerte sie sich nun besonders an mich. Ich mußte ihr oft zuhören, viel mit im Haushalt helfen, so daß nicht viel Zeit für mein Privatleben blieb. Da sie mich oft von ihren Sorgen erzählte, wollte sie auch gerne immer alles von mir erfahren, so wie an diesem Mittag auch mal wieder. „Na Jürgen, wie war es denn so im Krankenhaus heute ?? Hast du dort nette Kollegen ?“ wollte sie wissen. Mit einem „Ja doch, es war nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte,“ versuchte ich das Gespräch mit ihr möglichst kurz zu halten. Na ja so ganz einfach war das natürlich nicht, aber irgendwie schaffte ich es durch eine gewisse Einsilbigkeit mich auf das Nötigste zu beschränken. Auf gar keinen Fall wollte ich ihr von Gülsüm erzählen, aber wie sollte ich auch, außer einem netten Lächeln, hatte ich mit ihr ja noch nicht kommuniziert. Dann fiel mir etwas auf....da lag die Zeitschrift Stern auf dem Küchentisch, aufgeschlagen. Was war den das für ein Artikel ? fragte ich mich. Er handelte über Ausländer in Deutschland – über so genannte Vorzeigetürken, wie es in der Überschrift hieß. Meine Augen flohen flüchtig über die Zeilen, wo was von Cem Özdemir, Fikriye Selen oder auch Mehmet Scholl die Rede war. Der Artikel handelte über Ausländer, die sich in Deutschland integriert und was erreicht hatten. Meine Mutter las solche Artikel ,? fragte ich mich, oder hatte sie nur zufällig diese Seiten aufgeschlagen. Na ja, wie auch immer, jedenfalls handelte der Artikel von Personen, bei denen die Integration wunderbar geklappt hatte. Aber wie sah es mit der Liebe aus, würden diese integrierten Menschen mal einen Deutschen oder eine Deutsche heiraten oder blieben sie unter sich, wenn es um die Partnerwahl ging ? Gedanken um Gedanken kamen mir auf, aber was sollte das ? Ich müßte Gülsüm erst einmal kennenlernen und vielleicht würde sich dann bald automatisch was ergeben. Ich grübelte noch den ganzen restlichen Abend über Gülsüm und lief eigentlich den gesamten Nachmittag und Abend nur nervös in der Wohnung hin und her, griff mal zu Fernbedienung des Fernsehers, zappte durch die Programme und blätterte gedankenlos in irgendwelchen Frauen und Astrozeitschriften meiner Mutter. Auch in der Nacht konnte ich schlecht schlafen, denn erst gegen Morgen, wo es Zeit wurde aufzustehen, schlief ich tief und fest. Das ging so die ganze restliche Woche, mehr oder weniger und auch meine Mutter fragte sich natürlich, was mir so durch den Kopf spukte. Doch dann passierte etwas, was mich endlich ein wenig näher an Gülsüm heran bringen sollte. 4. Die Kette mit dem Schwert Es passierte am Freitag Mittag und wir waren gerade dabei die Schicht zu wechseln, d.h. ich hörte gerade mit meiner Schicht auf und Gülsüm fing nun mit ihrer Schicht an. Man sagte sich, Hallo und war dann auch schon fast verschwunden. Dann war ich auf dem Weg zur Umkleide, die im Keller lag, wobei sich die Frauenumkleide neben der Männerumkleide befand. Ich mußte erst an der Frauenumkleide vorbeigehen, ehe ich die Tür der Männerumkleide erreichte, doch was entdeckten dort meine Augen vor mir auf dem Fußboden liegen: Es war eine Kette. Jemand hatte eine Kette verloren, doch das war noch nicht alles, denn an dieser Kette war ein Krummschwert befestigt, das von kleinen Sternen umrandet war. Ich hob die Kette auf und betrachtete sie nun im Licht der Neonröhre. Dann betrachtete ich noch mal dieses Krummschwert, was als Symbol an der Kette hing und so, daß dort der Name Gülsüm eingraviert war. Einige Gedanken schossen mir durch den Kopf. War das etwa Gülsüms Kette ? Was hatte diese Kette für eine Bedeutung, fragte ich mich, denn ich hatte nie zuvor jemanden gesehen, der eine Kette mit einem Krummschwert dran trug. Vielleicht war ja dieses Krummschwert ein islamisches Symbol, dachte ich mir. War etwa Gülsüm streng religiös ?? Nachdem ich mich also umgezogen hatte, ging ich also nochmals zur Station 9 herauf zu Gülsüm. Ich betrat nochmals das Stationszimmer und siehe da, Gülsüm war gerade damit beschäftigt die Medikamente für die Patienten herzurichten und zu dosieren. Sie war momentan die einzige Person, die sich in dem Stationszimmer befand. Erstaunt blickte sie auf, als ich das Zimmer betrat. Stockend und ein wenig rot entgegnete ich ihr fragend: „Ähhh, ist das zufällig Deine Kette ?“ „Ja,“ reagierte sie ein wenig verwundert. „Danke, habe ich die doch tatsächlich irgendwo auf dem Weg zur Umkleide verloren. Ich hatte sie mir noch nicht umgehängt. Aber woher wußtest Du denn, daß sie mir gehört ?“ sah sie mich weiter fragend an. „Nun,“ nun wurde ich noch roter und begann ein wenig zu stottern. „ Dein, dein Name. Der war auf der Rückseite eingraviert. Gülsüm, so heißt du doch ?“ „Ja, klar. Ich heiße Gülsüm. Donnerwetter, das Du jetzt schon meinen Namen kennst, wo ich mich noch gar nicht vorgestellt habe.“ „Ja,“ erwiderte ich nun mit neuen Selbstbewußtsein und schon einer gewissen Vertrautheit. „ Schöne Damen vergesse ich nicht so schnell. Schließlich hattest Du dir am ersten Tag, wo ich gekommen war gerade Dein Namensschild angeheftet.“ „ Ja, tatsächlich?“ fragte sie erstaunt und dachte nach. Anschließend meinte sie doch, ich könnte mich doch noch einen Moment zu ihr gesellen, denn während sie nun in Ruhe die Medikamente vorbereitete, waren ihre beiden Kollegen unterwegs die Patienten aufs Klo zu bringen oder ähnliche Tätigkeiten auszuführen. „Weißt Du diese Kette, die Du vor der Umkleide gefunden hattest, hat für mich halt symbolischen Charakter und symbolisiert meine Religion nach außen,“ versuchte sie mir zu erklären. „Ich bin Muslime, aber dieses Symbol ist gerade für mich besonders wichtig, nicht das ich jetzt sonderlich gläubig wäre oder so, aber die Gruppe Moslems, der ich angehöre, unterscheidet sich doch sehr in dem Praktizieren des Glaubens gegenüber anderen moslemischen Gruppen. Vielleicht weißt du, daß die meisten Moslems der Gruppe der Sunniten angehören. In der Türkei jedenfalls ist das so, daneben allerdings gibt es noch eine Gruppe, die sich allerdings in der Öffentlichkeit nicht so stark nach außen repräsentiert: Das ist die Gruppe der Aleviten, der in der Türkei vielleicht ¼ der Bevölkerung angehört. Ich bin auch eine Alevitin und diese Kette ist Symbol meiner Religion. Hier in Deutschland soll dieses aber auch symbolisieren, daß wir Aleviten uns klar von den Vorstellungen radikaler Moslems und Sunniten trennen. Es ist das Zülfikar, das Schwert Alis, der Schwiegersohn des Propheten Mohammeds, der einen Märtyrertod gestorben war...“ Interessiert lauschte ich ihren Erklärungen und sie schien darüber sehr erfreut zu sein. Anschließend fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte mit heute Abend zur Flirtparty ins SATURDAY NIGHT zu kommen, denn bisher hatte sie noch keinen gefunden, der mit wollte. Da konnte ich natürlich nicht widerstehen und wollte natürlich mit. Wir hatten beide am morgigen Tag Spätschicht und auch am Sonntag. Ich fand es nur Schade, daß ich in der kommenden Woche erst einmal 3 Wochen auf einen Zivilehrgang mußte. 5. (FRIDAY) SATURDAY NIGHT Es war ein stürmischer und regnerischer Abend, denn nun zeigte sich der April noch mal von seiner launischen Seite. Es war Freitag gewesen, der Freitag nachdem ich meinen Zivildienst angefangen hatte und auch der Freitag, wo ich mich mit Gülsüm zusammen ins Saturday Night verabredet hatte. Ich und Gülsüm hatten verabredet, daß wir beide einzeln kamen. Ich wußte nicht genau weswegen sie auf die Idee kam sich mit mir zusammen auf einer Flirtparty zu treffen. Wahrscheinlich hatte sie wohl keinen Kollegen gefunden, der mit ihr dort zusammen hin wollte, denn von unserer Station mußten die Jüngeren die Frühschicht übernehmen oder waren schon fest liiert. Was aber war mit Gülsüm, hatte sie keinen Freund, oder durfte sie keinen haben, diese Frage hatte sie mir noch nicht beantwortet, statt dessen hatte sie mir das Symbol ihrer Kette erklärt, merkwürdig, wie ich fand. Ich war zwar noch nicht im Saturday Night gewesen, aber das Saturday Night war nicht gerade dafür bekannt, daß hier viele Türken hinkamen. Na ja aber wieso sollte sich Gülsüm nicht ins Saturday Night wagen. An jenem Abend fuhr ich mit meinem klapprigen Golf, den ich erst ein halbes Jahr vorher erworben hatte zum Saturday Night, welche Disco etwa 15 km von mir weg lag. Einsam und verlassen lag das Saturday Night an jenem stürmischen Freitag Abend vor mir, denn ich war nun einer der Ersten, die sich an diesem Abend hier hin wagten. Im Saturday Night wurde viel House und Dance-Floor gespielt, Musik, die ich mir nur ab und zu anhören konnte, aber na ja viele Discos gab es ja nicht in der Umgebung, so nahm ich dieses dann auch in Kauf. Es war 21.15 als ich die Pforten des Saturday Nights betrat, ein Partygirl, halb als Engel, halb als Glücksfee und halb als Gott Amor verkleidet, kam mir entgegen und heftete mir ein funkelndes Herz an meine Brust, dazu gab es, wie es bei solchen Flirtpartys ja immer so Sitte ist, einen Sektempfang. Oh-Gott, dachte ich, wo bin ich denn nur hier gelandet. Ist das nach Gülsüms Geschmack, fragte ich mich ? Wenig später dann, als ich mich im Saturday Night ein wenig umgesehen hatte, kam mit einer Lederjacke bekleidet jemand bekanntes auf mich zu...es war Gülsüm. Sie zog ihre Lederjacke aus, gab sie an der Garderobe ab und kam auf mich zu. „Na, dann hast du Dich hier also hin gewagt ?!“ stellte sie fest. „Normalerweise sind Techno oder Flirtparties nichts für mich, aber es fand heute Abend nichts anderes statt, so daß ich hier mal vorbei schauen wollte. Ich bin sehr froh, daß du auch hierher gekommen bist. Wie du vor ein paar Tagen mich so angelächelt hattest, da dachte ich mir, du bist sicherlich sehr sympathisch.“ Wir saßen uns erst einmal ruhig an einen Tisch und mein Herz klopfte natürlich ein wenig vor Aufregung. Irgendwann dann, wollte ich die Frage, die mir am meisten auf den Nägeln brannte doch stellen: „Sorry, wenn ich Dich, daß frage, aber Du bist doch Türkin und ähmm, Du scheinst ja recht liberal erzogen worden zu sein.....kommst hier alleine um diese Zeit hin, verabredest Dich mit mir. Ich finde Dich wirklich sehr sympathisch und Du hattest gleich eine magische Auswirkung auf mich, wenn ich das mal so sagen darf. Könntest Du dir eigentlich mal vorstellen, daß mehr aus uns werden könnte ?“ Erstaunt guckte sie mich an: „ He, Moment mal. Wir kennen uns gerade mal von Ansehen und Du fragst gleich, ob mehr aus uns werden könnte ? Ich wollte Dich erst einmal in Ruhe kennenlernen. Ich fand Dich wie gesagt, auf den ersten Blick auch recht sympathisch, aber weißt Du Frauen mögen es nicht unbedingt, wenn man mit der Tür gleich ins Haus fällt. Ich weiß wohl, wie du es meinst, ich habe, denke ich eine gute Menschenkenntnis, aber so kommst du nicht unbedingt bei den Frauen an. Und um die erste Frage zu beantworten....ja natürlich bin ich Türkin...na ja was heißt Türkin. Inzwischen habe ich den deutschen Paß, na ja und meine Eltern haben mich schon ziemlich liberal erzogen, so daß es für mich wirklich kein Problem ist einen Freund zu haben oder abends auszugehen.“ Dann fuhr sie fort: „ Ich habe Dir doch heute Mittag erzählt, daß ich Alevitin bin, d.h. eigentlich kann man sagen, daß Aleviten meistens liberaler eingestellt sind, als andere türkische Moslems, wobei nicht jeder Türke, der nicht Alevit ist, seine Töchter verheiratet oder verbietet einen Freund zu haben, aber oft ist es schon so. Bei den Aleviten haben traditionell die Frauen eine andere Rolle als bei Sunniten: So ist es eigentlich so, das Frauen genauso am gesellschaftlichen Leben teilnehmen dürfen wie Männer, denn nach unserer Auffassung macht Gott keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Das spielte sicherlich auch eine entscheidende Rolle bei meinen Eltern, als sie mich groß zogen.“ Den Rest des Abends dann redeten wir über was anderes, über das Krankenhaus, unsere Kollegen und mokierten uns über die Partygirls, die auf solch einer Flirtparty natürlich nicht fehlen durften. Sie suchten natürlich auch nach Mr. Perfect und waren gegen sogenannte Anmache gut gefeit mit einem „Verpiß Dich“. Wir aber ließen uns nicht stören von den Leuten um uns herum. Ab und zu versuchte zwar jemand Gülsüm anzubaggern, aber derjenige wurde dann freundlich von ihr abgeblockt mit einem „Tut mir leid, ich unterhalte mich gerade. Ich wünsche Dir aber noch viel Erfolg für den Abend“. Gülsüm hatte es nicht nötig sich mit einem schroffen „Verpiß Dich“ von den Herren zu verabschieden. Insgesamt allerdings lief der Abend wohl darauf hinaus, das sich Gülsüm und ich wie gute platonische Freunde unterhielten, was Gülsüm viel wichtiger schien, als über Beziehung, Gefühle oder wohl möglich über Sex zu reden. Insgesamt merkte ich aber doch, daß wir beide ähnliche Vorstellungen vom Leben hatten, auch viele Interessen, obwohl wie charakterlich vermutlich so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht, wobei ich vermutlich für den Tag stand und sie für die Nacht. 6. Spätschicht mit faden Beigeschmack Auf den nächsten Tag freute ich mich besonders, denn es war der erste Tag, den ich mit Gülsüm Spätschicht hatte. Zwar fand ich es schade, daß am Freitag Abend nicht mehr passiert war, als ich mir innerlich erhofft hatte, aber jetzt war erst einmal Geduld angesagt, denn immerhin wußte ich ja, daß Gülsüm mich sehr sympathisch fand. So hatten wir zusammen Dienst mit Hedwig und Ursula. Aber der Dienst wurde doch sehr stressig, so daß es in der Zwischenzeit nur wenig Zeit gab, sich zu unterhalten, fast alle Gespräche liefen auf beruflicher Basis ab. Ich war von dieser Samstagnachmittagschicht etwas enttäuscht, auch wenn mich natürlich Gülsüms Gegenwart enorm anspornte und das Arbeitsklima, trotz des Stresses sehr erträglich machte. Hedwig und Ursula wunderten sich natürlich schon über meinen Arbeitseifer und Gülsüm erwiderte nichts dazu. Hedwig meinte doch glatt bei dem Verteilen des Abendbrotes zu mir, das ich doch ein Hansdampf in allen Gassen wäre, was nun ja absolut nicht zu traf.....na ja, die hatte halt keine gute Menschenkenntnis. Zu einer kollektiven Pause fehlte uns auch die Zeit und so ging jeder von uns gerade 20 Minuten hoch in die Kantine, nacheinander. Ich um 17.15, dann Gülsüm um 17.35, Hedwig um 17.55 und Ursula um 18.15. 21.00 Uhr war dann Dienstschluß und dann passierte das Unerwartete, was mir Gülsüm doch noch vorenthalten hatte: Nachdem wir uns umgezogen hatten und uns wieder vor der Umkleide trafen, bat mich doch Gülsüm sie zum Auto zu geleiten. Natürlich war ich froh darüber sie zum Auto zu geleiten, denn schließlich war ja nun Gülsüm doch heute recht zurückhaltend mir gegenüber gewesen, gegenüber gestern Abend. Ich war mit dem Fahrrad von zu Hause gekommen, holte das Fahrrad aus dem Fahrradständer heraus und geleitete sie zum etwas im dunkel gelegenem Parkplatz. Es herrschte mal wieder die trübe Stimmung eines kalten Apriltages, an dem man doch gerne zu Hause geblieben wäre. Wir schritten schweigsam nebeneinander zum Parkplatz, da hörten wir Schritte hinter uns, die näher kamen. Gülsüm drehte sich um, schien überrascht zu sein, denn mit dieser Person hatte sie nicht gerechnet: Ihr Ex-Freund Süleyman wollte sie hier wohl vor dem Krankenhaus abfangen und zur Rede stellen, wie ich später erfuhr. Böse guckte er sie an, Süleyman, ein kräftig gebauter junger Türke mit glänzendem schwarzen Haar und nicht gerade sympathisch auf den ersten Blick. Er schrie sie auf Türkisch an und sogleich antwortete sie ihm nicht weniger temperamentvoll mit einem türkischen Redeschwall. Darauf schrie er sie wieder an und verschwand drohend Richtung Krankenhaus. Dann sah ich schockiert Gülsüm an, wie sie weinte. „Gülsüm,“ versuchte ich sie behutsam zu beruhigen. „Was war los ?“ Dann legte sie ihren Kopf in meine Arme und weinte. Es war das erste Mal, das sie sich mir so Nahe kam wie jetzt. Jetzt war sie nicht die temperamentvolle Gülsüm, sondern das verletzte kleine Mädchen und keine Überfrau, wie ich vielleicht gedacht hatte. Wir beschlossen an diesem Abend uns noch in Ruhe in eine Kneipe zu setzen, um über dieses Ereignis zu sprechen. Wir hielten es für das Beste uns in das Bistro „Youth-Point“ zu setzen, einer alternativen Kneipe für junge Leute. Im Hintergrund lief dezent Musik von Alanis Morissette und dazu ein etwas schummriges Licht sorgte für die richtige Stimmung unseres Seelenlebens. „Weiß Du,“ fing Gülsüm an zu erzählen. „Das vorhin war Süleyman, mein Ex- Freund, mit dem ich vor 2 Wochen Schluß gemacht hatte....halt ein richtiger Macho, obwohl er doch manchmal so lieb sein konnte. Aber das ist vorbei. Ich will ihn aber nicht hassen, denn irgendwie kann ich sein Macho-Gehabe, wie er hier heute Abend aufgetreten ist verstehen: Er muß schließlich nächste Woche ein Mädchen namens Söngül heiraten. Seine Eltern sind sehr streng und haben ihm seine Partnerin ausgesucht. Er wollte mich unbedingt heiraten und mit mir durchbrennen, unsere Beziehung mußte vor seinen Eltern geheimgehalten werden, so wegen der Ehre und so. Aber meine Familie ist wirklich nicht so, das kannst Du mir glauben. Ich brauchte nie bei meinen Eltern ein Geheimnis aus dieser Beziehung machen, obwohl meinem Vater nicht sonderlich gefiel, wie Süleyman manchmal mit mir umsprang. Süleyman war manchmal unberechen- bar, mal total lieb und ein anderes Mal der total aggressive Macho, der mir auch schon mal gedroht hatte....ich hatte ihn eigentlich schon geliebt – eigentlich ja, auch wenn es oft eine Art Haßliebe war. Na ja Gott-sei-Dank sind nicht alle Türken Machos, meine Brüder Murat und Mehmet würden ihre Freundinnen nie so behandeln, aber die hatten natürlich auch nie so den Druck von zu Hause gekriegt wie Süleyman. Süleyman und ich sind einfach auch von unseren Ansichten zu unterschiedlich. Ich denke, ich fühle mich heute viel näher der deutschen als der türkischen Mentalität.“ Anschließend erzählte ich noch ein wenig von mir, meinen Schwestern und meinen Eltern, die ja geschieden waren und Gülsüm hörte interessiert zu. Als wir beide merkten, daß es inzwischen schon weit nach Mitternacht war, wurde es nun auch langsam Zeit aufzubrechen. Da sah mir Gülsüm plötzlich tief in die Augen, sagte nichts weiter und küßte mich ohne Worte auf meine Lippen. Ich war total perplex und wußte nicht was ich sagen sollte. Das alles kam mir vor wie ein Lippenbekenntnis, daß wir 2 nun zusammengehörten. Dann brach sie auf, ging zum Ausgang und war in der Dunkelheit verschwunden. 7. Meine Ma und Gülsüm Es war inzwischen eine Woche vergangen und ich war in der Zwischenzeit auf einem Zivilehrgang in Holzminden bei Höxter gewesen. Vielleicht wird sich der ein oder andere Zivi an jenen finsteren Schulungsort, der die meiste Zeit des Jahres im Nebel liegt, erinnern: Das Schulungsheim, wo ich untergebracht war, heißt „Auf dem Ith“, besitzt zwar alles was das Herz begehrt - vom Fitneßstudio bis zur Bibliothek; allerdings ist es weit von der nächsten Zivilisation entfernt. Und eines konnte es mir nicht bieten: Gülsüm. Gülsüm sah mich nun eine Woche nicht – meist war ich während dieser Zeit in Gedanken und dachte an Gülsüm. Ich glaubte doch mit Sicherheit zu wissen, das ich und Gülsüm nun seit letztem Samstag ein Paar waren, seitdem wir nun im „Youth Point“ unsere Sorgen ausgetauscht hatten. So freute ich mich also auf den folgenden Samstag, wo der Lehrgang endete und auf das freie Wochenende, welches ich mit Gülsüm verbringen wollte. Ich war mit dem Zug zum Ith gefahren und kam auch wieder mit dem Zug zurück – Gülsüm wartete nun an diesem Samstagmorgen schon auf mich am Bahngleis 5 ( ich hatte ihr gesagt, daß der Zug auf Gleis 5 um 10.53 ankommen würde ) und auch meine Mutter wartete dort – sie war mit dem Auto gekommen. Ich stieg also aus dem Zug, lief den beiden Frauen entgegen, die ja zu diesem Zeitpunkt noch nichts voneinander wußten. Ich drückte erst demonstrativ Gülsüm und meine Mutter schien ihren Augen nicht zu trauen. Ihr Sohn hatte nun plötzlich eine Freundin, nachdem sich die Mädchen jahrelang nicht gerade um ihn geschlagen haben. Dann guckte meine Mutter Gülsüm etwas mißtrauisch an, denn Gülsüm sah ja nun sehr südländisch aus, um nicht zu sagen türkisch, wenn es so was wie türkisch aussehen überhaupt gibt. Nein, ich glaubte ihn diesem Moment nun nicht, das meine Mutter ausländerfeindlich ist, aber ich glaube es wäre ihr in diesem Moment lieber gewesen, wenn ihr einziger und jüngster Sohn vielleicht eine deutsche Freundin gehabt hätte. Ich sah sie schon vor mir eine Moralpredigt haltend, das es doch nur Ärger geben würde, wenn mich die Familie von Gülsüm mit deren Tochter zusammen erwischen würde. Die Ehre der Familie Yildirim würde auf dem Spiel stehen. Ihr Vater würde dann schon mal ein Messer hervor holen und sich an mir rächen – mir die Eier abschneiden im harmlosesten Fall. Und Gülsüm, nun Gülsüm würde in die Türkei verschleppt und müßte einen anatolischen Ziegenhüter heiraten. Das alles sah ich bereits vor meinem Geiste. Dann kehrten meine Gedanken zurück – ich befand mich noch immer in den Armen von Gülsüm. Damit meine Mutter nun aber nicht weiter diesen argwöhnischen Blick äußerte, drückte ich sie ebenfalls kurz, wobei ich sonst meine Mutter nur recht selten drückte, jetzt wo ich erwachsen war. Wortlos schritten wir 3 die Stufen zur Bahnhofshalle herab und dann stoppte ich kurz, küßte Gülsüm noch mal auf die Wange und meinte zu ihr: „Wir können uns ja heute Abend wieder sehen, dann erzähle ich Dir alles, o.k. ?“ „Ok,“ lächelte mich Gülsüm und dieses O.k. klang sehr enthusiastisch. Weiter schlug sie vor, daß ich doch mal heute Abend zu ihr kommen könnte, denn ich bräuchte keine Angst vor ihren Eltern haben, die sie ja doch „sehr liberal“ erzogen hatten. Ja, in diesem Moment kam es mir sogar vor, daß meine Mutter in dieser Beziehung engstirniger sein würde als Gülsüms Familie. Dann erklärte sie mir noch, wo sie wohne und das wir uns dort um 18.00 Uhr doch treffen könnten. Dann fuhren wir nach Hause und meine Mutter blieb während der ganzen Fahrt doch recht wortkarg, sie schien es immer noch nicht zu fassen mit diesem türkischen Mädel. „Matthias,“ meinte sie dann erst zu Hause vorwurfsvoll. „Sag jetzt bloß, daß Du jetzt eine Freundin hast ?! Aber wieso muß es denn ausgerechnet eine Türkin sein ?! Du weißt, ich will Dir nicht vorschreiben mit wem Du ausgehst, aber Du weißt doch wie das bei den Türken ist. Du bringst doch nur sie und Dich in Teufels Küche...... Ich habe schon oft genug von einem tragischen Ausgang bei so einer Liebe gehört unter dem Motto......junger Deutscher entjungfert Türkin, ihr Vater sieht seine Ehre verletzt und sticht den Jungen ab. Das ist doch wie die Liebe zwischen Romeo und Julia. Weißt Du denn nicht, daß Türken Moslems sind und Moslems haben strikte Vorstellungen von Sexualität, die noch zum Teil wie im Mittelalter ist.“ Dann versuchte ich zu kontern: „Aber, aber....Gülsüms Familie ist sehr liberal eingestellt. Heute Abend wollen wir uns sogar bei ihr treffen. Die Eltern hätten überhaupt nichts gegen einen deutschen Freund....“ Dann sah sie mich an, faßte mich warnend an die Stirn: „ Paß bloß auf Dich auf. Solche Fälle sind die absolute Ausnahme.“ 7. Murats Hochzeit Es war bereits fast 18.00 Uhr und ich machte mich auf den Weg zu Gülsüm, die mit ihren Eltern und ihrem einen älteren Bruder Mehmet in einem Haushalt lebte. Dann gab es da noch ihren Bruder Murat, der in Süddeutschland studierte, außerdem würde er nun in den nächsten Wochen heiraten, wie Gülsüm mir erzählt hatte. Ihre Eltern wären schon ganz aufgeregt und am machen und planen. Ich war mit meinem Fahrrad unterwegs und bog in den Spatzenweg ein – hier wohnte Gülsüm. Überall waren die Vögel am Singen und die Häuser, die hier standen waren zwar so um die gleiche Zeit entstanden, doch allerdings indivi- duell total unterschiedlich - nicht nach dem Einheitsprinzip gebaut. Es war ein neues verklinkertes Haus und Ende der achtziger Jahre entstanden. Aus dem Haus dudelte türkische Folklore, so daß ich mich doch dem Haus ein wenig mit Angst näherte. Dann klingelte ich und Gülsüm machte auf. Sie hatte gerade ihr Haar gewaschen und sich geschminkt, so als wolle sie mit mir heute Abend noch weg. „Komm rein,“ forderte sie mich auf, „und fühle Dich wie zu Hause.“ Ich betrat den Flur und da kam aus der Küche eine grauhaarige Frau heraus, so etwas über 50 mochte sie sein – sie hatte die gleichen Locken wie Gülsüm, allerdings in Form einer Dauerwelle. „Du bist Matthias ?“ fragte sie mich vorsichtig mit türkischem Akzent. „Gülsüm hat viel erzählt von Dir.“ Es war Nuray Yildirim, Gülsüms Mutter. Sie wirkte zwar zurückhaltend auf mich aber freundlich. Nun stieß auch Gülsüms Vater dazu aus dem Wohnzimmer, ein größerer Mann, auch etwas über 50 und mit einem schwarzen Schnurrbart. Er wirkte zwar sehr respekteinflößend, keineswegs aber wie ein Macho. Ich war überrascht, als ich in Yildirims Wohnzimmer kam, denn dort hatte Gülsüms Vater Erkan und Mutter Nuray den Tisch reichlich gedeckt, für mich, für Gülsüm und für die Beiden. Ich hätte fast vergessen, daß ich mich in einem türkischen Haushalt befand, mal abgesehen von der türkischen Folklore, die aus den Lautsprecherboxen drang und dem Essen, was ganz klar türkische Küche war. Gülsüms Vater sprach doch erstaunlich flüssig deutsch, während ihre Mutter schlechter deutsch sprach und sich lieber am Essenstisch in Türkisch unterhielt. Wir sprachen über alles mögliche, über das Krankenhaus, die Familie, die Türkei, türkische und deutsche Mentalität usw. Ich merkte jedenfalls schnell, daß Erkan kaum die Ansichten vertrat, die viele türkische Männer in seinem Alter pflegten. Er ärgerte sich über Milli Görüs, einer fundamentalistisch-islamischen Organisation in Deutschland und ihn kotzte auch die übertriebene Ehre mancher türkischer Männer an. Natürlich hatte er nicht ganz die gleichen Ansichten, wie deutsche Männer es vielleicht haben, aber trotzdem war er sehr liberal, zum Beispiel auch in Beziehung zu seiner Tochter. Er würde sie nie fallen lassen, was auch immer sie tun würde. Er vertraute seiner Tochter, da brauchte er sich nicht als der über alles vergötterte Patriarch aufspielen. Klar, er hatte schon mehr das Sagen als seine Frau, aber die war z.T. auch kräftig am dementieren. Anschließend kamen wir zu dem wichtigsten Thema des Tages, zu Murats Hochzeit, welche ja nun in ein paar Wochen stattfinden würde. Murat hatte sich natürlich seine Zukünftige selbst aussuchen können – sie hieß Canan und war Jura-Studentin. Er hatte sie auf der Uni Stuttgart kennengelernt, wo er jetzt kurz vor seinem Examen stand. Das war vor 2 Jahren gewesen. Canans Eltern waren zwar gläubige sunnitische Muslime, aber ihre Tochter hatten sie auch fast genauso liberal erzogen wie Gülsüm von ihren Eltern erzogen war. Die Hochzeit sollte wenigstens ein wenig nach türkischer Tradition gefeiert werden, auch wenn Männer und Frauen zusammen feiern würden. Es war schon ein großer Saal für fast 200 Leute gemietet worden. Erkan und Canans Vater Ramazan übernahmen jeweils die Hälfte der Mietkosten für die Halle. Für das Festessen und die Dekoration sorgten sich jeweils die Frauen Nuray, Gülsüm und Canans Mutter Selma. 8. Mißtöne Es waren nun 2 Wochen vergangen und wir beiden, Gülsüm und ich waren nun ein Paar. Wir konnten über alles reden und jede freie Minute, die ich zusammen mit Gülsüm verbringen durfte war wie der Frühling, der nun mit viel Wärme kam. Überall sah man wie sich die Zugvögel aus Süden ein Nest suchten, wie überall die Menschen sich aufmachten aus dem Wintermuff raus in den Frühling, um Neues zu beginnen. Wir waren uns nun nach einigen Wochen zwar schon sehr vertraut, ließen uns aber noch mit dem intimsten Geheimnis der Liebe Zeit: Ich wollte das alles ganz romantisch erfahren, auch wenn mir klar war, das Gülsüm dieses Geheimnis schon mit 2 Freunden vor mir geteilt hatte. Heute war Samstag, der 1. Mai und es war nicht nur irgendein Tag, sondern Murat und Canan würden sich heute das Jawort geben. Ich war zu dieser Hochzeit eingeladen, wohl auch fast als einziger Deutscher, denn in erster Linie wurde natürlich erst einmal die ganze Verwandtschaft der Familien Yildirim und Aktürk eingeladen, hinzu würden wohl noch ein paar Freunde der Beiden kommen, die aber auch zum größten Teil türkischstämmig waren. Es war ein lauer Abend an diesem 1. Mai – während andere nun schon nach kurzen Radtouren und ein paar Bierchen für den Rest des Tages lahmgelegt waren, traf ich mich mit Gülsüm an der Reiterhalle, die zur Festhalle umgebaut worden war. Es waren tatsächlich um die 200 Personen, die nun langsam die Reiterhalle füllten, viele junge Türken, das mir auch ein wenig mulmig zu Mute war. Murat und Mehmet waren wirklich in Ordnung und auch Gülsüms Eltern hatten mich sofort in ihr Herz geschlossen, wie aber würden wohl an diesem Abend andere auf dem Fest reagieren, wenn sie wüßten, daß ich und Gülsüm zusammen sind ? „Na ja, die meisten,“ meinte Gülsüm zu mir, „werden wohl nichts sagen und unsere Beziehung akzeptieren. Die Verwandten von mir sind wirklich auch recht aufgeschlossen.“ Und tatsächlich, von den meisten wurde ich freundlich begrüßt und tatsächlich saßen in den hintersten Reihen doch noch einige deutsche Studenten, Kollegen von Murat, sie allerdings saßen für sich, während ich mich neben Gülsüm und Vater Erkan setzte. Die Frauen hatten sich schick gemacht – die Jüngeren trugen alle kein Kopftuch, nur einige von den älteren – nicht aber Gülsüms Mutter Nuray, die als Alevitin sowieso nie ihren Kopf bedeckt hatte. Canans Mutter dagegen war verschleiert und hatte ein langes besticktes Kleid an. Auch Canan trug ein besticktes Kleid, nur war dieses ganz in Weiß. Ihr Gesicht war durch einen Brautschleier bedeckt und man wollte halt nach türkischer Tradition, die Braut und den Bräutigam heute Abend so zusammen führen, als wären sie sich vorher noch nie begegnet und müßten erst einmal einander beschnuppern ( in Wirklichkeit kannten sie sich ja nun schon 2 Jahre von der Uni ). Es war einfach traumhaft mit anzusehen, wie die beiden jeweiligen Eltern Braut und Bräutigam zueinander hin führten. Sie kamen sich immer näher Schritt für Schritt. Erkan und Nuray hielten Murat an der Hand und auf der anderen Seite führten Canans Eltern die Braut an der Hand. Dann wurde der Schleier der Braut vorsichtig geöffnet und Canan durfte Murat in ihre Arme schließen. Im Laufe des Abends gab es türkische Folklore, denn ein begnadeter türkischer Sänger war für die Hochzeit organisiert wurden und spielte auf einem türkischen Saiteninstrument, dessen Name ich nicht kenne. Im Laufe des Abends wurde getanzt und gesungen, die Männer stellten sich auf der einen Seite in einer Reihe auf, gaben sich die Hand und fingen an zu tanzen und das Gleiche machten auf der gegenüberliegenden Seite die Frauen. Das alles wirkte ein wenig wie kurdischer Volkstanz, wenn ich dies hier so erwähnen darf. Der Abend hatte wirklich gut angefangen, bis dann doch einige Cousins aus Canans Familie zu mir rübersahen und sich über mich unterhielten. Sie waren mir doch ein wenig unangenehm, denn sie wirkten ein wenig proletenhaft, ganz im Gegensatz zu Murat. Dann kamen zwei von ihnen auf mich zu mit ernster Miene, denn sie schienen wohl irgend etwas zu klären wollen. Gülsüm und Erkan guckten mich fragend an. Dann wand sich einer der Beiden an Erkan und fragte ihn etwas auf türkisch. Erkan erwiderte etwas und die Beiden wandten sich grimmig von uns ab. Jetzt erkannte ich die Beiden wieder – natürlich das waren Nuri und Özkan, mit denen ich zu Realschulzeiten recht unangenehme Erfahrungen machen mußte. Die Beiden waren damals auf der nebenliegenden Hauptschule und kamen oft in der Pause auf den Realschulpausenhof um ein wenig Ärger zu machen, um es ein wenig diplomatisch auszudrücken. Na ja und einmal hatte ich mich zusammen mit meinen Kumpels über sie mokiert, da hätten sie mich beinahe zusammengeschlagen aus Dankbarkeit versteht sich. Schade, daß es immer wieder solche Leute wie Nuri und Özkan gibt, die immer Ärger machen wollen, dachte ich in diesem Augenblick. Aber was würde ich auch mit den Beiden zu tun haben, sie waren ja schließlich nur Canans Cousins. Canans Eltern und ihre Schwester Aylin dagegen waren wirklich sehr nett, auch wenn ihre Eltern nicht so gut Deutsch sprechen konnten. Ramazan, Canans Vater sprach auch einige Worte mit mir und fand es sehr beeindruckend, daß ich als Deutscher Gülsüms Freund war, der es wirklich Ernst mit ihr meinte. Und ich war froh darüber, daß ich Leute wie die Aktürks kennengelernt hatte, die sich zwar sehr wohl an die Glaubensregeln des Korans hielten, doch aber gegenüber anders Denkenden sehr aufgeschlossen war. 9. Liebe wie in tausend und eine Nacht Wieder waren nun einige Wochen vergangen und wir beide waren nun schon seit über einem Monat fest zusammen. Auch wenn unsere Eltern davon wußten, war unsere Beziehung auf der Station 9 eigentlich kein Thema, auch wenn die Schwestern und Pfleger es insgeheim wußten, daß wir ein Paar waren. Nun kam auch der Abend, der irgendwann einmal kommen mußte und auch sollte. Wenn man bedenkt, daß die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ungefähr im Durchschnitt mit 16 Jahren dieses Erlebnis zum ersten Mal genießen können, war ich mit meinen 20 Jahren schon recht spät dran. Aber es sollte total romantisch werden, für mich und für Gülsüm, eigentlich ein wenig wie in Tausend und eine Nacht. Es sollte nicht spontan passieren, sondern abgesprochen, denn ich wollte natürlich Gülsüm nicht dazu nötigen. Heute Abend ging meine Mutter mit ihrem neuen Freund „Willi“ aus, von dem sie mir schon vorschwärmte, daß er die zweite große Liebe ihres Lebens wäre. Ja eigentlich sogar die erste große Liebe, denn auch wenn sie es nicht zugeben wollte, meinte sie manchmal immer noch, daß die Sache mit Papa eine vom Gefühl her falsche Sache war, auch wenn sie denn mit ihm zusammen fast 20 Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Ich dachte an den Song von Bon Jovi „Bed of roses“, der mich auf eine Idee brachte. Dazu pflügte ich einige Rosenblüten von den Rosenstöcken aus unserem Garten und damit das nicht so auffiel, mußte ich mir doch noch 3 Dutzend Rosen kaufen, die ich dann zerpflügte. Sie alle legte ich auf das gemachte Bett. Dann hing ich rote gebatikte Tücher an die Wände und malte mit einem Edding ein blaues Herz in die Mitte. Gülsüm hatte versprochen heute Abend orientalische Düfte mit zubringen, die sie von einem Bazar aus Istanbul mitgebracht hatte. Sie selber hatte sich Canans Hochzeitskleid mitgebracht. Es war inzwischen nach 21.00 Uhr gewesen, als sie in Motorradklamotten und dem Hochzeitskleid vor der Tür stand, denn sie und ich wollten uns nun auch wirklich vergewissern, daß meine Mutter uns nicht stören würde. Es ging an diesem Abend fast alles ohne Worte...Gülsüm zog sich zurück in unser Bad, um sich umzuziehen – ich selber hatte mich schon vorher in einen Pyjama geworfen und hatte darunter eine sexy Stringtanga an, die ich mir mit hochrotem Kopf im Sexshop auf der anderen Seite der Straße ausgesucht hatte. Dort hatte ich auch einige Noppenkondome mit Erdbeergeschmack besorgt, wußte allerdings nicht so genau, wie man sich den nun ein Kondom überstülpt. Dann kam Gülsüm ganz in weiß und mit einem Gesichtsschleier aus dem Bad geschritten. Ich machte nun romantische Musik an und dann kam sie immer näher geschritten, nahm mich bei der Hand. Dann packte ich sie an ihrem seidenen, weißen Kleid und trug sie sprichwörtlich in meinen Armen auf das mit Rosen bedeckte Bett. Ich trug sie wie ein Bräutigam eine Braut trägt. Wir hatten vorher über alles gesprochen, außer über die Verhütung. Und so fragte ich sie ein wenig unromantisch als wir uns auf das Bett gelegt hatten: „Du Gülsüm, wie ist das eigentlich mit der Verhütung ? Sorry, daß ich jetzt so unromtisch bin, aber darüber sollten wir uns an dem heutigen Abend ernste Gedanken machen.“ Dann legte sie ruhig ihren Finger auf meinen Mund und flüsterte mir ins Ohr: „Ich nehme die Pille, denn ich hatte sie, nachdem ich mit Süleyman Schluß gemacht hatte, noch nicht abgesetzt. Aber keine Sorge ich streif Dir schon gleich das Kondom über.“ Und dann versank mein Kopf in einer lockigen Haarpracht, denn den Brautschleier hatte sie inzwischen abgelegt. Wir zogen uns gegenseitig immer weiter aus, bis ich nur noch meine Stringtanga und sie einen Slip und eine Seidenbluse trug. Ich führte ihren Kopf langsam an der Brust und meinem nackten Bauch runter – ich bebte vor Erregung. Es würde wohl für mich ein einprägsames Erlebnis werden, daß wußte ich. Nun mit 20 Jahren wäre ich nicht mehr so unreif, wie manch 15, 16jähriger. Mir gingen in diesem Moment doch einige Ängste durch den Kopf, denn ich hatte auch Angst zu versagen. Ich ließ mich natürlich führen, denn wie man als Liebhaber mit einem Mädchen richtig umgeht, kannte ich nur theoretisch aus der Bravo ( die hatte ich allerdings das letzte Mal vor über 3 Jahren gelesen ), na ja und aus unseriöseren Quellen wie Praline oder Coupé, wo von scharfem Lümmellecken und Bärenkraulen gesprochen wurde. Sie führte mich sanft in die Liebe ein, streifte mir das Noppenkondom über meinen erigierten Penis, so das eigentlich nichts schiefgehen konnte. Dann legte sie langsam ihr Becken auf mich und naja den Rest konnte man sich denken.... Wir fühlten uns nun wie eins und meine Angst zu verkrampfen oder zu versagen war wie weggeblasen. Was mich natürlich in der Situation interessierte war, wie es denn so mit Gülsüms bisherigem Liebesleben war. Ich versuchte nachdem wir uns wieder angezogen hatten ein wenig nachzubohren. Sie aber reagiert auf dieses Thema ein wenig gereizt: „Weißt Du, wichtig ist doch was wir füreinander empfinden, nicht was sich bei meinen vorherigen Freunden abspielte. Ich hatte Dir ja erzählt, daß ich schon 2 feste Freunde hatte mit denen ich auch geschlafen hatte. Beides waren ja Türken und na ja mein letzter Freund Süleyman hielt mich erst auch für ein Flittchen, weil ich ja nun keine Jungfrau mehr sei. Na ja und mein Freund davor war noch etwas unreif, ließ mich wegen einer anderen blonden Deutschen sitzen. Das ist aber auch schon fast 4 Jahre her. Ich möchte jetzt keinem mit dem Anderen vergleichen, denn wir sind doch nun ein Paar. Wir haben die Zukunft vor uns, wer kann uns schon aufhalten.“ Ja in der Beziehung hatte sie wohl recht, wer könnte uns jetzt noch aufhalten, denn nun teilten wir ein inniges Geheimnis, das uns zu Partnern, Kumpels und Blutsbrüdern machen sollte. 10. Ein schöner Ausflug in die Freiheit Gülsüms ganzer Stolz war ihre Harley-Davidson, auf der sie die Freiheit genoß, aber auf der sie auch leider ihr tragisches Ende finden würde. Sie war es damals, die mich dazu ermutigte selber einen Motorradführerschein zu machen. Wir beiden, so war ihre und meine Vorstellung, würden zusammen gen Himmel oder zumindest auf der Route 66 bis zum Horizont fahren. Niemand könnte uns, die Heinrichs-Yildirim-Gang aufhalten. Gülsüm war der Mensch, der mich in den letzten Jahren am meisten motivierte, der mir neue Kraft und neues Selbstbewußtsein gab. Zu dieser Zeit hatte ich kein besonderes Verhältnis zu meinem Vater und ihr Vorschlag war, ihn einfach mal besuchen zu fahren, mit der Harley-Davidson versteht sich natürlich. Er wohnte nicht bei uns im regnerischen Bielefeld, sondern arbeitete nun als Ingenieur in Berlin. Ja, er war es auch, der mit half die Baupläne für die neuen Regierungsgebäude zu planen, die damals noch nicht ganz fertig gestellt waren. Ich hatte irgendwie unheimlichen Bammel hinten auf der Maschine und dann mit über 100 Sachen über die Autobahn. Da war ich dann Gülsüm alleine ausgesetzt. Sie aber versicherte mir vorsichtig zu fahren. Dann ging es los und immer auf der A 2 Richtung Hannover, dann nach Magdeburg, bis nach Berlin. Mein Vater wußte nichts von unserer Ankunft, für ihn sollte es eine Überraschung werden. Gülsüm fuhr mir zu Liebe nicht ganz so schnell, denn auch bei 120 Stundenkilometer beginnen wir fast nur noch so über die Autobahn wie ein Sturm hinweg zu fegen. Die Autos kamen uns manchmal bedrohlich nahe, aber wir trotzen der Gefahr. Wäre Gülsüm nur an jenem regnerischen Novembertag 2 Jahre später ähnlich vorsichtig gefahren, aber das alles konnte ich ja damals noch nicht vorausahnen. Als wir dann über die ehemalige Zonengrenze hinaus waren, überholte uns eine Motorradgang und mir war so, als hatten uns da welche von der Gruppe den Stinkefinger gezeigt. Die bretterten mit 180 hinfort und wir genossen die unbegrenzte Freiheit schon bei 120. Irgendwann konnte ich Gülsüm nicht mehr an ihrem Nierengurt weiter festhalten und wir beschlossen, ehe ich losließ, doch zur Rast einzukehren. Wir waren bereits fast bei Magdeburg und da konnten wir uns gemütlich in einer McDonalds-Filiale einen dicken BigMac und ein paar Fritten mit Plastik- mayonnaise reinziehen. So gemütlich allerdings wurde es dort nun auch nicht, denn an unserem Nachbartisch hatten sich einige Glatzen gesetzt, die wohl zu einer Naziveranstaltung in Potsdam wollten, jedenfalls unterhielten sie sich darüber. Argwöhnisch guckten sie zu uns rüber, dann betrachteten sie Gülsüm. Hier in Ostdeutschland waren sie es halt nicht gewöhnt so oft ein türkisches Mädchen zu sehen. Wir allerdings ließen uns nicht beunruhigen, sondern aßen in Ruhe weiter. Gülsüm fühlte sich hier nicht so sehr wohl, obwohl uns nur die Glatzen am Nachbarstisch beobachteten, andere beachteten uns fast gar nicht. Schließlich gingen wir raus Richtung Motorrad und die Glatzen schienen uns zu folgen. Mir war nun auch ein wenig mulmig zu Mute. Dann begannen sie plötzlich mitten auf dem Parkplatz das Horst-Wessel-Lied zu singen, was uns nicht störte, doch dann kam eine Beleidigung, die übler nicht sein konnte. Sie fingen an ein alten Onkelz-Lied zu grölen, als die Band noch braun war. „Türken-F.... glattrasiert“ sangen sie laut im Refrain. Das war auch für Gülsüm zu fiel. Sie sah sich sehr in ihrer Ehre verletzt, das obwohl ihr Ehre nicht so viel bedeutete. Sie wollte auf die 3 los preschen – ich allerdings konnte sie noch gerade so zurückhalten und sie Richtung Motorrad bewegen, denn nun war es wohl das Beste schleunigst zu verschwinden. Armes Deutschland, dachte ich in diesem Moment nur. So fuhren wir beide zu tiefst gekränkt und gedemütigt Richtung Berlin. Am Abend dann bei meinem Vater angekommen, wurden wir dann doppelt belohnt. Gülsüm war inzwischen wieder in bester Laune und hatte auch ihre verletzte Ehre ganz schnell vergessen. Gott-sei-Dank waren uns die Rechtsradikalen dann nicht weiter gefolgt. Wir klingelten bei meinem Vater an, den ich nun schon seit Weihnachten nicht mehr gesehen hatte. Erstaunt blickte er erst mich und dann Gülsüm an, er der mal zu Zeit der 68´ger Revolution bei jeder größeren Studentenrevolte dabei war. Er dachte in manchen Dingen liberaler und nicht so verbissen wie meine Mutter. Was freute er sich doch mich zu sehen, mich der eigentlich der Einzige war aus der Familie, der sich mal bei seinem Vater meldete. Würde mein Vater, meine Schwestern nicht ab und zu anrufen, wäre zu ihnen der Kontakt völlig abgebrochen. Ich glaube, zu der Zeit konnte ich meinen Vater schon besser verstehen, weswegen er nach fast 20 Jahren Ehe damals vor 8 Jahren meine Mutter verließ. Es ging damals halt nicht mehr anders. Er begrüßte auch Gülsüm herzlich und freute sich für mich, das ich nach all den Jahren des Suchens nun endlich eine feste Freundin hatte. Das sie Türkin war, störte ihn nun wirklich nicht, denn er wußte selber, das die türkische Gesellschaft hier in Deutschland recht unterschiedlich in ihren Denkweisen war. 11. In Berlin-Kreuzberg Wir wollten nicht nur diesem Samstag in Berlin verbringen, sondern auch das gesamte Wochenende. So blieb uns also genügend Zeit um die Stadt unsicher zu machen. Das berühmteste und gleichzeitig wohl auch gefürchtetste Viertel in Berlin ist wohl Kreuzberg, wo Orient und Okzident zusammen kommen, aber auch völlige moralische Gegensätze wie strenggläubige Moslems und Transvestiten. Hier wohnte auch ein Onkel von Gülsüm, der für einen türkischen Fernsehkanal hier in Berlin arbeitete. Er war Junggeselle und hatte hier an der Uni Berlin Soziologie studiert. Nebenbei war er auch in einer Theatergruppe, speziell für türkische Intellektuelle, aber auch für das deutsche Publikum. In einem Berliner Hinterhof hatte er seine Bude, nicht groß aber besser als es sich jetzt anhört. Ich kam mit zu ihrem Cousin Ergün. Ergün war ein wenig überrascht mich zu erblicken, war aber doch sehr erfreut darüber, das ich mich tatsächlich in dieses Viertel gewagt hatte. Heute Abend war es wieder so weit, da wollte Ergün das Stück „Yusuf und sein deutscher Schäferhund“ aufführen, was eine bissige Satire auf deutsche, wie auch auf türkische Vorurteile war. Es ging um Klaus, einen deutschen Feierabendnazi, der gegen alles meckerte, ins besonders gegen Ausländer. Er wurde in Art eines modernen Alfreds dargestellt. Und dann war da noch Yusuf, ein sehr national gesinnter Türke, der gegen alles wetterte, was nicht türkisch war. Irgendwie lernten sich dann Yusuf und dieser Klaus kennen. Na ja und über jenen deutschen Schäferhund dann, der ja nun ebenfalls das Stück betitelte, wurden sie noch zu Freunden. Das Publikum schien nicht sonderlich groß zu sein, bestand aber doch sehr wohl aus einigen Deutschen, die sich auch das Stück anguckten. Nach der Show schüttelte Ergün den Kopf, er, der dieses Stück nun auch geschrieben hatte, denn was er uns bisher verschwiegen hatte, war ein Drohbrief einer rechtsradikalen türkischen Gruppe, den er vor einigen Tagen erhalten hatte. Das machte ihn schon ein wenig traurig und er überlegte tatsächlich dieses Stück, was er geschrieben hatte, abzusetzen. Ergün war jemand der sowohl die spießige deutsche, wie aber auch türkische Gesellschaft aufs Korn nahm, was ihm natürlich nicht sehr viele Freunde bereitete, aber er meinte, das alles müßte offen ausgesprochen und nicht ständig unter den Teppich gekehrt werden. Ergün versuchte Tabus zu brechen, die vielleicht für viele Deutsche kein Tabu mehr sind, wohl aber für Türken. Z.B. hatte er neulich über homosexuelle Türken aus Kreuzberg berichtet, ein sehr heikles Thema war das gewesen. Aber nur so, meinte er, würde dieses vielleicht auch langsam bei konservativeren Türken akzeptiert. Unsere Beziehung brachte ihn auf eine Idee, denn er wollte doch mal schauen, wie die Leute in der Fußgängerzone reagierten, wenn ich mir ein großen Kreuz um den Hals hängen würde, um zusammen mit Gülsüm Arm in Arm, sie in einen schwarzen Tschador (islamischer Ganzkörperschleier) gehüllt, durch die Stadt gehen würde. Diese ganze Szene würde er dann am Sonntag Morgen filmen wollen, um dann eine Umfrage unter der Bevölkerung zu starten. Gesagt getan, so gingen wir also ins Stadtzentrum von Berlin, wo wir diese Szene in der Fußgängerzone filmten, es war nun schon fast Mittag, so daß man die ein oder andere Person in der Stadt schon antreffen konnte. Viele Leute guckten uns argwöhnisch an und wußten nicht recht, was sie davon halten sollten. Auch türkische Leute drehten sich argwöhnisch und befremdlich nach uns um. Als Ergün dann anschließend das Mikrophon zücken wollte, um die Leute nach ihrer Reaktion zu interviewen, verweigerten sich allerdings die Meisten. Andere schüttelten nur verständnislos den Kopf und meinten: „Was soll das. Wieso läuft diese Frau mit so einem schwarzen Umhang rum, ist die denn so entstellt, das sie nicht einmal ihr Gesicht der Öffentlichkeit zeigen kann.“ Oder auch „Ist das ein katholischer Pater, der einer Iranerin über die Straße hilft ?“ Aber die eigentlichen Reaktionen, die Ergün eigentlich erwartete, blieben aus. „Tja,“ meinte er. „Die sind wohl allesamt von einem anderen Planeten oder so !“ Ein wenig enttäuscht, aber auch ein wenig stolz auf diese ungewöhnliche Aktion fuhren wir dann anschließend nach Hause. 12. Ein Sommer voller Überraschungen Es wurde ein wunderschöner Sommer in jenem Jahr und auch ich machte mir nun einige Gedanken, wo und mit wem ich denn meinen Urlaub verbringen sollte, der allerdings erst für den Spätsommer oder Frühherbst angesetzt war. Es war sehr schade, aber mit Gülsüm könnte ich nicht zusammen in den Urlaub fahren, denn organisatorisch ging es nicht anders, daß sie schon 3 Wochen im Juli Urlaub bekam, ich allerdings erst Ende September. Da half kein Biegen und Drehen, dachte ich zu jener Zeit. Gülsüm trat ihren Urlaub an und fuhr zusammen mit ihrem Bruder Murat und ihrer Nichte Canan in die Türkei nach Antalya und anschließend nach Istanbul auf Verwandtenbesuch. Dort würden sie auch auf Erkan und Nuray, Gülsüms Eltern stoßen, die dort dann im Kreise der Verwandtschaft in jenem Jahr das Opferfest (islamische Feier, wo an Abraham gedacht wird, wie er anstatt seines Sohnes, einen Hammel für Gott opferte). Gülsüm fiel im Sommer nichts anderes ein, als in die Türkei, die Heimat ihrer Eltern zu fliegen, so tat sie das auch, um nicht zu Hause die 2 Wochen abgammeln zu müssen, denn ich war zu dieser Zeit auch oft mit anderen Dingen beschäftigt, machte unter anderem meinen Motorradführerschein nach (dieses machte ich auch Gülsüm zu Liebe). Als Gülsüm dann ein wenig genervt von den vielen Verwandten aus der Türkei zurückkam, kam sie mit einer Überraschung an mit der ich nicht gerechnet hatte. So stand sie also an jenem Abend Anfang August vor meiner Haustür. Ich hatte nun eigentlich damit gerechnet, daß sie erst einen Tag später aus der Türkei zurückkommen würde, aber sie stand halt vor meiner Tür. Überglücklich öffnete ich die Tür, denn da ich in der letzten Zeit doch viel zu tun hatte, war ich kaum in der Lage unsere Beziehung zu pflegen. Trotz des warmen Wetters, war sie ganz und ganz in ihre lederne Motorradkluft gehüllt, auch Handschuhe hatte sie bis jetzt noch an. „Hallo mein Liebster,“ begrüßte sie mich mit einem dicken Schmatzer auf die Wange. Ich bin ein bißchen eher aus dem Urlaub zurückgekommen, als ich geplant hatte. Na ja ganz ehrlich gesagt bin ich heute schon planmäßig zurück, aber ich hatte Dir halt gesagt, daß ich erst einen Tag später aus dem Urlaub kommen würde, denn ab Morgen werde ich wieder arbeiten, statt am Mittwoch mit der Arbeit anzufangen. Das alles hat nämlich auch einen bestimmten Grund, denn ich habe jetzt doch noch einige Tage im September frei, genau wenn Du auch Deinen Urlaub hast. Ich bin da halt ein wenig trickreich und versuche andere so positiv zu überraschen.“ „Nichts würde ich lieber tun, als mit Dir wegzufahren,“ entgegnete ich ihr. „Ja und weißt Du was ?“ fuhr sie fort. „Ich habe mir auch schon was ganz besonderes einfallen lassen, wohin denn die Reise gehen könnte. Wie ich weiß, machst Du ja gerade Deinen Motorradführerschein nach und Du bist ja ungefähr im September damit fertig. Und weißt Du was, ich habe Dir noch gar nicht erzählt, das mein zweitältester Bruder Mehmet auch eine Harley besitzt. Irgendwie ist ihm das Motorrad fahren vor einigen Monaten zu gefährlich, aber auch zu teuer geworden. Und jetzt möchte er sein Motorrad gerne loswerden. Dir würde er es supergünstig verkaufen, denn ich hatte mit ihm gesprochen. Würde er es anders verkaufen, so würde er 1.000,-- DM mehr nehmen.“ Mehmet war momentan ein wenig knapp bei Kasse, denn erst hatte er eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker hingelegt und leistete nun seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr (er hatte auch wie Gülsüm seit 2 Jahren die deutsche Staatsangehörigkeit) ab, wo er einen noch knapperen Sold als ich erhielt. So besuchten wir am kommenden Wochenende Mehmet, der Wochendienst hatte und zusammen fuhren ich, Gülsüm und Mehmet am Truppenübungs- gelände vorbei immer weiter und weiter. Mehmet war anders als Murat, denn Murat war ein wenig melancholisch und vielleicht auch ein wenig depressiv und nachdenklich, während Mehmet eher wie seine Schwester auch der Partytyp war, wobei gesagt werden muß, daß er durchaus vernünftig handelte und seine Grenzen kannte. So kaufte ich an diesem Wochenende Mehmet das Motorrad für 3.500,-- DM ab, wobei er mir die Maschine bis zu mir auf den Hof fuhr. Da war sich doch meine Mutter schwer am wundern, als plötzlich ein junger Türke mit seinem Motorrad auf die Hofeinfahrt ihres Hauses fuhr, denn sie hatte diese Situation mitgekriegt, war dann aber beruhigt, als ich und Gülsüm ein paar Minuten später auch bei mir zu Hause eintrafen. 13. Ferien mit Gülsüm Es war schon fast Oktober, als ich so mit Ach und Krach doch noch meinen Motorradführerschein bestand, denn dieser Schein war mir auch sehr wichtig – ohne ihn könnte ich mit Gülsüm nicht in die Ferien düsen. Wir wußten nun nicht so genau, wohin die Reise gehen sollte, denn leider hatte sie nur eine Woche frei bekommen und so waren wir natürlich auch ein wenig eingeschränkt von der Wahl unseres Zieles. Wir waren uns dann doch einig, mal einen Motorradausflug nach England und Wales zu unternehmen, denn weder ich noch Gülsüm waren jemals dort gewesen. Meine Mutter hatte mal wieder ein wenig Angst um mich, ich der ich ja nun gerade erst meinen Motorradführerschein bestanden hatte, doch als ich ihr versicherte, daß Gülsüm und ich doch sehr gemäßigt fahren würden, ließ sie ihre Sorge um mich doch ein wenig los. Aber ganz so vorsichtig bretterten wir dann doch nicht über die Autobahnen, nur wenn uns Staus zur Tempoeinhalt geboten (wobei man da ja mit dem Motorrad bequem überholen kann). Jetzt war Frühherbst und die milde Altweibersommer- sonne schien ihre letzten warmen Strahlen für dieses Jahr. Wir fuhren an Wälder, Wiesen und Städten vorbei, an Köln, an Brüssel, an Ostende bis wir in Calais ankamen. Dort wartete auch uns die Fähre nach Großbritannien. Sehnsüchtig schauten wir über das Meer, suchten allerdings vergebens die Felsen von Dover, denn so weit reichten unsere Blicke auch nicht. Auf der Fähre dann blickten wir die ganze Zeit sehnsüchtig rüber und dann kamen die Felsen des Vereinigten Königreiches immer näher. So erreichten wir nach über einer Stunde das britische Festland und die ärmliche Kanalstadt Dover mit ihren Krimskramsläden. Weder ich noch Gülsüm waren bisher in England gewesen und mußten uns denn veränderten Straßengegebenheit mühsam anpassen, aber auch das bekamen wir hin. Den abend wollten wir in der Megametropole London verbringen, wußten allerdings noch nicht in welcher Nobelherberge oder auch in welchem abgefuckten Hotel wir die Nacht verbringen würden. In London angekommen herrschte mal wieder das Verkehrschaos, vor allen Dingen auf dem Autobahnring, der sich beleuchtet um London herumzog, aber nur so voller Baustellen gespickt war. Mühsam quälten wir uns nun durch die Straßen zur Rush-hour. Wir fanden, daß es doch wohl, das Beste wäre in einer Jugendherberge unterzukommen. Und so fanden wir tatsächlich eine Herberge nicht weit von dem berühmt-berüchtigten Viertel Soho. Diese Herberge hatte eine großen Empfangshalle fast wie bei einem Hotel. Das Zimmer, das man uns zeigte, ließ uns dann allerdings doch wieder die Realität erkennen, daß wir uns nicht unbedingt in einem Hotel befanden. Zwar hatten wir keine Stockbetten, aber außer einem Doppelbett war das Zimmer recht spartanisch gehalten. Aber wir hatten einen herrlichen Blick auf die nun in die Dämmerung fahrenden Autos, die jetzt immer noch Auto an Auto vorbei rauschten, wie auf einer großen Chaussee. Nun wo der Abend gekommen war, wollten wir uns in das Nachtleben dieses ominösen Viertels begeben. Da es nun schon bald Anfang Oktober war, wurde es ja nun schon recht früh dunkel und trotzdem war es noch recht früh am Abend. Wir schritten die großen Geschäfte lang, die inzwischen geschlossen hatten. Uns begegneten sogenannte Rosenverkäufer, deren Rosen allerdings schon an der nächsten Ecke verwelkt waren, Jongleure, Rotlichtmiezen und sogenannte indische Sikhs, die mit ihren Turbanen auf dem Kopf überhaupt nicht wie Fremdkörper in diesem Straßenbild wirkten. Und so fanden wir uns schließlich in einem richtig englischen Pub wieder, wo es Guiness und andere englische Biersorten in Hülle und Fülle gab. Ich, der ich sonst eigentlich sonst nicht so viel trank, ließ mich von Bierbäuchigen Engländern dazu überreden, mich unter den Tisch saufen zu lassen. Die Jungs schienen wirklich in Ordnung, nur waren wohl um so einiges trinkfestiger als ich. Gülsüm als Frau hielt sich doch eher zurück, denn obwohl sie auch des öfteren mal Alkohol trank, ließ sie es lieber bei einem Glas Bier gut sein. Mir wurde immer schummriger und schummriger zu Mute, ja ich war regelrecht betrunken und nur Gülsüm war noch vollen Sinnes. Und da passierte etwas, wo mit keiner von uns so recht gerechnet hatte. Ich konnte mich nur noch so ganz eben erinnern, das 2 Kerle wie Schränke in den Pub kamen. Keith, der eine Engländer, den wir an diesem Abend kennnen gelernt hatten schien die Beiden zu kennen. Doch dann schien es zu einer Auseinandersetzung zu kommen zwischen den Beiden und Keith. Die beiden Schränke waren allerdings auch schon so stramm, daß sie kaum noch gerade gehen konnten. Ich hörte nur Worte wie „Fucking bitch“ und dann faßten die Beiden Gülsüm an die Brust. Meine Müdigkeit begann nun in Wut umzuschlagen. Ab da hatte ich dann einen Filmriß. Als ich aufwachte befand ich mich im Police-Office. Oh, was war nur weiter passiert, fragte ich mich in diesem Moment mit dickem Kopf. 14. Mit einem Bein im Gefängnis Da saß ich nun im Police-Office und Gülsüm stand dabei. Gülsüm konnte hervorragend Englisch sprechen, überhaupt schien Gülsüm recht sprachbegabt zu sein, aber nun sie war ja auch 2sprachig aufgewachsen. Außer Englisch, Deutsch und Türkisch, beherrschte sie noch ein bißchen Französisch und Spanisch. Ich dagegen hatte auf der Realschule nur leidlich Englisch gelernt, was ich am Besten betrunken sprechen konnte, wie es sich an diesem Abend herausstellte. Ach ja das Jahr Französisch nicht zu vergessen, aber ich glaube inzwischen hatte mir Gülsüm schon mehr Türkisch beigebracht, als ich je an Französisch sprechen konnte, das nur so nebenbei erwähnt. Auch wenn ich mich gedanklich nun versuchte wegzubeamen, befand ich mich immer noch im Police-Office und Gülsüm stand Gott-sei-Dank noch neben mir. Ich war viel zu müde, um noch richtige Antworten geben zu können und dann noch auf Englisch. Schließlich notierte sich der Seargent etwas auf seinem Notizzettel, warf einen Blick auf den Computer, schaute dann auf unsere deutsche Ausweise, nickte dann zufrieden und ließ uns dann frei. Man zeigte uns den Weg zur Tür nach draußen und brummte irgend etwas wie ein „Be careful“ hinter uns her. Ich war nun halbwegs wieder nüchtern, nur fühlte ich mich sehr, sehr müde. Gülsüm faßte sich ans Herz und meinte zu mir: „Was für ein Alptraum heute Nacht....Weißt Du, daß wir beide mit einem Fuß im Gefängnis standen ?? Nur weil es zu einer Schlägerei gekommen ist, als mich die Kerle, die in den Pub kamen belästigen wollten. Und diesen Keith hatten sie ja auch angegriffen. Anschließend hatten sie dann noch die gesamte Einrichtung des Pubs bearbeitet. Aber ich konnte sie dann doch noch mit dem Wirt zusammen in die Flucht schlagen, schließlich war ich ja noch einigermaßen nüchtern.“ Da begann ich doch ein wenig zu schmunzeln: „Du, die starke Gülsüm ?“ „Ja, allerdings stark, ist übertrieben. In manchen Momenten bin ich vielleicht mutig, aber gewiß nicht stark. Ich war wohl früher mal im Karate –und Judoverein, aber da war ich so 13, 14, 15.“ Nun schaute ich Gülsüm müde, aber glücklich in die Augen. Dann meinte Gülsüm zu mir: „Wie Du die Kerle vorhin angegangen bist, war aber auch nicht schlecht. Na ja und das wir auf der Polizeiwache deswegen waren, hat sich ja nun Gott-sei-Dank auch erledigt. Du kannst auch ganz schön gefährlich werden, nicht so offensichtlich, aber Du hattest vorhin auch eine ganze Menge Mut.“ „Mut,“ seufzte ich. „Was ist Mut, nennst Du das vielleicht Mut, daß weil ich betrunken war plötzlich recht angriffslustig wurde ??“ Nein, das war es natürlich nicht was Gülsüm meinte. Aber das war ja auch jetzt egal. Jetzt hieß es erst einmal den Weg zu dieser verflixten Herberge finden. Es war nun inzwischen kalt und ungemütlich geworden, denn jetzt in den Nächten konnte es zu dieser Jahreszeit schon bitterkalt werden. Orientierungslos begaben wir uns durch die Straßen dieser großen Stadt und kamen uns vor wie in einem riesigen Labyrinth. Schließlich kamen wir noch auf die Idee in einem U-Bahnschacht zu nächtigen. Aber es half alles nichts, wir mußten unser Hotel wieder finden. Schließlich sahen wir, wie ein Penner in einer Mülltonne nach etwas zu essen wühlte, in Deutschland wäre so eine Situation undenkbar. Und da wir nun keinen anderen fragen konnten außer den Penner, wo es denn wohl zu unserem Hotel ginge, fragten wir ihn, die wir nur wußten, das unser Hotel „Palace-Youthhotel“ hieß. Und tatsächlich, so schäbig und dreckig der Penner auch sein mochte, er gab uns freundlich Antwort und zeigte uns den Weg wie ein Gentleman. Ja er bestand sogar darauf und erzählte uns nebenbei so seine halbe Lebensgeschichte. Ich wußte nicht genau, ob uns der Penner über Umwege zum „Palace-Youth- hotel“ brachte, aber es schien eine Ewigkeit zu dauern, ehe wir da waren. Jack, wie der Penner hieß, war früher einmal ein Banker, der im Speku- lationsgeschäft bei der Londoner Börse beschäftigt gewesen war. Doch da das Pflaster in jenem Milieu bekanntlich hart und unerbittlich ist, gingen seine Geschäfte auch bald den Bach runter. Alkohol und andere Sorgen erledigten dann den Rest und ließen ihn zum obdachlosen Sozialfall werden. Doch eine Bitte hatte er dann doch, ob er nicht auch mit in unserem Zimmer übernachten könne, wozu wir uns dann auch gern überreden ließen. Allerdings verdonnerten Gülsüm und ich Jack dazu am nächsten Morgen unter die Dusche zu robben. Jack verabschiedete sich dann beim Frühstückstisch von uns, zog sein Kappi auf und verschwand dorthin, wo er herkam, auf die Straße. Gülsüm und ich hatten uns noch am Frühstückstisch einige Gedanken um Jack gemacht. Einerseits war es sicherlich ein wenig romantisch durch die Straßen dieser großen Stadt zu ziehen und jede Ecke von ihr zu kennen. Jack hatte bei seinem Abschied noch gemeint, daß es eigentlich keinen besseren Stadtführer gäbe als ihn, der einem London zeigen könnte. Aber dann war da natürlich noch die andere Seite der Medaille, auf der Straße übernachten zu müssen oder in Zimmern der Heilsarmee. Wir hatten allerdings in diesen beiden Tagen schon soviel erlebt, das wir es für das Beste hielten London so schnell wie möglich hinter uns zu lassen. An den folgenden Tagen guckten wir uns noch ein bißchen in der Gegend von Südengland und Wales um. Doch als das Wetter immer bescheidener wurde, sahen wir uns doch gezwungen wieder nach good old Germany zurück zu düsen. 15. Özlem und die Liebe Es war inzwischen Winter geworden. Sehnsüchtig dachten ich und Gülsüm noch an die Zeit in London zurück. Doch nun kam der Winter, der zwar nicht so hart wurde und nur wenige Frosttage mit Temperaturen unter 0 hatte, aber es wurde halt doch zu kalt und ungemütlich um Motorrad fahren. So fanden unsere gemeinsamen Aktivitäten halt mehr im Haus statt. Eines Tages waren wir gerade mal wieder bei Gülsüm, das neue Jahr hatte schon begonnen und die Muslime feierten jetzt noch 28 Tagen Ramaddan, das Fest des Fastenbrechens, welches auch die Yildirims feierten, obwohl sie als Aleviten sich nicht ans Fasten hielten. Wir waren im Kreise der Familie, sprich Gülsüm, Nuray, Erkan, Murat, Canan, Mehmet, Mehmets Freundin Silke (er hatte auch eine deutsche Freundin !!!) und meine Wenigkeit, da klingelte es an der Tür. Gülsüm öffnete und wer stand da vor der Tür: Es war Gülsüms beste Freundin Özlem. Özlem kam heulend zu uns ins Wohnzimmer und ihr Problem wurde uns nun auch ganz schnell klar, als wir auf ihren Bauch blickten. Özlem war schwanger, welches ja an sich ein freudiges Ereignis war, wäre Özlem schon verheiratet, aber wie sich herausstellte, war Özlem bei einem One-Night-Stand schwanger geworden. Özlem war zu Hause zwar nicht so streng erzogen worden und konnte sich auch ihren späteren Ehemann selber aussuchen, aber eine Schwangerschaft bei einem One-Night-Stand entstanden, das war auch für Özlems Vater zufiel und so warf er sie zu Hause raus. Nun wußte Özlem als Verstoßene nicht, wo sie bleiben konnte. Erkan blickte sie kopfschüttelnd an und meinte: „Hättet ihr wenigstens verhütet, dann wäre die Sache sicherlich nicht so schlimm, aber ich kenne Deinen Vater, denn daß seine Tochter ein uneheliches Kind zur Welt bringen wird, geht über seinen Verstand. Aber vielleicht könnte ich ja mal versuchen mit ihm von Mann zu Mann zu reden. Mit Ismahan kann man doch eigentlich reden.“ „Nein,“ heulte Özlem los, zu meiner Familie kann ich nie wieder zurück. Ich habe schließlich meiner Familie Schande gemacht. Unter anderen Umständen würde mein Vater vielleicht anders denken, aber meine Onkel und Tanten reden nun mal anders und wie würde da mein Vater da stehen. Für eine Abtreibung war es auch zu spät, außerdem wollte ich nicht abtreiben.“ „Mutig, mutig,“ meinte ich vielleicht in diesem Moment ein wenig taktlos. Bei den Yildirims konnte sie im Moment nicht bleiben, daß wußte ich. Ich glaube, wenn Gülsüm bei einem One-Night-Stand schwanger geworden wäre, dann wären Nuray und Erkan auch nicht gerade begeistert gewesen, denn schließlich sollte ja doch eine gewisse Moral gewahrt bleiben, wobei es zwar ein Donnerwetter gegeben hätte, aber Gülsüm wäre ganz sicher nicht verstoßen worden. Schließlich heißt es auch bei den Aleviten: „Hüte Deine Zunge, Deine Hände und Deine Lenden...“ Dann kam mir ein Einfall, ja Özlem könne ja erst einmal bei uns zu Hause unterkommen, da sich meine Mutter mit ihrem neuen Freund nach langer Zeit mal wieder im Urlaub befand. Gesagt, getan und so quartierte sich Özlem für ein paar Tage bei uns ein. In einer ruhigen Minute saß ich zusammen mit Özlem und Gülsüm zu Hause an einem Tisch. Özlem hatte die letzten Tage noch oft bitterlich geweint und seufzte, daß bei ihr zu Hause doch alles strenger ist, als bei Gülsüm, auch wenn ich mich erinnern konnte, daß Özlem schon mal mit uns zusammen abends loszog. An diesem Abend als wir nun zu dritt beisammen saßen, hatten wir einen Einfall. Es müßte ja ein Junge da sein, der um Özlems Hand anhalten wollte und der das Kind, das Özlem nun in 2 Monaten zur Welt bringen würde, als Seins ansehen könnte. Dann wäre ja auch die Ehre von Özlems Vater Ismahan wieder hergestellt. Und tatsächlich, Özlem rückte damit heraus, daß sie seit längerer Zeit einen Verehrer hätte, den sie übrigens bei Murats und Canans Hochzeit kennengelernt hatte. Als sie seinen Namen verriet, wurde mir zwar fast speiübel bei dem Gedanken, denn es war, Özkan Canans Cousin, der mir zu Realschulzeiten doch ein wenig Ärger bereitet hatte. In dem Moment konnte ich dann nur sagen: „Wo die Liebe hinfällt.....“ So vergingen wieder einige Tage und meine Mutter kam nach Hause, natürlich Nichtwissens das Özlem sich erst einmal eine Zeit bei uns einquartiert hatte. Das war nun halt mal so, wo Mehmet wieder bei den Yildirims zu Hause wohnte, weil er seine Bundeswehrzeit nun rum hatte. Sie kam also zur Haustür herein und wollte mich freudig begrüßen. Da kam sie aber nun ins Wohnzimmer, wo sich Özlem auf dem Wohnzimmersofa ihren Schlafplatz geschaffen hatte. Da es schon recht spät war, wollte Özlem schlafen gehen, denn vor morgen früh hatte ich eigentlich nicht mit der Ankunft meiner Ma gerechnet. Ein wenig verlegen begrüßte Özlem meine Mutter mit einem Hallo. Meine Mutter war sprachlos und wußte nicht genau, was sie sagen sollte. Sie hatte ja die Beziehung zu Gülsüm doch akzeptiert, weil sie wußte, daß auch Gülsüms Eltern nichts gegen mich hatten, aber was war das ?? Da wollte sich eine Freundin von Gülsüm in ihrem heiligen Wohnzimmer schlafen legen ?! Wortlos ging sie in die Küche, wo ich sie erwartete. „Wer ist denn dieses hochschwangere Mädchen auf dem Sofa ?“ fragte sie mich vorwurfsvoll. „Psst,“ wollte ich sie beruhigen. „Das ist Özlem, Gülsüms beste Freundin. Sie bleibt hier nur für ein paar Nächte, weil sie zu Hause ziemlichen Streß hat. Weswegen kannst Du dir ja sicherlich denken. Aber Erkan und Gülsüm wollen noch mal mit ihrem Vater reden.“ „Na hoffentlich reden die bald mit ihrem Vater, denn ich habe keine Lust noch deswegen mit einer türkischen Sippe Ärger zu kriegen,“ entgegnete sie. Schließlich einigten wir uns darauf, daß Özlem noch eine Woche sich bei uns aufhalten konnte. Und tatsächlich in den Folgetagen kam es zu einer überraschenden Wende, wie sie positiver nicht sein konnte. Ja vorsichtig optimistisch würde ich an dieser Stelle sogar von einem Happy-End reden wollen. Erkan, der Ismahan schon lange kannte, redete also noch einmal von Mann zu Mann mit ihm. Erst gab sich Ismahan hart, denn schließlich hatte seine Tochter seine Ehre sehr verletzt. Es war nicht so, daß Ismahan es nicht akzeptiert hätte, wenn seine Tochter einen festen Freund gehabt hätte, aber eine ungewollte Schwangerschaft durch einen One-Night-Stand, daß war zuviel für Ismahan. Wie würde er denn dastehen vor seiner Verwandtschaft, bekräftigte er noch mal den Verstoß seiner Tochter. Dann aber gab Erkan Ismahan freudig zu verstehen, daß Ismahans Tochter ihm nun keine Schande mehr machen wolle, denn sie hätte sich in Özkan verliebt und Özkan sei sogar bereit ihr Baby, als das Seinige zu akzeptieren. Schließlich winkte Ismahan doch ein. Ja, wenn dieser Özkan tatsächlich dazu stehen würde, dann könnte er doch noch einen Teil der Familienehre retten. So kam es und Özkan gab tatsächlich wenige Wochen später Özlem das Ehever- sprechen. Ich hatte diesen Özkan immer für einen Störenfried gehalten, der früher jedenfalls nur andere provozieren wollte und als äußerst aggressiv galt. Jetzt aber, nachdem er wohl auch beruflich und privat vorher einige Niederlagen einstecken mußte, wurde aus dem Saulus der Paulus. Wenige Wochen später kam dann auch Özlems Kind zur Welt. 16. Yasmin Nun war wir schon über ein Jahr ein Paar, das natürlich auch mal Streit hatte und Krisen meistern mußte, aber für mich steht heute fest, daß ich wohl nie wieder eine Frau so lieben würde wie Gülsüm. Es war Mai 1999 und ich war nun schon seit über einem Jahr mit Gülsüm liiert. Das war auch der Monat, in dem ich mich vom Krankenhaus verabschieden mußte. Nun würde ich wieder in meinen alten Beruf als Schauwerbegestalter arbeiten. Da galt es nun wieder Schaufensterpuppen in einem großen Kaufhaus zu dekorieren und die Schaufenster herzurichten. Das alles machte mir schon Spaß, so war es ja nicht, denn in diesem Beruf hatte ich, ein notorischer Einzel- gänger nicht so viel mit Leuten zu tun und konnte trotzdem zeigen, was ich konnte. Nur die Arbeitszeiten waren natürlich nicht so günstig, da mein Arbeits- tag oft erst um 19.00 Uhr endete. Ich wußte, daß ich die Leute von der Station 9 vermissen würde, denn nicht nur mit Gülsüm hatte ich privat Kontakt geschlossen, sondern auch mit Stefan und Anke, 2 jüngeren Pflegekräften. Aber eigentlich war es besser so, daß ich und Gülsüm nicht mehr zusammen auf einer Station arbeiteten, denn das hatte u.a. auch schon mal zu Spannungen gesorgt. Jetzt aber im Mai, wo wir uns nicht mehr jeden Tag am Arbeitsplatz sahen, konnte unsere Liebe ihre Blüten voll entfalten. Gern dachten wir zurück an die Höhepunkte unserer gemeinsamen Liebe, Murats Hochzeit, der Londonfahrt und vielem mehr. Nach einigen weiteren Wochen nun, es war schon Mitte Juni – ich hatte das Krankenhaus nun schon einen Monat hinter mich gelassen, da wollte mir Gülsüm ein kleines Geheimnis anvertrauen. So kam sie an diesem Juniabend zu mir und sah mich geheimnisumwittert an: „Weißt Du noch die Sache vor einem halben Jahr mit Özlem...,“ freute sie sich mir mitteilen zu können. „Jetzt hat es mich selber erwischt.“ Tief entgeistert blieb ich stehen, obwohl ich innerlich mit dieser Situation schon lange gerechnet hatte, denn insgeheim verspürte auch ich den Wunsch nach einem Kind. Naja ein bißchen jung kam ich mir schon vor mit meinen 21, aber bei Gülsüm als Mutter war das natürlich keine Frage. Doch dann fiel ich ihr überglücklich in die Arme. Wir verdienten beide Geld und würden nun wohl auch bald heiraten, denn die Pläne dafür schmiedeten wir schon seit der Sache mit Özlem, also seit etwa einem halben Jahr. Nun überlegten wir uns aber auch an diesem Abend, wie das Kind denn wohl heißen würde. Viele Variationen waren da natürlich möglich von deutschen über türkischen Vornamen bis hin zu Namen, die nur knapp zugelassen würden. Wenn es ein Mädchen würde, so überlegten wir, würden wir ihr entweder den Namen Yasmin oder Nina geben, wenn es aber ein Junge würde, sollte er entweder Felix oder Ahmed heißen. Vielleicht könnte ja auch ein Vorname türkisch und einer deutsch sein, so als Doppelname halt, denn ich hieß ja auch schließlich nicht nur Matthias, sondern Matthias-Benjamin, wobei mein Zweitname nicht einmal bis jetzt Gülsüm bekannt war. Innerlich aber war mir klar, daß Gülsüm eine Tochter zur Welt bringen würde und diese wunderschöne Tochter, die zwar Gülsüms schwarze Lockenpracht besitzen würde, aber meine hellblauen Augen, würde unser Glück ver- vollständigen. Ja und tief in meinem Herzen trug dieses Mädchen schon den Namen Yasmin mit Y versteht sich, so wie dieser Mädchenname in der Türkei und im vorderen Orient vorkam. In ging mit meinen Gedanken in mich und stellte mir nun vor, wie diese Tochter Yasmin selbst schon erwachsen wurde und sich die Männer hinter ihr herschauten. Später als Gülsüm nach Hause gegangen war, verkündigte ich meiner Mutter von der frohen Botschaft, daß sie nun doch schon mit etwas über 50 bald zur Großmutter gemacht würde – ja und das wir nun auch bald heiraten würden. Meine Mutter reagierte aber komischerweise sehr gelassen, denn sie hatte so was in der Art schon erahnt. Ja sie freute sich mit mir, daß ich schon jetzt die Partnerin meines Lebens gefunden hatte, obwohl sie es besser gefunden hätte, ich hätte mich noch ein wenig umgeschaut. Sie war nun auch toleranter geworden, da sie Gülsüm nun gut kannte und sich innerlich gar keine andere Schwiegertochter mehr wünschte, auch wenn deren Eltern aus der Türkei stammten. 17. Vorbereitungen für das große Fest Es war in den vergangenen 1 ½ Jahren so viel passiert, daß ich Ende des Jahres 99 mir nicht sicher war, das ich das alles in der kurzen Zeit erlebt hatte. Es daran bestand nun Gott-sei-Dank kein Zweifel. Was war nicht alles in der Zwischenzeit passiert. Nun, wenn das neue Jahrtausend kommen würde, so dachten wir uns, dann wollten auch wir einen Neubeginn mit der Hochzeit starten. Wir wollten aber zum Standesamt noch im alten Jahr genau gesagt am 31.12.99 hätten wir vormittags im Standesamt zu erscheinen. Es wäre auch noch schön gewesen, wenn wir vielleicht kirchlich geheiratet hätten, aber wär sicherlich recht ungewöhnlich gewesen, denn schließlich war Gülsüm nun keine Christin. So hatte ich mich kurz vor der geplanten Hochzeit mal zu meinem alten Pfarrer aufgemacht, der mich konfirmiert hatte....es war kurz vor Weihnachten gewesen. Pastor Levi freute sich natürlich sehr, daß ich nach all den Jahren wieder den Mut besaß zu ihm zu kommen. Er stand jetzt nun kurz vor der Pensionierung, denn Anfang des kommenden Jahres würde er dann in den wohlverdienten Ruhestand eintreten. Ich schilderte ihm meine Situation, in der ich mich nun befand und wollte nun natürlich wissen, ob es trotzdem eine kirchliche Trauung geben könnte, obwohl Gülsüm eine Alevitin war. Auf jede andere Situation wäre der Pastor gefaßt gewesen, auch auf jede andere Frage, nur nicht auf diese. Ich hatte mich selber schon einmal mit diesem Thema vorher auseinander gesetzt und erinnerte mich an eine Sendung im ZDF, wo es um Islam in Deutschland ging: Da wurde tatsächlich diese Situation geschildert, in der ein junger deutscher Katholik eine türkische Muslimin kirchlich heiraten wollte und das ging tatsächlich. Da kam also der Houdscha dazu und so gab es eine christlich-islamische Trauung. Im Fall einer Scheidung hätte wohl der Vater von diesem jungen Mann dem Houdscha 1000 Goldstücke zahlen müssen oder so (schließlich ist ja in islamischen Ländern eine Heirat zwischen einem Christen und einer Muslimin nicht möglich). Allerdings ging ich wohl davon aus, daß dieses Mädchen dann wohl keine Alevitin sondern eine sunnitische Muslimin war. Levi hörte erstaunt zu, als ich ihm von diesem Fall berichtete. Kopfschüttelnd sah er mich an und meinte: „Ich finde es toll, daß ihr heiraten wollt und jeder seine Religion behält, aber die alevitischen Sitten sind mir fremd. Es mag solche Hochzeiten geben, aber ich schätze mal das generell diese alevitischen Geistlichen etwas dagegen hätten den Segen für eine solche Hochzeit zu geben. Auch wenn es bei Gülsüms Familie keine Rolle spielt, welcher Religion du angehörst, bei den Geistlichen glaube ich schon. Na und würden wir einen Houdscha holen, dann wäre das wohl kein alevitischer Geistlicher sondern ein sunnitischer Geistlicher. Ich kann mich ja mal genau erkundigen, aber ich glaube, daß geht nicht. Davon abgesehen ist so ein komischer Vertrag, wo der Vater im Fall einer Scheidung dem Houdscha 1000 Goldstück zahlen muß sowieso ungültig hier in Deutschland.“ Pastor Levi sah mich noch einmal an und meinte: „Ich finde es sehr löblich, daß du kirchlich heiraten willst. Wir können ja mal gucken, was zu dem Thema in meinem „Lexikon der Religionen“ steht.“ Dann gingen wir zusammen in sein Arbeitszimmer, wo sich in mehreren Wandregalen eine große Ansammlung von allen wichtigen religiösen und theo- logischen Schriften befand. Er schaute in das „Lexikon der Religionen“ unter dem Stichwort Islam, wo er sehr viel fand. Mitunter wurden auch einzelne Koran-Suren zitiert und waren aufgeführt. Über das Thema Aleviten fand er allerdings nicht all zu viel. Da stand u.a. das das Alevitentum, als eine der einzigen islamischen Konfessionen die christliche Offenbarung von der Dreieinigkeit Gottes anerkennt. Eine Beziehung zwischen einem Aleviten und einem Nicht-Aleviten käme allerdings nicht in Frage, so stand es im Lexikon. „Na ja, das sind Gesetze, die gelten für arabische Länder und für das Leben von strenggläubigen Aleviten,“ meinte Pastor Levi. „Es müßte sich nur ein Pir oder Dede oder Houdscha – wie auch immer die alevitischen Geistlichen heißen mögen, finden und euch zusammen mit mir gemeinsam trauen. Dieses wäre für mich natürlich auch eine Herausforderung, aber ich wäre wohl dazu bereit.“ „Gülsüm, sagte mir das allgemein bei den Aleviten die Religion zwar nicht ganz egal wäre, aber viele wären wesentlich eher bereit so eine multireligiöse Beziehung zu akzeptieren, als bei den Sunniten. Aber wie das im Einzelnen ist, das wußte sie auch nicht,“ entgegnete ich ihm. „Ach, weiß Du was,“ schlug er vor. „Ich werde auf jeden Fall zu eurer Hochzeit kommen, das verspreche ich euch – vorausgesetzt natürlich ihr wollt mich dabei haben.“ „Aber klar,“ meinte ich, bedankte mich bei dem Pastoren und ging. Die nächsten Tage wurden ziemlich hektisch und vor all Dingen teuer, denn so eine türkische Hochzeit verschlang ziemlich Geld, außerdem wollten wir ja Sylvester feiern und uns was ganz besonderes dafür einfallen lassen. Es würde auch wohl die halbe Verwandtschaft von Gülsüm kommen, die ja nun mehrheitlich mit unserer Beziehung einverstanden wäre, außer vermutlich Gülsüms Großeltern väterlicherseits, die noch in der Türkei mit Gülsüms Großcousins und Großcousinen lebten. Sie waren schon nicht zu Murats Hoch- zeit gekommen, wie aber würden sie denn wohl reagieren, wenn sie wüßten, das Gülsüm einen Christen heiratete ?? So alte Leute würden ohnehin nicht viel von dem verstehen, was die heutige Jugend bewegt. Sie selber hatten nie in Deutschland gelebt, sondern ihre Kinder waren dort hingezogen, weil es in der Gegend von Antalya, aus der Erkan kam, nicht genügend Arbeit gab. Erkans ältester Bruder Cem war es, der als erster nach Deutschland gezogen war, Erkan war ihm dann gefolgt. Klar waren Erkans Eltern schon mal in Deutschland gewesen, aber das war alles für sie eine fremde Welt, denn seine Eltern waren relativ konservativ eingestellt. Cem war übrigens der Vater von Ergün, Gülsüms Cousin, den wir mal in Berlin besucht hatten. 18. Auf dem Weg in ein neues Jahrtausend Es sollte eine ganz tolle Hochzeit werden, an jenem letzten Tag des Jahres. Mit einiger Aufregung waren wir am Vormittag noch zum Standesamt geschritten, wo wir um 10.00 Uhr einen Termin hatten. Merklich nervös waren wir schon, auch wenn es leider keine kirchliche Trauung geben würde. Draußen würden all unsere Kollegen aus dem Krankenhaus warten, aber Gülsüms Vater Erkan ließ es sich nicht nehmen unser Trauzeuge zu sein. Natürlich waren auch meine Eltern, die sich nun das erste Mal an diesem letzten Tag des Jahres, nach vielen Jahren wieder sahen und meine Schwestern dabei, die nichts von dem romantischen Kitsch des Heiratens hielten. Auch Erkans Frau und Gülsüms 2 Bruder waren dabei und der Standesbeamte war doch äußerst erstaunt über dieses Multikulti-Aufgebot. Das hatte er in all den Jahren nur selten erlebt. So laß er dann also vor: Matthias-Benjamin Heinrichs geb. am 14. Februar 1978 in Bielefeld Sohn von Marie und Klaus Heinrichs Ehelicht heute Gülsüm Yildirim geb. am 16. März 1976 in Bielefeld Tochter von Erkan und Nuray Yildirim Auch wenn es nur eine standesamtliche Hochzeit war, war es für mich der schönste Tag in meinem bisherigen Leben. Ja und der Abend, der folgte sollte noch viel schöner werden. Meine Eltern und die von Gülsüm hatten sich darauf verständigt die Hochzeit zu organisieren. Es sollte ein sogenannter Hochzeitsbus gechartert werden und die Hochzeit sollte an einem uns nicht bekannten Ort stattfinden. Wir und die Hochzeitsgesellschaft, die auch zur Hochzeit eingeladen war (Gülsüms Großeltern waren allerdings doch nicht dabei, denn sie waren schon zu alt, um noch einmal nach Deutschland zu kommen). Unsere ganzen Kollegen und viele Freunde waren auch dabei und natürlich vor allen Dingen die Verwandten aus meiner und aus Gülsüms großer Familie (die, die halt schon bei Murats Hochzeit dabei waren). Der Busfahrer, den wir angeheuert hatten, staunte nicht schlecht. Erst einmal sollte der Bus mit unterschiedlichen Flaggen ausstaffiert werden: Sie sollten unsere multikulturelle Beziehung symbolisieren. Außerdem verdeckten die Flaggen das Fenster, denn niemand außer unseren Eltern sollte wissen, wo sich die geheimnisvolle Feier abspielen sollte. In den hinteren Reihen des Busses wurde eine sogenannte Teebar aufgebaut, wo türkischer Tee in kleinen Tassen serviert wurde. Hatten wir noch einen Grill im Bus aufgebaut, dann hätte wohl der Busfahrer rebelliert. Es war gut gewesen, daß wir nicht alle Leute eingeladen hatten, die kommen wollten, denn viele von ihnen sahen unserer Beziehung und Hochzeit mißtrauisch entgegen, so z.B. auch viele von Erkans türkischen Arbeitskollegen. Auch einige von meinen Bekannten wollten nicht zu meiner Hochzeit kommen, weil sie keinen Bock Streß mit irgendwelchen Türken zu kriegen. Natürlich sollte so eine Hochzeit, wie es die türkische Tradition gebot, ein großes Fest werden und davon abgesehen war der Bus auch proppenvoll. Diese Busfahrt sollte etwas symbolisieren, nämlich die Fahrt in den Hafen der Ehe. Es war schon tief am Abend, als wir losfuhren. Das 20. Jahrhundert würde nun noch 3 Stunden dauern. Und es wurde auch eine Fahrt ins Ungewisse und ins Mysteriöse. Wir fuhren und fuhren und auf der Fahrt hörten wir türkische Volksmusik und türkische Popmusik à la Tarkan. Zwischendurch kamen aber auch mal Stücke wie „Weine nicht, wenn der Regen fällt, dam, dam....“, ganz getreu zu einer deutschen Hochzeitsfeier. Im Bus entstand ein Sprachgewirr und es war eine wirklich tolle Stimmung. Schließlich kamen wir an einem alten Bauernhof an, auf dem wohl unsere Hochzeit stand finden sollte. Trotz des Versteckspiels wußte ich nun, das wir uns im Teutoburger Wald befanden. Tief draußen vor den Toren Bielefelds, nur die roten Lichter des Funkturmes, der sich auf einem Berg vor der großen Stadt befand, konnte man sehen. Die Hochzeitsgesellschaft wurde von einem Mann begrüßt, der sich als Sultan verkleidet hatte. In seinem Gürtel steckte doch tatsächlich ein Krummschwert. Erst nahm er Gülsüm bei der Hand, entführte sie in das Wohnhaus des alten Bauernhofes und kam nach einigen Minuten mit einer verschleierten Frau wieder heraus: Diese verschleierte Schönheit war Gülsüm . Dann bat er mich doch in das Wohnhaus einzutreten, um mich umzuziehen. Ich kriegte eine Pluderhose an und einen komischen arabischen Hut auf den Kopf gesetzt. Danach wurde erst die Hochzeitsgesellschaft in die Scheune, in der die Feier stattfinden sollte, gebeten und dann wir. Es sollte ein noch tolleres Fest werden, vor allen Dingen aber ein noch originelleres Fest als das Hochzeitsfest von Murat und Canan. Drinnen erinnerte dann die Stimmung nicht unbedingt an eine türkische Hochzeit, sondern an ein arabisches Fest aus tausend und eine Nacht. Überall brannte grünliches Licht und Gülsüm flüsterte mir ins Ohr: „So sieht des Nachts die Welt in der Türkei zu Ramaddan aus. Überall erstrahlen die Minarette der Moscheen in grünem Licht. Alles wirkt dann wie der Zauber einer vergangenen Epoche.“ So wurde der Abend unvergessen und fast hätten wir es nicht bemerkt, das das neue Jahrhundert nun starten würde. All das hatte sich meine Mutter, mein Vater und Gülsüms Eltern ausgedacht. Ich sah sogar zu meiner Freude, das sich wohl gerade meine Mutter mit Nuray sehr gut verstand. Es wurde gegessen, getanzt bis zum Morgengrauen, als die Morgenröte langsam den Horizont überzog. Nun kündigte sich ein neues Jahrtausend an und es war inzwischen schon fast 8 Uhr in der Früh. Ein paar Wochen später danach kam unsere gemeinsame Tochter zur Welt, in dem Krankenhaus, in der alles mit uns begann, in dem aber auch alles mit uns enden sollte: Es war Yasemin, ein Mädchen wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Die tiefblauen Augen waren von mir, aber die leichten Locken, die den kleinen Babykopf überzogen, waren die, die auch Gülsüm nach ihrer Geburt trug. Ich erinnere mich noch gut an die erste Zeit unserer Ehe, an unsere erste gemeinsame Wohnung, in die wir kurz nach Yasemins Geburt zogen, aber ich erinnerte mich auch an die ersten schlaflosen Nächte, die wir aufstehen mußten, weil Yasemin, unser kleiner Engel, so temperamentvoll und bitterlich weinte. Viele bewunderten uns als ein Paar, das in fast vollkommener Eintracht, sich so gut verstand und trotzdem aus 2 verschiedenen Kulturen kam (dabei waren die Unterschiede natürlich nicht mehr so erheblich, weil Gülsüm ja schließlich aus einem sehr aufgeschlossenem Elternhaus kam. Gülsüms Eltern hatten ihren Kindern zwar die Geheimnisse des Alevitentums beigebracht, aber sie auch die deutsche Kultur gelehrt). Wir hatten aber auch viele Neider, u.a. Gülsüms Exfreund Süleyman, der eines Tages einmal bei uns an der Tür klingelte und fast auf mich losgegangen wär. Ich, der an dem ganzen Desaster schuld war, daß nicht er mit Gülsüm durch- brennen konnte. Gülsüm aber kam in jenem Moment an die Tür, wo er mich schon am Schlafittchen packte und knallte ihm einfach eine. Ihm, der sie auch 2 Jahre nach ihrer Trennung wohl noch so unendlich liebte. Dann drohte er ihr noch mal, aber verschwand dann für immer. Bis heute hatte ich Süleyman dann nie wieder zu Gesicht bekommen. In kommenden Sommer allerdings durchlebten wir eine wunderschöne Zeit. Unsere Hochzeitsreise wollten wir allerdings auf den Winter verschieben, wo die kleine Yasemin schon ihre ersten Gehversuche wagen würde. Aber die Touren auf dem Motorrad ließen wir uns nicht nehmen. Wir beide fuhren und fuhren, über Autobahnen, Landstraßen.... Einmal meinten wir sogar, hätten wir des Weges einen Vagabunden gesehen, der uns zu winkte. Ich weiß nicht genau, ob er es wirklich war, aber meine und auch Gülsüms Augen meinten es wäre Jack gewesen: Jack der Vagabund, der sonst doch eigentlich nur durch die Straßen Londons zog, hier auf den Straßen Westdeutschlands. 19. Eine Liebesgeschichte ohne Happy End Nun war es wieder November, tiefster November und Gülsüms Beerdigung war vor einigen Tagen gewesen. Immer wieder kehrte bei mir die Erinnerung ein, wie sie alle um das Grab sich versammelten, um Gülsüm die letzte Ehre zu erweisen. Nun war ich allein gelassen mit einem Kleinkind, das seine Mutter nur noch vom Foto her kennen würde. Immer wieder auch hielt ich mir das Bild vor Augen, als ich und Gülsüms Eltern ins Krankenhaus gerufen wurden. Gülsüms Eltern in ihrer tiefen Verzweiflung wollten ihre Tochter, wie es die islamische Religion gebietet, noch ein letztes Mal reinwaschen. Ich konnte mich noch an den Zivi erinnern, wie er uns, mich, Nuray und Erkan langsam Richtung Leichenkeller führte. Mein Herz begann zu rasen. Im Pathologenraum wollte Nuray als Gülsüms Mutter die letzte Waschung an ihrer Tochter vornehmen. Der Zivi schloß die Tür zum Leichenkeller auf. Ich erinnerte mich daran, daß ich mehrere Male mit Gülsüm hier gewesen war. Wir hatten des öfteren einen toten Krebspatienten auf den Weg in den Leichenkeller zu geleiten. Nun aber würde ich nicht mit Gülsüm zusammen durch die Tür zum Leichenkeller schreiten, denn nun wußte ich das Gülsüm selber in einer der Schubladen bei 4° C kühlte. Selbst mit Tränen in den Augen, öffnete der Zivi die Schublade, in der Gülsüm lag. Er hatte selber Gülsüm gekannt und auch schon zusammen mit ihr gearbeitet, wie er uns leise erzählte. Hier im Krankenhaus war Gülsüms und meine Hochzeit auch bis zu ihm durchgedrungen. Ein Märchen wie aus Tausend und eine Nacht, war in nur wenigen Augenblicken in tausend Scherben zersprungen. Gülsüms Leiche war mit einem Papiertuch zugedeckt, aber ihre Konturen konnte man trotzdem ganz klar erkennen. Der Zivi hievte Gülsüms Leiche vorsichtig auf einen Hubwagen und fuhr die Leiche rüber in den Pathologenraum, der sich neben der Leichenkammer befand. Dann setzten Erkan und Nuray Gülsüms Leiche auf den Tisch, der aus Metall bestand. Und dann, ich werde nie diesen Anblick vergessen, zogen sie das Papiertuch weg. Dort lag Gülsüm mit offenen Augen an die Decke starrend. Sie sah nun so blaß aus, war aber wunderschön. Ich stellte mir vor, daß sie nur schlafen würde. Ja und als ich sie näher anblickte, merkte ich das ihr Blick etwas beruhigendes in sich hatte. Etwas was mir sagen wollte, aber nicht mehr konnte: „Matthias, ich werde immer an deiner und Yasemins Seite stehen. Ich lebe ja weiter, nur meinen Körper mußte ich hier leblos zurücklassen.“ Mit traurigen Augen, aber ruhigem Herzen begann Nuray die heiligen Waschungen an Gülsüm vorzunehmen. Nuray versuchte mich zu beruhigen und meinte: „Gülsüm wird in unserem Herzen immer Gülsüm bleiben. Und wenn jemand so jung sterben mußte, dann wird er in seinem nächsten Leben sich an die schönen Momente dieses vergangenen Lebens erinnern.“ Das meinte sie ganz fest in ihrem Herzen, denn viele Aleviten glauben an die Seelenwanderung und nicht an den Tag des letzten Gerichtes an dem Allah richten wird über die Lebenden und die Toten. Wieder führten mich meine Gedanken zurück in die Gegenwart. Die Vorgänge des 2. Novembers 2000 waren nun halt nicht mehr rückgängig zu machen, das wußte ich. Plötzlich hörte ich ein Geräusch an der Tür, die sich aber nicht öffnete – vorsichtig sah ich nun nach Yasemin, die aber ganz ruhig in ihrem kleinen Gitterbettchen schlief. Dann bewegte sich plötzlich ein Schatten auf mich zu. Die Konturen wurden deutlicher. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht. Ich kriegte einen Schreck, denn da stand ein Mädchen vor mir in schwarzer Motorradkluft. Doch dieses Mädchen bestand aus keiner festen Materie, sondern schien nur aus durchsichtigem Nebel geformt zu sein. Dieses nahm den Helm ab und eine schwarze Lockenpracht kam zum Vorschein. Und dann sah in ein frisch gewaschenes Gesicht. Es war Gülsüms Gesicht, das ich sah. Ich fing an zu weinen – es war Gülsüms Geist gewesen. Ruhig legte sie ihren Finger auf meinen Mund. „Sei bitte nicht traurig. Ich muß gehen. Der Tod ist nur eine Schwelle in ein anderes Dasein, das nur Glück, Licht und Frieden kennt. Allahs Barmherzigkeit ist einfach so groß, wie ich es mir nie vorstellen konnte. Ich will dir Lebewohl sagen. Bitte habe keine Angst und trauere nicht zu viel um mich. In deinem Herzen werde ich immer wohnen.“ Dann löste sich ihre Kontur wieder in Rauch auf und war verschwunden.