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Nannen Kapitel IV - VI
Kriminalroman von Michael Bresser und Martin Springenberg
IVDas Futter für die Sau, ich hatte sie Wilbert getauft, ging zur Neige. Die Kaninchen waren kein Problem, denn auf der Wiese hinter dem Haus wuchs genug Löwenzahn. Aber wegen dem Schwein mußte ich mir etwas einfallen lassen. Ich hatte a) kein Geld, b) keinen Job und c) keine Idee, wie ich a) und b) in das Gegenteil verkehren konnte. Mir blieb nichts übrig, als erneut Karin Schuhmann anzupumpen. Ich schwang mich auf das Fahrrad, nachdem ich mich in Schale geschmissen hatte; Flanellhose, Blazer, Hemd, Krawatte und Lackschuhe. Bei der Ankunft auf dem Biogemüsehof waren die Hosenbeine versaut. Ich stieg vom Rad und steckte mir eine Zigarette an. Die eine Hand in der Hosentasche, die andere an der Kippe, schlenderte ich lässig über den Hof. Karin stand mit einem etwa achtzehn Jahre alten Bübchen vor der Scheune und unterhielt sich angeregt. Ich lehnte mich gegen das Scheunentor, schnippte auf elegante Art und Weise die Asche von der Zigarette und wartete. »Ist was, Herr Nannen, oder sind Sie nur hergekommen, um die Scheune in Brand zu stecken?« »Ich würde gerne mit Ihnen über eine geschäftliche Angelegenheit sprechen, Frau Schuhmann, oder darf ich Sie Karin nennen?« »Nein, dürfen Sie nicht, Herr Nannen, und außerdem mache ich keine Geschäfte mit Leuten, die ihre Schulden nicht begleichen. Auf Wiedersehen, Herr Nannen.« »Darum geht es; ich möchte bezahlen, aber...« »Aber was, das ist ja noch schöner, zuerst...« »Wenn ich kurz unterbrechen darf, ich gehe jetzt besser« fiel ihr der Junge ins Wort und ging zu seinem Auto, einem alten Ford Granada. Als er außer Hörweite war fragte ich sie nach dem Namen des Unbekannten. »Das geht Sie überhaupt nichts an« keifte sie. »Es tut mir leid, Frau Schuhmann, daß ich versuche, die anderen Dorfbewohner kennenzulernen.« »Er heißt Frank Stöffken, wohnt im Nachbarort, ist der Sohn des Kneipenbesitzers Johannes Stöffken und hat mir mitgeteilt, daß ich keine Essensreste mehr bekomme, weil er sie jemandem gibt, der bares Geld dafür hinlegt. Reicht das?« »Dann haben wir ein Problem« sagte ich zu ihr. »Nein, genaugenommen haben wir, beziehungsweise ich, zwei Probleme. Zum einen muß ich ab heute teures Geld für Schweinefutter ausgeben, zum zweiten muß ich einen Schmarotzer vom Hof werfen.« »Wieviel schulde ich Dir, Karin?« »Ich habe Ihnen bereits klargemacht, daß ich von Ihnen nicht geduzt werden will!« giftete sie mich an. »Abgesehen von den Essensresten habe ich seit Simons Tod sechsundzwanzig Strohballen und drei Sack Schweinemehl vorgestreckt, denn Essensreste allein reichen nicht aus, wie Sie als erfahrener Agrarökonom sicherlich wissen. Insgesamt schulden Sie mir zweihundertachtzig Mark plus vierhundert Mark für den Rasenmäher, den Hugo ausgeliehen und völlig demoliert zurückgebracht hat.« »Morgen abend bringe ich die Moneten vorbei. Ich muß nur nach Essen fahren und einige finanzielle Transaktionen tätigen. Leihen Die mir Ihr Auto?« »Sie unverschämter Kerl. Der Zug nach Münster fährt jeden Morgen um sieben Uhr sechzehn, von dort bekommen Sie einen Anschluß nach Essen. Und jetzt verschwinden Sie, sonst lasse ich den Hund heraus.« Ich entschloß mich, ihrer Aufforderung Folge zu leisten.
VDie Zugfahrt nach Münster verlief unspektakulär. Ich saß zwischen zwei Omas, die sich über die gesegnete Verdauung ihrer Enkel unterhielten. Die Hälfte der Bockwurst, die ich am Bahnhof gekauft hatte, wanderte in den Abfall. Ich wechselte das Abteil. In Münster bekam ich sofort einen Anschluß nach Essen. Während der Fahrt saß ich die meiste Zeit allein im Abteil und hing meinen Gedanken nach: Was war besser: Ein langweiliger Job bei einer miesen Firma oder gar kein Job? Was war besser: Zwei Schachteln Zigaretten am Tag zu rauchen und an Lungenkrebs zu krepieren oder nur fünf Kippen, weil man sich nicht mehr leisten konnte? Was war besser: Keyboarder einer schlechten Band zu sein, oder Organist einer frommen katholischen Gemeinde und sich beim Spielen die Finger zu verletzen? Ich löste mich von diesen diffusen Gedankengängen und dachte an das Bevorstehende. Bei meinem Kollegen Peter Grabowski, auch Gurkennase genannt, hatte ich vor der Abreise nach Buldern meine Habseligkeiten eingelagert: Keyboard samt Verstärker, Fernseher mit Videorecorder, Schallplattensammlung nebst Plattenspieler und einige Kleinigkeiten, die nicht weiter erwähnenswert waren. Außerdem hatte ich auf der Sparkasse Wertpapiere deponiert, die etwa fünfhundert Mücken wert sein mußten, und ein Sparbuch. Bei der Ankunft in meiner Heimat entschied ich, zuerst zur Bank zu fahren und die Aktien und das Ersparte flüssig zu machen. Als ich aus der Bank heraustrat, drängelten sich knappe vierhundert Mark im Portemonnaie. Die Börsenkurse waren gefallen und auf dem Sparbuch hatte sich die stolze Summe von einundfünfzig Schleifen getummelt. Ich machte mich auf den Weg zu Gurkennase. Nach einem Marsch von einer Stunde - ich hatte mich entschieden, das Fahrgeld für den Bus lieber in eine Schachtel Zigaretten zu investieren - erreichte ich das Haus oder besser gesagt das Loch, in dem Grabowski vegetierte. Es war ein achtstöckiger Kasten, vollgepfropft mit Sozialwohnungen und den dazu passenden Bewohnern. Gurkennase war der angemessene Mieter, denn er war arbeitslos. Ich betete, daß er die Sachen noch nicht versetzt hatte, denn er steckte immer in der Klemme und brauchte Geld, um sich daraus zu befreien, nur um kurz darauf erneut in der Patsche zu sitzen. Für einen Arbeitslosen hatte er nämlich ein verhängnisvolles Laster: Er spielte. Ich konnte nicht aufzählen, wie oft wir bei ihm einen zur Brust genommen hatten und plötzlich zwei Schläger in der Tür standen, um seine Schulden vom Roulette, Würfeln oder Pokern zu kassieren. Bei der Hälfte dieser Begebenheiten konnte er bezahlen, in den anderen Fällen hatte er stets einige auf das Gesicht bekommen. Totschlagen durften sie ihn natürlich nicht, und so dachten sie, daß sie statt dessen uns beide halb totschlagen müßten. So war das mathematische Gleichgewicht wieder hergestellt. Ich betrat den Fahrstuhl und drückte auf den Knopf, auf dem eine Acht abgebildet war. Es geschah natürlich nichts. Ich hätte mich auch gewundert, wenn dieses verdammte Ding funktioniert hätte. Bei allen bisherigen Besuchen bei Gurkennase hatte sich der Lift nur einmal in Bewegung gesetzt. Wir hatten es bis knapp vor das sechste Stockwerk geschafft, bevor er wieder in seine gewohnte Lethargie verfallen war. Nach fünf Stunden war ich befreit worden. Also laufen. Sämtliche Bekannte hatten ihr Domizil stets in der obersten Etage. Gut, daß ich keine Freunde im World Trade Center wohnten. Ich quälte mich die zweihundertsechsundfünfzig verfluchten Stufen hoch und klopfte an Grabowskis Tür. »Einen Moment, komme sofort!« Die Tür flog auf und Gurkennase stand in seiner ganzen Pracht vor mir. Er war eine jämmerliche Erscheinung. Sein linkes Bein war vier Zentimeter kürzer als das rechte, deswegen trug er Schuhe mit unterschiedlich hohen Absätzen, Hosen mit enormen Schlag und Hemden, die bis zum Bauchnabel geöffnet waren. Ich kannte ihn nur in diesen Klamotten, den Anzug ausgenommen, welchen er stets dann anzog, wenn er einige Scheine zuviel hatte und zum Roulettespielen in eine staatliche Spielbank ging. Er war nie rasiert, was bei seinem extrem unregelmäßigen Bartwuchs sein Erscheinungsbild nicht gerade zum Positiven wendete. Die halblangen Haare klebten fettig am Schädel, doch die Krönung war die Nase, die durch seinen Spitznamen nur annähernd beschrieben wurde. »Was machst Du hier? Ich dachte, Du würdest in einem Bauernkaff Schweine melken. Schon die Schnauze voll?« »Nee, ich brauche nur etwas Startkapital und...« »Komm erst mal rein, was willst Du trinken?« »Bier, wenn's geht kalt.« »Hau Dich hin, ich hole den Gerstensaft.« Ich haute mich hin. Peters Wohnung bestand aus einem schmalen Gang, der im Mietvertrag wohl als Flur bezeichnet wurde. Rechts lag das Badezimmer, großzügig angelegt mit seinen drei Quadratmetern. Rechts ging die Küche ab, die einem alten Herd, einer Spüle, einem Kühlschrank und einem Regal für Geschirr Platz fanden. Die Diele mündete schließlich in das Wohn-/Schlafzimmer, das dreimal so groß war wie das Badezimmer. Dieser Raum fiel durch seine üppige Ausstattung auf. Die abgewetzte Couch, auf der ich mich niedergelassen hatte, wurde nachts als Bett verwendet. Unter dem einzigen Fenster der Wohnung stand ein alter Tisch mit zwei Stühlen, die er sich beim Sperrmüll besorgt hatte. Beim Kleiderschrank fehlte eine Tür, so daß man einen wunderschönen Blick auf durchlöcherte Socken und verschlissene Unterhosen werfen konnte. Rechts neben dem Schrank entdeckte ich Keyboard, Verstärker und Schallplatten. Der Plattenspieler mußte auch vorhanden sein, denn Hendrix fragte gerade, was Joe mit der Waffe in seiner Hand vorhätte. »Wo stehen Fernseher und Videorecorder?« rief ich zur Küche herüber, in der Grabowski die Kronkorken der Bierflaschen vor die Decke knallen ließ. Er war zwar unfähig, einen Eimer Wasser umzukippen, aber die tausend verschiedenen Arten, eine Bierflasche zu öffnen, beherrschte er perfekt. »Den habe ich verkauft. Schließlich mußte ich eine Waffe kaufen.« »Was?« schrie ich, »Du hast meine Sachen verscherbelt? « Peter tauchte in der Tür auf, in jeder Flosse ein Bier, im Mund eine Selbstgedrehte, und sah alles andere als schuldbewußt aus. Er drückte mir eine Kanne in die Hand und pflanzte sich neben mich. »Was war es diesmal? Pferderennen, Black Jack, Spielautomaten oder die Nutte im dritten Stock?« »Ich habe doch gesagt, daß ich eine Knarre kaufen mußte. Hast Du eine Vorstellung, was eine Wumme kostet?« »Ganz langsam, Grabowski, wozu brauchst Du eine Bleispritze? Willst Du die Geldeintreiber demnächst erschießen oder ist es Dir zu langweilig, mit dem Finger in der Nase zu bohren?« »Tja, das ist eine lange Geschichte...« »Ich habe keine Zeit für lange Geschichten. In fünfzig Minuten geht mein Zug, also faß Dich kurz. Vergiß nur nicht den Teil, in dem Du mir erklärst, wie ich jetzt an Kohle kommen soll.« »Wenn alles so weitergeht, wie es angelaufen ist, wirst Du die siebenhundert Schleifen, die ich für Deine Klamotten bekommen habe, in der nächsten Woche in den Händen halten. Dann kannst Du die erste Rate für die Schweinemelkmaschine bezahlen. Außerdem habe ich Dich noch nie hängenlassen und...« »Kurz fassen, Grabowski, kurz fassen!« »Dann lehne Dich zurück, denn was jetzt kommt, wird Dich umhauen: Du kennst doch Erwin, den Rausschmeißer vom "Glaspalast". Den habe ich vor sechs Tagen in der Kneipe getroffen, und da hat er mit Scheinen nur so herumgewedelt. Er hat eine Lokalrunde nach der anderen geschmissen und...« »Deine Lebensgeschichte interessiert mich nicht.« »Also, seit Anfang des Jahres verdient er seine Bierchen als Schnüffler. Als er mir sagte, daß er pro Woche um die ein bis zwei große Lappen einsackt, bin ich fast vom Barhocker gefallen. Am nächsten Morgen bin ich zur Zeitung gerannt und habe eine Anzeige aufgegeben: Private Ermittlungen, Detektei P. Grabowski; Diskretion und schnelle Ergebnisse garantiert. Und, was soll ich Dir sagen: Zwei Tage später steht eine verdammt gutaussehende Schlampe im Büro.« »Was für ein Büro?« »Ich habe drüben in der Josephinenstraße ein kleines Zimmer gemietet. Hätte ich die Kunden etwa hier empfangen sollen? Der Rest ging für die Waffe drauf, denn was ist ein Privatdetektiv ohne Ballermann? Walker, Marlowe, Spenser, Spade, alle haben sie Kanonen. Auf jeden Fall, die Mutti gibt mir den Auftrag, ihren Mann zu überwachen. Angeblich soll er eine Geliebte haben, in die er seine Überstunden steckt.« »Und wieviel zahlt sie dafür, daß Du durch Schlüssellöcher linst?« »Das ist das Beste an der Sache. Ich hatte keine Ahnung, was man als Schnüffler verlangen kann. Bevor ich in die Verlegenheit kam, einen Preis zu nennen, erzählte sie mir, daß sie bereits bei einem anderen Detektiv gewesen ist, der ihr zu teuer war. Er wollte dreihundertfünfzig Flöhe pro Tag plus Spesen, dabei könne sie höchstens zweihundertfünfzig pro Tag berappen. Sie hat sich richtig bei mir ausgeweint. Jeden Abend müsse sie, weil ihr Mann nicht genügend Haushaltsgeld rüberschiebt, für einen Hungerlohn bei reichen Scheißern die Villen putzen und sich, wenn die Damen des Hauses nicht da sind, von den alten Knackern an den Arsch packen lassen, und...« »Grabowski, wenn Du noch einmal abschweifst, haue ich Dir eine auf Dein Maul.« »Tschuldigung. Also weiter im Text. Wir kamen schließlich ins Geschäft. Ich bekomme für mindestens eine Woche zweihundert pro Tag plus Spesen. Der Clou an der Sache ist aber, daß ich ihren Seitenstecher schon am ersten Tag in nicht jugendfreier Stellung auf Film gebannt habe. Natürlich habe ich ihr das nicht gesagt. Wenn die Woche um ist, werde ich einen oder zwei zusätzliche Tage herausschlagen und dann die hübschen Fotos auf einem silbernen Tablett servieren. So leicht habe ich noch nie zwei große Scheine verdient. Was sagst Du jetzt, Nannen?« »Das war eine schöne Geschichte, aber davon kann ich meine Schulden nicht bezahlen. Hast Du wenigstens ein paar Kröten hier, quasi als Anzahlung?« »Tut mir leid, Dieter, der Vorschuß ist für die Kamera draufgegangen, aber nächste Woche schicke ich Dir die siebenhundert Piepen zu. Und damit Du in Deinem Bauernkaff nicht vertrocknest, werde ich gratis einige Fotos dazulegen, die ich geschossen habe.« »Ich wußte gleich, daß es Zeitverschwendung war, hier vorbeizukommen. Dann fahre mich wenigstens zum Bahnhof, oder hast Du Deine alte Kiste verkauft und fährst nur noch mit dem Taxi?« »Nein, die steht unten. Ich fahre Dich nachher hin.« »Nicht nachher, sondern sofort. Mein Zug geht in fünfundzwanzig Minuten. Das Keyboard und den Verstärker nehme ich mit. Nachher kommst Du noch auf die Idee, daß Du als Schnüffler unbedingt eine Maschinenpistole und Handgranaten brauchst. Und wage es nicht, die Platten zu verscherbeln. Jetzt aber los!« Die acht Stockwerke nach unten schwiegen wir. Ich, weil ich darüber nachdenken mußte, wie ich Karin Schuhmann die Verzögerung erklären sollte und Gurkennase, weil er nicht reden, sondern nur schnaufen und keuchen konnte. Unfair von mir, ihn alles allein schleppen zu lassen. Während der Fahrt erzählte er dafür umso mehr. Wenn das Geschäft so weiterlaufen würde, hätte er bald eine Sekretärin, die nicht mit den Fingern, sondern mit ihren Brüsten seine Berichte schreiben würde. Auf dem Bahnhof war endlich Ruhe, denn Grabowski traf an der Gepäckaufbewahrung einen Bekannten, dem er sofort seine "Ich bin der Superdetektiv - Geschichte" erzählen mußte. Ich packte die günstige Gelegenheit beim Schopf, gab am Expressgutschalter das Keyboard und den Verstärker auf und verdrückte mich. Am Bahnsteig erwischte mich Gurkennase aber doch, da der Zug Verspätung hatte. Er verabschiedete sich mit einem »Tschüs, Schweinebauer«, ich ahmte mit meinen Fingern eine Pistole nach, zielte auf ihn und sagte »Schick mir die Kohle oder verrecke!« Dann drückte ich ab. Auf der Rückfahrt war der Zug noch leerer. Ich hatte fast einen kompletten Wagen für mich. Es hatte zu regnen begonnen. Ich wußte nicht, ob es an der Ruhe im Abteil lag, ob es an den Regentropfen lag, die an der Scheibe herunterperlten, oder ob es mit der einsetzenden Dämmerung zusammenhing; auf jeden Fall kam mir eine wahnwitzige Idee: Ich werde auch Privatdetektiv! Was hatte ich zu verlieren? Gegen einen Tagesverdienst von zweihundert Schleifen gab es nichts einzuwenden. Ein weiterer Vorteil war das geringe Startkapital, das man für den Einstieg in das Schnüfflertum benötigte. Im Gegensatz zu Gurkennase brauchte ich keinen Büroraum anzumieten, da ich genug leerstehende Zimmer hatte. Möbel standen ausreichend herum, so daß sich mit etwas Phantasie ein respektables Büro hinzaubern ließ. Außerdem war ich körperlich gut in Form. Mit ein wenig Training würde ich jede Auseinandersetzung, die der Beruf des Schnüfflers mit sich bringen sollte, als Sieger verlassen. Wenn Grabowski es schaffte, dann dürfte ich überhaupt keine Probleme haben. Als der Zug um viertel vor fünf in Münster eintraf, stiefelte ich zur Zeitung und gab die Annonce auf. Anschließend schlug ich den Weg zum Bahnhof ein, um zum letzten Mal an diesem Tag die Deutsche Bundesbahn zu bereichern.
VI
Am nächsten Morgen bereitete ich Wilbert und den Kaninchen ein königliches Frühstück. Mit Hilfe von Stephan, den ich wenig später in der Dorfkneipe "Zum Fröhlichen Landmann" traf, transportierte ich auf einem Treckeranhänger Schweinemehl, das ich für hundert Lappen erworben hatte. Unterwegs holten wir Keyboard und Verstärker vom Bahnhof ab. Was ich mit dem Krempel wollte, war mir eigentlich unklar, denn ohne Saft stellten die hochwertigen Produkte der japanischen Unterhaltungselektronik nur totes Kapital dar. Stephan erwies sich als patenter Kerl. Er besaß zwar nur einen Intelligenzquotienten von fünf, aber er war hilfsbereit und hatte immer gute Laune. Bauer Steinmann beschäftigte ihn als Knecht, denn selbst hier war es schwierig, Arbeiter zu finden, die einen Fünfzehn-Stunden-Tag für vierzig Prozent des Sozialsatzes auf sich nahmen. »Du tun mit Wilbert reden?« fragte er mich. Wir hatten Wilberts Gehege ausgemistet und saßen bei einer über dem Kamin gebrühten Tasse Instantkaffee und einer Zigarette in dem Bereich des Hauses, den ich als Küche bezeichnete. »Stephan, ich bin ein kommunikativer Typ. Das hat jedoch seine Grenzen. Wenn ich anfangen würde, mit einer Sau zu reden, kann ich gleich meinen Verstand gegen Stroh eintauschen.« »Wenn Du lieb sein tust zu Wilbert, Du bekommst schön lecker Fleisch.« »Ich will und darf ihn gar nicht schlachten.« Ich inhalierte den Rauch der Camel. Soweit war es nach drei Tagen Güllegestank gekommen; ich unterhielt mich mit einem auf der Entwicklungsstufe eines Dreijährigen stehenden Riesenbabys über den Nutzen, mit einem noch dümmeren Schwein zu reden. »Oh, da haben sich zwei gesucht und gefunden.« Karin Schuhmann stand grinsend im Türrahmen. »Was sagt Ihnen die Zahl sechshundertachtzig, Nannen? Sind das die sechshundertachtzig Minuten, die Sie hier überflüssig sind, oder sind das die sechshundertachtzig Grashalme, die Sie bis jetzt gezählt haben, um der Monotonie der Arbeitslosigkeit zu entgehen?« »Könnten Sie sich noch etwas gedulden? Ich erwarte in Kürze einen monetären Transfer.« »Eine Woche gebe ich Ihnen Zeit, Nannen. Wahrscheinlich kann ich das Geld sowieso in den Wind schreiben. Ach, noch etwas: Dr. Rudolph aus Brücken hat angerufen. Sie sollen im Laufe des Tages bei ihm vorbeikommen, er hätte eventuell Arbeit für Sie. Was will Dr. Rudolph von Ihnen?« »Das geht Sie nichts an, Frau Schuhmann!« »Warum arbeiten Sie nicht als Knecht bei mir? Ich könnte gut jemanden gebrauchen, der hart anpacken kann. Ich weiß, das trifft auf Sie nicht zu. Aber spätestens in einem Jahr haben selbst Sie Ihre Schulden abgearbeitet.« »Der Gentleman lehnt ab und dankt. Ich habe ein besseres Angebot.« »Kommen Sie, sagen Sie mir doch, um was es sich handelt.« »Auf Wiedersehen, Frau Schuhmann!« Karin verließ uns zögerlich, aber ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Währenddessen spielte Stephan völlig fasziniert am Keyboard herum und wartete vergeblich auf den Geist aus der Steckdose, der dem Keyboard Musik und ihm Verstand schenken würde.
© by Michael Bresser und Martin Springenberg
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11.12.99