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Schafe und Killer - Die 2. Nannen-Story
Kapitel VII - IX
Kriminalroman von Michael Bresser und Martin Springenberg
VIIEs war siebzehn Uhr dreißig, als ich im Büro von Schwester Kunigunde mein Gesäß auf einem Stuhl niederließ, der an Härte dem Gesichtsausdruck der Oberschwester in nichts nachstand.
VIII Eine halbe Stunde später befand ich mich in einer auswegslosen Situation. Mein König war von zwei Läufern und einem Turm eingekesselt; die Dame hielt mich im Schach. »Das war es dann wohl, Dieter.« Otto Baumeister lehnte sich zurück und zog an seiner Zigarette. Die Schachpartie hatte ganze zehn Minuten gedauert. Obwohl ich erst zweimal in meinem Leben vor einem Schachbrett gesessen hatte, deprimierte mich die Niederlage. Otto - er hatte mir sofort das "Du" angeboten - war von ganz anderem Kaliber als Wilhelm Eckolt. Der flotte Mittsiebziger war promovierter Germanist. Nach dem Tod seiner Frau hatte er das Essen auf Rädern satt gehabt und war in das Altenheim gezogen. Eigentlich wollte er nur unter Menschen kommen, doch die meisten Bewohner des Raphaelheimes konnte man nicht mehr als Menschen bezeichnen. Sie schliefen, bekamen Nahrung eingetrichtert und schieden diese aus. Die einen waren halb verrückt, die anderen von Menschenhaß zerfressen wie Wilhelm Eckolt. Wir kamen auf Franz zu sprechen. »Ich habe ihn kennengelernt, als er seinen Bruder besuchte. Er erwähnte, daß er leidenschaftlich Schach spiele. Ich mochte ihn. Also trafen wir uns regelmäßig zum Gefecht. Er spielte übrigens wesentlich besser als Du.« »Was war er für ein Mensch?« »Franz war ein absoluter Moralist. Deshalb kam er auch mit seinen Kindern nicht klar. Dieser Heinz muß das größte Ekel sein, das seine Füße auf unseren Planeten gesetzt hat. Er erinnert mich an Diederich Heßling aus dem Untertan von Heinrich Mann. Nach oben buckeln und nach unten treten; der typische Radfahrer. Ich habe ihn kennengelernt, als wir bei Franz waren. Gleich hatten sich die beiden in den Haaren. Seine Kinder stehen dem Vater in nichts nach. Kurt studiert Informatik. Das Klischee vom armen Studenten trifft auf ihn beileibe nicht zu. Er ist Mitglied im Golfclub und fährt einen Porsche. Ferner ist er im Vorstand der Jungen Union von Havixbeck. Seine Schwester studiert Betriebswirtschaftslehre im dritten Semester. Obwohl sie dumm wie Stroh ist, hat sie die meisten Klausuren mit Auszeichnung bestanden. Franz hatte mehrere Thesen darüber, wie sie das geschafft hat. Wenn Du Thekla siehst, weißt Du, was er damit meinte.« »Ich will mir die Genossen morgen zu Gemüte führen. Meinst Du, daß etwas dabei herumkommt?«
»Lassen Sie mich raten: Mutter oder Vater sind geistig weggetreten, und wir sollen sie beaufsichtigen.«
»Meine Eltern sind tot.«
»Das tut mir leid, aber was wollen Sie sonst hier? Wir nehmen nur Leute ab sechzig und Behinderte auf. Keines von beidem scheint auf Sie zuzutreffen.«
»Ich möchte Wilhelm Eckolt besuchen.« Ihre Stirn legte sich in Runzeln.
»Ich habe Sie noch nie bei uns gesehen. Sie wollen dem alten Herrn doch nicht etwa ein unseriöses Geschäft anbieten?«
»Mein Besuch ist rein privater Natur.«
»Sie müssen meinen Argwohn verstehen. Es gibt genug Betrüger, die sich die Rente unserer Bewohner unter den Nagel reißen wollen. Zudem bekommt Herr Eckolt so gut wie nie Besuch. Der einzige aus seiner Verwandtschaft, der sich blicken ließ, war sein Bruder. Aber der ist vor ein paar Tagen gestorben.«
»Ich weiß. Die Nichte von Herrn Eckolt hat mich mit der Aufklärung des Mordes beauftragt. Ich bin Privatdetektiv.«
»Ich wußte nicht, daß er ermordet wurde. Falls Sie aber Herrn Ekkolt verdächtigen, muß ich Sie enttäuschen. Er sitzt im Rollstuhl. Das hindert ihn jedoch nicht, unser Pflegepersonal zu terrorisieren.«
»Ich wollte mich nur zwanglos mit ihm unterhalten.« Schwester Kunigunde erhob sich. »Folgen Sie mir.«
Wir stiefelten durch blassgrün gestrichene Gänge, die nach Bohnerwachs und Urin rochen. Ein Pfleger schob eine graumelierte Dame im Rollstuhl an uns vorbei. Sie winkte mir zu.
»Einen wunderschönen Tag, Herr Genscher.« »Einen noch schöneren wünsche ich Ihnen, Frau Kohl.«
Die Rollstuhlfahrerin lächelte geschmeichelt. »Ich bin doch nicht Frau Kohl. Gestatten, Blüm ist mein Name.« Sie rollte weiter. Schwester Kunigunde blickte mich strafend an. »Damit eines klar ist, junger Mann. Auch wenn viele unserer Bewohner verwirrt sind, haben Sie noch lange nicht das Recht, Schabernack mit ihnen zu treiben.« Ich gab mir den Anschein von Zerknirschtheit und wies auf meine Unerfahrenheit im Umgang mit Senioren hin. Das stimmte sie gnädiger. Wir näherten uns dem Ende des Korridors. Aus einem Zimmer hörte man schon von weitem lautes Gekeife. »Pass doch auf, Du Idiot! Es nützt meinen kaputten Beinen bestimmt nichts, wenn Du sie mit Deinen Wurstfingern zerquetscht.« »Aber Schwester Kunigunde hat gesagt...« »Was die alte Schabracke quasselt, interessiert mich nicht im geringsten. Wenn Du nicht sofort verschwindest, bekommst Du meinen Stock zu spüren, Du Armleuchter!« Ich blickte Kunigunde fragend an. »Herr Eckolt?«
»In der Tat. Er ist einer unserer schwierigsten Bewohner. Mir selber hat er strengstens verboten, sein Zimmer zu betreten. Er behauptet steif und fest, daß ich seine Socken stehlen würde. Gehen Sie nur hinein.« Ich klopfte. »Herein, wenn es kein Pinguin ist.« Ich öffnete die Tür. Wilhelm Eckolt hätte Kojaks Zwillingsbruder sein können. Sein kahler Kopf glänzte wie eine Billardkugel. Er saß vor einem Tisch, auf dem ein Korb mit Obst, eine Bildzeitung und eine Kiste mit Zigarren standen. Seine Füße steckten in einem mit Wasser gefüllten Wännchen; seine Beine wurden von einem jungen Pfleger mit Salbe eingerieben. »Wenn Sie ein neuer Kaplan sind, der mir für eine kleine Spende einen Platz im Himmel sichern will, können Sie sich gleich verziehen!« »Ich heiße Nannen, bin Privatdetektiv und praktizierender Atheist.« »Privatdetektiv; so, so.«20 Er blickte auf den Pfleger herunter. »Siehst Du nicht, daß ich Besuch habe? Mach gefälligst die Tür von außen zu und suche Dir einen anderen Dummen, der sich von Dir malträtieren läßt!« Mit einer drohenden Gebärde hob er einen Stock, der auf seiner Sessellehne gelegen hatte. Der Junge ließ sich nicht zweimal bitten und verließ das Zimmer. Wenn Franz einen genauso angenehmen Charakter wie sein Bruder gehabt hatte, konnte ich ohne weiteres die Aversionen von zwei Dritteln seiner Sprößlinge gegen ihn verstehen. »Zivildienstleistende, arbeitsscheues Gesindel!« Ich pflichtete ihm bei. »Ich nehme an, Sie kommen wegen Franz.« »Ganz recht. Seine Tochter Christa Kerner hat mich durch ihre Schwägerin beauftragen lassen.« »Die eine ist fett und blöd, die andere nur blöd. Auf jeden Fall tut mir Christa kein bißchen leid. Ein paar Monate Wasser und Brot werden ihr nicht schaden.«
»Warum sind Sie so verbittert, Herr Eckolt?«
»Hören Sie zu, Nannen. Christa hat sich bei meinem Bruder immer nur eingeschissen. Selbst als ihr Mann im Sterben lag, hat sie lieber ihrem Vater die Böden gescheuert, als dem Gatten einen schönen Lebensabend zu bereiten. Dabei wollte mein Bruder ihre ständige Bemutterung überhaupt nicht. Sie glaubte aber, er könne ohne ihre Hilfe nicht leben. Völliger Humbug.«
»Und was haben Sie gegen Irene Eckolt?«
»Ich sehe, Sie kennen meinen Neffen Heinz noch nicht. Ein aalglatter Hecht. Eine Frau, die so einen karrieregeilen Bock heiratet, kann ich beim besten Willen nicht ernst nehmen. Heinz hat nichts als Weiber und Moneten im Kopf. Ich möchte wetten, daß er, wenn sie die Wäsche im Garten aufhängt, im Wohnzimmer mit seiner Sekretärin herummacht. Sie sehen, ich bin mit einer netten Sippe verwandt.« »Wie standen Sie zu Franz?« »Franz war in Ordnung. Er mochte seine Kinder genauso wenig wie ich.« »Haben Sie einen Verdacht, wer Ihren Bruder umgebracht haben könnte? Motive scheint es genug zu geben.« »Heinz weint seinem Vater keine Träne nach, da bin ich mir sicher. Aber warum sollte er ihn umbringen; er hat mehr Geld als er ausgeben kann. Christa fällt auch weg; sie kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Bleiben die Sieperts, über sie haben wir noch nicht gesprochen. Er ist Dauerarbeitsloser, sie eine Schlampe. Ihnen würde ich am ehesten einen Mord zutrauen. Franz hat Helga verstoßen, als sie den Halunken geheiratet hat. Sie sind immer pleite und haben Franz jahrelang angepumpt. Ich schätze, sie sitzen schon in den Startlöchern, um rechtzeitig zur Testamentseröffnung zu kommen.« Bis jetzt hatte er nichts Aufschlußreiches erzählt. Franz Eckolt lag mit seiner ganzen Verwandtschaft im Clinch. Das wußte ich bereits von meiner Auftraggeberin. Auf jeden Fall mußte ich mir selbst ein Bild von Heinz Eckolt und den Sieperts machen. Der gute Wilhelm sah alles durch seine vom Haß gefärbte Brille. »Fällt Ihnen etwas zu dem Namen Poszilny ein? Er hat ein Maklerbüro in Münster.«
»Fehlanzeige, junger Mann. Ich bin jetzt müde. Sagen Sie im Schwesternzimmer Bescheid, daß ich in mein Bett gebracht werden will. Sie sollen mir aber nicht diese Memme von vorhin schicken.«
»Eine letzte Frage. Ihr Bruder soll mit einem Ihrer Mitbewohner regelmäßig Schach gespielt haben.« »Otto Baumeister. Es ist mir ein Rätsel, was Franz an dem gefunden hat. Zimmer zweihundertvierzig.« Ich verabschiedete mich. Als ich halb zur Tür hinaus war, fragte er mich noch, ob ich nicht eine Sockendiebin dingfest machen wolle. Ich entgegnete, daß ich im Augenblick für weitere Aufträge zu beschäftigt sei.
»Kann sein, kann aber auch nicht sein.«
»Weißt Du etwas über einen Gerd Poszilny?«
»Wer soll das sein?«
»Ein Makler aus Münster. Franz soll sich vor seinem Tod einige Male mit ihm getroffen haben.« »Ich erinnere mich dunkel. Vor ungefähr einer Woche traf ich Franz äußerst aufgeregt an. Er sagte, da sei eine riesige Schweinerei im Gange; ein Makler aus Münster sei darin verwickelt. Er wollte mir aber nichts näheres mitteilen. Zwei Tage später habe ich ihn noch einmal getroffen. Weil er diese Angelegenheit nicht mehr erwähnte, dachte ich, sie hätte sich erledigt.« Ich berichtete Otto von Christas Verdacht und meinem Besuch bei Poszilny.
»Vielleicht hast Du den Hebel an der falschen Stelle angesetzt. Die Verbindung von Franz und Poszilny kann auch auf einer ganz anderen Grundlage basieren, als Du annimmst. Nimm diese Schachaufgabe.« Er baute eine Figurenkonstellation vor mir auf. »Weiß ist in drei Zügen matt. Wie gehst Du vor?« »Nun, der Turm ist die Figur mit der höchsten Wertigkeit. Daher sehe ich, ob ich mit dem Turm dem weißen König Schach bieten kann.« Otto lächelte. Er zog einen Bauern vor und bot mir Schach. Ich hatte nur eine Möglichkeit, den König zu setzen. Darauf griff der zweite Bauer an. Wiederum blieb mir nur ein Feld, den König in Sicherheit zu bringen. Dann folgte der Knockout: Otto setzte mich mit einem Springer matt. »Siehst Du, was ich meine? Das Offensichtliche ist manchmal ein Irrweg bei der Wahrheitsfindung. Aber ich denke, Du handelst richtig, indem Du zunächst das Umfeld von Franz erkundest. Da fällt bestimmt manch nützlicher Hinweis ab. Bevor Du den König mattsetzen kannst, müssen schließlich zuerst die Figuren auf dem Brett aufgebaut werden. Aber jetzt haben wir genug über diese unerfreuliche Geschichte geredet. Ich habe Durst. Ich hoffe, Du bist kein Abstinenzler.« Ich entgegnete, daß ich ein gutes Bier zu schätzen wüßte. Otto zog sein Jackett an.
»Jetzt wird es ein bißchen gefährlich. Schwester Kunigunde sieht es nicht gern, wenn ihre Schäflein nach acht Uhr das Haus verlassen.« Er reichte mir einen Regenschirm. Ich spannte ihn auf. Wir schlichen uns durch die mittlerweile leeren Gänge. Als wir kurz vor der Pforte angelangt waren, hielt ich den Schirm seitlich neben mich. Er verbarg den krabbelnden Otto. »Haben Sie etwas herausgefunden, junger Mann?« Die Oberschwester blickte von ihrem Strickzeug auf. »Bei Herrn Eckolt fehlen Socken.« »Kommen Sie mir nicht frech.« Als wir schon fast draußen waren, sagte sie noch etwas. Es klang wie "warum hat er seinen Regenschirm aufgespannt? Es regnet doch gar nicht". Während wir zum Auto liefen, rieb sich Otto diebisch die Hände. »Wieso hat sie Dich nicht erkannt?« »Sie hatte ihre Lesebrille auf. Alles, was weiter als zwei Meter entfernt ist, kann sie nicht erkennen.« Wir fuhren zu einer Kneipe, die "Zum Lumpenkerl" hieß: Ottos Stammlokal. An der Theke saßen zwei Muskelprotze, wie man sie aus amerikanischen Truckerfilmen kannte. Auch die zwanzig Nummern zu großen Holzfällerhemden konnten ihre Bierbäuche nicht kaschieren. Ansonsten war der Schuppen leer. Eine aufgeschwemmte Blondine, die in Schminke gebadet haben mußte, trabte zu unserem Tisch.
»'Nen schönen Abend, Otto. Wen hast Du uns denn da Nettes angeschleppt?«
»Guten Abend, Heidi. Das ist Dieter, ein Freund von mir. Bringst Du uns bitte zwei Blonde und zwei Kurze?« Heidi zwinkerte mir mit aller verfügbaren Erotik zu. Dann schwabbelte sie los, um unsere Getränke zu holen.
»Sei bloß nicht unfreundlich, Dieter. Wenn sie mit Dir flirtet, und Du nicht darauf eingehst, kann das übel für Dich ausgehen.« Er zeigte auf einen der Bierbäuche.
»Das ist ihr Mann Egon. Er neigt zu krankhafter Eifersucht. Wenn ihr ein Gast einen Korb gibt, erzählt sie Egon, er habe sie angemacht. Dann fliegen die Fetzen.« Heidi kehrte zurück. Auf einem Tablett balancierte sie unsere Bestellung. »Hast Du heute abend etwas vor, Seemann?« »Das Leben ist kurz, die Nächte sind lang.« »Ich sehe, wir verstehen uns.« Sie schenkte mir ein erregendes Lächeln. Dann ließ sie sich hinter der Theke nieder und warf mir schmachtende Blicke zu. »Das hast Du ausgezeichnet gemeistert, mein Sohn. Was hältst Du von einem Trinkspiel?«
»Was schlägst Du vor? Mäxchen?« Sein Vorschlag war besser: Wir zitierten abwechselnd aus unseren Lieblingsbüchern; der andere mußte Autor und Titel raten. Wer zum drittenmal passen mußte, durfte sich ein Pinnchen Münsterländer Wacholder genehmigen. Mein Start war katastrophal. Nietzsche, Hesse und Beckett bereiteten Otto keine Probleme. Gryphius, Lessing und Goethe bereiteten Dieter große Probleme. Nach einer halben Stunde lagen wir gleichauf. Otto bemühte unbekannte Barock- und Klassikdichter, ich griff auf meine Kenntnisse der zeitgenössischen Kriminal- und Science-Fiction-Literatur zurück. Nach ungefähr zwei Stunden verschwand Heidi in Richtung Toilette. Diese Gelegenheit nutzte ich und drückte ihrem Mann siebzig Mark in die Hand. Dann verdufteten wir. Ich setzte Otto am Altenheim ab. Er sagte, er habe sich einen Zweitschlüssel anfertigen lassen und komme ohne Mühe hinein. Ich versprach, ihm von den weiteren Ermittlungen zu berichten. Dann machte ich mich auf den Heimweg und betete, daß ich keiner Streife begegnete.IX
Am nächsten Morgen fütterte ich vor dem Frühstück die Kaninchen. Sie hatten mittlerweile genügend Speck angesetzt, um in den Kochtopf wandern zu können. Leider war mein Erbonkel Hugo Simon anderer Meinung gewesen. In seinem Testament hatte er den Kleefressern das Nießbrauchrecht bis zu ihrem natürlichen Tod eingeräumt. Anschließend holte ich aus der Bäckerei zwei Zwiebelbrötchen und begoß den neuen Tag mit einer Kanne Kaffee. Es folgten die obligatorischen drei Morgenzigaretten.25 Heute wollte ich die mir noch unbekannten Nachfahren von Franz Eckolt kennenlernen. Das bedeutete, daß ich einen Abstecher nach Rheine machen mußte. Da Sieperts einzige Beschäftigung darin bestand, das Sozialamt um achthundert Mark zu erleichtern, war die Wahrscheinlichkeit groß, ihn zu Hause anzutreffen. Danach würde ich mich mit Heinz Eckolt unterhalten. Wenn er wirklich ein so angenehmer Zeitgenosse war, wie ihn Otto und sein Onkel beschrieben hatten, versprach ich mir von diesem Gespräch viel Vergnügen. Ich rief Frau Eckolt an und erfuhr die Adresse der Computerfirma. Sie versicherte, daß Heinz dort bis sechs Uhr vorzufinden sei. Ich bestieg meinen Golf und düste über die Autobahn nach Rheine. Wenn ich diesen Auftrag erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich mir einen neuen Wagen zulegen, denn gerade im Juli erwies sich die defekte Lüftung als äußerst unangenehm. Während im Radio Jello Biafra den amerikanischen Alptraum besang, konnte ich nur mit einer Hand das Steuer umklammern; mit der anderen wischte ich den Schweiß von der Stirn. Nach einer knappen Dreiviertelstunde parkte mein Wagen vor einem Supermarkt in Rheine. Dank der ortskundigen Kassiererin hatte ich fünf Minuten später die Willy-Brandt-Straße gefunden, laut mei- nen Notizen die Adresse der Sieperts. Sie wurde von hohen Mietskasernen eingerahmt, an denen die Altbautensanierung in Eilschritten vorbeimarschiert war. Sie hatte wohl erkannt, daß hier Hopfen und Malz verloren waren. Die meisten Mauern wurden von Rissen verziert, die mich an Spinnennetze erinnerten. Eine klar definierbare Farbe konnte man ihnen nicht zuordnen. Auf dem Bürgersteig spielten vier Jungen Fußball mit einer leeren Coladose. Zwei weitere Büchsen dienten als Torpfosten. Als mir der Ball vor die Füße rollte, dribbelte ich auf das Tor zu und verlud den Keeper. »He, gar nicht so schlecht, Opa.« »War früher Linksaußen auf Schalke. Wißt Ihr, wo die Sieperts wohnen?« Ein Zwölfjähriger baute sich vor mir auf. »Was willst Du von meinen Alten?« »Sie haben im Lotto gewonnen, und ich soll den Scheck überbringen.« »Ei, Kevin, dann kannst Du Dir die Chevignonjacke kaufen.« Kevin hatte es auf einmal eilig. Die Sieperts wohnten nur ein Haus von dem Fußballplatz entfernt. Kevin klingelte. Man hörte jemanden in Richtung Tür latschen.
»Wer ist da?«
Eine Reibeisenstimme hallte durch das ganze Treppenhaus.
»Kevin. Hier ist ein Kerl von der Lottogesellschaft. Wir haben gewonnen.«
»Ja, echt?«
Die Tür öffnete sich. Eine Frau in einem angeschmuddelten gelben Kleid stand auf der Schwelle. Die Lockenwickler im Haar harmonierten perfekt mit den Krampfadern ihrer Beine. Diese wiesen zu alledem eine dichte Behaarung auf. Ich konnte mich nur mit Mühe von diesem Anblick, der zum Glück nicht von Strümpfen verdeckt wurde, losreißen. »Was ist los, Helga?«
»Hier ist ein Kerl von der Lottogesellschaft. Wir haben gewonnen, sagt der Köttel.«
»Moment.« Ich hörte, wie sich jemand von einem Sofa hochhievte.
»Darf ich hereinkommen, Frau Siepert?« »Natürlich.« Ich stand gerade in dem mit Sperrmüllteppichen ausgelegten Flur, als sich ein Schrank von einem Mann um die Ecke bewegte. »Was läßt Du den Kanacken rein? Wir können überhaupt nicht im Lotto gewonnen haben.« Er beäugte mich mißtrauisch. Wahrscheinlich witterte er in mir einen Beamten vom Sozialamt, der die Angaben auf seinem Antrag nachprüfen wollte. »Können Sie sich ausweisen?« Auch Karl Siepert bot keinen appetitlicheren Anblick als seine Frau. Der einzige Unterschied bestand darin, daß seine Behaarung aus dem bis zum Bauchnabel geöffneten Hemd quoll. Zum Glück mußte ich ihnen keine Noten in einer Schönheitskonkurrenz erteilen.
»Ihr Sprößling muß mich falsch verstanden haben. Ich arbeite als Privatdetektiv im Auftrag von Christa Kerner. Ich soll den Mord an Ihrem Vater beziehungsweise Schwiegervater aufklären.« »Geh spielen.«27 Karl warf seinem Sohn einen drohenden Blick zu. Ich konnte mir denken, daß Kevin schon häufig Bekanntschaft mit Vaters Schlappen gemacht hatte. Die Tür fiel mit lautem Krachen ins Schloß. »Wie oft habe ich Dir schon gesagt: Knall die Tür nicht zu!« Siepert gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, ihm in die weiteren Räume dieses Loches zu folgen. Das Wohn- oder Eßzimmer hätte einer Fernsehdokumentation über die unteren Zehntausend entspringen können. Auf einem mit Plastikfolie abgedeckten Tisch tummelten sich die Überreste vom Frühstück. Auf drei Tellern schwammen abgeschnittene Brotkrusten in Mayonnaiselachen. Das Stilleben wurde durch zwei leere und eine halbvolle Bierflasche zur ausgewogenen Komposition ergänzt. Siepert hatte anscheinend keine Lust gehabt, den gesamten Sperrmüll zu plündern, denn vom Boden starrte mich der blanke Beton an. Die Tapete war mit Löchern übersät. Doch dieses Problem hatte Karl meisterhaft gelöst, indem er alte Zeitungen über die schadhaften Stellen geklebt hatte. Ich ließ mich auf das von Zigarettenasche angegraute Sofa nieder. Siepert setzte sich auf den Sessel vor dem laufenden Fernseher. »Stell die Kiste aus!« Helga leistete seinem Befehl ohne Zögern Folge. Siepert ergriff eine Bierflasche und nahm einen tiefen Zug. Dann gurgelte er, schluckte und rülpste. »Habe ich Sie richtig verstanden? Sie sind ein Schnüffler?« »Wie schon gesagt. Ich soll die Unschuld von Frau Kerner beweisen.«
»Da muß ich Sie enttäuschen« grinste er hämisch »ich habe mit meiner reichen Verwandtschaft nicht das Geringste zu schaffen. Als Helga mich geheiratet hat, kannte sie keiner mehr.«
»Ich habe gehört, daß Sie finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet sind.«
»Das klingt, als wollten Sie mich verdächtigen?«
»Sie haben das stärkste Motiv. Eckolts Erbe käme Ihnen doch gerade recht.«
»Du elender Saftsack! Denkst Du vielleicht, der Eckolt vermacht uns einen Pfennig? Eher würde er seine Kohle verbrennen lassen.« Siepert erhob sich und näherte sich dem Sofa. Es war an der Zeit, den Rückzug anzutreten. Ich merkte aber schnell, daß ich Karls Beweglichkeit unterschätzt hatte. Ich befand mich schon mit einem Bein im Flur, als mich ein Schlag auf den Hinterkopf niederstreckte. Ein grauer Schleier legte sich auf meine Augen, meine Beine knickten ein wie Watte, und kurz darauf schlug mein arg strapazierter Kopf auf den siffigen Boden. Mein Unterbewußtsein registrierte nur noch, daß mich zwei Arme hochhoben und in eine unbestimmbare Richtung schleiften. Dabei wechselten wir dreimal die Richtung. Dann wurde ich fallen gelassen. Der Untergrund fühlte sich sandig an. Nachdem ich dies festgestellt hatte, knallte es noch einmal in meinem Kopf.© by Michael Bresser und Martin Springenberg
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19.12.99