Michael Bresser Martin Springenberg NANNEN - Ein Kriminalroman - I »Guten Morgen. Hier spricht Dein Wecker. Zeit zum Aufstehen.« »Guten Morgen. Hier spricht Dein Wecker. Zeit zum Aufstehen.« Eine metallische Stimme fraß sich in meinen Gehörgang. Ich zog die Decke über den Kopf und drehte mich zur Seite. »Guten Morgen. Hier spricht Dein Wecker. Zeit zum Aufstehen.« Es half alles nichts. Ich richtete mich auf. Als ich aus dem Fenster blickte, starrte mich gähnende Schwärze an. Nachdem ich die Quelle der nächtlichen Ruhestörung abgeschaltet hatte, begann mein Verstand zu arbeiten. Wie heiße ich? Wo bin ich? Warum spricht mein Wecker? - Dieter Nannen. Weiß nicht. Weiß nicht. Ich kroch aus dem Bett und versuchte, den Lichtschalter zu finden. Fehlanzeige. Auf dem Tisch bekam ich eine Kerze und Streichhölzer zu fassen. Als sich im flackernden Kerzenlicht die ersten Konturen aus der Dunkelheit herauskristallisierten, fiel mir ein, was sich vor wenigen Minuten meiner Kenntnis entzogen hatte. Ich befand mich in einem Bauernhaus in Buldern und mußte das Vieh füttern. Was hatte ein achtundzwanzig Jahre alter Betriebswirt aus der Großstadt auf einem Gehöft in der Provinz zu suchen? 24. 02. 1993, 16.30 Uhr. Anwaltsbüro Meuer in Münster. »Mein ganz herzliches Beileid, Herr Nannen.« »Danke. Aber wofür?« »Hatten wir es nicht in unserem Brief erwähnt? Hugo Simon ist vor sechs Wochen von uns gegangen. Sie sind sein Alleinerbe.« Während Meuer eine halbe Stunde die menschlichen Qualitäten Simons rühmte, begann ich zu erahnen, von wem er redete. Ich kannte ihn nur als Onkel Hugo, aber genaugenommen war er nicht mit mir verwandt. Bevor meine Mutter meinen Vater kennenlernte, hatte sie eine fünfjährige Liaison mit Simon. Diese endete, als sie sich in die blauen Augen des Bankiers Klaus Nannen verliebte, der um ihre Hand anhielt. Nach der Heirat zog das Paar von Frankfurt nach Essen. Hugo Simon aber gab sich nicht geschlagen. Er war so verliebt in Mom, daß er alle zwei Monate in unserer Villa am Baldeney-See auftauchte. Dabei machte er meiner Mutter schöne Augen und spielte mit mir Hoppe-Hoppe-Reiter. Da sie es mit der Treue nicht so genau nahm, war die Ehe inzwischen zerrüttet, doch daraus zog Hugo keinen Vorteil. Weil sie sich an den Luxus des Schickerialebens gewöhnt hatte, rekrutierten sich ihre Liebhaber aus den Chefetagen der ortsansässigen Geschäftswelt. Der Oberkellner einer Frankfurter Bahnhofskneipe war ihr nicht mehr gut genug. Als Hugo meine Mutter fragte, ob sie sich scheiden lassen und ihn heiraten wolle, lachte sie ihn nur aus. Daraufhin hörten seine Besuche auf. Ich hatte Hugo Simon seit vierundzwanzig Jahren nicht mehr gesehen. Der Gute mußte äußerst einsam gestorben sein; ansonsten konnte ich mir keinen Grund vorstellen, warum ausgerechnet ich sein Erbe sein sollte. »Eine Frage. Was habe ich geerbt?« Meuers Redefluß stoppte abrupt. »Oh, sagte ich das nicht? Sie dürfen sich als stolzer Eigentümer eines Bauernhofes in Buldern sehen. Die Sache hat nur einen Haken.« »Wo liegt Buldern und wo der Haken?« »Buldern ist ein reizendes Dorf im Münsterland. Idyllisch gelegen. Sie erben den Hof aber nur, wenn Sie ihn bewohnen und das Vieh versorgen. Nicht viel, nur ein Schwein und acht Kaninchen.« »Das muß ich erst überschlafen. Ich melde mich bei Ihnen.« Der erfolgreiche Betriebswirt als Ziehvater für verwaistes Vieh in ländlicher Einöde? Schwer vorstellbar. Andererseits langweilte mich mein Job schon seit langem. Das Erstellen von Bilanzen verschaffte mir zwar einen meinen Bedürfnissen angemessenen Lebensstandard, befriedigte aber nicht. Eine feste Freundin, die mir den Abschied von Essen hätte erschweren können, hatte auch nicht. Das einzige, was mich in Essen hätte halten können, wäre Fried, meine Band gewesen. Aber nach einer schlecht verkauften Platte und einem Haufen von mißlungenen Auftritten stand man kurz vor der Trennung. Schließlich machten mir nur noch die Finanzen Sorge. Aber so schwierig konnte es nicht sein, im Münsterland eine Stelle zu finden. Ich beschloß, die Erbschaft anzunehmen. II Ich schlüpfte in die Arbeitskluft, die ich einem befreundeten Handwerker abgekauft hatte. Der grobe Stoff fühlte sich auf meiner nur Anzüge gewohnten Haut unangenehm an. Als die ersten Sonnenstrahlen meine Einsiedlerklause erhellten, löschte ich die Kerze, die einzige Lichtquelle im gesamten Haus. Der Kran spendete auch nur kaltes Wasser. Hugo hatte es wohl nicht für nötig befunden, Stromleitungen verlegen zu lassen. Zumindest ein Anschluß mußte jedoch vorhanden sein, denn im Keller sprang eine Pumpe an, wenn ich den Wasserhahn aufdrehte. Das bewahrte mich zumindest davor, meinen Körper im angrenzenden Bach waschen zu müssen. Ich trat aus dem Haus, das von Feldern umgeben war, soweit man sehen konnte. Das nächste bewohnte Gehöft war zwei Kilometer entfernt, wie mir der Taxifahrer bei meiner gestrigen Anreise versichert hatte. Dort wohne eine Frau, die das Vieh bis zu meiner Ankunft versorgt habe. Ich machte mich auf, um zu den Ställen hinter zu stiefeln. Bei dem Gedanken, mich den zukünftigen Schutzbefohlenen vorzustellen, fühlte ich mich unbehaglich, denn meine einzige Erfahrung mit Tieren beruhte auf Begegnungen mit dem kläffenden Köter einer ehemaligen Mitmieterin. Die Sorge erwies sich als unbegründet, denn eine wohlgenährte Sau grunzte mich erwartungsvoll an. So leicht schloß man auf dem Dorf Freundschaften. Plötzlich wurde mir bewußt, daß ich ein Problem hatte: Weit und breit kein Schweinefutter. Weil sich meine Erfahrungen in der Schweinezucht bis dahin nur auf den Verzehr des fertigen Produktes beschränkt hatten, beschloß ich, bei der Nachbarin vorbeizufahren, die bis jetzt die Tiere gefüttert hatte. Anrufen konnte ich nicht, da im gesamten Haus kein Telefon zu finden war. Zum Glück hatte mir Onkel Hugo ein angerostetes Hollandrad vererbt, das neben dem Kamin im Wohnzimmer stand. Voller Neid dachte ich an meine alten Kollegen aus Essen. Welcher von ihnen mußte sich schon am Sonntagmorgen um acht Uhr auf einem Gefährt, das die Bezeichnung Fahrrad nur entfernt verdiente, auf die Suche nach Schweinefutter begeben. Nach fünf Minuten frischer Morgenluft erreichte ich einen Hof, der zwar nicht größer, dafür aber wirtschaftlicher als meiner schien. An der Hofeinfahrt war ein Schild mit der Aufschrift "Karin Schuhmann - Biogemüse" befestigt. Auf das Klopfen an der Vordertür erfolgte keine Reaktion, aber die Tür war unverschlossen. Ich betrat eine geräumige, mit alten Bauernmöbeln ausgestattete Diele. Als ich die Tür zum nächsten Raum öffnete, kam ich nicht dazu, das antik rustikale Interieur zu bewundern. »Wer sind Sie?« Eine wohlproportionierte schwarzhaarige Frau, etwa fünfundzwanzig, versuchte ein Handtuch um den nackten Körper zu wickeln. »Frau Schuhmann? Ich bin Dieter Nannen, ihr neuer Nachbar.« »Die steht vor Ihnen. Ihr Großstadtleute denkt wohl, ihr könntet einfach in das Privatleben anderer Leute eindringen.« Ihre dunklen Augen funkelten mich mit einem Ausdruck an, der alles andere als Sympathie verriet. »Hören Sie, ich habe geklopft, und wenn ich Sie in Verlegenheit gebracht habe, tut mir das leid.« »Das ist das Mindeste. Pfarrer Wilpert hat für Sie angerufen. Warum sind Sie mich?« »Ich weiß nicht, womit ich das Schwein füttern soll.« »Mit Essensresten, womit denn sonst. Wenn Sie keine Ahnung von Viehhaltung haben, sollten Sie in der Stadt bleiben.« Leider war ich auf sie angewiesen. Andernfalls hätte ich ihre Anfeindungen mit einem flotten Spruch gekontert. So aber versuchte ich, sie mit meinem Charme zu erschlagen. »Schöne Frau, besitzen Sie die Liebenswürdigkeit, mir Essensreste zu borgen? Ich würde mich auch, wenn ich mich besser eingerichtet habe, erkenntlich zeigen.« »Sparen Sie sich das Gesülze. Sie stehen sowieso in meiner Schuld, denn schließlich füttere ich die Tiere seit sechs Wochen, von der Ausmisterei ganz zu schweigen. Na schön, Sie bekommen etwas. Aber nur, weil mir die Sau leidtut.« Den Umgang mit Frauen hatte ich nicht verlernt. »Wie wäre es mit einer Telefonleitung?« Ich schreckte hoch. »Ich habe keine Lust, die Telefonistin für Sie zu spielen.« »Was kann ich dafür, daß Pfarrer Wilpert angerufen hat. Ich hatte ihn nicht darum gebeten. Was will er von mir?« »Ihr Onkel war Organist. Pfarrer Wilpert sucht jetzt einen neuen. Er erwartet Sie heute in der Kirche. Sie sind doch wenigstens musikalisch?« »Da hat er aber Glück. Zufällig...« »Ich hole das Schweinefutter.« III Um neun Uhr waren Schwein und Kaninchen gefüttert. Ich machte ein kleines Nickerchen, schwang mich erneut auf das Fahrrad und radelte Richtung Buldern. Nach zwei Kilometern kam ich auf eine asphaltierte Straße, und nach weiteren fünfhundert Pedaltritten sah ich vor mir das Dorf liegen. "Dorf" war eine übertriebene Bezeichnung, denn hier wohnten weniger Leute als am Freitag abend in meiner Essener Stammkneipe ihre Deckel bezahlten. Ich hielt an. Nicht, weil ich die idyllische Aussicht genießen wollte sondern weil die Fahrradkette abgesprungen war. Nach zehn Minuten Reparaturarbeiten war meine Geduld erschöpft und die Klamotten versaut. »Hohoho, kann ich Dir hilfe?« Ich drehte mich um. Ein Hüne bewegte sich auf mich zu, die Hände in den Hosentaschen. Er trug grüne Gummistiefel, die Hose erinnerte an Schweizer Käse, der Hosenstall stand offen, das karierte Hemd war falsch geknöpft. Die Haare waren seit der Einschulung nicht mehr gewaschen worden, und bei seiner Brille fehlte ein Glas. Das hatte er wohl herausgebrochen, um wenigstens auf einem Auge etwas sehen zu können, denn das andere Glas war mit einer dicken Dreckkruste überzogen. »Warte Du ein Moment, ich tu festmachen!« Die Geschwindigkeit, mit der er bei dem Fahrrad war, verblüffte mich, noch mehr erstaunten mich die Hände, die er aus den Taschen holte, um die Kette zu richten. Solche riesigen Pranken hatte ich noch nie gesehen. Wenn normale Menschen mit Messer und Gabel aßen, mußte er Sense und Forke nehmen. »So, das wars! Übrigens, mein Name heißt Stephan, wer sein Du?« »Dieter.« Ich hatte keine Lust auf Konversation. Daher bedankte ich mich, sprang auf das Fahrrad und radelte los. Das mußte der obligatorische Dorftrottel gewesen sein. Auf dem restlichen Weg zur Kirche hing ich nur einem Gedanken nach. Wie hatte er mit diesen Schaufeln die Kette reparieren können? Ich stellte das Fahrrad auf dem leeren Kirchhof ab. Der Vorteil dieses Vehikels lag darin, daß man es nicht abzuschließen brauchte, denn wer stahl fahrenden Rost? Ich klopfte an das Kirchportal und trat ein. »Guten Tag, sind Sie Nannen?« Ich schaute nach vorne zum Altar und erkannte einen unsagbar fetten, kahlköpfigen Greis in Priesterkluft. »Ja. Pfarrer Wilpert?« »Sie sind eine Stunde zu spät; daß mir das nicht noch einmal vorkommt. Ich habe weiß Gott andere Dinge zu erledigen, als auf Sie zu warten.« Frau Schuhmann hatte verschwiegen, daß ich schon um elf an der Kirche sein sollte, aber das Warten hatte den Priester nicht umgebracht. »Jetzt bin ich hier!« »Das ist auch Ihr Glück. In fünf Minuten wäre ich nämlich weggewesen.« »Frau Schuhmann sagte, ich solle Simons Organistenposten übernehmen?« Allmählich wurde ich es leid, mich aus fünfzehn Metern Entfernung mit ihm zu unterhalten und schritt Richtung Altarraum. Je mehr sich die Distanz zu ihm verringerte, desto fetter wurde er. War ich froh, daß ich nur das Schwein und nicht auch ihn versorgen mußte. »Wie sehen Sie aus!« bölkte er mich an. »Ein Organist muß zumindest gewaschen sein.« Mir fiel ein, daß ich über und über mit Fahrradöl beschmiert war. »Soll ich orgeln oder an Modenschauen teilnehmen? Ich kann gerne die Tür von außen zumachen«, erwiderte ich, denn irgendwann hatte meine Freundlichkeit ihre Grenzen. »Wenn wir nicht so dringend einen Organisten bräuchten, würde ich Sie hinauswerfen.« spie er mich mit hochrotem Kopf an, »kommen Sie, ich zeige Ihnen das Instrument.« Wir marschierten auf die Empore, er voran. Auf den letzten Stufen schnaufte Pastor Wilpert dermaßen, daß ich jede Sekunde mit einem Herzinfarkt rechnete. Ich sah mich schon unter einer Fettschicht begraben am Fuße der Treppe liegen. Schließlich kamen wir doch lebend an. Er ließ sich auf eine Bank fallen, um den Blutdruck auf zweihundertfünfzig herunterzubringen. Das gesuchte Objekt war ein Koffer mit braunen und schwarzen Tasten. Wüßte ich es nicht besser, so hätte ich vermutet, daß der vorherige Organist Stephan Dorfdepp hieß, denn an der Hälfte der Tasten waren Teile abgebrochen, und die Orgelpfeifen sahen aus, als hätte Stephan sich nach jeder Messe dagegen gelehnt. »Hierauf soll ich spielen?« »Sie können auch etwas anderes benutzen. Bis nächsten Sonntag haben Sie Zeit, die Lieder einzustudieren.« Er kramte einen Zettel aus der Tasche und reichte ihn mir. Darauf waren in einer kaum zu entziffernden Handschrift einige Nummern notiert. »Das Gesangsbuch liegt dort auf dem Schemel. So, jetzt muß ich los, eine Krankensalbung. Bis nächsten Sonntag.« Während er ächzend davonrollte, grübelte ich darüber nach, was ich ihn noch hatte fragen wollen. »Was bekomme ich dafür, daß ich jeden Sonntag meine Finger an den Tasten aufreiße?« »Einen Platz im Himmel!« Die Kirchentür fiel ins Schloß. IV Das Futter für die Sau, ich hatte sie Wilbert getauft, ging zur Neige. Die Kaninchen waren kein Problem, denn auf der Wiese hinter dem Haus wuchs genug Löwenzahn. Aber wegen dem Schwein mußte ich mir etwas einfallen lassen. Ich hatte a) kein Geld, b) keinen Job und c) keine Idee, wie ich a) und b) in das Gegenteil verkehren konnte. Mir blieb nichts übrig, als erneut Karin Schuhmann anzupumpen. Ich schwang mich auf das Fahrrad, nachdem ich mich in Schale geschmissen hatte; Flanellhose, Blazer, Hemd, Krawatte und Lackschuhe. Bei der Ankunft auf dem Biogemüsehof waren die Hosenbeine versaut. Ich stieg vom Rad und steckte mir eine Zigarette an. Die eine Hand in der Hosentasche, die andere an der Kippe, schlenderte ich lässig über den Hof. Karin stand mit einem etwa achtzehn Jahre alten Bübchen vor der Scheune und unterhielt sich angeregt. Ich lehnte mich gegen das Scheunentor, schnippte auf elegante Art und Weise die Asche von der Zigarette und wartete. »Ist was, Herr Nannen, oder sind Sie nur hergekommen, um die Scheune in Brand zu stecken?« »Ich würde gerne mit Ihnen über eine geschäftliche Angelegenheit sprechen, Frau Schuhmann, oder darf ich Sie Karin nennen?« »Nein, dürfen Sie nicht, Herr Nannen, und außerdem mache ich keine Geschäfte mit Leuten, die ihre Schulden nicht begleichen. Auf Wiedersehen, Herr Nannen.« »Darum geht es; ich möchte bezahlen, aber...« »Aber was, das ist ja noch schöner, zuerst...« »Wenn ich kurz unterbrechen darf, ich gehe jetzt besser« fiel ihr der Junge ins Wort und ging zu seinem Auto, einem alten Ford Granada. Als er außer Hörweite war fragte ich sie nach dem Namen des Unbekannten. »Das geht Sie überhaupt nichts an« keifte sie. »Es tut mir leid, Frau Schuhmann, daß ich versuche, die anderen Dorfbewohner kennenzulernen.« »Er heißt Frank Stöffken, wohnt im Nachbarort, ist der Sohn des Kneipenbesitzers Johannes Stöffken und hat mir mitgeteilt, daß ich keine Essensreste mehr bekomme, weil er sie jemandem gibt, der bares Geld dafür hinlegt. Reicht das?« »Dann haben wir ein Problem« sagte ich zu ihr. »Nein, genaugenommen haben wir, beziehungsweise ich, zwei Probleme. Zum einen muß ich ab heute teures Geld für Schweinefutter ausgeben, zum zweiten muß ich einen Schmarotzer vom Hof werfen.« »Wieviel schulde ich Dir, Karin?« »Ich habe Ihnen bereits klargemacht, daß ich von Ihnen nicht geduzt werden will!« giftete sie mich an. »Abgesehen von den Essensresten habe ich seit Simons Tod sechsundzwanzig Strohballen und drei Sack Schweinemehl vorgestreckt, denn Essensreste allein reichen nicht aus, wie Sie als erfahrener Agrarökonom sicherlich wissen. Insgesamt schulden Sie mir zweihundertachtzig Mark plus vierhundert Mark für den Rasenmäher, den Hugo ausgeliehen und völlig demoliert zurückgebracht hat.« »Morgen abend bringe ich die Moneten vorbei. Ich muß nur nach Essen fahren und einige finanzielle Transaktionen tätigen. Leihen Die mir Ihr Auto?« »Sie unverschämter Kerl. Der Zug nach Münster fährt jeden Morgen um sieben Uhr sechzehn, von dort bekommen Sie einen Anschluß nach Essen. Und jetzt verschwinden Sie, sonst lasse ich den Hund heraus.« Ich entschloß mich, ihrer Aufforderung Folge zu leisten. V Die Zugfahrt nach Münster verlief unspektakulär. Ich saß zwischen zwei Omas, die sich über die gesegnete Verdauung ihrer Enkel unterhielten. Die Hälfte der Bockwurst, die ich am Bahnhof gekauft hatte, wanderte in den Abfall. Ich wechselte das Abteil. In Münster bekam ich sofort einen Anschluß nach Essen. Während der Fahrt saß ich die meiste Zeit allein im Abteil und hing meinen Gedanken nach: Was war besser: Ein langweiliger Job bei einer miesen Firma oder gar kein Job? Was war besser: Zwei Schachteln Zigaretten am Tag zu rauchen und an Lungenkrebs zu krepieren oder nur fünf Kippen, weil man sich nicht mehr leisten konnte? Was war besser: Keyboarder einer schlechten Band zu sein, oder Organist einer frommen katholischen Gemeinde und sich beim Spielen die Finger zu verletzen? Ich löste mich von diesen diffusen Gedankengängen und dachte an das Bevorstehende. Bei meinem Kollegen Peter Grabowski, auch Gurkennase genannt, hatte ich vor der Abreise nach Buldern meine Habseligkeiten eingelagert: Keyboard samt Verstärker, Fernseher mit Videorecorder, Schallplattensammlung nebst Plattenspieler und einige Kleinigkeiten, die nicht weiter erwähnenswert waren. Außerdem hatte ich auf der Sparkasse Wertpapiere deponiert, die etwa fünfhundert Mücken wert sein mußten, und ein Sparbuch. Bei der Ankunft in meiner Heimat entschied ich, zuerst zur Bank zu fahren und die Aktien und das Ersparte flüssig zu machen. Als ich aus der Bank heraustrat, drängelten sich knappe vierhundert Mark im Portemonnaie. Die Börsenkurse waren gefallen und auf dem Sparbuch hatte sich die stolze Summe von einundfünfzig Schleifen getummelt. Ich machte mich auf den Weg zu Gurkennase. Nach einem Marsch von einer Stunde - ich hatte mich entschieden, das Fahrgeld für den Bus lieber in eine Schachtel Zigaretten zu investieren - erreichte ich das Haus oder besser gesagt das Loch, in dem Grabowski vegetierte. Es war ein achtstöckiger Kasten, vollgepfropft mit Sozialwohnungen und den dazu passenden Bewohnern. Gurkennase war der angemessene Mieter, denn er war arbeitslos. Ich betete, daß er die Sachen noch nicht versetzt hatte, denn er steckte immer in der Klemme und brauchte Geld, um sich daraus zu befreien, nur um kurz darauf erneut in der Patsche zu sitzen. Für einen Arbeitslosen hatte er nämlich ein verhängnisvolles Laster: Er spielte. Ich konnte nicht aufzählen, wie oft wir bei ihm einen zur Brust genommen hatten und plötzlich zwei Schläger in der Tür standen, um seine Schulden vom Roulette, Würfeln oder Pokern zu kassieren. Bei der Hälfte dieser Begebenheiten konnte er bezahlen, in den anderen Fällen hatte er stets einige auf das Gesicht bekommen. Totschlagen durften sie ihn natürlich nicht, und so dachten sie, daß sie statt dessen uns beide halb totschlagen müßten. So war das mathematische Gleichgewicht wieder hergestellt. Ich betrat den Fahrstuhl und drückte auf den Knopf, auf dem eine Acht abgebildet war. Es geschah natürlich nichts. Ich hätte mich auch gewundert, wenn dieses verdammte Ding funktioniert hätte. Bei allen bisherigen Besuchen bei Gurkennase hatte sich der Lift nur einmal in Bewegung gesetzt. Wir hatten es bis knapp vor das sechste Stockwerk geschafft, bevor er wieder in seine gewohnte Lethargie verfallen war. Nach fünf Stunden war ich befreit worden. Also laufen. Sämtliche Bekannte hatten ihr Domizil stets in der obersten Etage. Gut, daß ich keine Freunde im World Trade Center wohnten. Ich quälte mich die zweihundertsechsundfünfzig verfluchten Stufen hoch und klopfte an Grabowskis Tür. »Einen Moment, komme sofort!« Die Tür flog auf und Gurkennase stand in seiner ganzen Pracht vor mir. Er war eine jämmerliche Erscheinung. Sein linkes Bein war vier Zentimeter kürzer als das rechte, deswegen trug er Schuhe mit unterschiedlich hohen Absätzen, Hosen mit enormen Schlag und Hemden, die bis zum Bauchnabel geöffnet waren. Ich kannte ihn nur in diesen Klamotten, den Anzug ausgenommen, welchen er stets dann anzog, wenn er einige Scheine zuviel hatte und zum Roulettespielen in eine staatliche Spielbank ging. Er war nie rasiert, was bei seinem extrem unregelmäßigen Bartwuchs sein Erscheinungsbild nicht gerade zum Positiven wendete. Die halblangen Haare klebten fettig am Schädel, doch die Krönung war die Nase, die durch seinen Spitznamen nur annähernd beschrieben wurde. »Was machst Du hier? Ich dachte, Du würdest in einem Bauernkaff Schweine melken. Schon die Schnauze voll?« »Nee, ich brauche nur etwas Startkapital und...« »Komm erst mal rein, was willst Du trinken?« »Bier, wenn's geht kalt.« »Hau Dich hin, ich hole den Gerstensaft.« Ich haute mich hin. Peters Wohnung bestand aus einem schmalen Gang, der im Mietvertrag wohl als Flur bezeichnet wurde. Rechts lag das Badezimmer, großzügig angelegt mit seinen drei Quadratmetern. Rechts ging die Küche ab, die einem alten Herd, einer Spüle, einem Kühlschrank und einem Regal für Geschirr Platz fanden. Die Diele mündete schließlich in das Wohn-/Schlafzimmer, das dreimal so groß war wie das Badezimmer. Dieser Raum fiel durch seine üppige Ausstattung auf. Die abgewetzte Couch, auf der ich mich niedergelassen hatte, wurde nachts als Bett verwendet. Unter dem einzigen Fenster der Wohnung stand ein alter Tisch mit zwei Stühlen, die er sich beim Sperrmüll besorgt hatte. Beim Kleiderschrank fehlte eine Tür, so daß man einen wunderschönen Blick auf durchlöcherte Socken und verschlissene Unterhosen werfen konnte. Rechts neben dem Schrank entdeckte ich Keyboard, Verstärker und Schallplatten. Der Plattenspieler mußte auch vorhanden sein, denn Hendrix fragte gerade, was Joe mit der Waffe in seiner Hand vorhätte. »Wo stehen Fernseher und Videorecorder?« rief ich zur Küche herüber, in der Grabowski die Kronkorken der Bierflaschen vor die Decke knallen ließ. Er war zwar unfähig, einen Eimer Wasser umzukippen, aber die tausend verschiedenen Arten, eine Bierflasche zu öffnen, beherrschte er perfekt. »Den habe ich verkauft. Schließlich mußte ich eine Waffe kaufen.« »Was?« schrie ich, »Du hast meine Sachen verscherbelt? « Peter tauchte in der Tür auf, in jeder Flosse ein Bier, im Mund eine Selbstgedrehte, und sah alles andere als schuldbewußt aus. Er drückte mir eine Kanne in die Hand und pflanzte sich neben mich. »Was war es diesmal? Pferderennen, Black Jack, Spielautomaten oder die Nutte im dritten Stock?« »Ich habe doch gesagt, daß ich eine Knarre kaufen mußte. Hast Du eine Vorstellung, was eine Wumme kostet?« »Ganz langsam, Grabowski, wozu brauchst Du eine Bleispritze? Willst Du die Geldeintreiber demnächst erschießen oder ist es Dir zu langweilig, mit dem Finger in der Nase zu bohren?« »Tja, das ist eine lange Geschichte...« »Ich habe keine Zeit für lange Geschichten. In fünfzig Minuten geht mein Zug, also faß Dich kurz. Vergiß nur nicht den Teil, in dem Du mir erklärst, wie ich jetzt an Kohle kommen soll.« »Wenn alles so weitergeht, wie es angelaufen ist, wirst Du die siebenhundert Schleifen, die ich für Deine Klamotten bekommen habe, in der nächsten Woche in den Händen halten. Dann kannst Du die erste Rate für die Schweinemelkmaschine bezahlen. Außerdem habe ich Dich noch nie hängenlassen und...« »Kurz fassen, Grabowski, kurz fassen!« »Dann lehne Dich zurück, denn was jetzt kommt, wird Dich umhauen: Du kennst doch Erwin, den Rausschmeißer vom "Glaspalast". Den habe ich vor sechs Tagen in der Kneipe getroffen, und da hat er mit Scheinen nur so herumgewedelt. Er hat eine Lokalrunde nach der anderen geschmissen und...« »Deine Lebensgeschichte interessiert mich nicht.« »Also, seit Anfang des Jahres verdient er seine Bierchen als Schnüffler. Als er mir sagte, daß er pro Woche um die ein bis zwei große Lappen einsackt, bin ich fast vom Barhocker gefallen. Am nächsten Morgen bin ich zur Zeitung gerannt und habe eine Anzeige aufgegeben: Private Ermittlungen, Detektei P. Grabowski; Diskretion und schnelle Ergebnisse garantiert. Und, was soll ich Dir sagen: Zwei Tage später steht eine verdammt gutaussehende Schlampe im Büro.« »Was für ein Büro?« »Ich habe drüben in der Josephinenstraße ein kleines Zimmer gemietet. Hätte ich die Kunden etwa hier empfangen sollen? Der Rest ging für die Waffe drauf, denn was ist ein Privatdetektiv ohne Ballermann? Walker, Marlowe, Spenser, Spade, alle haben sie Kanonen. Auf jeden Fall, die Mutti gibt mir den Auftrag, ihren Mann zu überwachen. Angeblich soll er eine Geliebte haben, in die er seine Überstunden steckt.« »Und wieviel zahlt sie dafür, daß Du durch Schlüssellöcher linst?« »Das ist das Beste an der Sache. Ich hatte keine Ahnung, was man als Schnüffler verlangen kann. Bevor ich in die Verlegenheit kam, einen Preis zu nennen, erzählte sie mir, daß sie bereits bei einem anderen Detektiv gewesen ist, der ihr zu teuer war. Er wollte dreihundertfünfzig Flöhe pro Tag plus Spesen, dabei könne sie höchstens zweihundertfünfzig pro Tag berappen. Sie hat sich richtig bei mir ausgeweint. Jeden Abend müsse sie, weil ihr Mann nicht genügend Haushaltsgeld rüberschiebt, für einen Hungerlohn bei reichen Scheißern die Villen putzen und sich, wenn die Damen des Hauses nicht da sind, von den alten Knackern an den Arsch packen lassen, und...« »Grabowski, wenn Du noch einmal abschweifst, haue ich Dir eine auf Dein Maul.« »Tschuldigung. Also weiter im Text. Wir kamen schließlich ins Geschäft. Ich bekomme für mindestens eine Woche zweihundert pro Tag plus Spesen. Der Clou an der Sache ist aber, daß ich ihren Seitenstecher schon am ersten Tag in nicht jugendfreier Stellung auf Film gebannt habe. Natürlich habe ich ihr das nicht gesagt. Wenn die Woche um ist, werde ich einen oder zwei zusätzliche Tage herausschlagen und dann die hübschen Fotos auf einem silbernen Tablett servieren. So leicht habe ich noch nie zwei große Scheine verdient. Was sagst Du jetzt, Nannen?« »Das war eine schöne Geschichte, aber davon kann ich meine Schulden nicht bezahlen. Hast Du wenigstens ein paar Kröten hier, quasi als Anzahlung?« »Tut mir leid, Dieter, der Vorschuß ist für die Kamera draufgegangen, aber nächste Woche schicke ich Dir die siebenhundert Piepen zu. Und damit Du in Deinem Bauernkaff nicht vertrocknest, werde ich gratis einige Fotos dazulegen, die ich geschossen habe.« »Ich wußte gleich, daß es Zeitverschwendung war, hier vorbeizukommen. Dann fahre mich wenigstens zum Bahnhof, oder hast Du Deine alte Kiste verkauft und fährst nur noch mit dem Taxi?« »Nein, die steht unten. Ich fahre Dich nachher hin.« »Nicht nachher, sondern sofort. Mein Zug geht in fünfundzwanzig Minuten. Das Keyboard und den Verstärker nehme ich mit. Nachher kommst Du noch auf die Idee, daß Du als Schnüffler unbedingt eine Maschinenpistole und Handgranaten brauchst. Und wage es nicht, die Platten zu verscherbeln. Jetzt aber los!« Die acht Stockwerke nach unten schwiegen wir. Ich, weil ich darüber nachdenken mußte, wie ich Karin Schuhmann die Verzögerung erklären sollte und Gurkennase, weil er nicht reden, sondern nur schnaufen und keuchen konnte. Unfair von mir, ihn alles allein schleppen zu lassen. Während der Fahrt erzählte er dafür umso mehr. Wenn das Geschäft so weiterlaufen würde, hätte er bald eine Sekretärin, die nicht mit den Fingern, sondern mit ihren Brüsten seine Berichte schreiben würde. Auf dem Bahnhof war endlich Ruhe, denn Grabowski traf an der Gepäckaufbewahrung einen Bekannten, dem er sofort seine "Ich bin der Superdetektiv - Geschichte" erzählen mußte. Ich packte die günstige Gelegenheit beim Schopf, gab am Expressgutschalter das Keyboard und den Verstärker auf und verdrückte mich. Am Bahnsteig erwischte mich Gurkennase aber doch, da der Zug Verspätung hatte. Er verabschiedete sich mit einem »Tschüs, Schweinebauer«, ich ahmte mit meinen Fingern eine Pistole nach, zielte auf ihn und sagte »Schick mir die Kohle oder verrecke!« Dann drückte ich ab. Auf der Rückfahrt war der Zug noch leerer. Ich hatte fast einen kompletten Wagen für mich. Es hatte zu regnen begonnen. Ich wußte nicht, ob es an der Ruhe im Abteil lag, ob es an den Regentropfen lag, die an der Scheibe herunterperlten, oder ob es mit der einsetzenden Dämmerung zusammenhing; auf jeden Fall kam mir eine wahnwitzige Idee: Ich werde auch Privatdetektiv! Was hatte ich zu verlieren? Gegen einen Tagesverdienst von zweihundert Schleifen gab es nichts einzuwenden. Ein weiterer Vorteil war das geringe Startkapital, das man für den Einstieg in das Schnüfflertum benötigte. Im Gegensatz zu Gurkennase brauchte ich keinen Büroraum anzumieten, da ich genug leerstehende Zimmer hatte. Möbel standen ausreichend herum, so daß sich mit etwas Phantasie ein respektables Büro hinzaubern ließ. Außerdem war ich körperlich gut in Form. Mit ein wenig Training würde ich jede Auseinandersetzung, die der Beruf des Schnüfflers mit sich bringen sollte, als Sieger verlassen. Wenn Grabowski es schaffte, dann dürfte ich überhaupt keine Probleme haben. Als der Zug um viertel vor fünf in Münster eintraf, stiefelte ich zur Zeitung und gab die Annonce auf. Anschließend schlug ich den Weg zum Bahnhof ein, um zum letzten Mal an diesem Tag die Deutsche Bundesbahn zu bereichern. VI Am nächsten Morgen bereitete ich Wilbert und den Kaninchen ein königliches Frühstück. Mit Hilfe von Stephan, den ich wenig später in der Dorfkneipe "Zum Fröhlichen Landmann" traf, transportierte ich auf einem Treckeranhänger Schweinemehl, das ich für hundert Lappen erworben hatte. Unterwegs holten wir Keyboard und Verstärker vom Bahnhof ab. Was ich mit dem Krempel wollte, war mir eigentlich unklar, denn ohne Saft stellten die hochwertigen Produkte der japanischen Unterhaltungselektronik nur totes Kapital dar. Stephan erwies sich als patenter Kerl. Er besaß zwar nur einen Intelligenzquotienten von fünf, aber er war hilfsbereit und hatte immer gute Laune. Bauer Steinmann beschäftigte ihn als Knecht, denn selbst hier war es schwierig, Arbeiter zu finden, die einen Fünfzehn-Stunden-Tag für vierzig Prozent des Sozialsatzes auf sich nahmen. »Du tun mit Wilbert reden?« fragte er mich. Wir hatten Wilberts Gehege ausgemistet und saßen bei einer über dem Kamin gebrühten Tasse Instantkaffee und einer Zigarette in dem Bereich des Hauses, den ich als Küche bezeichnete. »Stephan, ich bin ein kommunikativer Typ. Das hat jedoch seine Grenzen. Wenn ich anfangen würde, mit einer Sau zu reden, kann ich gleich meinen Verstand gegen Stroh eintauschen.« »Wenn Du lieb sein tust zu Wilbert, Du bekommst schön lecker Fleisch.« »Ich will und darf ihn gar nicht schlachten.« Ich inhalierte den Rauch der Camel. Soweit war es nach drei Tagen Güllegestank gekommen; ich unterhielt mich mit einem auf der Entwicklungsstufe eines Dreijährigen stehenden Riesenbabys über den Nutzen, mit einem noch dümmeren Schwein zu reden. »Oh, da haben sich zwei gesucht und gefunden.« Karin Schuhmann stand grinsend im Türrahmen. »Was sagt Ihnen die Zahl sechshundertachtzig, Nannen? Sind das die sechshundertachtzig Minuten, die Sie hier überflüssig sind, oder sind das die sechshundertachtzig Grashalme, die Sie bis jetzt gezählt haben, um der Monotonie der Arbeitslosigkeit zu entgehen?« »Könnten Sie sich noch etwas gedulden? Ich erwarte in Kürze einen monetären Transfer.« »Eine Woche gebe ich Ihnen Zeit, Nannen. Wahrscheinlich kann ich das Geld sowieso in den Wind schreiben. Ach, noch etwas: Dr. Rudolph aus Brücken hat angerufen. Sie sollen im Laufe des Tages bei ihm vorbeikommen, er hätte eventuell Arbeit für Sie. Was will Dr. Rudolph von Ihnen?« »Das geht Sie nichts an, Frau Schuhmann!« »Warum arbeiten Sie nicht als Knecht bei mir? Ich könnte gut jemanden gebrauchen, der hart anpacken kann. Ich weiß, das trifft auf Sie nicht zu. Aber spätestens in einem Jahr haben selbst Sie Ihre Schulden abgearbeitet.« »Der Gentleman lehnt ab und dankt. Ich habe ein besseres Angebot.« »Kommen Sie, sagen Sie mir doch, um was es sich handelt.« »Auf Wiedersehen, Frau Schuhmann!« Karin verließ uns zögerlich, aber ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Währenddessen spielte Stephan völlig fasziniert am Keyboard herum und wartete vergeblich auf den Geist aus der Steckdose, der dem Keyboard Musik und ihm Verstand schenken würde. VII Nachdem ich Stephan losgeworden war, machte ich mich auf die Suche nach Kleidungsstücken, in denen ich wie ein Privatdetektiv und nicht wie ein Automechaniker aussah. Dies erwies sich als schwierig, da mein Fahrrad bereits zwei Hosen und ein Hemd auf dem Gewissen hatte. Das zweite Hemd verhüllte meinen Luxuskörper vor den Blicken der Dorfweiblichkeit. Zum Glück fand ich eine schwarze Stoffhose und einen roten Schlips mit gelben Punkten. Relikte meiner Betriebswirttätigkeit, die lange nicht mehr in den Genuß eines Bügeleisens gekommen waren. Na schön, Grabowski sah auch nicht wie ein Diplomat beim Small-Talk im Bundeskanzleramt aus, und Dr. Rudolph hatte in dieser Einöde sicherlich nicht die große Auswahl an Detektiven, als daß er sich Ansprüche bezüglich des Outfits erlauben konnte. Ich kleidete mich an, kramte aus einer alten Holzkiste einen Haufen vergilbter Landkarten hervor und setzte mich auf einen Melkschemel, um mich dem leider unumgänglichen Studium der Geographie des Münsterlandes zu widmen. "Mehr Freude beim Radwandern in Münster und Umgebung", "Auf den Pfaden des Kiepenkerls". Da ich nur gezwungenermaßen auf die Segnungen der Automobilindustrie verzichtete, klangen die Werbeslogans des Westfälischen Fremdenverkehrsvereins wie blanker Hohn in meinen Ohren. Selbst bei einem Kartenmaßstab von eins zu zehntausend wirkten die Stätten meines neuen Betätigungsfeldes wie Fliegenschiß auf einer Wolkenkratzerfassade. Buldern, Böckinghausen, Havixbeck. Mir tränten schon die Augen, bis ich einige Zentimeter von Buldern entfernt etwas ähnliches wie B ücke entzifferte. Das war mindestens eine halbe Stunde Strampelei. Als ich den Drahtesel aus dem Stall holte, verabschiedete sich Wilbert mit einem freundlichen Grunzen. Der mittägliche Trip durch Felder, Felder und nochmals Felder dauerte zwar nur zwanzig Minuten, nichtsdestotrotz lief mir der Schweiß in Sturzfluten die Stirn herab. Für Ende März war es ungewöhnlich warm. Brücken war noch kleiner als Buldern. Als ich das Ortseingangsschild gerade hinter mir gelassen hatte, erblickte ich das Ausgangsschild. Das gesamte Dorf bestand aus zehn Häusern, die sich um einen Weg gruppierten, der sich laut Straßenschild "Hauptstraße" schimpfte. In welchem der Häuser wohnte Dr. Rudolph? Ich steuerte auf das einzige Gebäude ohne Fachwerkschmuck zu. Es war weiß gestrichen. Mein Instinkt hatte mich nicht betrogen. Die hochmoderne Glasfliesentür zierte eine Tafel mit der Aufschrift "Dr. Gernot Rudolph - Arzt für Allgemeinmedizin - Sprechstunde: Montag-Freitag 9-13 Uhr und 15-18 Uhr, Mittwoch Ruhetag". Ich betätigte die Schelle. Bevor ich den Zeigefinger wieder vom Klingelknopf entfernt hatte, öffnete sich die Tür. Eine Frau in einem weißen Kittel, etwa einen Meter siebzig groß, um die fünfzig Jährchen auf dem Buckel und nach Desinfektionsmitteln duftend, baute sich vor mir auf. Sie mußte hinter dem Fenster gestanden und mich beobachtet haben. »Mein Mann macht Mittagspause. Würden Sie bitte um fünfzehn Uhr wiederkommen?« »Ich bin kein Patient Ihres Mannes, zumindest noch nicht. Mein Name ist Nannen. Ihr Gatte ließ ausrichten, er hätte Arbeit für mich.« »Kommen Sie bitte hinein.« Sie führte mich durch einen Raum, der einem guten Dutzend Leuten Sitzgelegenheiten bot, offensichtlich das Wartezimmer. Ein etwa achtzehnjähriges Mädchen, das schulterlange blonde Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, saß über einen Haufen von Papieren gebeugt. Als wir an ihrem Schreibpult vorbeidackelten, blickte sie auf und schenkte mir ein strahlendes Lächeln. »Guten Tag.« »Einen solchen wünsche ich Ihnen ebenfalls. Haben Sie heute abend etwas vor?« Sie bekam keine Gelegenheit, mir zu antworten. »Claudia, stellen Sie keine Anrufe zu meinem Mann durch. Wir haben eine Geschäftsbesprechung.« »Wird gemacht, Frau Rudolph.« Claudia lächelte mich noch einmal an; dann hatten wir das Wartezimmer verlassen. Frau Rudolph geleitete mich in ihre Wohnung, die gleich hinter dem Wartezimmer lag. Der Mief von Gutbürgerlichkeit stach mir schon in der Diele in die Nase. Eiche rustikal, wohin das Auge blickte. Im Wohnzimmer erwarteten mich die obligatorischen röhrenden Hirsche. Ich wartete nicht, bis Frau Rudolph mir einen Platz anbot, sondern ließ mich sofort in einen braunen Ledersessel nahe dem Kamin fallen. »Einen Moment bitte, ich hole meinen Mann.« Dr. Rudolph entsprach exakt dem Landarztklischee. Er war knapp über dem Alter der Midlife-Crisis. Der kleine Schmerbauch wurde geschickt durch einen weiten Kaschmirpullover kaschiert. Die Brille betonte das Intellektuelle, der Vollbart die Nähe zur Landbevölkerung. »Guten Tag, Herr Nannen. Rudolph.« Er schüttelte mir die Hand mit einem mehr als kräftigen Händedruck. »Ich habe Ihre Anzeige heute morgen in der Zeitung gelesen. Ich habe einen Auftrag für Sie. Es geht um unsere Tochter Barbara. Vor einigen Tagen rief mich der Direktor ihrer Schule an. Barbara ist seit zwei Wochen dem Unterricht ferngeblieben. Uns ist das nicht aufgefallen. Sie verließ wie üblich jeden Morgen das Haus und kam pünktlich zurück. Als ich sie daraufhin zur Rede stellte, sagte sie, daß ginge mich nichts an, und hat weiterhin die Schule geschwänzt, wie mir Herr Zollner, ihr Stufenleiter, bei einer telefonischen Nachfrage berichtete. Wissen Sie, Herr Nannen, eine Arztpraxis bedeutet einen Vierundzwanzig-Stunden-Job. Meine Frau ist ebenfalls in der Praxis eingespannt. Da haben wir Barbara etwas vernachlässigt. Sie kleidet sich in der letzten Zeit seltsam, keinesfalls wie eine zukünftige Ärztin, und ihre Schulleistungen haben rapide nachgelassen. Sie wiederholt gerade die Jahrgangsstufe Zwölf. Das ist aber nicht weiter tragisch. Ich war fünf Jahre im Bundesvorstand des Hartmannbundes. Einen Studienplatz für Medizin kann ich ihr allemal verschaffen. Wir fürchten aber, daß sie eventuell in etwas Schlimmes hineingeraten ist. Ich vermute, sie nimmt Drogen.« »Wir wollen doch nicht gleich das Schlimmste vermuten. Vielleicht hat Barbara nur Liebeskummer.« »Das sollen Sie herausfinden, Herr Nannen. Ich kann gar nicht sagen, wie es mich freuen würde, wenn Sie recht hätten. Nehmen Sie den Auftrag an?« »Nun, ich glaube, das kann ich im Terminkalender unterbringen. Aber was ist mit der Bezahlung? Ich bin nicht billig.« »Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Geld spielt keine Rolle. Nennen Sie einfach Ihre Konditionen.« »Zweihundert Mark pro Tag und fünfhundert Mark Erfolgshonorar.« Rudolph akzeptierte, ohne zu murren. »Dürfte ich Barbaras Zimmer sehen?« »Irene, übernimmst Du das?« Ich erhob mich und folgte der Dame des Hauses. In Barbaras Dachgeschoßwohnung lebten die Sechziger Jahre in all ihren Klischees auf. Statt eines Bettes bildete eine einfache Matratze die Schlafstatt. Ferner konnte ich keinen einzigen Stuhl, dafür umso mehr buntgemusterte Kissen entdecken. Von den Wänden grinsten mich die Mitglieder der Heaven-All-Star-Band an: Jim Morrison, Janis Joplin und Jimi Hendrix. Daneben ihre zeitgenössischen Pendants: Julian Cope, Shiny Gnomes und Legendary Pink Dots. In den Bücherregalen stapelten sich neben diversen Räucherstäbchen und parfümierten Tees die Bücher, die schon vor fünfundzwanzig Jahren so manchen in den Wahnsinn getrieben hatten. Dutschke, Marx und die Maobibel hatte ich auch gelesen. Schließlich mußte man kennen, was man haßte. Der Gesamteindruck ihres Zimmers bestätigte Rudolphs Verdacht. Jedes ihrer Vorbilder hatte mehr Trips geschmissen als unsereiner zur Toilette ging. Ich hatte genug gesehen. Von Frau Rudolph ließ ich mir ein Foto von Barbara, Adresse und Namen ihrer Schule und des Stufenleiters geben und machte mich auf den Weg nach Hause. VIII Nachdem ich Wilbert mit Schweinemehl und mich mit Erbsensuppe aus der Dose gefüttert hatte, begann ich, eine Strategie zu entwickeln. Einen Besuch des Martin-Heidegger-Gymnasiums in Havixbeck konnte ich mir heute schenken. Barbaras Schule war schon geschlossen. Blieb Babsis Stufenleiter Martin Zollner. Ich blickte auf die Wanduhr, einen der wertvollsten Posten meines Erbes. Der Stundenzeiger stand auf der sechs, Minutenzeiger und Uhrdeckel glänzten durch Abwesenheit. Um diese Zeit war Zollner bestimmt zu Hause. Wenn ich vor Mitternacht in Havixbeck ankommen wollte, brauchte ich ein motorisiertes Fahrzeug. Da Schuhmann sich in dieser Beziehung unerbittlich gezeigt hatte, blieb mir nur die Möglichkeit, mich an den Straßenrand zu stellen, den Daumen zu heben und auf den nächsten Viehtransport nach Havixbeck zu warten. Ich ging nach draußen und stellte mich in der üblichen Tramperpose auf und hoffte, daß die Autofahrer des Münsterlandes auch Mitreisenden ohne Minirock und vier Meter Oberweite einen Platz auf dem Beifahrersitz gewährten. Nach zehn Minuten brauste ein roter VW Polo mit Rallyestreifen und getönter Heckscheibe vorbei, machte eine Vollbremsung, wendete und kam vor mir zum Stehen. Ein schwarzgelockter Jüngling, die eine Hand umklammerte das Sportlenkrad, die andere eine Filterzigarette, machte eine Handbewegung, die mich zum Platznehmen aufforderte. »Pflanz Dich. Ich bin Julius. Wenn Du jetzt lachst, kannst Du laufen. Ich habe mir den Namen nicht ausgesucht.« Die ganze Fahrt über führte er einen Monolog, dem ich entnehmen konnte, daß er Tankwart war und in der Bulderner Dorfkapelle mit dem bezeichnenden Namen "Explodierende Tränen" für den Gesang verantwortlich war. Ich erwähnte, ebenfalls Musik gemacht zu haben und nach Havixbeck zu wollen. Nach Havixbeck wollte er auch. Ebenso einen Keyboarder für seine Band. Ich versprach ihm eine Session nach der Sonntagsmesse und hoffte, daß sein Gedächtnis so kurz wie sein Redefluß lang war. Havixbeck erwies sich als Kleinstadt, zumindest für ländliche Verhältnisse. Ich entdeckte mehrere Supermärkte. Sogar eine Stadthalle war vorhanden. Auch der technische Fortschritt hatte keinen Bogen um Havixbeck gemacht, denn es gab Verkehrsampeln. Diese zwangen uns zu einigen unfreiwilligen Stops, auch wenn Julius nur bei dunkelrot auf die Bremse trat. Ich fragte meinen Chauffeur nach der Bludaustraße. Er beantwortete die Frage, indem er mich dorthin brachte. Zollner residierte in einem Reihenhaus. Das Antesten der Klingel blieb mir erspart. Eine hochgewachsene Frau mit kurzen, rotgefärbten Haaren schickte sich an, in einen schwarzen Jaguar zu steigen, der vor dem Haus geparkt war. »Einen Moment bitte. Sind Sie Frau Zollner?« »Frau Zollner-Knittel. Wollen Sie zu mir?« »Ich hätte gerne Ihren Mann gesprochen. Nannen ist mein Name.« »Der hat seinen Lehrerstammtisch im "Vollen Krug", gleich um die Ecke. Ich muß weg.« Sie nahm sich nicht die Zeit, sich zu verabschieden, und ehe ich mich versah, erblickte ich nur noch die Abgasfahne ihres Wagens. Glücklicherweise lag die Kneipe nur fünfzig Meter entfernt. Das ersparte meinem Daumen weitere zehn Minuten Gymnastik. Es handelte sich um eine der üblichen Eckkneipen, wie man sie von Flensburg bis Garmisch fand. Zum Glück war der Krug alles andere als voll. Den sieben Männern um den Holztisch, auf dem ein Oktoberfesthumpen mit der Aufschrift "Reserviert" plaziert war, sah man die Zugehörigkeit zum Lehrertum sofort an. Vom ehemaligen Unteroffizier bis zum verhinderten Künstler war jeder Typus vertreten. Ich ging auf die Gruppe zu. »Herr Zollner?« »Ja?« Ein Typ im Benetton-Pullover blickte mich fragend an. »Können wir an einen Nebentisch gehen? Ich habe etwas Privates mit Ihnen zu besprechen.« Zollner zuckte die Schultern , erhob sich aber. Wir setzten uns an einen Ecktisch. Ich bestellte ein Hefeweizen. »Schießen Sie los. Meine Kollegen warten.« »Mein Name ist Nannen. Ich bin Privatdetektiv und arbeite im Auftrag von Dr. Rudolph. Er macht sich Sorgen um Barbara.« »Was ist mit Barbara? Und wieso ein Privatdetektiv?« »Barbara schwänzt seit zwei Wochen die Schule. Ihr Vater vermutet, daß sie Drogen nimmt.« »Babsi und Drogen? Ich bitte Sie. Ihr Verhalten ist auf eine völlig normale Schulfrustphase zurückzuführen. Das geht vorüber, wie Sie überall in der pädagogischen Fachliteratur nachlesen können.« Die Antwort kam mir zu schnell. »Könnte ihr Verhalten nicht andere Motive haben? Private zum Beispiel?« »Was für private Motive? Sie fühlt sich zwar von ihren Eltern vernachlässigt, und ihr Vater wollte ihr nicht die Pille verschreiben. Das ist aber kein Grund, der Schule fernzubleiben.« »Reden Sie mit allen Schülerinnen über deren Sexualleben?« »Barbaras Freund, Jens Kofler, kam neulich in meine Sprechstunde und erzählte mir davon. Heutzutage gehen die Schüler nicht mehr so locker mit ihrer Sexualität um wie zu meiner Jugendzeit.« Babsis Freund hatte ihn zum morgendlichen Plauderstündchen besucht? Das erschien mir wenig glaubwürdig. Ich selber hätte kaum mit einem Lehrer über zwischengeschlechtliche Turnübungen gesprochen. Normalerweise wurden Schüler schon in den unteren Klassen aufgeklärt. »Mit Kofler habe ich auch gesprochen, aber er hat mir etwas ganz anderes erzählt.« Unterdessen schienen seine Kollegen unruhig zu werden. »Martin, die nächste Runde geht auf Deine Rechnung! Kommst Du?« Man sah Zollner an, daß er nichts lieber getan hätte, als sich mit seinen Paukerfreunden einen hinter die Binde zu kippen. Meine Äußerung schien ins Schwarze getroffen zu haben. »Bestellt schon. Ich komme gleich.« Er wendete sich wieder zu mir. »Kofler ist ein notorischer Lügner. Wenn der "Guten Morgen" sagt, würde ich nach draußen gucken, ob es nicht Nacht ist.« »Mir erschien der Junge glaubwürdig. Finden Sie nicht, daß es an der Zeit ist, mit der Wahrheit herauszurücken?« Mit einem wissenden Lächeln lehnte ich mich zurück. »Na gut, schließlich sage ich Ihnen nichts Neues. Ein kurzer Seitensprung, sonst nichts. Ich liebe meine Frau...« Wenn ich sein verlegenes Genuschel richtig interpretierte, wollte Zollner mir sagen, daß seine Beziehung zu Babsi über das normale Lehrer-Schüler-Verhältnis hinausging. »Das hört sich schon besser an. So ersparen Sie uns eine Menge Zeit.« Zollner fuhr mit seinem Bericht fort. »Mich trifft keine Schuld. Jeden Tag schrieb sie mir Liebesbriefe. Darüber habe ich natürlich nur gelacht. Später fuhr sie schwerere Geschütze auf. Setzte sich mit halboffener Bluse in die erste Reihe. Was ihre Schulkollegen dazu sagten, interessierte sie nicht. Mir ging das zu weit. Ich hatte Angst, zum Gespött der Schule zu werden. Außerdem konnte mich das den Job kosten: Verführung von Abhängigen. Ich sagte, ich wolle sie nach der Stunde sprechen. Als alle anderen aus der Klasse gegangen waren, kam sie nach vorne und setzte sich breitbeinig auf das Pult. Unter ihrem Rock hatte sie nichts an. Da konnte ich mich einfach nicht mehr beherrschen. Mein Gott, ich konnte ihr in dieser Beziehung nichts beibringen. Wir trafen uns dann zweimal die Woche im Hotel, wenn Inge ihren Frauenabend im Café Schneewittchen hatte. Aber für Babsi war alles nur ein Spiel. Anscheinend fand sie es schick, mit ihrem Lehrer zu schlafen. Jedenfalls rief sie vor zwei Wochen an und sagte, daß Schluß sei und sie Abstand von mir gewinnen wolle.« Er machte ein Pause. Ich konnte Zollner verstehen. Dem Foto nach zu urteilen, war die Arzttochter verdammt attraktiv. »Und seit dem Anruf ist sie nicht mehr in die Schule gekommen?« »Genau. Sie können sich die Ängste nicht vorstellen, die ich ausgestanden habe. Als Jahrgangsstufenleiter bin ich verpflichtet, bei jeder unentschuldigten Fehlstunde nachzufragen. Wenn ich bei Barbara eine Ausnahme gemacht hätte, wäre das auffällig gewesen. Ich habe dem Direktor gesagt, ich sei zeitlich überlastet, und ob er das nicht für mich übernehmen könne.« Ich stand auf. »So, Herr Zollner. Ich gehe Bericht erstatten. Viel Spaß beim Feiern.« Danach war ihm anscheinend nicht zumute. »Kann das nicht unter uns bleiben, Herr Nannen? Sie sagen Herrn Rudolph einfach, seine Tochter würde kiffen. Das macht doch jeder Schüler. Damit ersparen Sie mir einen Riesenärger. Es soll auch nicht Ihr Schaden sein.« Es war natürlich verlockend, doppelt zu kassieren. Früher oder später würde das Verhältnis von Zollner mit Barbara jedoch herauskommen. Wenn ich Zollners Bitte Folge leisten würde, wäre mein Ruf ruiniert. Dann konnte ich froh sein, für vier Mark Stundenlohn entlaufene Dackel suchen zu dürfen. »Meinem Mandanten gegenüber habe ich Pflichten, Herr Zollner. Ehrlichkeit ist die wichtigste. Ich werde aber versuchen, ihn von einer Anzeige abzuhalten. Garantieren kann ich allerdings für nichts.« Ich ließ Zollner mit seinen Sorgen zurück und suchte die nächste Bushaltestelle. Wenn ich Rudolph schon sofort Bericht erstattete, würde er vielleicht einen Bonus ausspucken. Verdient hatte ich ihn mir. Der nächste Bus nach Brücken fuhr in sieben Minuten. Das reichte, um eine Zigarette zu rauchen. IX Der Bus hatte zehn Minuten Verspätung. Angesichts meines überaus erfolgreichen Tagewerks konnte ich damit leben. Der Fahrer strich mürrisch das Beförderungsentgelt ein. Aus dem Radio plärrte Heino über die Schönheit einer schwarzen Barbara. Ich dachte an Gernot. Er würde sich freuen, wenn er erfuhr, was für ein Früchtchen seine Tochter war. »Schöne Musik« sagte ich zum Busfahrer. Seine Miene wurde ungleich freundlicher. »Nicht wahr, Heinos Lieder sind die besten.« Ich setzte mich nach hinten, um mir ungestört Gedanken über günstige Anlegemöglichkeiten für das Honorar zu machen. Meine Laune verschlechterte sich rapide, als ich errechnete, daß nach Begleichung der Schulden bei Schuhmann kein Pfennig übrigbleiben würde. Gegen halb zehn erreichte ich meinen Bestimmungsort. An der Eingangstür der Rudolphschen Villa brannte Licht. Als ich klingelte, wurde sofort die Tür aufgerissen. Vor mir stand der Doc im Bademantel. Sein rechter Fuß steckte in einem Schlappen, der linke war unbeschuht. »Ich dachte, das wäre Barbara.« Sein Gesichtsausdruck verriet Besorgnis. »Kommen Sie herein, Herr Nannen. Ich bitte Sie, meine Frau zu entschuldigen. Sie liegt im Bett und liest.« Rudolph sah mich erwartungsvoll an. »Nun, haben Sie etwas herausgefunden?« »Das Erfreuliche zuerst: Ihre Tochter nimmt keine Drogen. Der Grund für ihr Verhalten ist anderer Natur. Sie hatte ein Verhältnis mit ihrem Jahrgangsstufenleiter, Herrn Zollner.« Rudolph sprang auf und lief im Zimmer umher. Sein Gesicht hatte sich noch mehr gerötet. »Dieses Schwein. Sich an meiner unschuldigen Tochter zu vergreifen. Den bringe ich um. Dieses Schwein!« »Immer mit der Ruhe, Herr Rudolph. Erstens ist die Beziehung zu Ende, und zweitens haben meine Recherchen ergeben, daß nicht Zollner Barbara verführt hat. Im Gegenteil, sie war die treibende Kraft. Handeln Sie nicht unüberlegt.« »Sie haben recht. Ich darf mich nicht gehen lassen, so schwer mir das auch fällt.« Rudolph blieb stehen. »Und weshalb schwänzt sie die Schule?« »Sie will sich nicht wegen der Beendigung der Beziehung rechtfertigen müssen.« Im Nebenzimmer klingelte das Telefon. Jemand nahm den Hörer ab. »Ich werde den Kerl verklagen. Der wird sich an keinem Kind mehr vergreifen. Wenn er Glück hat, kriegt er einen Job bei der Müllabfuhr.« Ich räusperte mich. »Ich hoffe, Sie sind trotz des unerfreulichen Resultates mit mir zufrieden.« »Selbstverständlich. Sie haben hervorragende Arbeit geleistet, auch wenn mir das Ergebnis nicht gefällt. Lassen Sie uns über Ihr Honorar sprechen...« Ein Schrei unterbrach ihn. Die Tür zum Wohnzimmer wurde aufgerissen, und die Hausherrin stand auf der Matte. Sie trug ein geblümtes Nachthemd, und die Frisur wurde von Lockenwicklern verunstaltet. Weinkrämpfe schüttelten ihren Körper. Dabei stammelte sie völlig unverständliches Zeug. Rudolph sah seine Frau fassungslos an. »Was ist denn los, Liebling?« »Barbara, sie ist tot.« »Was?« Rudolphs Miene versteinerte sich. »Der Polizist Reichert hat gerade angerufen. Er holt uns gleich ab. Wir sollen ihre Leiche identifizieren.« Ich kam mir überflüssig vor. Beileidsbekundungen waren noch nie meine Stärke gewesen. Wir saßen herum und sprachen kein Wort. Zwischendurch ging Frau Rudolph nach oben, zog sich um und kehrte nach zehn Minuten zurück. Sie heulte immer noch. Es klingelte. Rudolph, dessen Miene noch immer die Lebendigkeit einer Wachsfigur besaß, ging zur Tür. Seine Frau weinte unterdessen in etwas geringerer Lautstärke weiter. Rudolph kam in Begleitung eines Polizisten wieder. Dieser warf mir einen scharfen Blick zu, beachtete mich aber nicht weiter. »Mein aufrichtiges Beileid, Frau Rudolph. Wie ich bereits Ihrem Mann sagte, haben wir Ihre Tochter gegen einundzwanzig Uhr auf einem Feld bei Havixbeck gefunden. Sie wurde erstochen. Sie kann höchstens eine halbe Stunde tot gewesen sein, wie mir der Polizeiarzt versicherte.« Frau Rudolphs Tränenstrom schien nicht enden zu wollen. Ihr Mann hatte seine vorherige Regungslosigkeit überwunden. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut. »Das war Zollner, dieses Schwein. Es reicht ihm nicht aus, meine Tochter zu verführen. Er muß sie auch noch umbringen.« Ich schaltete mich ein. »Wenn ich das richtig mitbekommen habe, ist der Mord um zwanzig Uhr dreißig verübt worden. In diesem Fall kommt Herr Zollner nicht in Frage, weil ich zu der Zeit eine Unterredung mit ihm hatte. Dafür gibt es weitere Zeugen.« Reichert funkelte mich an. »Wer ist Zollner, und wer sind eigentlich Sie?« Ich beantwortete seine Fragen. Natürlich erzählte ich nicht mehr als unbedingt nötig. Aufgrund meiner fehlenden Lizenz mußte ich meine Tätigkeit als Privatdetektiv gegenüber der Polizei geheimhalten und gab mich deshalb als entfernter Verwandter der Rudolphs aus. Da alle Menschen von Adam und Eva abstammten, war das nicht gelogen. Bevor Reichert mit den Rudolphs zur Identifizierung der Leiche nach Havixbeck fuhr, flüsterte mir der Doktor etwas zu. Es klang nach »Finden Sie den Mörder, Nannen. Ich zähle auf Sie.« Das war die Bestätigung, daß Tod und Leben eng beieinander lagen. Barbaras gewaltsames Ende sicherte mir den Lebensunterhalt für die nächste Zeit. Ich ging zum Telefon und ließ ein Taxi kommen. Schließlich mußte ich etwas für das Spesenkonto tun. X Obwohl ich am Vorabend den Wecker nicht gestellt hatte, wachte ich am Samstagmorgen bereits um acht Uhr auf. Wenn das so weiterging, würde ich mich zu einem wahren Frühaufsteher entwickeln. Ich blieb eine Weile in den Federn liegen, starrte an die Decke und dachte nach: Das war eine miese Geschichte, in die ich hineingeraten war. Warum konnte ich nicht so simple Aufträge wie Grabowski bekommen? Aber nein, Dieter R. Nannen, Privatdetektiv ohne Lizenz, rutschte sofort in eine Mordsache. Nun galt es zunächst, Verdächtige zu finden. Martin Zollner schied aus. Wenn ich von einem Alibi überzeugt war, dann von seinem. Zum jetzigen Zeitpunkt schien es am sinnvollsten, noch einmal zur Familie Rudolph zu fahren, um weitere Informationen zu erhalten. Ich sprang aus dem Bett, füllte meinen Magen mit einer trockenen Scheibe Schwarzbrot und einem Glas Milch und stiefelte nach draußen. Heute würde ein wunderschöner Tag werden. Keine einzige Wolke ließ sich am Himmel blicken. Ich holte das Fahrrad aus dem Schuppen, lief aber noch einmal in das Haus zurück, um das schwarze Notizbuch und den vergoldeten Kugelschreiber einzustecken, die ich beim Aufräumen in Hugos Schlafzimmer gefunden hatte. Wenn ich schon keinen blassen Schimmer von der Arbeitsweise eines Detektives hatte, mußte ich mir zumindest einen professionellen Anstrich verleihen. Nach einer Viertelstunde - Miguel Indurain wäre auf dieser Rostlaube auch nicht schneller gewesen - erreichte ich die Rudolphsche Villa. Es schienen alle daheim zu sein, denn zwei Autos parkten in der Einfahrt. Ich klingelte, und wenige Augenblicke später stand Dr. Rudolph in der Tür. »Guten Tag, Herr Nannen.« »Guten Tag, Herr Doktor. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen.« »Aber nein. Ich habe überhaupt kein Auto gehört.« »Ich bin mit dem Fahrrad hier, da ich keinen Wagen besitze.« »Aus Überzeugung oder aus finanziellen Gründen, wenn Sie mir die Frage erlauben?« »Wie Sie wissen, stamme ich aus Essen, und dort ist man zu Fuß schneller am Ziel als mit dem Auto.« Ich brauchte ihm nicht unbedingt auf die Nase zu binden, daß ich mir damals keine Karre hatte leisten können, weil das meiste Geld für Schallplatten draufgegangen war, ganz abgesehen von der Miete und den dreihundert Piepen für Zigaretten im Monat. »Aber auf dem Lande sind die Entfernungen ungleich größer und die Busverbindungen auch nicht das Gelbe vom Ei. Ich werde also nicht umhin kommen, bald ein Auto zu kaufen.« »Ich kann Ihnen anbieten, den Wagen meiner Tochter zu fahren, bis Sie einen eigenen haben. Es ist zwar nur ein alter Golf Diesel von neunzehnhundertneunundsiebzig, aber...« »Das kann ich nicht annehmen, Herr Doktor.« »Doch, doch. Als Arzt lernt man, Leute einzuschätzen, und meine Menschenkenntnis sagt mir, daß nur Sie in der Lage sein werden, Barbaras Mörder zu fassen. Daß man von der Polizei nichts zu erwarten hat, wissen Sie so gut wie ich.« Bei der Erwähnung von Babsis Namen schluckte er, bekam sich aber schnell wieder in den Griff. »Ich kann immer noch nicht fassen, daß meine Tochter tot ist, ermordet. Jede Minute blicke ich zur Tür und erwarte, daß sie hereingestürmt kommt.« »Ich kann sehr gut nachfühlen, was in Ihnen vorgeht. Ich selbst habe meinen Vater durch einen Unfall verloren.« Das war gelogen. »Ich komme lieber ein anderes Mal wieder...« »Nein, bleiben Sie, Herr Nannen. Sie wollen mit Sicherheit einige Fragen stellen.« »Wenn es Ihnen nicht allzuviel ausmacht. Ich brauche Informationen über Barbaras Freunde, ihren Umgang und so weiter.« »Folgen Sie mir bitte ins Wohnzimmer.« Ich folgte. »Ich werde jede Frage beantworten. Scheuen Sie sich nicht, alles anzusprechen, was Ihnen weiterhelfen könnte. Ich will, daß dieser Schweinehund gefaßt wird, der meinen Liebling auf dem Gewissen hat. Entschuldigen Sie die Ausdrucksweise.« »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.« Gernot ließ sich in einem Sessel nieder und deutete mit einer Handbewegung zum Sofa. »Setzen Sie sich bitte. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?« Ich lehnte dankend ab und ließ mich auf der Couch nieder. Das Notizbuch und den Kugelschreiber zog ich aus der Jackentasche und legte beides auf den Tisch. »Meine Tochter war in einer Clique mit fünf oder sechs Schulkameraden. Sie waren nur ein- oder zweimal hier. Meistens haben sie sich in der Kneipe "Em Pompeji" getroffen. Ich glaube, mit einem von ihnen war sie enger befreundet, Jens Kofler ist sein Name. Er ist der Herausgeber der Schülerzeitung. Barbara hat auch Artikel geschrieben, meistens Buchbesprechungen. Sie hat sehr viel gelesen, wissen Sie...« »Entschuldigen Sie, Herr Rudolph, haben Sie Koflers Adresse?« »Ich gebe Ihnen gleich das Adreßbuch meiner Tochter. Dort sind die Anschriften ihrer Freunde aufgeführt.« »Vielen Dank. Fahren Sie bitte fort.« »Das waren alle Bekannten, die mir einfallen.« »Was hatte Barbara für Hobbies?« »Hauptsächlich war sie mit ihrer Clique zusammen. Ansonsten war sie zu Hause, hat Musik gehört und gelesen. Sie haben gestern bestimmt ihre umfangreiche Büchersammlung gesehen.« »Ist Ihnen in letzter Zeit eine Veränderung an Ihrer Tochter aufgefallen, abgesehen davon, daß sie Angst hatte, zur Schule zu gehen?« »Nur, daß ihre schulischen Leistungen stark nachgelassen haben. Aber jetzt, wo ich von diesem unsäglichen Verhältnis mit diesem Schwein Zollner weiß, wundert mich das natürlich nicht mehr.« »Sonst nichts? Mir hilft alles weiter, auch wenn Sie es für unbedeutend halten mögen.« »Nein, Herr Nannen, das war alles.« »Eine letzte Frage. Wie schätzen sie Barbaras Clique ein?« »Ich würde sagen, daß es sich um ganz normale Jugendliche handelt. Einmal hat es wohl eine kleine Schlägerei gegeben, aber mehr ist mir nicht zu Ohren gekommen.« »Sie machen es mir nicht einfach, Herr Dr. Rudolph.« »Das ist leider alles, was ich weiß. Barbara hat sich uns gegenüber in den letzten Monaten immer mehr verschlossen.« »Vielen Dank. Wenn Sie mir jetzt bitte das Adreßbuch geben könnten, werde ich Sie nicht weiter belästigen.« »Sie haben mich nicht belästigt. Warten Sie einen Moment, ich bin gleich wieder da.« Während er nach oben verschwand, um das Buch zu holen, ging ich meine Notizen durch, konnte aber nichts Brauchbares entdecken. »Hier ist das Büchlein, Herr Nannen, und hier der Autoschlüssel und die Zulassung.« »Das kann ich wirklich nicht annehmen.« »Doch, bitte. Ich stehe sowieso in Ihrer Schuld. Wenn Sie gestern nicht eingeschritten wären, wer weiß, wozu ich fähig gewesen wäre. Geben Sie mir auch bitte Ihre Kontonummer, damit ich das Honorar überweisen kann.« »Ich werde gleich ein Bankkonto einrichten. Aber machen Sie sich über das Honorar erst einmal keine Gedanken.« »Wenn ich sonst etwas für Sie tun kann?« »Eine Bitte habe ich: Könnten Sie geheimhalten, daß ich als Privatdetektiv für Sie tätig bin. Ich halte es für effektiver, inkognito zu arbeiten.« »Ich werde kein Wort verlauten lassen.« Wir verließen das Haus und verabschiedeten uns. Ich schloß den Kofferraum des mandarinorangenen Golfs auf, klappte die Rückbank um und verstaute das Fahrrad. Mit dem Abschleppseil band ich es fest und stieg ein. Der Autositz war weitaus angenehmer als der harte Sattel. Als ich den Anlasser betätigen wollte, lehnte Gernot sich durch das heruntergelassene Seitenfenster und zischte mir zu: »Fassen Sie den Mörder!« Ich antwortete: »Darauf können Sie sich verlassen«, ließ den Wagen an und fuhr rückwärts aus der Einfahrt. XI Wenn das kein Aufstieg war. Vor wenigen Tagen mußte ich mir gehässige Reden von Karin Schuhmann gefallen lassen, mußte um Schweinefutter betteln und hatte konstant ölverschmierte Hosenbeine. Jetzt war ich motorisiert und besaß bald ein Konto auf der hiesigen Dorfbank, auf das täglich zweihundert Schleifen wanderten. Als Gegenleistung mußte ich nur eine Kleinigkeit wie einen Mordfall aufklären. Ich beförderte eine Musikkassette, die auf dem Beifahrersitz lag, in das Autoradio. Jim Morrison, von Pillen beseelt, intonierte "We Could Be So Good Together". Ich glaubte ihm nicht. Auch Barbara wäre nicht seiner Meinung gewesen. Den darauf folgenden Song "When The Music's Over" nahm ich wörtlich und schaltete ab. Was war als nächstes zu tun? Die Auflösung des Falles konnte ruhig zwei weitere Stunden warten. Ich entschied mich, zuerst zur Bulderner Sparkasse zu fahren und danach zu Karin, um ihr Grinsen einfrieren zu lassen. Für einen erfahrenen und talentierten Schnüffler wie mich stellte es kein Problem dar, die Bank zu finden. Der Schalterbeamte, ein junger Kerl mit sehr langen Haaren, empfing mich mit einem »Hi!« »Ich möchte ein Konto eröffnen, oder habe ich Sie beim Kämmen gestört?« »Da freue ich mich, daß wir einen so lustigen Burschen in unserer Filiale begrüßen dürfen.« »Ich dachte immer, Herr...?« »Stenner...« »...Herr Ständer, als aufstrebender Bankkaufmann müßte man Seitenscheitel und Krawatte vorweisen können?« »Dachten Sie. Jedesmal wenn ich Leute wie Sie sehe, freue ich mich, daß ich so lange Haare habe. Die kann ich mir dann über Augen und Ohren hängen.« »Herr Stempler, wenn Sie nicht gleich an Ihrem nicht vorhandenen Schlips von der Decke baumeln wollen, würde ich Ihnen empfehlen, die Wünsche Ihrer Kunden zu erfüllen. Ich hoffe doch, daß Sie befähigt sind, das Formular für die Einrichtung eines Kontos auszufüllen.« »Herr Großkotz, wie war gleich Ihr Vorname?« »Was ist hier los, mein Sohn?« Ein unscheinbarer Herr tauchte hinter dem Schalter auf. »Ihr Sohn, Herr Stänker?« »Stenner ist mein Name. Hat Ottmar Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet? Normalerweise arbeitet er in einem Schallplattengeschäft in Havixbeck, hat aber zur Zeit Urlaub. Ich habe ihn überreden können, mir einige Tage bei der Arbeit über die Schultern zu schauen, da ich immer noch die leise Hoffnung hege, daß er in meine Fußstapfen tritt.« »Ihr Sohn hat sich mir gegenüber korrekt verhalten. Er hat nur gebeichtet, daß er fünfhundert Mark aus dem Tresor genommen hat, um eine neue Lederjacke zu finanzieren.« »Aber, Vater...« versuchte Junior sich einzuschalten. »Ottmar, gehe nach hinten. Zuerst werde ich den Kunden bedienen, und dann sprechen wir uns.« Sohnemann wollte etwas sagen, entschied sich dann aber dagegen. Stattdessen warf er mir einen bitterbösen Blick zu, streckte mir den Mittelfinger der linken Hand entgegen und trottete davon, ohne über seine Haare zu stolpern. »Was wünschen Sie?« »Ich möchte ein Konto bei Ihrem Institut eröffnen.« »Wenn Sie bitte dieses Formular hier ausfüllen könnten?« Ich füllte es aus, er erledigte den Rest und gab mir einen Schein mit einer sechsstelligen Nummer. »Das ist Ihre Kontonummer. In zwei Wochen können Sie die Girokarte bei uns abholen.« Ich studierte die Nummer, steckte den Wisch ein, verabschiedete mich mit einem »Auf Wiedersehen, Herr Spender und viel Erfolg mit Ihrem Sohn« und verließ das Gebäude. Jetzt hatten all die lieben Talerchen, die zu mir wollten, endlich eine Adresse: Sparkasse Buldern, Nr. 346857. Neben der Bank befand sich ein Tante-Emma-Laden, in dem ich eine Stange Camel und eine Flasche Rotwein erstand. Dann stieg ich ins Auto und düste los in Richtung Biogemüsehof. Einen halben Kilometer vor dem Ziel entdeckte ich Karin, wie sie mit einem Korb voller Champignons die Straße entlangspazierte. Ich hängte den linken Arm aus dem Fenster, hupte und hielt neben ihr an. »Einen wunderschönen Tag, Frau Schuhmann!« »Sie schon wieder, Nannen. Was ist denn das?« Mit ungläubigem Blick starrte sie auf mein neues Gefährt. »Nicht genug, daß Sie Ihre Schulden nicht bezahlen. Jetzt stehlen Sie auch noch Autos!« »Dieses Auto habe ich nicht entwendet, sondern ausgeliehen. Erlauben Sie mir, Sie die letzten Meter zu Ihrem Hof zu chauffieren?« »Ich bin nicht erpicht darauf, als Komplizin eines Autoknackers belangt zu werden. Ich laufe!« »Reichen die Pilze für zwei Personen? Ich habe eine Flasche trockenen Rotwein dabei. Damit können wir auf eine gute Nachbarschaft anstoßen.« »Leider kann ich nichts daran ändern, daß Sie mein Nachbar sind, aber ich werde mich hüten, diese schreckliche Tatsache auch noch zu feiern. Auf Wiedersehen.« Karin war anscheinend immer noch sauer, weil ich nicht erzählt hatte, was Dr. Rudolph von mir gewollt hatte. Jammerschade. Es machte mich traurig, diese gutaussehende Frau gegen mich zu haben. Aber so leicht gab Dieter Nannen nicht auf. Wahrscheinlich würde das Eis brechen, wenn ich die Schulden bezahlte. In spätestens einer Woche, wenn Rudolph mein jungfräuliches Bankkonto aufgefüllt hatte, würden die Karten neu verteilt werden. »Dann auf Wiedersehen, ich habe zu arbeiten« sagte ich zu ihr, kniff ein Auge zu und fuhr los, ohne weitere Nettigkeiten abzuwarten. XII Zuhause machte ich es mir bequem, öffnete die Flasche Rotwein, schenkte ein Glas ein und steckte mir eine dicke Zigarre aus der Kiste an, die ich in Hugos Schreibtisch aufgestöbert hatte. Jetzt war es an der Zeit, einen Schlachtplan auszuarbeiten. Ich wollte mich möglichst nicht als Privatdetektiv zu erkennen geben, denn wenn ich verdeckt ermittelte, würde ich mit Sicherheit leichter an Informationen gelangen. Ich benötigte eine vernünftige Tarnung. Es war vielleicht keine schlechte Idee, über die Schülerzeitung an Babsis Clique heranzukommen. Ich konnte mich als Reporter ausgeben, der eine Serie über Kleinstadtschulen schrieb. Nach einer weiteren Stunde, in der ich mir andere Möglichkeiten durch den Kopf gehen ließ, kam ich zu dem Schluß, daß der Einfall mit dem Reporter die meisten Pluspunkte hatte. Ich blickte auf die Uhr; kurz nach zwei. Zunächst wollte ich bei Martin Zollner vorbeifahren, um ihn um Stillschweigen zu bitten, denn neben der dezimierten Familie Rudolph war er der einzige, der von meiner Tätigkeit als Detektiv und der Beauftragung durch Rudolph wußte. Ich holte das Fahrrad aus dem Kofferraum und stellte es in den Schuppen. Der Abschied von der Rostlaube fiel ohne Wehmut aus. Anschließend bereitete ich Wilbert und den Kaninchen ein verfrühtes Abendessen und machte mich auf zum Zollnerschen Anwesen. Auf halber Strecke zwischen Brücken und Havixbeck sah ich am Straßenrand einen Jugendlichen stehen, der seinen Daumen gen Himmel streckte. Ich hielt an und fragte, wohin er wolle. »Wenn Sie so nett wären, mich nach Havixbeck mitzunehmen. Ich habe den Bus verpaßt, und der nächste fährt erst in zwei Stunden.« »Na klar, steigen Sie ein!« Er folgte meiner Aufforderung. »Übrigens, ich heiße Andreas Stegemann.« »Dieter Nannen, Reporter für den Essener Kurier. Ich bin in dieser Gegend, um Material für ein Feature zu sammeln.« »Das ist interessant. Worüber schreiben Sie?« »Ich vergleiche das Schulleben in Großstädten mit dem in kleineren Städten. Die Probleme der Schüler, die der Lehrer, das Umfeld.« »Und Sie haben sich zufällig das Havixbecker Gymnasium ausgesucht? Da haben Sie aber Glück!« Ich blickte zu ihm herüber. In seinem Gesicht konnte ich lesen, daß er alles geben würde, an dem Artikel mitwirken zu können. »Erklären Sie mir bitte mein Glück?« »Zum einen, weil ich ein Schüler dieses Gymnasiums bin, zum anderen, weil dort etwas geschehen ist, was Ihrem Artikel die nötige Würze verleihen wird.« »Andreas, ich darf doch "Du" sagen...« »Klar, Herr Nannen!« »Ich heiße Dieter.« »Okay, Dieter.« »Was hältst Du von einer Unterhaltung bei einer Tasse Kaffee?« »Werde ich in Ihrem Artikel erwähnt?« »Wenn Deine Informationen nur halb so brisant sind, wie Du angedeutet hast, mit Sicherheit. Ich halte nichts davon, mich mit fremden Federn zu schmücken.« »Dann fahren Sie bitte, wenn wir gleich in die Stadt kommen, die nächste Straße rechts in die Augustagasse. Dort ist ein gemütliches Café, in dem wir uns prima unterhalten können.« Heute war mein Glückstag. Nicht nur, daß ich zufällig einen Schüler des Martin-Heidegger-Gymnasiums aufgelesen hatte, nein, er nahm mir sogar meine Reportergeschichte ab und brannte darauf, mir alles zu erzählen. Ich würde nie verstehen, warum die Leute so erpicht darauf waren, ihren Namen in der Zeitung zu lesen. Das besagte Café wirkte von außen, wie Stegemann es beschrieben hatte: Gemütlich. Das Innere hielt, was die Fassade versprach. Das Lokal war in mehrere Nischen unterteilt. Die Einrichtung war in schwarz gehalten; über den Tischen hingen kleine Halogenstrahler. Das einzige, was sauer aufstieß, war die italienische Popmusik, die aufdringlich aus den Boxen schallte. Wenn es eine Art von Musik gab, die ich auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann war es italienische Popmusik. Jederzeit würde ich Ernst Mosch und seine Oberkrainer den Ergüssen von Eros Ramazotti, Toto Cotugno und wie diese ekelhaften Gestalten sonst noch hießen, vorziehen. Neben zwei älteren Damen, die laut schmatzend Torte in sich hineinstopften und pausenlos Zucker in ihren Kaffee rührten, waren wir die einzigen Gäste. Als wir an ihrem Tisch vorbeikamen, beugte ich mich zu ihnen herunter und raunte: »Könnten Sie bitte etwas leiser essen? Mein Freund und ich möchten uns unterhalten.« »So eine Frechheit, das habe ich ja noch nie erlebt, ich...« »Wie bitte? Ich kann Sie schlecht verstehen, wenn Sie mit vollem Mund reden. Wo ist Ihre gute Erziehung? Außerdem würde ich empfehlen, den Kaffee direkt in den Zuckertopf zu schütten. Das erspart eine Menge Arbeit.« »Sie unverschämter Kerl, ich werde Sie anzeigen!« »Dieter, kommst Du bitte.« Andreas war vorausgegangen und hatte sich in einer Ecknische niedergelassen. Dem Besitzer, der hinter der Theke stand und grinsend das Geschehen verfolgte, rief ich zu: »Bringen Sie uns zwei Capuccino und den netten Damen ein weiteres Pfund Zucker.« Ich ließ die beiden mit hochroten Köpfen zurück und setzte mich zu Stegemann. »Okay, Andreas. Jetzt zu der Story. Was kannst Du mir über die Schule sagen?« »Ich werde wirklich in dem Artikel erwähnt?« »Nicht nur das. Wenn er sich gut verkauft, sind sogar ein paar Mark für Dich drin. Die Hauptsache ist, daß Du die Wahrheit erzählst, denn ich bin bei einem seriösen Blatt beschäftigt.« »Ich würde Dich doch nicht anlügen. Außerdem brauche ich das nicht, denn die Wahrheit ist brisant genug.« »Wenn Deine Geschichte nur halb so interessant ist wie Deine Andeutungen, dann kannst Du Dir Deiner Prämie sicher sein. Doch zunächst muß ich einige allgemeine Fragen stellen.« Ich war zwar überzeugt, daß es sich bei der "heißen Sache" um den Mord an Barbara handelte, und konnte meine Ungeduld kaum in Zaum halten, aber zunächst mußte ich den professionellen Schreiberling mimen. »Ein großes Problem an den städtischen Schulen sind Drogen. Wie sieht es hier damit aus?« »Drogen sind bei uns kein Thema. Ab und zu macht ein Joint die Runde, aber mehr als Hasch ist nicht drin. So bescheuert sind wir nicht, daß wir uns mit harten Sachen vollpumpen.« »Auch keine Tabletten oder andere Aufputschmittel?« »Nein, nicht daß ich wüßte.« Stegemanns Gesichtsausdruck verriet, daß ich einen wunden Punkt berührt hatte. Ich würde Wilbert verwetten, daß mein Gegenüber gelegentlich Pillen einwarf. »Aber hier geschehen andere seltsame Dinge« versuchte er das Thema zu wechseln, »habt ihr in der Großstadt auch Probleme mit religiösem Scheiß?« »Was meinst Du damit, Bibeltreffen oder ähnliches?« »Quatsch, Teufelsbeschwörungen natürlich. Ich weiß zwar nicht genau, was da abläuft, aber auf jeden Fall halten sie schwarze Messen ab.« »Bist Du sicher?« »Na klar. Ein- bis zweimal im Monat treffen sich die Mitglieder und ziehen ihren Satanskram ab. Ich kenne aber nur wenige von ihnen. Der Herausgeber der Schülerzeitung ist auch dabei.« »Jens Kofler?« Er schaute mich verdutzt an. »Woher kennst Du ihn?« »Als guter Reporter habe ich natürlich Erkundigungen eingezogen. Zu ihm will ich nachher, weil ich dachte, daß der Chef der Schülerzeitung den besten Überblick darüber hat, was in der Schule abläuft.« »Verrate bloß nicht, was ich gesagt habe.« »Das gehört zu meinem Ehrenkodex: Erzähle nie etwas über Deine Quellen. Bisher habe ich mich daran gehalten, und ich habe nicht vor, in Zukunft etwas daran zu ändern.« »Dann bin ich ja beruhigt.« Die nächste Minute verbrachten wir schweigend. Er nippte an seinem Capuccino, und ich trug das eben Gehörte in das Notizbuch ein. »Was hältst Du von Mord, Dieter?« Ich schaute von den Notizen hoch und zauberte einen überraschten Ausdruck auf mein Gesicht. »Was hast Du gesagt? Mord?« »Ja genau. Mord!« »Wer?« »Eine Schülerin namens Barbara Rudolph, Tochter eines reichen Arztes.« »Wann ist das passiert?« spielte ich den sensationslüsternen Reporter. »Gestern. Sie wurde auf einem Feld gefunden, erstochen.« »Warte einen Moment, ich muß telefonieren.« Ich stand auf und ging zur Theke, wo der Inhaber damit beschäftigt war, Kaffeepulver in eine Dose zu füllen. »Haben Sie ein Telefon?« Er stellte es auf den Tresen. Ich wechselte einen Zehnmarkschein, warf eine Münze ein, wählte die Essener Vorwahl und meine Kontonummer. Als am anderen Ende der Leitung abgehoben wurde und das Geldstück durchfiel, sagte ich so etwas wie »Ja Chef, Mord - Heiße Sache - Ungelogen - Tote Schülerin« Am anderen Ende der Leitung hörte ich eine alte Vettel keifen: »Mein Mann ist tot? Wann ist er gestorben, sagten Sie?« »Gestern.« »Deswegen ist er nicht nach Hause gekommen. Und ich dachte schon, es wäre wieder eine von seinen Weibergeschichten. Er ist wirklich tot, sagten Sie?« »Wenn ich es sage, Chef.« »Wie kommen Sie dazu, mich Chef zu nennen, ich muß doch sehr bitten, wer spricht...« Ich hängte ein, öffnete das Portemonnaie und stellte fest, daß von den vierhundert Mark, die ich aus Essen mitgebracht hatte, nur noch ein Fünfziger und ein Zwanziger übrig waren. Ich ging zum Tisch zurück. Andreas hatte sich eine Zigarette angesteckt, eine Ultraleichte, wie ich an der Schachtel erkennen konnte. Diese Leute waren mir sympathisch. Auf der einen Seite wollten sie cool aussehen mit der Fluppe in der Hand, andererseits auf keinen Fall ihrer Gesundheit schaden oder gelbe Finger bekommen. Ich blickte Stegemann verschwörerisch an und schob ihm den Fünfziger zu. »Was ist das?« »Ein Fünfzigmarkschein.« »Das sehe ich, aber wofür?« »Ein kleiner Vorschuß. Wie Du vielleicht mitbekommen hast, habe ich soeben mit dem Chefredakteur telefoniert. Er ist der Ansicht, daß die Geschichte mit dem Mord ein Knüller werden könnte. Andreas, da steckt für uns beide eine Menge Geld drin. Vorausgesetzt, die Story ist wirklich heiß.« »Das ist sie, das ist sie.« »Dann schieß los.« Stegemann berichtete in allen Einzelheiten über die Ereignisse des gestrigen Tages, die ich aber alle schon kannte. Ich machte eifrig Notizen und fragte öfter nach, denn schließlich mußte ich den interessierten Reporter markieren. Als sein Bericht beendet war, ging ich in die Offensive. »Hat man bereits Verdächtige festgenommen?« »Ich glaube nicht, aber ich kann mir denken, wer es getan hat.« »Wirklich?« »Entweder war es unser Stufenleiter Martin Zollner oder seine Frau Inge.« »Wie kommst Du darauf?« »Zollner hatte ein Verhältnis mit Barbara, das wußte jeder. Wir vermuten, daß sie Schluß machen wollte. Deswegen ist sie auch in den letzten Tagen nicht mehr zur Schule gekommen.« »Was sagst Du da? Eine klassische Lehrer-Schüler-Liebe?« »Natürlich« sagte er mit einem triumphierenden Lächeln, »oder glaubst Du, ich würde mir etwas aus den Fingern saugen?« »Nein, natürlich nicht. Aber wieso verdächtigst Du Euren Lehrer?« »Ob Du es glaubst oder nicht. Er war verknallt in sie. Beide haben zwar versucht, ihr Verhältnis geheimzuhalten, aber selbst ein Blinder mit Krückstock konnte erkennen, daß Liebe im Spiel war. Zumindest auf Zollners Seite.« »Und Du bist der Ansicht, daß Barbara Schluß gemacht hat, und er sie deswegen umbrachte?« »Genau!« Ich wußte es besser und lenkte deshalb das Gespräch auf Zollners Frau: »Das mit dem Lehrer leuchtet mir ein, aber wieso soll seine Frau das Mädchen getötet haben?« »Ich habe gehört, daß sie die beiden im Bett erwischt hat, in flagranti sozusagen.« »Also Mord aus Eifersucht.« »Du hast es erfaßt.« Endlich eine heiße Spur. An Inge Zollner-Knittel hatte ich bisher nicht gedacht. Der Fünfziger hatte sich bereits bezahlt gemacht. Der Junge schien eine ganze Menge zu wissen; vorausgesetzt, daß er alles nicht nur erfunden hatte. Es konnte bestimmt nicht schaden, weiter zu bohren. »Fallen Dir weitere Verdächtige ein?« »Höchstens Jens Kofler, Barbaras Freund. In der letzten Zeit hat er sich seltsam benommen. Er lief ganz geistesabwesend durch die Schule. Wahrscheinlich hat er Wind bekommen von der Sache mit Zollner. Aber ich glaube nicht, daß er es war. Für mich ist unser Stufenleiter der Hauptverdächtige.« Ich bemerkte, daß Stegemann seinen Capuccino ausgetrunken hatte, und fragte, ob er Nachschub wolle. »Nein danke, ich muß los. Aber erzähle bloß niemanden, von wem Du die Informationen hast.« »Selbstredend. Soll ich Dich nach Hause fahren?« »Ich wohne gleich um die Ecke, es sind nur ein paar Schritte.« Wir erhoben uns. Ich bezahlte die Getränke, legte ein angemessenes Trinkgeld dazu, und wir verließen das Café. »Wie ist Deine Adresse, Andreas?« »Marienstraße fünfundvierzig.« »Wir telefonieren. Halte die Ohren steif.« »Nicht nur die Ohren, Dieter. Und vergiß nicht, mich im Artikel zu erwähnen.« »Darauf kannst Du Dich verlassen. Tschüs.« Ich klopfte ihm auf die Schulter und ging zum Auto. Jetzt hatte ich zwei triftige Gründe, bei den Zollners vorbeizufahren. XIII Unterwegs fuhr ich am Havixbecker Bahnhof vorbei. Es war ein schönes Gefühl, nicht mehr auf die Deutsche Bundesbahn angewiesen sein zu müssen. Die ständigen Fahrpreiserhöhungen und permanenten Verspätungen der Züge würden mich in Zukunft nicht mehr zur Weißglut bringen. Ich fuhr jetzt VW Golf und brauchte nicht einmal Steuer und Versicherung bezahlen. Vor dem Zollnerschen Anwesen rangierte ich den Wagen zwischen einen dicken Mercedes und einen alten Renault, der nur vom Rost zusammengehalten wurde. Klassenunterschiede schien es auch auf dem Lande zu geben. Der Golf gab als Bindeglied zwischen Arm und Reich eine gute Figur ab. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkannte ich den schwarzen Sportwagen, in dem Zollner-Knittel gestern losgebraust war. Das Abblendlicht brannte. Ich erklomm die sechs Treppenstufen bis zur Eingangstür und klingelte. Nach dem dritten Läuten wurde geöffnet und Inge stand vor mir, nur mit einem Bademantel bekleidet. Sie rubbelte sich gerade mit einem Handtuch ihre rotgefärbten Haare trocken. Da sie barfuß war, konnte ich ihre hellrosa lackierten Fußnägel sehen. Kein ästhetischer Anblick. »Frau Zollner-Knittel, an Ihrem Wagen brennt Licht. Deswegen bin ich zwar nicht gekommen, aber...« »Oh, das habe ich ganz vergessen. Wären Sie so nett, es auszuschalten? Ich darf im Moment keine Schuhe anziehen, da die Nägel noch nicht trocken sind.« »Wo ist der Schlüssel?« Sie nahm den Autoschlüssel, der neben dem Telefon lag, und gab ihn mir. »Hier bitte, Herr Nannen. Ich föne mir in der Zeit die Haare.« Ich nickte ihr zu und stiefelte Richtung Angeberauto. Das war eine gute Gelegenheit. Wenn Inge tatsächlich die Mörderin war, konnte ich vielleicht im Wagen Hinweise entdecken. An der Karosserie war erkennbar, daß der Wagen durch Schlamm gefahren sein mußte, denn die Seiten waren von einer Dreckkruste überzogen. Ich stieg ein. Ein Blick aus dem Seitenfenster zeigte mir, daß die Luft rein war. Ich öffnete das Handschuhfach. Viel gab es nicht zu sehen: Kopien von Führerschein und Fahrzeugpapieren, ein Ledertuch, ein Türschloßenteiser, der im Innern eines Autos die größte Effektivität entfaltete, ein Schreibblock und etwas Kleingeld. Der Block zog mein Interesse auf sich. Ich blätterte ihn durch. Nur die erste Seite war beschrieben: 4567, anscheinend eine Telefonnummer. Ich traute mir zu, diese Nummer zu behalten, und legte den Block an seinen Platz zurück. Nun war die Mittelkonsole an der Reihe. Die Ausbeute war noch spärlicher: Weder ein blutverschmiertes Messer noch ein abgetrenntes Ohr von Barbara, sondern nur eine Sonnenbrille Marke Carrera und Musikkassetten. Gefrustet durchwühlte ich die Bänder. Es handelte sich ausnahmslos um Klassik- und Schlagermusik. Doch halt! Es waren durchweg Kaufkassetten aus Musikgeschäften bis auf eine, die ziemlich ramponiert aussah. Sie war unbeschriftet, und das Band war gerissen. Ich wägte Pro und Contra ab; Pro siegte. Die Kassette verschwand in der Jackentasche. Danach warf ich einen kurzen Blick auf die Rückbank, auf der sich nur eine Straßenkarte und ein schwarzes Kissen befanden. Ich schaltete das Licht aus und verließ das Auto. An der unverschlossenen Eingangstür angekommen klingelte ich noch einmal, um auf mich aufmerksam zu machen, und betrat den Flur. Den Schlüssel deponierte ich neben dem Telefon und wartete. An der gegenüberliegenden Wand war ein Spiegel angebracht. Als ich meine Frisur richtete, betrat Inge die Diele. Ihre Haare waren jetzt trocken, sahen aber nicht besser aus. »Sie waren lange draußen.« »Ich habe Ihr Auto bewundert. Schließlich hat man nicht alle Tage die Möglichkeit, in einem Jaguar zu sitzen.« »Was führt Sie zu mir, Herr Nannen?« »Eigentlich will ich Ihren Mann sprechen. Wie Sie vielleicht wissen, ist Barbara Rudolph, eine seiner Schülerinnen, gestern ermordet worden.« »Eine schreckliche Geschichte. Ich habe davon in der Zeitung gelesen. Aber welche Rolle spielen Sie in der Geschichte?« »Ich ermittle im Auftrag von Herrn Dr. Rudolph. Ich soll Barbaras Mörder finden.« »Dann sind Sie Privatdetektiv?« »Ja, wie im Krimi.« »Ich hasse Kriminalromane. Immer diese Schnüffler mit ihrem Machogehabe. Ist Ihnen nicht aufgefallen, daß die Frauen dort immer wie ein Stück Fleisch behandelt werden?« Ich steckte eine Camel an und fragte Inge nach ihrem Mann. »Sie scheinen dem Bild des frauenverachtenden Schnüfflers voll und ganz zu entsprechen. Sie kommen gar nicht auf die Idee, mich zu fragen, ob Sie rauchen dürfen. Wahrscheinlich drücken Sie die Zigarette gleich auf meinem Arm aus.« »Frau Zollner-Knittel. Ich sehe drei Aschenbecher in diesem Raum, und in jedem liegen mindestens zehn Zigarettenstummel...« »Wenn mein Mann hier gewesen wäre, hätten Sie trotzdem um Erlaubnis gefragt. Aber bei einer Frau braucht man nicht zu fragen, da macht man es einfach. Soll ich vielleicht die Asche von Ihrer Zigarette streichen?« »Das wäre sehr nett, Frau Zollner-Knittel.« Allmählich wurde ich wütend. »Außerdem würde ich empfehlen, den Gürtel Ihres Bademantels strammer zu ziehen, sonst kann ich meine lüsternen Gedanken nur schwerlich unter Kontrolle halten.« Ihr Gesicht hatte mittlerweile die Farbe ihrer Haare angenommen. Unfähig, etwas zu erwidern, huschte sie in das Nachbarzimmer. »Bringen Sie ein Bier mit, wenn Sie am Kühlschrank vorbeikommen «, rief ich ihr nach. Ein Schlüssel wurde in der Haustür herumgedreht und Martin Zollner betrat den Ort des Geschehens. »Guten Tag, Herr Nannen. Ich komme gerade vom Direktor. Schlimme Sache mit Barbara. Sind Sie weiter an dem Fall dran?« »Das ist der Grund meines Besuches. Ich wollte Sie bitten, keinem davon zu erzählen, daß ich in Sachen Rudolph ermittle.« »Ich hatte Sie gestern auch um etwas gebeten, wissen Sie noch?« »Okay, vergessen wir es. Bis dann, Herr Zollner.« »Halt, nicht so eilig! Andererseits hat Dr. Rudolph keine Anzeige gegen mich erstattet. Das habe ich wahrscheinlich Ihnen zu verdanken. Gut, ich werde kein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Außerdem bin ich natürlich an der Aufklärung dieses entsetzlichen Verbrechens interessiert.« Es war zwar nicht mein Verdienst, daß Dr. Rudolph keine Anzeige erstattet hatte - er würde es bestimmt nachholen - aber das brauchte ich ihm nicht auf die Nase zu binden. »Herr Zollner, Sie haben sich mit Sicherheit Gedanken über diesen Fall gemacht. Wen verdächtigen Sie?« »Das gleiche hat mich der Schuldirektor gefragt. Mir fiel niemand ein. Barbara war bei ihren Klassenkameraden sehr beliebt. An Ihrer Stelle würde ich mich an Jens Kofler wenden, der kennt sie besser als ich.« »Ist Ihnen keine Veränderung an Barbara aufgefallen?« »Eigentlich nicht.« Er überlegte angestrengt. »Aber halt, eine Sache ist da doch: In der letzten Zeit saß sie ungefähr zweimal im Monat, es war meistens ein Donnerstag, völlig apathisch im Unterricht. Man konnte sie kaum ansprechen. Sie hockte nur da und starrte an die Tafel. Aber das hat mit dem Mord wohl nichts zu tun.« »Ich danke Ihnen trotzdem für den Hinweis.« »Tut mir leid, daß ich nicht weiterhelfen kann, aber seit zwei Wochen habe ich sie nicht mehr gesehen...« »Nicht mehr gesehen? Nicht mehr gevögelt meinst Du wohl?« Wie aus dem Nichts war seine Frau aufgetaucht. Sie hatte ihren Bademantel gegen ein kariertes Männerhemd und eine rote Jeans eingetauscht. Zum Glück hatte sie Turnschuhe über die rosafarbenen Fußnägel gestülpt. »Inge, reiß Dich zusammen!« fuhr er sie an, »wir haben einen Gast im Haus.« »Gast? Daß ich nicht lache. Er hat mich permanent beleidigt, dieser sexistische Mistkerl. Außerdem weiß er sowieso von Deiner Rumbumserei.« »Das mußt Du gerade sagen, Miss Alice Schwarzer! Du hast den Treueschwur, den Du bei der Hochzeit gegeben hast, auch nicht eingehalten.« Ich hatte mir in der Zwischenzeit ein Buch aus dem Regal gezogen und mich in einen Sessel geworfen. Ich schlug eine Seite auf. "Die Frau hat sich seit Anbeginn der Menschheit immer dem Mann unterwerfen müssen. Damit muß Schluß sein. Frauen aller Welt: Vereinigt Euch! Kämpft gegen Eure Peiniger...". »Was soll das denn heißen, Martin?« »Meinst Du, ich weiß nicht, was Du an Deinen Weiberabenden treibst? In letzter Zeit haben sich die Frauentreffs fast verdoppelt. Ich habe einige Male, als Du angeblich mit Deinen Freundinnen über die Unterdrückung der Frau diskutiert hast, bei Petra angerufen, und weißt Du, was sie gesagt hat? Nein, die Inge ist nicht hier, wir waren doch für heute gar nicht verabredet. Gerade gestern hatte ich von der Kneipe aus angerufen, weil ich eine Wette über das neue Buch von Bürger laufen hatte, aber Du...« »Martin, jetzt reicht es aber!« unterbrach sie ihn. »Ich habe keine Lust, unsere Streitigkeiten vor diesem Schnüffler auszutragen.« Sie wandte sich an mich. »Herr Nannen, haben Sie weitere Fragen an meinen Mann? Wenn nicht, würde ich empfehlen, einmal draußen nachzuschauen, ob andere Autobesitzer nicht auch vergessen haben, das Licht am Wagen auszuschalten.« Ich legte das Buch auf den Couchtisch und stand auf. Zollner begleitete mich zur Tür. »Auf Wiedersehen und mein herzliches Beileid.« »Wofür?« »Wenn ich mit einer Frau wie Inge verheiratet wäre, würde ich nichts unversucht lassen, schwul zu werden.« »Vergreifen Sie sich nicht im Ton?« »Entschuldigen Sie, aber manchmal kann ich meine Klappe einfach nicht halten.« »Auf Wiedersehen!« »Gleichfalls.« XIV Während sich der Golf durch verkehrsberuhigte Zonen und Spielstraßen Richtung Droste-Hülshoff-Straße schob, versuchte ich die Unterredung mit den Zollners auf ihre Relevanz in bezug auf den Mordfall abzutasten. Die Beziehung der beiden war angespannt. Für Inge war es bestimmt nicht angenehm gewesen, ihren Martin zwischen den Beinen einer Schülerin vorzufinden. Zollner hatte doppelten Grund zur Sorge: Zum einen war denkbar, daß seine Frau die Scheidung einreichen würde, zum anderen standen Disziplinarverfahren und Rudolphs Klage bevor. Auch wenn die Hauptzeugin der Anklage zum Gerichtstermin bereits Würmerfutter war, würde genug schmutzige Wäsche gewaschen werden, um Zollner vom Studienrat zum Sozialhilfeempfänger zu degradieren. Doch was nützte mir das? Zollner-Knittel hatte sich zwar nicht besonders verdächtig gemacht, besaß aber anscheinend kein Alibi. Als einziges denkbares Tatmotiv kam Eifersucht in Betracht. Andererseits hatte sie auch manchen Seitensprung vorzuweisen, wenn Zollners Verdacht der Wahrheit entsprach. Mir fiel auf, daß sich meine Gedanken auf der Stelle bewegten. Hoffentlich konnte Kofler weiterhelfen. Die Droste-Hülshoff-Straße gehörte zu den Neubaugebieten, in denen ein Haus dem anderen glich. Koflers Bungalow bildete keine Ausnahme. Ein gefliester Weg führte durch einen englischen Rasen zur schmiedeeisernen Haustür. Ein kleines Mädchen, das einen Donald Duck aus Plastik in der Hand hielt, öffnete. Es starrte mich verängstigt an und fragte sich wahrscheinlich, ob ich einer der Bonbononkels war, vor denen ihre Mutter immer gewarnt hatte. »Ist Dein Bruder zu Hause, kleine Prinzessin?« Sie lief in das Haus zurück. Ich folgte. Koflers Eltern schienen sich als Teil des Bildungsbürgertums zu fühlen. Hochformatige Gemälde von Picasso, Dali und Ernst zierten die Wände der Flure. Hier dienten sie nicht wie ihre Pendants im Louvre als Fotoobjekte japanischer Touristen, sondern als Kontrast zu der geblümten Tapete. Die Maler hätten sich wahrscheinlich im Grabe umgedreht. Das Mädchen stand vor einem Zimmer, aus dem undefinierbare Lärm drang. Sie klopfte zweimal und verdünnisierte sich. »Sagte ich nicht, daß ich nicht gestört werden will? Könnt Ihr reaktionären Scheißer nicht einmal meinen Wunsch akzeptieren?« Eine keifende Stimme schaffte es, die Musik zu übertönen. Ich fragte mich, warum man mich als reaktionären Scheißer bezeichnete. Zuletzt hatte dies ein spendensammelnder Trotzkist gewagt, der sich nach unserer Diskussion dem Machiavellismus zuwandte. Die Tür wurde aufgerissen. »Oh, ich dachte, meine Mutter hätte geklopft. Wer sind Sie denn?« Als ich Kofler sah, mußte ich mir auf die Lippen beißen, um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Seine Frisur erinnerte mich an einen Haufen Vogelfedern, die ein Besoffener zusammengeklebt hatte. Kofler mußte Hauptaktionär einer Haargelfirma sein, sonst hätte er sich seine Frisur nicht leisten können. Er war ganz in schwarz gekleidet. Sein T-Shirt trug die Aufschrift "Stay home and read a book!" »Ich heiße Nannen, bin Reporter einer großen Essener Tageszeitung und arbeite an einer Reportage über Schülerzeitungen auf dem Lande. Du bist doch Chefredakteur? Euer Blatt hat einen Ruf, der bis in das Ruhrgebiet vorgedrungen ist.« Koflers Augen bekamen einen träumerischen Glanz. Wahrscheinlich sah er sich bereits in der Chefetage der WAZ. »Man tut, was man kann, aber komm doch herein.« Augenscheinlich bevorzugte Kofler philosophische Schriften neomarxistischer Prägung: Adorno, Markuse, Habermas und so weiter. Ich schätzte ihn als pseudointellektuellen Laberkopf ein, der zwar alles gelesen, aber kein Wort verstanden hatte. An den Wänden hingen Artikel der Schülerzeitung und selbstverfaßte Gedichte. Ich zeigte auf die Zeitungsausschnitte. »Darf ich einen Blick darauf werfen?« Kofler nickte erfreut. »Natürlich. Ich muß aber gleich bemerken, daß an unserer Schule keine Pressefreiheit herrscht. Wenn man etwas Revolutionäres schreibt, wird einem vorgehalten, daß wir eine Schülerzeitung und kein kommunistisches Propagandablatt machen.« Ich suchte einen Text mit der Überschrift "Depravierung und Paralysierung in der postmodernen Gesellschaft" heraus und bekam gleich Zweifel an meiner Schulbildung. Um die Hauptaussage wenigstens in Grundzügen verstehen zu können, hätte ich bei jedem zweiten Wort den Fremdwörterduden bemühen müssen. Auf jeden Fall schien der Artikel gegen "die Spießer" gerichtet zu sein, denn "die Spießer" wurden in jedem Abschnitt auf das Heftigste attackiert. »Das ist brillant geschrieben, Jens. Hast Du schon einmal daran gedacht, den Journalistenberuf zu ergreifen?« Kofler grinste geschmeichelt. »Klar. Dafür mache ich überhaupt nur das Abi. Ohne Schein hast du ja heutzutage überhaupt keine Chance. Das Establishment will auf einem Wisch bestätigt haben, daß du was kannst. Dabei schreibe ich jetzt schon besser als die meisten Berufsschmierfinken. Das geht natürlich nicht gegen Dich.« »Macht ihr auch Aktionen, um die Leute aufzurütteln? Ich stelle mir vor, daß man sich auf dem Land nur schwer neuen Gedanken öffnet.« »Selbstverständlich. Neulich mußte ich den Diskjockey auf einem katholischen Gemeindefest spielen. Da habe ich nur Killing Joke und Hüsker Dü laufen lassen. Es hat zwar keiner getanzt, aber irgendeiner muß ja den Leuten ihre Lebenslüge vor Augen halten.« Allmählich ging mir die bornierte Schwatzbacke auf die Nerven. »Hier auf dem Land passiert mehr als man denkt.« Kofler blickte mich fragend an. »Wie meinst Du das? Eigentlich trifft man nur auf Widerstände, wenn man etwas wirklich Gutes plant. Letztens habe ich versucht, eine Demo...« »Ist nicht gestern eine Schülerin umgebracht worden?« Sofort schlug Kofler einen aggressiven Tonfall an. »Ich hätte mir denken können, daß Du einer dieser Klatschreporter bist. Ich weiß nichts, rein gar nichts darüber.« »Bei aller Freundschaft, das glaube ich Dir nicht. Warst Du nicht Barbaras Freund? Das sagte zumindest Dein Jahrgangsstufenleiter.« »Der war doch selbst auf Barbara scharf. Wegen dem hat sie mit mir Schluß gemacht. Seit einer Woche hat sie kein Wort mit mir gewechselt, aber im Augenblick habe ich sowieso keine Zeit für eine Freundin.« »Warum?« »Das geht Dich nichts an. Und jetzt raus. Ich habe keine Lust, mit einem Arsch wie Dir zu sprechen.« Das hatte ich vermasselt. Von Koflers wütenden Flüchen begleitet wurde ich zur Haustür gebracht. »Laß Dich hier nicht mehr blicken, hörst Du?« Auf der Heimfahrt überlegte ich, warum Kofler keine Zeit für eine Freundin haben sollte. Ein Schmalspur-Rudi-Dutschke wie er mußte sich doch über jeden freuen, den er zulabern konnte. Ein Blick auf die Autouhr sagte mir, daß es schon halb elf war. Die Herumfahrerei und Fragenstellerei hatten mich ermüdet. Ich beschloß, die Auswertung der Fakten auf den Sonntag zu verschieben und stattdessen an der Matratze zu horchen. XV Um neun Uhr beendete der Wecker meinen traumlosen Schlaf. Soweit ich mich zurückerinnern konnte, war dies der erste Sonntag, an dem ich ohne dicken Schädel aufwachte. Im vorherigen Leben war ich um diese Zeit erst ins Bett gekommen, aber auf dem Lande lebte ich aufgrund der finanziellen Misere gesund. Ich schwor, mir vom ersten Schnüfflerlohn ordentlich einen hinter die Binde zu gießen. In einer Dreiviertelstunde mußte ich an der Kirche sein. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, vor dem ersten Orgelauftritt zu proben, doch dafür war es zu spät. Ich kramte den Zettel und das Gesangsbuch aus dem Schreibtisch und ging die Lieder durch. Der Nachteil an der Sache war, daß Pfarrer Wilpert eine extrem unleserliche Handschrift besaß, und ich einige Nummern nur erraten konnte. Mit den Noten würde ich keine Probleme bekommen; in meiner Band hatte ich kompliziertere Sachen gespielt. Ich kleidete mich an, warf Wilbert drei Schepper Mehl in den Trog und bereitete den Kaninchen einen leckeren Löwenzahnsalat. Ich selbst verzichtete auf ein Frühstück. Zehn Minuten vor Beginn der Messe war ich an der Kirche. Ich erklomm die Orgelbühne und schaute hinunter. Der Dom war bereits zur Hälfte gefüllt. Etwa hundertfünfzig Personen, hauptsächlich im Rentenalter, warteten auf Wilpert. Ich schaltete die Orgel an. Ein entsetzlicher Ton durchdrang die andächtige Stille. Sofort drehten sich alle um, und ein Raunen setzte ein. Mir sollte es egal sein. Ich legte das Gesangsbuch auf den Notenständer und blätterte zum ersten Lied. Punkt zehn Uhr ertönte ein Glocke. Der Pope und zwei Meßdiener wandelten zum Altar, machten eine Kniebeuge und schritten zu ihren Plätzen. Wilpert sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Er mußte die Nummer des Liedes angesagt haben, denn alle Leute schlugen die Gebetbücher auf. Ich begann mit dem Vorspiel. Es klappte hervorragend. Die Orgel war besser in Schuß als ich erwartet hatte. Mit einem Akkord ließ ich das Vorspiel ausklingen und erhöhte die Lautstärke, um den Leuten zu zeigen, daß sie nun an der Reihe waren. Alle setzten ein und lobten Gott aus vollem Munde. Sie waren nur etwas langsamer als ich spielte, doch bald hatte ich mich auf sie eingestellt. Ich spielte das Lied komplett durch, alle neun Strophen. Nach zwölf Minuten war der erste Song beendet. Die nächsten Stücke klappten auch reibungslos. Da ich vom Ablauf einer Messe keinen blassen Schimmer hatte, wartete ich immer, bis die Leute ihre Gebetbücher aufschlugen, und ließ dann die Orgel erklingen. Mittlerweile war eine Dreiviertelstunde vergangen und Wilpert sagte so etwas wie "Der Herr sei mit Euch" und "Erhebet die Herzen". Die Gläubigen zückten ihr Gesangsbuch. Ich haute in die Tasten. Nach zehn Sekunden schrie Wilpert zu mir hoch: »Halt, aufhören, sofort!« Die Orgel verstummte. »Sie spielen das "Agnus Dei" - jetzt kommt aber erst "Hosianna".« Das hörte sich lateinisch an. »Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden, Herr Pastor!« rief ich zurück. »Spielen Sie Nummer vierhundertfünfundneunzig, das Lied vierhundertsechsundneunzig kommt erst beim "Lamm Gottes".« Selbst Schuld, wenn er so unleserlich schrieb. Nichtsdestotrotz schlug ich das Gesangsbuch eine Seite zurück, und die Messe konnte ihren Fortgang nehmen. Bis zum Schluß passierte kein Mißgeschick mehr, und ich fand, daß ich meine Premiere als Organist gut gemeistert hatte. Dieser Ansicht war Pfarrer Wilpert nicht. Nach der Messe stauchte er mich zusammen. Ich hätte zu viele Strophen gespielt, und die Vorspiele seien zu lang gewesen. Ich entgegnete ihm, daß ich dann nicht mehr zu orgeln bräuche. Da wurde er freundlich und sagte, ich sei viel besser als mein Onkel, und beim nächsten Mal würde alles hervorragend funktionieren. Darauf befahl ich ihm, die Liedernummern künftig mit der Schreibmaschine zu tippen, und empfahl mich. Nach dem Gottesdienst wollte ich mich schnellstens verdünnisieren, um dem Schwätzer Julius nicht in die Arme zu laufen. Ich war schon mit einem Bein im Golf, als jemand aus dem Menschenpulk vor der Kirche lauthals meinen Namen brüllte: »He, Nannen, warte einen Moment!« Eine zerrissene Lederhose bahnte sich ihren Weg durch Sonntagsanzüge und Pelzmäntel. »Waren wir nicht zu einer Session verabredet?« Julius schob seine Sonnenbrille auf die Stirn und wartete auf eine bejahende Antwort. »Das habe ich total verschwitzt. Leider habe ich keine Zeit.« »Komm, komm. Zwei Stunden wirst Du schon erübrigen können. Außerdem habe ich einen Gefallen bei Dir gut.« Er hob den Daumen, um mich an seine großzügige Beförderungsaktion zu erinnern. Wahrscheinlich kostete mich eine Viertelstunde Autofahrt sowohl meine Nerven als auch mein Gehör. »Na schön. Wo probt Ihr?« »Im Keller des Gemeindezentrums. Laß uns heruntergehen. Die anderen warten schon.« Ich schloß die Wagentür und folgte Julius zum Übungskeller. Meine Hoffnung, es wäre kein Keyboard vorhanden, erwies sich als unbegründet. Eine Heimorgel, wie Opas sie ihren Enkeln zu Weihnachten schenkten, stand in der Ecke. Die Probe war im vollen Gange. Der Bassist spielte ein einfaches, aber druckvolles Riff, worüber die Gitarre ein ekstatisches Solo improvisierte. Der Schlagzeuger unterlegte das Ganze mit einem Rhythmus, der an indianische Opferzeremonien erinnerte. Das war besser als alles, was wir je mit Fried zustandegebracht hatten. Ich setzte mich an die Orgel und spielte einige langgezogene Dissonanzen. Der Bassist nickte mir beeindruckt zu. Julius hatte sich unterdessen auf dem Boden niedergelassen. Ich hatte den Eindruck, daß er eingenickt war. Das schien auch der Rest der Band bemerkt zu haben. Der Schlagzeuger attackierte seine Toms besonders intensiv und stoppte dann abrupt. Langes, blondes Haar fiel ihm bis in den Nacken. Er trug einen Pullover, auf dem in verschnörkelten Buchstaben Judge aufgedruckt war. Er blickte in meine Richtung. »He, Du spielst ja einen heißen Reifen. Ich bin übrigens der Jörg.« Seine Mitmusiker stellten sich als Thomas und Ingo, ich mich als Dieter vor. »Das war unser neuester Song. Was hältst Du davon?« »Gefällt mir gut.« Danach spielten wir einige andere Stücke. Nach einer Stunde verabschiedete ich mich mit dem Versprechen, am nächsten Sonntag wieder vorbeizuschauen. XVI Zuhause angekommen entzündete ich den Kohleofen, brühte eine Kanne Kaffee auf, postierte Zigaretten, Streichhölzer, eine Tasse mit handgemaltem Blumendekor und das Notizbuch auf dem Küchentisch und ließ mich in den abgewetzten Sessel fallen. Ich blickte aus dem Fenster. Eine weiße Nebelwand verschleierte die umliegenden Felder und entzog sie der menschlichen Betrachtung. Das war gewiß kein Wetter, um in der Weltgeschichte herumzufahren und Leute zu befragen. Außerdem fiel mir niemand ein, der etwas Relevantes zu Babsis Ableben hätte sagen können. Ich beschloß, mit der Rekapitulation der Fakten zu beginnen. Die Samstagsausgabe des Bulderner Kuriers sollte neue Aufschlüsse geben. Laut Polizeibericht wurde Barbara am Freitagabend um zwanzig Uhr dreißig plus minus fünf Minuten ermordet. Ihr Körper wies drei Messerstiche auf - zwei in der Brust und einen im Bauch. Als Todesursache wurde der hohe Blutverlust angegeben. Die Mordwaffe, laut Gerichtsmedizin ein normales Küchenmesser, wurde nicht am Tatort gefunden. Barbara hatte uns auch nicht den Gefallen getan und mit ihrem Blut den Namen des Mörders aufgeschrieben. Obwohl die Obduktion erst am Montag stattfinden sollte, wurde bei der vorläufigen Untersuchung festgestellt, daß Barbara mindestens vierundzwanzig Stunden vor ihrem unfreiwilligen Ableben keinen Geschlechtsverkehr gehabt hatte. Ein Sexualverbrechen schied somit aus. Bezüglich des Täters tappte die Polizei im Dunkeln, wie ich aus der Phrase "Sachdienliche Hinweise bitte den ermittelnden Behörden mitteilen" schloß. Wenn der Mörder am Tatort kein Geständnis hinterlegte, verließ sich die Polente immer auf die Mithilfe der Bevölkerung. Ein gewisser J. M. wurde noch erwähnt. Er hatte Barbara um viertel vor sieben in Havixbeck aus einem Bus steigen sehen. Dieser ominöse J. M. schied jedoch als Täter aus, da er im Besitz eines wasserdichten Alibis war. In einem anderen Artikel wurde Barbaras Werdegang skizziert. Tochter eines angesehenen Ärztepaars, gute Zeugnisse, Leichtathletikpokale, der übliche Schmus. Natürlich hatte keiner damit gerechnet, daß so etwas ausgerechnet der lieben Babsi zustoßen würde. Schuldirektor und Leichtathletiktrainer durften kurze Statements zu der unbegreiflichen Tragödie abgeben. Das war alles. Ich fühlte mich genauso klug wie zuvor. Wie sah es mit meinen Ermittlungen aus? Martin Zollner schied definitiv als Mörder aus. Meine Befragungen hatten jedoch zwei weitere Verdächtige an das Tageslicht gebracht. Da war zum einen Jens Kofler. Laut seiner Aussage hatte er Barbara seit einer Woche nicht mehr gesprochen. Das konnte man ihm glauben oder nicht. Dank meiner taktvollen Art war ich nicht mehr zur Frage nach seinem Alibi gekommen. Das einzige, was ich im Moment gegen ihn vorbringen konnte, war meine totale Antipathie dem Schwafler gegenüber. Aber Babsi war erstochen und nicht totgelabert worden. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Kofler zum Küchenmesser greifen würde. Er war ein Schwätzer, aber kein Killer. Die zweite Verdächtige hatte ich Andreas Stegemann zu verdanken: Inge Zollner-Knittel. Das Motiv wäre das gleiche wie bei Jens Kofler: Eifersucht. Inge hatte sich zwar nicht auffällig verhalten, schien aber kein Alibi zu besitzen. Wenn Martin Zollners Aussage der Wahrheit entsprach, und er am Mordabend beim Frauentreff angerufen hatte, ohne seine Frau erreicht zu haben, dann mußte sie irgendwo anders hingefahren sein. Daß sie gefahren war, hatte ich mit eigenen Augen beobachtet. Zeitlich paßte es auch. Ich ließ das gestrige Gespräch mit den Zollners Revue passieren. Ich war fast sicher, daß Inge ihren Mann hastig unterbrochen hatte, als dieser das Ergebnis seines Telefonanrufes bei Petra verkünden wollte. Was war mit der Musikkassette und der Telefonnummer, die ich in Inges Wagen gefunden hatte? Ich mußte das gerissene Band reparieren lassen, denn je mehr ich darüber nachdachte, desto fester war ich überzeugt, daß dieses Tape einiges offenbaren würde. Zudem war die Kassette neben der Telefonnummer die einzige Spur, die ich zur Zeit hatte. Da ich davon ausgehen konnte, daß in dieser Einöde kein Fachgeschäft für die Reparatur von Tonträgern existierte, mußte ich wohl oder übel nach Essen fahren. Mein alter Kollege Hannes Dregger arbeitete dort als Fernsehtechniker in einem Hi-Fi-Geschäft. In seiner Freizeit produzierte er in seinem Heimstudio Demos für Bands. Für ihn war es eine Kleinigkeit, ein Tape vor dem Mülleimer zu retten und wieder abspielbar zu machen. Was hatte ich noch zu bieten? Zollner hatte berichtet, daß Barbara an manchen Tagen apathisch im Unterricht gesessen hatte. Drogen? Aber warum nur donnerstags beziehungsweise Mittwoch abends? Hatte sie vielleicht mit dieser ominösen Teufelsanbeterei zu tun? Stegemann hatte erzählt, daß Kofler zu den Satansbeschwörern gehören würde. Warum sollte seine Freundin nicht auch in diesem Verein sein? Vielleicht war es das Ziel der schwarzen Sekte, ihre Mitglieder zu erstechen. Das führte zu weit. Ich durfte mich nicht in wilden Spekulationen ergehen. Sechs Zigaretten und drei Tassen Kaffee später hatte ich das weitere Vorgehen festgelegt: Zuerst mußte ich das Geheimnis der Kassette lüften, als zweites die Alibis von Kofler und Zollner-Knittel durchleuchten und drittens die Telefonnummer überprüfen. XVII Es war sieben Uhr, als mich der Wecker mit dem Getöse der Trompeten von Jericho an mein Tageswerk rief. Ich schlang einen Teller Kornflakes herunter. Bis Rudolph die ersten Moneten herüberwachsen ließ, würden sie die einzige Nahrungsquelle darstellen. Der Grund für die Eile war die Befürchtung, im allmorgendlichen Berufsverkehr steckenzubleiben. Wenn ich zu spät bei Gandalf - diesen Spitznamen verdankte Hannes seiner Vorliebe für Fantasyspiele - auftauchte, würde er auf Achse sein und aufgeschwemmten Matronen die Kanäle ihrer Flimmerkisten einstellen. Nachdem ich Wilbert und den Kaninchen die tägliche Ration an Kohlehydraten und Ballaststoffen zugeteilt hatte, brauste ich los. Im Radio erklärte ein Pfarrer, daß man in sich gehen und Buße tun solle. Das erinnerte mich daran, Grabowski einen Besuch abzustatten und ihn für seinen Kameradendiebstahl mit einer Kiste Bier Buße tun zu lassen. Damit hatte die christliche Erbauung ihren Dienst getan. Ich wählte einen anderen Sender und lauschte fortan Danzig. Einen Kilometer vor der Autobahnauffahrt erblickte ich am Straßenrand eine vertraute Gestalt. Ich bremste ab und öffnete die Beifahrertür. »Was liegt an, Meister der Rhetorik?« Stephan grinste. »Langweilen tu ich mich. Was machst Du denn? Auto spazieren fahren?« Plötzlich kam mir eine Idee. Grabowski würde sich nicht trauen, die Zahlung seiner Schulden zu verweigern, wenn ich einen Dorframbo wie Stephan im Schlepptau hinter mir herzog. »Hast Du Lust auf einen Trip in die abenteuerliche Welt der Großstadt? Ich muß nach Essen gondeln und könnte einen Mitfahrer zur Unterhaltung brauchen. Also?« Stephan fand den Vorschlag akzeptabel und stieg ein. Auf der Fahrt durch die Münsterländer Idylle gingen uns die Gesprächsthemen aus. Stephans Erfahrungshorizont beschränkte sich auf das Kühemelken, Stallausmisten und Heueinfahren. Das waren keine Themen, über die ich mir bisher viele Gedanken gemacht hatte. Endlich erreichten wir Essen. Gandalfs Wirkungskreis befand sich in Katernberg, einem Stadtteil, in dem das ganze Jahr über der Smog die Straßen vernebelte. Das Geschäft lag auf einem Hinterhof, den nur Eingeweihte finden konnten. Das hatte seinen Grund: Der Eigentümer, Adalbert 'Ali' Strutzmann, unterhielt mit dem An- und Verkauf von gestohlenen Autoradios ein lukratives Nebengeschäft. Daher scheuten viele seiner Lieferanten und Kunden die Öffentlichkeit. Ich sagte Stephan, er solle auf mich warten, stiefelte die Treppe zum Laden herunter und betätigte die Glocke. Kurz darauf öffnete sich die Tür und Alis Wampe füllte den Eingang aus. Er schien mich nicht zu erkennen. »Wenn Sie einen neuen Fernseher wollen, sind Sie hier richtig, junger Mann. Adalbert Strutzmann verkauft hervorragende Qualität. Zu Dumpingpreisen versteht sich.« Strutzmann walzte langsam in das Ladeninnere. An allen Geräten, nach deren Herkunft man nicht fragen durfte, hingen Schilder mit dem Hinweis "Sonderangebot". Wahrscheinlich verstand sich Ali als eine Art Robin Hood, der die Reichen ihres Hab und Gut beraubte und an die Armen verteilte. »Was darf es denn sein?« Ein schmieriges Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. »Mensch Ali. Du wirst doch einen Kollegen erkennen?« Uns als Kollegen zu bezeichnen, war grenzenlos übertrieben. Strutzmann hatte mir vor zwei Jahren angeboten, seine Steuererklärungen zu frisieren. Da es aber nur eine Frage der Zeit war, bis seine Hehlereien auffliegen würden, hatte ich abgelehnt. Das hatte er mir übelgenommen. Falls ich plaudern würde, bekäme ich Besuch von seinen Freunden. Weil er gute Verbindungen zur rechtsradikalen Szene unterhielt, mußte ich Alis Drohungen ernstnehmen. Mittlerweile war der Groschen gefallen. »Sieh einer an. Der Herr Nannen. Wenn Du einen Job willst, muß ich Dich enttäuschen. Es gibt genug Leute, die gutes Geld zu schätzen wissen und sich nicht darum kümmern, woher es kommt.« »Lassen wir die alten Geschichten ruhen. Ich will den Hannes sprechen. « »Der ist hinten. Aber halte ihn nicht zu lange von der Arbeit ab.« Ali grunzte noch etwas über Leute, die die Chance ihres Lebens verpaßt hatten, doch das hörte ich nur noch mit halbem Ohr. In der Werkstatt fand ich Gandalf über die Fragmente eines Fernsehers gebeugt. Mit seinen zwei Metern hätte er gut und gerne Center in einem Basketballteam spielen können. Dabei wog er mindestens fünfzehn Kilo weniger als ich. Aus Angst, daß seine spindeldürren Beine durchbrechen würden, hatte er sich früher immer von unseren allmonatlichen Fußballspielen ferngehalten. Ich haute ihm auf die Schulter. »Wenn das nicht unser Hannes ist, will ich tot umfallen.« Wie von einer Tarantel gestochen fuhr Gandalf in die Höhe. »Was soll das? Nannen! Ich hätte nicht erwartet, daß wir uns wiedersehen. Du hast den Kontakt zur Szene ja total abgebrochen.« »Hatte keine Lust, mit gebrochenen Rippen in einem Straßengraben aufzuwachen. Ich habe meinen amtlichen Wohnsitz auf das Land verlegt und den Job gewechselt.« »Was denn. Bist Du jetzt Profimusiker und spielst den Bauern zum Tanz auf?« »Laß die Witze. Ich bin Privatdetektiv und benötige Deine Hilfe in einem Mordfall.« Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen fühlte Gandalf sich auf den Arm genommen. Ich vergaß die Schweigepflicht, berichtete von den bisherigen Ermittlungen und trug mein Anliegen vor. Der Gedanke, bei der Aufklärung eines Tötungsdeliktes mitzuhelfen, schien Dregger zu faszinieren. Eine halbe Stunde später hatte er das Tape auseinandergenommen, geklebt und wieder zusammengebaut. Er schob es in einen Kassettenrecorder. Aus den Boxen ertönte Janis Joplins whiskygetränkte Stimme. Ich konnte nicht glauben, daß Zollner-Knittel neben Milva und Marianne Rosenberg auch den Klängen der Sechziger Jahre frönte. Das und die Tatsache, daß in Barbaras Zimmer etliche Poster der Woodstock-Tante hingen, ließen nur einen Schluß zu: Inge mußte Babsi kurz vor deren Tod in der Gegend herumkutschiert haben. »Ich habe meinen Mörder. Ich sollte wohl besser Mörderin sagen, sonst bekomme ich nachher einen Vortrag über Sexismus gehalten.« »Freut mich, daß ich Dir helfen konnte, Dieter.« Ich versprach Hannes, vom Honorar einen Kasten Krombacher zu schmeißen, und verdünnisierte mich. Stephan hatte offensichtlich ein Nickerchen gemacht. Die Brille hing schief im Gesicht, und Speichelreste schmückten das Hemd. »Stell Dir vor. Die rote Inge hat die schöne Babsi über den Jordan gehen lassen.« »Was?« »Sie hat sie umgebracht!« Was ich auch sagte, für Stephan schienen es böhmische Dörfer zu sein. XIII Wir brauchten eine halbe Stunde, um Grabowskis Villa zu erreichen. Jede Ampel schaltete auf rot, wenn wir uns näherten. Der lange Marsch durch das Treppenhaus machte mir angesichts der Vorfreude auf Peters dummes Gesicht nicht das geringste aus. Der Chef öffnete sofort. Sein benebelter Blick verriet eine durchzechte Nacht. »Dich habe ich nicht erwartet.« Er warf einen fragenden Blick auf Stephan. »Schade, daß Du mir Deinen Bruder bis heute vorenthalten hast.« »Deine Witze waren früher besser. Willst Du uns nicht endlich hereinbitten?« Grabowski machte eine Handbewegung, die soviel wie "Leck mich am Allerwertesten" bedeutete. Da er aber in das Innere seiner Behausung zurückschlurfte und die Wohnungstür offen ließ, folgten wir ihm. Letzte Nacht mußte eine heiße Party gestiegen sein: Der Boden war mit Kippen gepflastert, und angesichts der noch nicht getrockneten Bierlachen fühlte ich mich wie Jesus, der über den See Genezareth wandelte. Peter hatte sich unterdessen auf der mit Brandlöchern übersäten Couch hingefläzt. Stephan und ich nahmen auf den Stühlen Platz. »Sieht hier nicht gerade wie im Kloster aus. Tja, ich bin schon wieder arbeitslos. Du erinnerst Dich an die Olle mit dem Ehemann?« »Du hast mir die Geschichte tausendmal erzählt.« Er warf Stephan einen fragenden Blick zu. »Ist er zu Dir auch so freundlich?« »Zu mich?« »Okay. Verarschen kann ich mich alleine.« Er schwieg beleidigt. Nach einer Minute andächtiger Stille hatte ich die Nase voll. »Ich wußte nicht, daß Du auf einem Mädchenpensionat warst. Wie war das mit der Frau?« »Also. Ich hatte ja Fotos von den Seitensprüngen ihres Mannes gemacht. Dann dachte ich aber, warum einmal kassieren, wenn auch zweimal drin ist. Ich also zu dem Erwin oder wie er heißt hin. Zehn Riesen, sage ich, und Deine Gerda erfährt nicht die Bohne. Er sagt mir, daß das klargeht. War ihm aber wohl zuviel. Hat sich bei seiner Angetrauten ausgeheult und die Bullen angerufen. Als ich dann kassieren will, steht ein grünes Männchen im Nebenzimmer und hört alles mit. Bin jetzt auf Bewährung frei. Bei der Verhandlung habe ich auf verkorkste Kindheit gemacht. Prügelnder Stiefvater und so.« Aus dieser für Gurkennase typischen Geschichte schloß ich, daß ich meine Außenstände endgültig in den Wind schreiben konnte. »Vor drei Tagen bin ich ins Schnüfflergeschäft eingestiegen und habe bereits einen Mordfall aufgeklärt.« «Glaube ich nicht. « Neidisch blickte Grabowski mich an. »Wo Du so erfolgreich bist, wirst Du doch bestimmt an Deinen alten Kumpel Peter denken. Die Stütze reicht hinten und vorne nicht.« Selbst wenn ich Dagobert Ducks Geldspeicher besessen hätte, wäre Grabowski der letzte gewesen, dem ich sauer verdientes Geld in den Rachen werfen würde. Aber mit etwas Schotter in Aussicht würde zumindest einige Runden Bier springen lassen. »Darüber ließe sich reden. Jetzt etwas anderes: Mein Kumpel und ich haben einen anstrengenden Vormittag hinter uns. Hast Du nichts, das unsere eingetrockneten Kehlen anfeuchtet?« »Ihr habt Glück. Ein Kasten Krombacher und eine Flasche Ballantines stehen bei Frau Gatzeck. Ich hole den Alk eben herüber.« Das war ein alter Grabowski-Trick. Bevor er zu trinken anfing, lieferte er einen Teil seiner Vorräte bei der Nachbarin ab, um nicht in die Versuchung zu kommen, alles an einem Abend die Kehle herunterzuspülen. Für ihn wie für einen Alkoholiker gab es nichts Schlimmeres, als am nächsten Tag auf dem Trockenen zu sitzen. »Na, Stephan. Es geht doch nichts über einen Abend unter Freunden mit ein paar gepflegten Bieren.« »Muß sich waschen tun, Dein Freund. Sieht wie Wilbert nach Fressen aus.« »Grabowski wird nie die reinigende Kraft des Wassers kennenlernen. Für Experimente ist er schon zu alt.« Peter kam zurück. Laut stöhnend schleppte er die Bierkiste in das Wohnzimmer und warf Stephan und mir eine Flasche zu. Er selbst schüttete sich einen Whisky ein. »Wie wäre es mit einer kleinen Pokerrunde?« Keiner von uns hatte etwas einzuwenden, obwohl Stephan das Spiel nicht kannte. Grabowski schwor, mit ihm als Lehrmeister könne er in Zukunft jeden Profispieler wie eine Weihnachtsgans ausnehmen. Ich sagte lieber nichts dazu. »Ein Zehner Mindesteinsatz, hundert Limit.« Zwölf Pils und eine halbe Flasche Ballantines später beliefen sich Stephans Schulden bei Grabowski auf satte fünfhundert Piepen. Gurkennase hatte in jeder Runde in Stephans Karten gelinst und ihm bei jedem miesen Blatt geraten, bis an das Limit zu gehen. Als die Karten dann aufgedeckt wurden, falls man das noch so nennen konnte, warf Peter einen Royal Flush auf den Tisch des Hauses. Meine eigenen Verluste und Gewinne hielten sich die Waage. »So Jungs, der alte Grabowski muß in die Heia, um sich eine Mütze Schlaf zu holen. Ich vertrage die Sauferei nicht mehr so gut wie früher. Laßt uns abrechnen.« Ein auffordernder Blick ging in Richtung Stephan. »Du schuldest mir fünf Blaue!« »Was? Ich nichts gekauft von Dich.« »Junge, eines sage ich Dir gleich: Spielschulden sind Ehrenschulden. Wenn Du die nicht bezahlst, kriegst Du nie im Leben eine Braut ab. Aber da dürftest Du bei Deinem Verstand und Aussehen eh keine Chance haben.« Auch wenn Stephan kein Einstein war, konnte man ihm eine so plumpe Beleidigung nicht an den Kopf werfen. Erst recht nicht nach drei Litern Bier. »Selber häßlich. Keinen Pfennig tust Du kriegen von mir.« Grabowski erhob sich drohend. »Hör zu, Du geistiger Tiefflieger. Du willst wohl einen alten Mann um sein wohlverdientes Geld bringen. Aber nicht mit mir. Das tragen wir aus.« Ich mußte grinsen. Grabowskis Körper bestand zu siebzig Prozent aus Alkohol. Er besaß nicht einmal die Kraft, eine Fliege zu erschlagen. Zu alledem beging er den eklatanten Fehler, gering entwickelten Verstand mit geringer Körperstärke gleichzusetzen. Grabowski packte Stephan am Kragen und versuchte, ihn in die Senkrechte zu bewegen. Vergeblich. Stephan rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle. »Du mir wehtust. Laß sein!« »Ich werde Dir gleich noch mehr weh tun, wenn Du nicht zahlst. So einen Dämlack wie Dich habe ich noch nie gesehen. Erst weigerst Du Dich, Deine Schulden zu bezahlen, und dann flennst du wie ein Baby, wenn es seine Milch nicht bekommt.« Ich schätzte, es waren sowohl der "Dämlack" als auch der Alkohol, die Stephan zum Ausrasten brachten. Bevor ich mich versah, lag Grabowski auf dem Boden. Eine satte Gerade hatte ihn zu Boden gestreckt. »Ein schöner Freund bist Du. Schlägst einfach meine Kollegen nieder. In Zukunft werde ich mir dreimal überlegen, Dich irgendwohin mitzunehmen.« »Geleidigt und angefaßt hat er mich. Das mir leidtut, Dieter.« »Schon gut. Laß uns jetzt pennen. Heute abend kann ich nicht mehr fahren.« Ich machte es mir auf dem Sofa bequem, Stephan legte sich mit einer Decke als Unterlage auf den Fußboden, und Gurkennase lag bewußtlos in einer Bierlache. Ich brauchte einige Zeit, um einzuschlafen. Das war seit langem der erste Tag, der mich voll und ganz zufriedengestellt hatte, denn schließlich klärte man nicht alle Tage einen Mord auf. Gegen acht Uhr erwachte ich. Ich blickte zu dem im tiefsten Schlaf liegenden Grabowski herüber. Sein rechtes Auge war zu einem hübschen Veilchen angeschwollen. Auch Stephan schlummerte friedlich vor sich hin. Ich weckte ihn, und wir machten uns vom Acker. XIX Wenn ich ehrlich sein sollte, mußte ich zugeben, daß Barbaras Mörder eher durch Zufall als durch Kombination entlarvt worden war. Zum einen die glückliche Begegnung mit Andreas Stegemann, welches mich auf die Spur von Inge Zollner-Knittel gebracht hatte, zum anderen die Entdeckung der Kassette. Wenn Inge nicht vergessen hätte, das Licht am Wagen auszuschalten, würde ich noch immer im Dunkeln tappen. Man konnte es auch anders sehen: Der messerscharfe Verstand eines talentierten Privatdetektivs hatte sofort Stegemanns Potential erkannt und mit Raffinesse Fäden gespannt und Köder ausgelegt. Bei der Sache mit dem Jaguar hatte der Zufall einen Trumpf in seine Hände gelegt, aber dieser Trumpf mußte erst einmal ausgespielt werden. Andere Detektive hätten wahrscheinlich nur das Licht am Auto gelöscht und wären ins Haus zurückgegangen, aber der Meisterdetektiv nutzte seine Chance und durchsuchte den Wagen; akribisch und mit System. Keine Kleinigkeit wurde übersehen. Folglich war es doch nur meinem genialen Spürsinn zu verdanken, daß das Verbrechen so schnell und präzise aufgeklärt werden konnte. Gegen zehn Uhr trafen wir in Havixbeck ein. Stephan hatte es sich, soweit dies bei seiner Statur möglich war, auf der Rückbank bequem gemacht und schlief. Als erstes steuerte ich einen Kiosk an, um mich über eventuelle Verdächtigungen im Fall Rudolph zu amüsieren. Der Havixbecker Kurier lag zwischen Spiegel und Playboy. Auf der ersten Seite sprang mich sofort eine Schlagzeile an: "Geheimnisvoller Messermörder schlägt wieder zu!" Das durfte doch nicht wahr sein. Für einen Tag ließ ich die Mörderin allein, und sofort ergriff sie die Chance, ihr Messer für andere Zwecke als für das Kartoffelschälen zu benutzen. Ich warf dem Verkäufer ein Markstück hin und schnappte mir eine Zeitung. "Der Messermörder hat wieder zugeschlagen: Am Montag abend gegen 22.00 Uhr machte der Landwirt S. T. aus Havixbeck einen grausigen Fund. Auf seinem Acker zwischen der Kant- und der Pestalozzistraße entdeckte er eine männliche Leiche, die später als der Schüler Jens Kofler identifiziert wurde. Jens Kofler wurde durch fünf Messerstiche getötet. Die Anordnung der Stichwunden läßt den Schluß zu, daß wahllos und in großer Wut auf ihn eingestochen wurde. Der hiesige Polizeichef Theo Hartmann vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Mord an Barbara Rudolph, die am Freitag abend tot aufgefunden wurde (HK berichtete), und dem gestrigen Opfer. Beide Personen wurden erstochen, und erste Recherchen des HK haben ergeben, daß sowohl Barbara Rudolph als auch Jens Kofler das Martin-Heidegger-Gymnasium besuchten. Verdächtige sind von der Polizei bisher nicht genannt worden." Jens Kofler! Ich konnte die Labertasche zwar nicht ausstehen, doch dieses Ende hatte er nicht verdient. Aber wieso hatte Inge ihm das Lebenslicht ausgepustet? Hatte Kofler frauenfeindliche Artikel in seiner Schülerzeitung veröffentlicht, oder hatte er geahnt, wer seine Freundin auf dem Gewissen hatte, und war vom Schwätzer zum Erpresser avanciert? Jetzt war Eile geboten. Inge mußte schleunigst unschädlich gemacht werden, denn bei dem Tempo, das sie vorlegte, konnte man bald mit dem nächsten Toten rechnen. Ich startete den Motor, wendete und erreichte nach zwei Minuten das Zollnersche Heim. Der frisch gewaschene Jaguar stand vor der Haustür. Ich hastete durch den Vorgarten, sprang die Stufen hoch und klingelte Sturm. Nach dreißig Sekunden wurde die Haustür aufgerissen. »Was ist los? - Ach, Sie sind es, Herr Nannen. Was gibt es so Dringendes, daß Sie die gesamte Nachbarschaft zusammenläuten?« »Herr Zollner, ich muß dringend Ihre Frau sprechen. Sie hat nämlich...« »Das dürfte sich als schwierig erweisen. Sie müssen sich noch eine Weile gedulden.« »Wieso, ihr Wagen steht vor dem Haus.« »Den habe ich heute morgen abgeholt. Inge liegt im Krankenhaus.« »Wie bitte? Seit wann?« »Beruhigen Sie sich, Herr Nannen, so dramatisch ist es nicht. Sie hat einen Beinbruch erlitten und liegt im Krankenhaus.« »Wann ist das passiert?« »Gestern nachmittag ist sie beim Tennisspielen ausgerutscht und unglücklich hingefallen. Da sie operiert wurde, muß sie noch ein paar Tage im Hospital bleiben.« »Sie liegt im Krankenhaus und kann sich nicht bewegen?« »Ich weiß nicht, wie Sie es bei Beinbrüchen mit dem Laufen halten. Meine Frau liegt eingegipst im Bett und das einzige, was bei ihr läuft, ist die Nase.« Das mußte ich erst einmal verpacken. Inges Beinbruch warf meine gesamten Schlußfolgerungen über den Haufen. Wenn man der Zeitung Glauben schenken wollte, waren beide Morde von dem gleichen Täter verübt worden. Alle Umstände - Tatwaffe, Verhältnis der beiden Opfer zueinander - wiesen darauf hin. Emanzen-Inge kam jedoch für den zweiten Mord nicht in Frage. Folglich schied sie auch als Barbaras Mörderin aus. Das war aber längst nicht der Höhepunkt: Jens Kofler hatte auf elegante Art und Weise sein Dasein als zweiter Hauptverdächtiger beendet. Ich mußte ganz von vorne anfangen. »Was wollten Sie von meiner Frau?« riß Zollner mich aus den Gedanken. »Hat sich erledigt. Haben Sie von dem zweiten Mord gehört?« »Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Man muß ja um sein Leben fürchten. Irgendein psychopathischer Spinner läuft frei herum, und weder die Polizei noch Sie scheinen eine heiße Spur zu haben.« »Ich bin ihm auf den Fersen...« »Hören Sie mit der Schwafelei auf. Sie haben bisher noch keinen blassen Schimmer, geben Sie es doch zu.« »Selbst wenn Sie recht hätten, Herr Jahrgangsstufenleiter, ich verführe zumindest keine achtzehnjährigen Hippiemädchen. Auf Wiedersehen.« Ich machte auf dem Absatz kehrt und ließ Zollner in der Tür stehen. Von solch einem Fatzke ließ ich mir nicht sagen, daß ich schlechte Arbeit leistete. Als ich am Wagen ankam, zwängte Stephan seinen Schädel durch das heruntergedrehte Seitenfenster. »Hallo, Dieter. Kannst Du mir nach Hause bringen tun? Chef bestimmt ganz böse auf mich sein.« »Klar, alter Schwede. Wir fahren jetzt heim zu Onkel Steinmann.« Ich enterte den Fahrersitz, ließ den Motor an und rollte einer ungewissen Zukunft entgegen. Bei Bauer Steinmann erstand ich einen Sack Schweinemehl; selbstverständlich auf Pump, denn meine liquiden Mittel beliefen sich auf zwölf Mark dreiundvierzig. Stephan bedankte sich für den schönen Ausflug und schlurfte Richtung Rinderstall. Ich hielt es für das Beste, zurück zur Bank zu fahren. Vielleicht gewährte Stenner einen kleinen Kredit. Beim Betreten des Bankgebäudes entdeckte ich keine Schuppen auf dem Boden. Ottmar mußte wieder in Havixbeck sein Unwesen treiben und Schallplatten in die Regale stellen. Nachdem ich eine halbe Minute in einer Broschüre über "Vermögenswirksame Leistungen" geblättert hatte, tauchte Stenner hinter dem Schalter auf. »Einen wunderschönen Tag, Herr Nannen. Was wünschen Sie?« »Ich möchte einen Dispo-Kredit in Anspruch nehmen.« »Soll es denn ein größerer Betrag sein? Sie haben doch über tausend Mark auf Ihrem Konto, wenn ich mich richtig entsinne.« »Wie bitte?« »Herr Dr. Rudolph war heute morgen hier und hat Geld auf Ihr Konto eingezahlt. »Sehr gut, Herr Stenner. Ich möchte neunhundert Mark abheben.« Stenner zählte mir neun große Lappen auf die Hand und gab mir einen Kontoauszug, den ich sofort zusammenfaltete. Den Jubel wollte ich für später aufheben. Mit dieser Soll-Haben-Aufstellung würde ich zu Hause eine dicke Zigarre anstecken. Ich verstaute meinen ersten Privatdetektivlohn in der Hosentasche und verabschiedete mich. XX Während der Rückfahrt zum Kotten zog sich der Himmel zu. Ein auffrischender Wind schob schwarze Wolken vor sich her. Es schien, als wenn sich die Natur meinen Fortschritten beziehungsweise Rückschlägen im Fall Rudolph/Kofler anpassen würde. Gestern, als ich das Geheimnis der Musikkassette gelüftet hatte und den Mordfall für gelöst hielt, schien die Sonne, und die Vögel zwitscherten. Heute, als nicht nur alle Theorien über den Haufen geworfen wurden, sondern sich zudem die Zahl der zu behandelnden Delikte verdoppelt hatte, deutete sich ein schweres Unwetter an. Ich trat auf das Gaspedal, um vor dem großen Regen zu Hause zu sein. Just in dem Moment, als ich den Wagen abgestellt hatte und ins Haus geschlüpft war, öffneten sich die Himmelsschleusen und ein heftiger Regenschauer ging über Buldern nieder. Grelle Blitze wechselten sich mit starken Donnerschlägen ab. Der einzige Vorteil des Gewitters lag darin, daß ich mich zum ersten Mal nicht über fehlende Stromanschlüsse ärgern mußte, denn die Blitze hätten dem Strom sowieso keine Chance zur Zweckerfüllung gelassen. Als ich in Essen gewohnt hatte, war jedes Gewitter ein Genuß gewesen. Ich hatte ein heißes Bad eingelassen und eine Flasche Rotwein geköpft. Von der Badewanne aus konnte ich durch die Dachluke das Schauspiel bewundern. Aber hier war ich nicht wie in meiner Essener Mietwohnung von festen Mauern aus Beton umgeben, sondern befand mich in einem Fachwerkhaus aus dem dreizehnten Jahrhundert. Abgesehen davon hatte ich hier keine Badewanne und erst recht kein heißes Wasser. Ich holte einige Holzscheite aus der Tenne und stapelte sie im Kamin. Dann hielt ich ein Streichholz an die Sportseite des Havixbecker Kuriers, denn wen interessierte schon der Schalker Sieg gegen den HSV, und entzündete ein feines Feuerchen. Geschafft von den physischen Strapazen der Essen-Fahrt und dem psychischen Schock, den ich durch die neue Wendung im Mordfall erlitten hatte, ließ ich mich in den zerschlissenen Sessel vor dem Kamin fallen und schloß die Augen. Ich mußte eingeschlafen sein, denn ich träumte, daß Wilbert und die Kaninchen Barbara und Jens umgebracht hatten, weil die beiden Schüler für ihr Leben gern Schweine- und Kaninchenfleisch vertilgten. Dieser Traum ließ mich jäh aufspringen. Ich hatte vergessen, meine animalischen Freunde zu füttern. Ich zog den Ostfriesennerz über und lief zu den Ställen. Als ich die Sau und die Kaninchen betrachtete, glaubte ich einen vorwurfsvollen Ausdruck auf ihren Gesichtern zu entdecken. Ich füllte Wilberts Trog bis zum Rand mit Schweinemehl und begrub die acht Langohren unter Löwenzahn. Jetzt schauten sie viel zufriedener aus. Das Schmatzen der Tiere erinnerte mich daran, daß ich auch noch nichts im Magen hatte; genaugenommen hatte ich seit gestern morgen außer Hefe und Hopfen nichts zu mir genommen. Allerdings stand im Vorratsschrank nur das angebrochene Paket Kornflakes. Es konnte nicht schaden, wenn ich nach dem Gewitter nach Buldern fahren würde. Zum einen konnte ich Schuhmann die sechshundertachtzig Mücken zurückzahlen, zum anderen, und das war zur Zeit wichtiger, würde ich den Tante-Emma-Laden um einige Tonnen Lebensmittel erleichtern. Mit diesem Entschluß verließ ich die vor sich hinkauenden Tiere und trat auf den Hof. Es tröpfelte nur noch. Ein Blick zum Himmel sagte mir, daß ich in einer halben Stunde ohne Gefahr für Leib und Leben aufbrechen konnte. Ich hängte den Regenmantel in die Dusche und ließ mich wieder vor dem Kamin nieder. Ich steckte eine Zigarette an und stieß den Rauch langsam aus. Wir hatten innerhalb kürzester Zeit zwei Morde erlebt. Es deutete alles darauf hin, daß die Verbrechen im Zusammenhang standen: Beide Opfer wurden erstochen, beide wurden auf einem Acker abgeladen, beide Opfer kannten sich, waren sogar miteinander befreundet. Alle Verdächtigen, die ich überprüft hatte oder überprüfen wollte, hatten mich von ihrer Unschuld überzeugt, jeder auf seine Weise. Martin Zollner schied von Anfang an als Täter aus, weil er ein wasserdichtes Alibi hatte. Der zweite, Jens Kofler, hatte sich auf eine recht unangenehme Art seines Verdächtigenstatus' entledigt. Die dritte potentielle Mörderin, Inge Zollner-Knittel, die ich schon mit beiden Beinen im Knast gesehen hatte, lag zur Tatzeit mit beiden Beinen im Krankenhaus und ließ emanzipatorische Tiraden gegen die Pfleger los. Das Bild, das sich mir bot, war entmutigend. Ich schüttelte eine weitere Camel aus der Schachtel in der Hoffnung, daß das Gemisch aus Nikotin und Kondensat die Gehirntätigkeit dahingehend beeinflußte, daß als Ergebnis ein grandioser Einfall heraussprang. Die geniale Eingebung blieb auch nach der dritten Zigarette aus, doch zumindest hatte ich eine Idee, wie ich weiter vorgehen konnte. Die Auskünfte, die ich durch das Studium der Zeitungsartikel erhalten hatte, hielt ich nicht für ausreichend. Dahingegen war es durchaus möglich, daß der hiesige Polizeiapparat Sachen entdeckt hatte, die nicht veröffentlicht worden waren. In der Regel hielten sich die Behörden bedeckt, wenn sie Fakten aus laufenden Ermittlungen an die Presse weitergeben sollten. Unter Umständen hatte der Mörder am Tatort Spuren hinterlassen. Ich brauchte Einsicht in die Polizeiakten. Dazu mußte ich in die Polizeiwache einbrechen, denn freiwillig würden die Beamten keine Informationen an einen lizenzlosen Privatschnüffler herausrücken. Das Bullengebäude in diesem Kaff war mit Sicherheit nicht rund um die Uhr besetzt, und bestimmt war es auch nicht mit den modernsten Techniken zur Abwehr von Eindringlingen ausgerüstet. Wer brach schon freiwillig in eine Polizeistation ein. Im Normalfall führte der gewünschte Weg in die entgegengesetzte Richtung. Zum zweiten konnte ich Stegemann noch einmal über die Teufelsanbeter ausfragen. Auch wenn ich diesen Verein nur als harmlose Zusammenkunft von Jugendlichen ansah, die mehr aus Langeweile als aus Überzeugung die Dämonen priesen, konnte eine Überprüfung in diese Richtung nicht schaden. Ein Blick auf mein Handgelenk offenbarte mir, daß ich über eine halbe Stunde mit Grübeln verbracht hatte. Es war kurz vor vier. Ein Blick aus dem Fenster überzeugte mich, daß die Hölle ihre Pforten geschlossen hatte. Die Sonne lachte vom Himmel, als ob es nie ein Gewitter gegeben hätte. Mein erstes Ziel war Havixbeck. Ich fragte einen Rentner, der an einer Bushaltestelle wartete, nach dem Weg zur Polizeistation. Er erklärte diesen mit einer Stimme, die auf sechzig Jahre Zigarrenrauchen schließen ließ und machte nach jeweils drei bis vier Wörtern eine Pause, um nach Luft zu schnappen. Wenn ich sein Krächzen richtig deutete, befand sich die Polizeiwache außerhalb der Stadt. Als Dank bot ich ihm eine Zigarette an. Mit dunkelgelben Fingern fischte er gleich drei Stück aus der Schachtel und steckte eine sofort zwischen die Zähne. Einen halben Kilometer hinter dem Ortsausgangsschild entdeckte ich auf der rechten Straßenseite das Polizeigebäude. Das Fachwerkhaus verriet nur durch die zwei vergitterten Vorderfenster und ein halb vergilbtes Schild mit der Aufschrift "Po iz i" seine Funktion. Ich fuhr mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit vorbei, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Fünfzig Meter weiter lag ein kleiner Parkplatz, von dem ein schmaler Weg auf einen Hügel führte. Eine Hinweistafel besagte, daß man über diesen Pfad zu einem Aussichtspunkt gelangte, von dem ganz Havixbeck überblickt werden konnte. Als Laufzeit wurden zwanzig Minuten veranschlagt. Ich parkte mein Auto und marschierte los. Die Zeitangabe war offensichtlich für fußkranke Kurgäste mit fünfzig Pfund Übergewicht errechnet worden, denn ich erreichte den Gipfel nach neun Minuten. Auf dem Aussichtspunkt befand sich, was ich erhofft hatte: Ein Fernrohr. Ich warf die verlangten dreißig Pfennig ein und schwenkte das Objektiv Richtung Polizeiwache. Der einwandfreie Blick überraschte mich. Ich hatte damit gerechnet, daß Bäume die Sicht versperren oder zumindest beeinträchtigen würden, doch das Gebäude war optimal zu erkennen. Die Rückseite des Hauses hatte zwei Fenster, die im Gegensatz zu ihren Pendants auf der Frontseite nicht vergittert waren. Zwischen den Fenstern befand sich eine Holztür, die nicht übermäßig gesichert und nicht so stabil wie die Vordertür aussah. Neben der Tür stand eine Mülltonne. Einfacher konnte es nicht sein. Ich schätzte, daß ich die Tür in weniger als dreißig Sekunden öffnen konnte. Das reichte. Heute abend würde ich den Bullen meine Aufwartung machen. Auf dem Rückweg kamen mir drei betagte Damen entgegen, die fluchten, daß auf dem langen und beschwerlichen Weg keine Bank zum Ausruhen aufgestellt worden war. Als nächstes Ziel hatte ich den Havixbecker Supermarkt auserkoren. Dort deckte ich mich mit Lebensmitteln für ein üppiges Abendessen ein. Rumpsteak, Kartoffeln, Erbsen und Möhren und zum Dessert drei Becher Mousse au chocolat. Dazu erstand ich einen Kasten Bier, drei Flaschen Rotwein, einige Liter H-Milch, zwei Pakete Kaffee nebst Filtertüten und eine Stange Zigaretten. Es ärgerte mich, daß ich nicht für mehrere Tage einkaufen konnte. Ich besaß zwar einen Kühlschrank, der aber aufgrund der fehlenden Stromleitungen nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Nach ergebnislosem Flirt mit der Kassiererin - auf dem Lande schien der Ehering noch etwas zu bedeuten - verließ ich den Konsumtempel, verstaute die Einkäufe im Golf und machte mich davon. Nachdem ich drei Songs von Bruce Springsteen überstanden hatte - im Radio lief ein Special über ihn - erreichte ich mein Anwesen. Der nächste Gang führte mich in die Küche, in der ich die Lebensmittel zuerst zubereitete und dann vertilgte. Nur vom Nachtisch blieb etwas übrig. Nach einer Verdauungszigarette düste ich los Richtung Schuhmann. XXI Auf dem Hof war niemand zu entdecken. Ich drückte einige Male vehement auf die Hupe. Sofort bellte der Hund, und nach wenigen Augenblicken sah ich Karin aus dem Haus treten. Als sie mich erkannte, zogen dunkle Wolken über ihr Gesicht. »Hallo, Frau Schuhmann. Haben Sie zwanzig Mark klein?« »Für Sie, Herr Nannen, habe ich nicht einmal zwanzig Pfennig. Sie haben allerdings zwanzig Sekunden Zeit, mein Grundstück zu verlassen, sonst reißt Sie der Hund in zwanzig Stücke.« »Na gut. Wenn Sie nicht wollen, daß ich meine Außenstände begleiche, um so besser. Ich habe für das Geld auch andere Anlagemöglichkeiten.« »Wie bitte, was sagen Sie da? Ich war doch erst letzte Woche beim Ohrenarzt. So rapide kann sich mein Gehör nicht verschlechtert haben. Sie haben Geld und wollen es für so etwas Sinnloses wie Schuldentilgung verwenden?« »Richtig, Frau Schuhmann.« Ich griff in die Hosentasche und zauberte sieben Hunderter hervor. »Haben Sie Wechselgeld oder nicht?« Geblendet vom Licht der Scheine schlug sie die Hände vor das Gesicht. »Pfarrer Wilpert hat in seiner Predigt recht gehabt, als er sagte, daß man keinen Menschen vorschnell verurteilen dürfe. Warten Sie einen Moment, Herr Nannen, ich hole schnell die zwanzig Mark, bevor Sie es sich anders überlegen. Außerdem hat Herr Dr. Rudolph wieder für Sie angerufen.« Ich stiefelte hinter ihr her. »Was wollte er?« Schuhmann drehte sich um und stemmte ihre Hände in die Hüften. »Wenn Sie mir nicht sagen, was Sie mit dem Doktor zu schaffen haben, dann verrate ich auch nicht, was er von Ihnen wollte.« »Können wir das bei einer Tasse Kaffee besprechen?« »In Anbetracht der Tatsache, daß Sie sich wirklich Mühe zu geben scheinen, dem Schnorrertum zu entsagen, erkläre ich mich einverstanden.« »Was halten Sie davon: Wir verlegen das Gespräch auf heute abend und ersetzen den Kaffee durch Wein?« »Heute abend kommt "Columbo" im Fernsehen, den will ich auf keinen Fall verpassen.« »Ich bin selbst ein großer Anhänger Inspektor Columbos. Ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen Gesellschaft leisten zu können.« »Dann kommen Sie vorbei. Ich weiß zwar nicht, warum ich das mache, aber...« »Weil ich ein netter Mensch bin, Frau Schuhmann. Bis um acht Uhr dann.« Ich verabschiedete mich und machte mich auf die Suche nach einer Telefonzelle, um Stegemann anzurufen. Rudolph wollte ich noch nicht zurückrufen, da ich bisher nichts herausgefunden hatte, womit ich die Überweisung der tausend Mark hätte rechtfertigen können. Gegenüber der Bulderner Kirche wurde ich fündig. Ein Aufkleber wies potentielle Sachbeschädiger und Vandalen darauf hin, daß ein Telefon Leben retten konnte. Ich glaubte zwar nicht, daß es am Aufkleber lag, aber der Apparat funktionierte. Ich fütterte den Kasten mit drei Groschen und wählte Stegemanns Nummer. Nach dem zweiten Läuten wurde abgehoben. »Stegemann hier.« Eine schrille Frauenstimme ließ mich zusammenzucken. »Guten Tag. Könnte ich bitte Andreas sprechen?« »Ich glaube, er sitzt in der Badewanne. Warten Sie, ich schaue nach.« Vor ihrer Antwort hatte ich den Hörer vorsichtshalber dreißig Zentimeter vom Ohr weggehalten, um das Platzen meines Trommelfells zu verhindern. Nachdem ich sämtliche Nummern der Taxiunternehmen, die ihre Werbeschilder an der Wand angeschlagen hatten, auswendig gelernt hatte, meldete sich Andreas. »Wer ist da?« »Dieter Nannen.« »Tut mir leid, daß Du warten mußtest. Was gibt es?« »Ich sitze an der Reportage über Deine Schule und den Mord an Barbara. Wie Du wahrscheinlich mitbekommen hast, gibt es ein zweites Opfer zu vermelden.« »Jens Kofler, klar weiß ich von der Sache.« »Ich möchte nicht lange um den heißen Brei herumreden. Was hältst Du davon, als mein Assistent zu fungieren? Du könntest dann selbst einige Artikel schreiben, und finanziell würde es sich auch lohnen.« Ich machte ein kurze Pause. »Ist das nicht ein super Angebot?« »Das muß ich mir erst überlegen.« Das nahm ich ihm nicht ab. Er war bestimmt so heiß darauf, an der "Reportage" mitzuarbeiten, daß er seine Mutter dafür verkaufen würde. Nur daß sie keiner haben wollte, bei dem Organ. »Andreas, wenn Du ein paar Minuten Zeit hast, komme ich kurz vorbei. Dann können wir über Einzelheiten besprechen. Oder hast Du Dich gegen meine Offerte entschieden?« »Nein. Im Prinzip hört es sich interessant an. Was wäre meine Aufgabe?« »Das erzähle ich gleich. In spätestens zehn Minuten bin ich bei Dir. Deine Adresse habe ich ja.« Ich hängte ein, um ihm keine Gelegenheit zum Widerspruch zu geben. Das Stegemannsche Anwesen fand ich ohne Probleme. Die Nummer fünfundvierzig war mit riesigen Zahlen auf die Hauswand gepinselt worden. Wahrscheinlich gab es in dieser Gegend extrem kurzsichtige Briefträger. Das Haus war einer dieser ganz normalen Bungalows, in denen ganz normale Leute wohnten. Sie besaßen zwei Autos, eines für den Hausherrn, das ihn zur Arbeit brachte, und ein kleineres für die täglichen Besorgungen der werten Gattin. Jeden Samstag wurden die Wagen gewaschen und der Rasen gemäht. Im Vorgarten standen Blumen und Rhododendronbüsche. Am Abend wurden pünktlich um sieben Uhr Rolläden heruntergelassen. Im Regelfall gehörten zwei Kinder zum Haushalt, wenn es der liebe Gott besonders gut gemeint hatte, ein Mädchen und ein Junge. Der Junge war Mitglied im örtlichen Pfadfinderverein, und das Mädchen spielte Blockflöte oder ging zum Ballettunterricht. Ich drückte auf den wundervoll verzierten Klingelknopf. Im Innern des Hauses ertönten die Westminsterschläge. Andreas höchstpersönlich öffnete die Tür. »Du hast Dich aber beeilt. Komm herein.« Ich folgte ihm in das Wohnzimmer, dessen Beschreibung sich nicht lohnte. Mittelmäßigkeit und spießbürgerlicher Mief in jedem Quadratmillimeter des Raumes. Ich pflanzte mich auf die Couch und bat um ein Bier. Andreas ging in ein Nachbarzimmer und kam wenig später mit einem Glas Mineralwasser und einer Flasche Bier zurück, alkoholfrei. Ich war im Begriff, ihm das Aufregendste anzubieten, was er bisher in seiner langweiligen Existenz erlebt hatte, und er speiste mich mit alkoholfreiem Bier ab. Ich öffnete die Flasche mit dem Feuerzeug und bot Andreas eine Zigarette an. Er lehnte ab und gestand, daß seine Eltern nicht wissen dürften, daß er rauche. Er würde aber einen Aschenbecher holen. Während ich ihn in der Küche auf der Suche nach einem Ascher in den Schränken klappern hörte, kippte ich drei Viertel des Flascheninhaltes in einen bronzefarbenen Blumentopf, der sich in Reichweite meines linken Armes befand. Als Stegemann zurückkam, war alles versickert. Offensichtlich standen Begonien auf bleifreies Bier. »Du hast einen ganz schönen Zug, Dieter.« »Kommen wir zur Sache. Ich habe mit dem Redakteur gesprochen. Dabei habe ich ihm klargemacht, daß die Story mehr Zeit in Anspruch nehmen würde als ursprünglich geplant. Ich würde auch mehr Geld benötigen. Normalerweise ist er geiziger als eine Schottenfamilie, aber diesmal hat er sofort eingewilligt. Das bedeutet im Klartext, daß für Dich locker vierhundert Piepen herausspringen können. Selbstverständlich wird Dein Name auch unter den von Dir verfaßten Artikeln stehen. Hast Du Schreiberfahrung?« »In Deutsch stehe ich zwischen eins und zwei.« »Fantastisch!« Ich bemerkte, wie seine Augen zu leuchten begannen. Wahrscheinlich bekam er von seinen Eltern nur Druck und selten Lob, wie das in solchen Familien üblich war. Wenn er in einem Fach die zweitbeste Klausur geschrieben hatte, machten sie ihm Vorwürfe, daß es nicht die beste geworden war. »Was ist mein Aufgabengebiet, Dieter?« riß Andreas mich aus den Gedankengängen. »Du bist interessiert?« »Na klar, ein bißchen Abwechslung kann nicht schaden. Außerdem wollen meine Eltern, daß ich nach dem Abitur studiere. Vielleicht stellt sich heraus, daß ich Talent zum Journalisten habe.« »Gut. Ich hatte mir vorgestellt, daß Du die Satanssekte durchleuchtest. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, besteht diese Vereinigung aus Leuten in Deinem Alter. Ich habe demnach keine Möglichkeit, mich dort einzuschleusen. Dich hingegen wird niemand verdächtigen. Du mußt einfach vorgeben, Mitglied werden zu wollen. Hältst Du das für machbar?« Er überlegte eine Weile, sagte dann aber zu meiner Erleichterung, daß es für ihn kein Problem darstellen würde. Er habe mitbekommen, daß morgen ein Treffen stattfinden würde. Darauf verpflichtete ich Andreas zur Geheimhaltung. Ich behauptete, daß unantastbares Gebot jedes guten Journalisten sei, keinem Menschen von einer Reportage zu erzählen, bevor sie nicht veröffentlicht worden sei. Er versprach, wie ein Grab zu schweigen. Ich war sicher, daß er sich an die Anweisungen halten würde, und stand auf. »Willst Du das Bier nicht austrinken?« »Da ist eine Fliege hineingefallen, und Getränke mit Fleischeinlage sind nicht meine Sache.« Zusammen stiefelten wir zur Tür, und ich verabschiedete mich mit einem geheimnisvollen Augenzwinkern. XXII Um sieben Uhr traf ich zu Hause ein. Die Stunde, die mir vor dem Fernsehabend und dem anschließenden Einbruch in das Polizeirevier blieb, nutzte ich, um die Tiere zu füttern und mich in Schale zu werfen. Ich wählte eine schwarze Jeans und einen Esprit-Pullover. Danach putzte ich Schuhe und Zähne. Ein Blick in den Spiegel überzeugte mich, daß eine Rasur nicht nötig war. Der Dreitagebart stand mir. Ich befand meine Erscheinung als perfekte Mischung aus gepflegter Lässigkeit und männlicher Verwegenheit. Um Punkt acht Uhr erreichte ich Schuhmanns Hof. Als Karin mich hereingelassen hatte, und wir im Flur ein paar Worte wechselten, vermeinte ich den Duft geschmorter Champignons wahrzunehmen. Sie begleitete mich in das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer. Für die antiken Möbel würden einige Leute viel Geld locker machen. Ich stellte den Rotwein auf den Tisch. Dort befanden sich bereits zwei Gedecke, die so angeordnet waren, daß man bequem essen konnte, ohne etwas vom Film zu verpassen. Gläser und Korkenzieher waren ebenfalls vorhanden. Schuhmann entzündete zwei Kerzen, schaltete den Fernseher ein und das Deckenlicht aus. Nur auf dem TV-Gerät brannte eine kleine Lampe. Karin setzte sich mit gebührendem Abstand neben mich auf die Couch. Ich schnappte mir den Korkenzieher und öffnete die Flasche, während ein Werbespot über die Vorzüge der Bundeswehr lief. »Wollen Sie mich verführen, Frau Schuhmann?« »Herr Nannen. Das ist meine Art, Columbo zu genießen. Mit Ihnen hat das nichts zu tun.« »Ich wollte nur die Atmosphäre auflockern. Oder glauben Sie im Ernst, ich würde mich von Ihnen verführen lassen?« »Dann sind die Fronten ja geklärt.« Der Vorspann begann. »Noch eine Sache. Ich weiß zwar, wie schwer es Ihnen fällt, die Klappe zu halten, aber ich warne Sie: Wehe, Sie reden während des Films.« »Meine Lippen sind versiegelt.« Columbo hatte einen Fall mit dem Titel Death Hits The Jackpot zu knacken. Leider handelte es sich um einen Film aus den Neunziger Jahren. Alle neueren Sachen erreichten lange nicht die Klasse der alten Folgen, aber sie waren natürlich um Längen besser als das meiste, was sonst über die Mattscheibe flimmerte. Außerdem war ich froh, die Welt der laufenden Bilder genießen zu können. Ich war zwar nie ein exzessiver Fernsehkonsument gewesen, aber ganz ohne konnte ich auch nicht sein. Bei der ersten Werbeunterbrechung erhob sich Karin und fragte, ob ich hungrig sei. Sie habe Champignons geröstet und frisches Brot gebacken. Als Antwort ließ ich den Magen knurren und bot meine Hilfe an. Sie lehnte ab, schnappte sich die Teller und verließ das Wohnzimmer. Nachdem ich versprochen hatte, sofort Bescheid zu sagen, wenn der Film fortgesetzt würde, ließ sie mich allein. Ich nippte am vorzüglichen Rotwein und ließ mich von der Reklame berieseln: Waschmittel, Auto, Waschmittel, Bier, Auto, Haarspray, Waschmittel, Auto, Schokolade, Waschmittel. Karin erlöste mich mit ihrer Rückkehr. »Das duftet vorzüglich. Sie hätten sich doch nicht solche Mühe zu geben brauchen.« Sie stellte die beiden mit Pilzen und knusprigen Fladenbrot bedeckten Teller auf den Tisch. »Die einzige Mühe war, giftige Pilze für Sie zu finden, die wie Champignons aussehen. Das ist mir gelungen, oder bemerken Sie den Unterschied?« »Nein, aber Ihnen ist doch auch nicht aufgefallen, daß ich Blausäure in Ihren Rotwein geschüttet habe, oder?« »Sie kontern gut, Herr Nannen, aber Sie können ja auch nicht in allen Bereichen mit Unzulänglichkeiten aufwarten.« »Frau Schuhmann, da wir uns so nett unterhalten, sollen wir nicht lieber unsere Vornamen gebrauchen?« »Ruhe jetzt. Der Film fängt an. Guten Appetit.« Die Pilze und das Brot schmeckten fantastisch. Ab und an lachten wir über den trotteligen Inspektor, und insbesondere sie hielt sich mit dem Wein nicht zurück. Ich ließ auch keine Möglichkeit aus, ihr nachzuschenken. Die zweite Werbepause nutzte Schuhmann, um eine weitere Portion Essen herbeizuschaffen, und ich, eine zweite Flasche Rotwein aus dem Wagen zu holen. Auf dem Hof steckte ich eine Zigarette an, denn im Haus hatte ich nicht zu rauchen gewagt. Gleichzeitig trafen wir im Wohnzimmer ein. Die letzte Etappe des Inspektors verfolgten wir zunächst essend, dann schweigend. Als der Nachspann über den Bildschirm flimmerte, sagten wir synchron »Habe schon einen besseren Columbo gesehen!« Schuhmann stand auf und brachte das Geschirr in die Küche. Wir hatten keinen Krümel übrig gelassen. Ich ging zum Plattenregal, das neben dem Fernseher angebracht war, und durchforstete ihre Musiksammlung. Ich war überrascht: Iron Maiden, AC/DC, Judas Priest, Kiss, alles Bands, die auch ich nicht verachtete. Ich wählte eine AC/DC von neunzehnhundertsechsundsiebzig und legte sie auf den Plattenteller. Dann ließ ich mich wieder auf die Couch fallen. »Ich sehe, Sie haben einen guten Musikgeschmack.« Karin hatte den Raum betreten. Sie schwankte erheblich; der Wein zeigte Wirkung. »Ride On ist eines meiner Lieblingsstücke. Setzen Sie sich.« Mit Mühe gelang es ihr, das Sofa zu treffen. Zu meiner Überraschung holte sie einen Aschenbecher und ein Päckchen Tabak aus dem Schrank. Trotz ihrer Angetrunkenheit drehte sie die Zigarette schnell und gut. »Sie rauchen, Frau Schuhmann?« »Nur selten. Meistens, wenn ich etwas getrunken habe.« Etwas getrunken war eine leichte Untertreibung. Einen Mann hätte man in diesem Zustand als 'besoffen' bezeichnet. Karin beugte sich über den Tisch, um die Zigarette an der Kerze zu entzünden. Sie sah verdammt gut aus. Auf ihre Erlaubnis hin fertigte ich mir ebenfalls eine Selbstgedrehte, und so saßen wir zusammen, rauchend, Rotwein trinkend und Musik hörend. Wir kamen ins Gespräch. Karin erzählte, daß sie den Hof von ihren Eltern geerbt habe. Beide seien vor sieben Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Seitdem bewirtschafte sie das Anwesen. Sie käme mit dem, was der Hof abwarf, ganz gut über die Runden. Freunde habe sie kaum welche. »Würden Sie mich ab heute zu Ihrem Freundeskreis zählen, Frau Schuhmann?« »Sie sind mir nicht mehr so unsympathisch wie bei unseren ersten Begegnungen, aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.« Darauf schwiegen wir eine Weile. Dann erzählte ich einiges aus meinem Leben, natürlich nur die positiven Aspekte. Nach zehn Minuten rutschte ihr Kopf auf meine Schulter. Ich blieb wie erstarrt sitzen. Nachdem ich ohne heftige Bewegungen einen weiteren Glimmstengel gedreht und angesteckt hatte, begann ich mit der Erkundung ihres Körpers. Ich strich ihr über das Haar. Weder jauchzte sie entzückt noch schlug sie um sich. Kein Wunder, sie schlummerte tief und fest. Langsam ließ ich meine Hand ihren Rücken hinuntergleiten. Dabei stellte ich fest, daß sie keinen BH trug. Als ich ansetzen wollte, das zu erkunden, was unterhalb des Rückens lag, öffnete sie die Augen und schnellte wie vom Blitz getroffen hoch. »Was machen Sie da?« »Ich sitze hier, lausche der Musik und schaue einer schönen Frau beim Schlafen zu.« Sie errötete leicht. »Aber wahrscheinlich sollte ich jetzt besser gehen.« »Ja, das glaube ich auch.« Sie begleitete mich zum Ausgang. Bevor sie die Tür hinter mir schloß, sagte sie »Tschüs, Dieter.« Ich mußte wohl dringend zum Ohrenarzt. Nach kurzer Überlegung war ich aber sicher, sie richtig verstanden zu haben, doch mein »Auf Wiedersehen, Karin« hörte nur noch der Hund. Als ich im Auto auf die Uhr blickte, traf mich fast der Schlag. Es war kurz nach halb eins. Die Zeit mit Karin war wie im Flug vergangen. XXIII Zuhause bereitete ich alles für die anstehende Einbruchsaktion vor. Ich durchstöberte Onkel Hugos Nachlaß und fand eine schwarze Cordhose und einen dunklen Parka. In der Truhe lag sogar eine alte Skimütze, die ich in die Jackentasche stopfte. Aus dem Werkzeugkasten im Kofferraum von Barbaras Wagen kramte ich eine Taschenlampe. Im Verbandskasten lag, wie es sich für eine Arzttochter gehörte, ein Paar Aidshandschuhe. Die brauchte man auch, wenn man in eine Bullenwache einstieg. Das letzte Utensil, ein Stück Draht zur Anfertigung eines Dietrichs, holte ich aus dem Schuppen. Ein Blick zum Himmel sagte mir, daß die heutige Nacht gut für illegale Unternehmungen geeignet war, denn der Mond versteckte sich hinter den Wolken. Ich packte das Fahrrad in den Kofferraum und fuhr los. In Havixbeck parkte ich den Golf hinter einem Supermarkt und radelte mit dem Drahtesel weiter. Auf der Strecke zum Polizeigebäude begegnete ich keiner Menschenseele. Der Parkplatz. war leer. Dies schien ein ödes Nest zu sein, denn Ich eigentlich hatte ich mit Liebespaaren gerechnet, die auf Autorückbänken ihren Trieben freien Lauf ließen. Nachdem ich das Fahrrad hinter einem Strauch versteckt hatte, marschierte ich mit übergezogener Mütze Richtung Polizeistation. Nach viermaligen Stolpern erreichte ich die Hintertür. Das Haus war verlassen wie ein Freibad im Dezember. Ich beugte mich zum Schlüsselloch hinab und begann mit der Arbeit. Es dauerte länger als in meinen besten Zeiten, aber schließlich vernahm ich das süße Klicken, das "Bitte eintreten" bedeutete. In dem Moment, als ich der Aufforderung Folge leisten wollte, legte sich eine Hand auf meine Schulter. Reflexartig duckte ich mich und schwang in der Drehung meine Rechte dorthin, wo sich bei Menschen normaler Körpergröße der Kopf befand. Der Schmerz, der die Hand durchzuckte, zeigte mir, daß ich getroffen hatte. Sofort ließ ich die Linke in den Magen des Unbekannten sausen und knallte mit voller Wucht einen rechten Aufwärtshaken unter sein Kinn. Es knackte fürchterlich. Die Gestalt kippte wie ein gefällter Baum um und blieb reglos liegen. Ich zog die Taschenlampe aus dem Parka und ließ den Strahl über den Bewußtlosen gleiten. Ich hatte einen Penner zusammengeschlagen. Meine Schläge hatten sein Inneres nach außen gekehrt; er war über und über mit Erbrochenem besudelt. Ich fühlte seinen Puls und war beruhigt. Das einzige, was dem Wermutbruder fehlte, waren eine Behandlung beim Kieferorthopäden und eine Entziehungskur. Er roch bestialisch nach billigem Fusel. Ich wendete mich vom Bild des Elends ab, streifte die Handschuhe über und betrat das Gebäude. Nach kurzem Rundgang war ich mit den Lokalitäten vertraut. Die Wache bestand aus einer Zelle, die schon lange keinen Gast mehr beherbergt hatte, zwei Büroräumen, einem Empfangsschalter, an dem die Katzendiebstähle aufgenommen wurden, und einer Toilette. Ich begann die Suche Reicherts Büro. An der Rückwand strahlte die Taschenlampe einen Aktenschrank an. Die Schlüssel steckten. Einfacher konnte es mir die Polizei wirklich nicht machen. Da ich davon ausging, daß jeder Bulle faul war und sich nur ungern bückte, war ich überzeugt, daß die aktuellen Fälle in der obersten Schublade zu finden waren. Meine Ahnung hatte mich nicht getäuscht. Die Akten Rudolph und Kofler blickten mich erwartungsvoll an. Ich hielt es für das beste, die Unterlagen nicht hier zu studieren, sondern nach Hause mitzunehmen, und stopfte die beiden Mappen in die Jacke, schloß die Schublade und verließ das Gebäude. Draußen wischte ich die Fingerabdrücke von der Tür, denn beim Knacken des Schlosses hatte ich die Handschuhe nicht übergestreift. Ich überlegte, ob ich Spuren hinterlassen hatte, kam aber zu dem Schluß, den perfekten Einbruch durchgeführt zu haben. Der Penner lag auf dem Moosboden und schnarchte. Noch sorgte der Alkohol dafür, daß er nichts von seinem gebrochenen Kiefer merkte. Ich steckte einen Zehnmarkschein zur Betäubung der kommenden Schmerzen in seine Manteltasche. Zuhause angekommen verstaute ich die Taschenlampe im Werkzeugkasten, stellte das Fahrrad in den Schuppen und packte Hose, Parka und Mütze in die Truhe zurück. Jetzt mußte ich ein geeignetes Versteck für die Akten finden. Ich steckte sie in eine Plastiktüte und schaute bei Wilbert und den Kaninchen herein. Zwischen der Rückwand der Kaninchenställe und der Stallmauer war ein Spalt von fünf Zentimetern frei, der ideale Aufbewahrungsort für die Unterlagen. Nach vollbrachter Arbeit schaute ich den Tieren beim Schlafen zu und entschied mich dann, es ihnen gleichzutun. XXIV Nach einer viel zu kurzen Nacht erwachte ich am Mittwoch mit dem Gefühl, daß ich heute der Lösung des Falles einen entscheidenden Schritt näherkommen würde. Dabei war mir unklar, woher ich diese Zuversicht nahm. Die Konzentration der Ermittlungen auf die Teufelsjünger war im Grunde nur eine weiterer Schuß ins Blaue. Bei genauerer Betrachtung war auch die Rolle Stegemanns in meiner Strategie ein nicht zu unterschätzender Unsicherheitsfaktor. Er brachte zwar den notwendigen Eifer mit, aber ob er über genügend Intelligenz und Abgebrühtheit verfügte, seine wahren Absichten gegenüber den Satansbrüdern zu verbergen, stand auf einem anderen Blatt. Nach reiflicher Überlegung kam ich zu dem Schluß, daß ich das Risiko eingehen mußte. Nachdem ich aufgestanden war und ausgiebig geduscht hatte, sah ich mich vor die Alternative gestellt, entweder zuerst zu frühstücken oder die Polizeiakten zu studieren. Mein Magen gewann. Ich vertilgte die übriggebliebene Mousse au chocolat und schlürfte starken Kaffee. Die nächsten zehn Minuten überlegte ich, ob die winzige Portion Pudding alles gewesen sein sollte, was ein vielgeplagter Privatdetektiv als Frühstück verdiente. Ich hatte gerade die dritte Tasse Kaffee geleert, als ich durch ein lautes Klopfen weiterer Überlegungen enthoben wurde. Kurz darauf schob sich eine bekannte Visage durch die Haustür. Wachtmeister Reichert zupfte an seinem Schnurrbart. »Guten Morgen, Herr Nannen.« »Herr Reichert, was verschafft mir die Ehre Ihres frühmorgendlichen Besuches?« »Um es kurz zu machen: Heute nacht wurde in die Havixbecker Polizeiwache eingebrochen. Zwei Akten wurden entwendet, Barbara Rudolphs und Jens Koflers.« »Was habe ich damit zu schaffen?« »Herr Nannen. Machen Sie mir nichts vor. Zwei Schüler sind in den letzten Tagen getötet worden. Bei unseren Ermittlungen stellen wir fest, daß Sie bei allen Personen, die wir befragen, schon vorher gewesen sind. Ferner erzählte Herr Zollner, daß Sie Privatdetektiv und keineswegs Herr Rudolphs Neffe sind, wie Sie angegeben haben. Daraufhin haben wir uns beim Gewerbeamt erkundigt. Wissen Sie, was die gesagt haben? Ein Privatdetektiv mit dem Namen Nannen ist nicht registriert. Sie besitzen also keine Lizenz. Die werden Sie dank mir auch nicht mehr bekommen. Dann der Einbruch heute nacht. Wer die kriminelle Energie besitzt, seinen Beruf ohne behördliche Genehmigung auszuüben, ist auch zu weiteren Verstößen gegen unsere demokratisch-freiheitliche Staatsordnung fähig. Ich frage gar nicht erst nach Ihrem Alibi. Sie lagen unzweifelhaft im Bett, und niemand hat Sie dabei gesehen.« »Zufällig liegen Sie mit Ihrer letzten Annahme richtig. Allerdings war ich nicht allein. Fragen Sie Ihre Gattin.« Reicherts Gesicht lief zur Farbe eines im Kochtopf siedenden Krebses an. »Damit sind Sie zu weit gegangen, Nannen. Ich hoffe, Sie sind mit einer Hausdurchsuchung einverstanden?« »Natürlich. Zeigen Sie mir die richterliche Anordnung, und Sie können sofort loslegen.« »Die ist unterwegs. Nichtsdestotrotz wäre es zu Ihrem eigenen Besten, wenn Sie mir einen Blick in Ihre Räumlichkeiten gewähren. Ich könnte das als guten Willen auslegen und in der Lizenzgeschichte ein Auge zudrücken.« »Ihr Angebot vermag mich wenig zu locken. Die Polizei soll schon die tollsten Versprechungen gemacht haben...« Ich schwieg bedeutungsvoll. »Ich kann Sie nicht zu Ihrem Glück zwingen. Dennoch hat sich der dringende Tatverdacht erhärtet. Daher muß ich Sie bitten, mir zur Wache zu folgen. Ihre großkotzige Art wird Ihnen noch leid tun.« Auf der Fahrt nach Havixbeck gab er keinen Ton von sich, wogegen ich nichts einzuwenden hatte. Im Polizeirevier führte er mich in sein Büro. »Warten Sie einen Moment.« Reichert verließ das Zimmer. Ich steckte mir eine Camel in den Mund und wartete und wartete. Wie es aussah, wollte er mich mürbe machen. Als ich mit den Büroklammern auf seinem Schreibtisch per Du war, kam er zurück. »War auf der Toilette. Mit leerer Blase redet es sich leichter. Ich möchte Sie bitten, nicht zu rauchen. Nikotin ist ein Nervengift und meine Nerven sind sowieso überreizt.« Er wartete auf eine Antwort. Als die ausblieb, setzte er sich. »Also gut, Nannen. Sie spielen den großen Schweiger. Das wird aber nichts nützen. Ich habe in diesem Jahr eine miese Aufklärungsrate, und die Beförderungen stehen an. Ich habe nicht die geringste Lust, bis zur Pensionierung mit tausendachthundert Mark Nettogehalt auszukommen. Ich weiß, daß Sie bei uns eingebrochen sind. Sie wiederum wissen, daß ich ohne handfeste Beweise keinen Durchsuchungsbefehl für Ihr Dreckloch bekomme.« »Interessante Ausführungen.« »Ihnen wird gleich das Lachen vergehen. Wir sind hier normalerweise zu dritt. Der alte Lübbers hat jedoch einen Krankenschein, und der Chef ist unterwegs. Wenn Sie einen kleinen Unfall haben sollten, gibt es keine Zeugen.« Eine dermaßen unverblümte Drohung hatte ich einem Bullen nicht zugetraut. Ich befand mich in einer Zwickmühle. Würde ich den Diebstahl gestehen, konnte ich für einige Jahre Urlaub auf Staatskosten genießen; schwieg ich, würde ich Bekanntschaft mit Reicherts Fäusten machen. Erfreuliche Aussichten. »Soweit ich mich erinnere, habe ich das Recht, die Aussage zu verweigern. Davon mache ich mit aller Nachdrücklichkeit Gebrauch. Ferner will ich unverzüglich meinen Anwalt sprechen.« Reichert erhob sich und stampfte auf mich zu. »Spreche ich Albanisch? Welche Rechte ein Schnüffler wie Du hast, entscheide ich. Ich sagte unmißverständlich, daß ich ein Geständnis will. Das unterschreibst Du. Es war keine Rede davon, das Maul aufzureißen.« Reichert baute sich vor mir auf, die Hände in die Hüften gestemmt. Sein Atem stank nach Knoblauch. »Einen Moment, Herr Reichert. Wir wollen jetzt nicht in primitive Barbarismen verfallen.« »Rede deutsch, Du verdammtes Arschloch!« Reichert zerrte mich vom Sessel. »Ich glaube, hier liegt ein Irrtum vor. Ich...« Eine Welle unermeßlichen Schmerzes bewegte sich vom Unterleib zum Kopf, kehrte zurück und verteilte sich gleichmäßig auf den gesamten Körper. Reichert hatte mir mitten in die Manneswürde getreten. Unglücklicherweise beließ er es nicht dabei. Rechts und links, links und rechts trafen mich seine Ohrfeigen und Faustschläge. Ich knallte auf den Fußboden, unfähig, die geringste Gegenwehr zu leisten. Ein paar Magentritte gaben mir den Rest. Ich würgte, bis sich die Mousse au chocolat vermischt mit dem gestrigen Abendessen auf den Linoleumboden der Polizeistation ergoß. Das störte Reichert mehr als das aus meiner Nase rinnende Blut. »Sieh Dir die Sauerei an.« Weitere Tritte folgten. «Polizei, Polizei!« krächzte eine Stimme vom Flur her. «Mein Waldi ist verschwunden.« Reichert ließ von mir ab und verließ das Büro. Wenig später kehrte er zurück. »Passen Sie auf, Nannen. Wenn ich recht überlege, ist Ihr Alibi in Ordnung. Sie vergessen unsere Unterhaltung, ich Lizenz Einbruch.« Durch die Unterbrechung war Reichert anscheinend zur Besinnung gekommen. Soweit ich dazu in der Lage war, murmelte ich etwas, das wie "In Ordnung" klang. »Sie können gehen.« »Ich möchte nach Hause gebracht werden, Herr "Ich-Schlage-Unbescholtene-Bürger-Zusammen"« preßte ich zwischen den Zähnen hervor. »Sie können mich am...nun gut, ich bringe Sie zurück.« Reichert schnappte sich den Schlüssel für die Bullenschaukel und gebot mir, ihm zu folgen. Halb ging ich, halb kroch ich aus der Wache. Bei der Rückfahrt gab ich mir keine Mühe, das Blut nicht auf die Polster tropfen zu lassen. Nach zwanzig Stunden erreichten wir das Nannensche Anwesen. Mit letzter Kraftanstrengung gelang es mir, einigermaßen würdevoll auszusteigen und die Beifahrertür zuzuknallen. Der Weg bis zum Schlafzimmer kam mir wie hundert Kilometer vor. Voll angekleidet ließ ich mich ins Bett fallen. Im Augenblick stank mir die Detektivspielerei gewaltig. XXV Nach zwei Stunden wachte ich auf und fühlte mich etwas besser. Ich schlurfte in das Badezimmer und warf einen Blick in den Spiegel. Zum Glück sah ich nicht halb so schlimm aus wie mir zumute war. Die Nase hatte aufgehört zu bluten. Die einzigen sichtbaren Verletzungen waren ein geplatztes Äderchen an der Wange und ein kleiner Riß an der Stirn. Ich wischte das getrocknete Blut aus dem Gesicht und betastete den Rest des Körpers. Gelegentlich mußte ich die Zähne zusammenbeißen, aber gebrochen war nichts. Wahrscheinlich gehörte das spurenfreie Verprügeln von Verdächtigen zum Stundenplan der Polizeiakademien. Mit Pflaster verarztete ich die Wunden. Jetzt konnte die Durchsicht der Akten nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden. Ich holte sie aus dem Versteck, setzte mich in den Sessel und versuchte, die Kopfschmerzen zu vergessen. Barbaras Akte enthüllte auf den ersten Blick keine Neuigkeiten. An die Rekonstruktion des Tathergangs, die sich in nichts von den Zeitungsberichten unterschied, schloß sich das Protokoll einer Befragung Zollners an, das aber auch keine neuen Erkenntnisse lieferte. Auf der letzten Seite des Berichtes fand ich die lakonische Feststellung "Die Ermittlungen dauern an". Das war wesentlich weniger, als ich erwartet hatte. Auch in Koflers Fall konnte die Polizei weder Verdächtige noch ein mögliches Tatmotiv vorweisen. Doch halt! In einem Nebensatz wurde ein Zettel mit der Aufschrift "die Sklaven sollen dienen (Al.II.58)" erwähnt. Ich blätterte weiter und erfuhr, daß man den Papierfetzen neben Koflers Leiche gefunden hatte. Das Zitat wurde als Teil des Thelemitischen Manifests von Aleister Crowley identifiziert. Man könne daraus ein Interesse des Opfers an okkultem Schrifttum ableiten. Ich lehnte mich zurück und ordnete meine Gedanken. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte ich in Koflers Zimmer kein esoterisches Buch gesehen. Auch der Fundort der Notiz stimmte mich nachdenklich. Wie war der Zettel neben die Leiche gelangt? Es gab mehrere Möglichkeiten: Entweder hielt Kofler das Papierstück in der Hand, oder es war in seiner Hosen- beziehungsweise Jackentasche verstaut. Als der Killer mit dem Messer hantierte, fiel der Wisch auf den Boden. Oder der Mörder hatte diese geniale Formulierung neben die Leiche gelegt. Die erste Möglichkeit hielt ich für unwahrscheinlich. Mit der zweiten Erklärung konnte ich mich mehr anfreunden. Wenn man davon ausging, daß der Mörder den Zettel beim Opfer hinterlassen hatte, konnte das zunächst einmal aus Unaufmerksamkeit geschehen sein. Vielleicht hatte es einen Kampf gegeben. Dabei war dem Angreifer der Fetzen aus der Tasche gefallen. Der Mörder war geflohen und hatte seinen Fauxpas nicht bemerkt. Man konnte die Geschichte aber auch anders auffassen. Kofler war Mitglied der obskuren Satanistengruppe. Auf einmal hatte er die Nase voll, Gräber zu schänden und Sechs-Sechs-Sechs auf Häuserwände zu schmieren. Er drohte mit Ausstieg. Sein Guru fürchtete die Aufdeckung der nächtlichen Umtriebe und schickte ihn kurzerhand in die Hölle. Dafür sprach Koflers Tätigkeit als Chefredakteur der Schülerzeitung. Mit einer Story über die Teufelssekte konnte er den großen Knüller landen. Wenn diese These der Wahrheit entsprach, stellte der Zettel eine Warnung an die anderen Satansbrüder dar. Ich beschloß, diesen Gedanken zunächst einmal weiterzuverfolgen. Es konnte nicht schaden, Andreas zu dem Treffen heute abend nachzufahren. Ich begab mich nach Buldern und stellte fest, daß dort noch die Sitte Einzug gehalten hatte, Telefonzellen ihrem ursprünglichen Verwendungszweck zu entfremden und als Objekt blinder Zerstörungswut zu mißbrauchen, denn auch der Apparat gegenüber dem Tante-Emma-Laden war intakt. Ich drehte eine Zigarette, während ich der meditativen Melancholie des Freizeichens lauschte. »Andreas Stegemann.« »Habe ich Dich von der Toilette geholt? Das hat ja ewig gedauert.« »Gut, daß Du anrufst, Dieter. Heute abend ist es soweit. Meinst Du nicht, daß unser Plan sehr gefährlich ist?« » Um in diesem Business etwas zu erreichen, muß man Risiken eingehen. Aber keine Angst. Um Deine optimale Sicherheit zu gewährleisten, werde ich Dir nachfahren. Wo und wann ist das Meeting?« »Genau weiß ich das nicht. Ich habe mit Julius Koppe gesprochen. Kennst Du ihn?« »Mehr als mir lieb ist. Was hat der mit der Sekte zu tun?« »Er hat früher in einer Band satanische Texte gesungen. Das hat man im frommen Buldern nicht gerne gesehen. Pfarrer Wilpert wollte sie aus dem Jugendkeller herauswerfen, und der Tankstellenbesitzer drohte Julius mit der Kündigung. Da hat er sich herausgeredet, er könne kein Englisch und habe die Texte aus Büchern herausgeschrieben. Weil Julius nicht als der Intelligenteste gilt, hat man ihm geglaubt. Jetzt singt er über Asylantendiskriminierung und kehrt den Sozialen heraus. Ich habe ihn gefragt, ob er Leute kennt, die von Gott nichts wissen wollen. Er bot mir daraufhin an, mich heute zu einer kleinen Zeremonie mitzunehmen. Um acht Uhr will er mich abholen.« »Das paßt mir ausgezeichnet. Ich werde Euch nachfahren.« »Mir fällt eine Zentnerlast von der Seele.« »Bis dann.« »Alles klar, Dieter.« Er legte auf, ich legte auf. Dabei bemerkte ich, daß ich vergessen hatte, die Zigarette anzuzünden. Ich zog das Feuerzeug aus der Hosentasche, holte das Versäumte nach und inhalierte genüßlich. Ich trat ins Freie und überlegte, womit ich die Zeit bis zum Abend totschlagen konnte. Eigentlich durfte ich mir nach dem anstrengenden Vormittag ruhig ein oder zwei Bierchen genehmigen. Ich warf einen Blick in das Portemonnaie, um die aktuelle Finanzlage zu begutachten. Ich konnte mich nicht erinnern, die letzten Tage in verschwenderischem Luxus verbracht zu haben. Dennoch tendierte meine Barschaft stark gegen null. Ganze elf Mark siebzig warteten darauf, den Besitzer zu wechseln. Im Geiste überschlug ich alle möglichen Geldquellen. Die Bank hatte heute nachmittag geschlossen. Karin? Wenn ich jemals mehr als nur ihren Rücken streicheln wollte, durfte ich ihre Geduld nicht überstrapazieren. Wilpert? Selbst wenn der Papst von Buldern die Spendierhosen anhätte, würden bei einem Bittgesuch kaum mehr als zehn Mark herausspringen. Eher bediente er selber die Orgel. Blieb Rudolph. Das war im Grunde genommen eine gute Idee. Ich hatte noch keinerlei Bericht über den aktuellen Ermittlungsstand erstattet. Eine Viertelstunde später hatte ich meinen Wagen vor Rudolphs Haus und meinen Hintern auf Rudolphs Fauteuil geparkt. Der Doktor entschuldigte seine Frau, die die Praxis hüten mußte. »Schießen Sie los, Herr Nannen, die Patienten rufen.« Gernot zündete sich eine Zigarette an und bemerkte meinen verdutzten Gesichtsausdruck. »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, daß ich rauche. Seit Barbaras Tod fröne ich wieder dem alten Laster. Die nervliche Belastung in der letzten Zeit war zu groß für mich« seufzte er voller Selbstmitleid. »Ich habe eine vielversprechende Spur, Herr Dr. Rudolph. Zuerst hatte ich Frau Zollner-Knittel im Verdacht, doch für den Mord an Jens Kofler, der zweifellos mit dem an Ihrer Tochter in Zusammenhang steht, hat sie ein wasserdichtes Alibi...« »Was ist denn Ihre vielversprechende Spur?« unterbrach er mich ungeduldig. »Fünf Minuten müssen Sie mir schon geben.« Rudolph blickte auf seine Armbanduhr. »Entschuldigen Sie meine Ungeduld, aber zwanzig Patienten warten darauf, von mir untersucht zu werden. Sie können besser am Wochenende vorbeikommen und ausführlich berichten. Dann habe ich mehr Zeit als im Moment. Brauchen Sie Geld? Sie hatten bestimmt Auslagen.« Zum Glück kam er von selbst auf diesen Punkt zu sprechen. Das ersparte mir die Entwicklung einer ausgeklügelten Anpumpstrategie. »In der Tat bin ich im Augenblick nicht so ganz flüssig. Man muß die Zeugen häufig mit einer kleinen Spende zum Sprechen bringen.« Rudolph zückte seine Brieftasche und drückte mir fünf reichlich zerknitterte Scheine in die Hand. »Hier haben Sie fünfhundert Mark. Das müßte für die nächsten Tage reichen. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.« Wir verließen das Wohnzimmer; er begab sich zur Praxis, ich zum Wagen. Jetzt hatte ich mein Bier redlich verdient. Ich sprang in die nächstbeste Kneipe, obwohl der Name "Zum Goldenen Ochsen" nicht gerade den Himmel auf Erden verhieß. Die drei Bierchen schmeckten trotzdem fantastisch. Ich wollte gerade Bier Nummer vier ordern, als ich zufällig einen Blick auf die Armbanduhr warf. Ich knallte zwei Fünfer auf die Theke und hastete zum Auto. Den Weg nach Havixbeck legte ich unter Übertretung sämtlicher Vorschriften der Straßenverkehrsordnung zurück. Im Zielgebiet angekommen parkte ich den Golf zwei Häuser von Stegemanns Bungalow entfernt. Ich mußte nur eine Zigarettenlänge warten, bis sich Koppes Polo die Straße entlangschob. Julius stieg aus und steuerte auf Stegemanns Haustür zu. Bevor er klingeln konnte, öffnete sich diese, und Andreas trat heraus. Er war vom Scheitel bis zur Sohle schwarz gekleidet. In der Dämmerung war nur sein kreidebleiches Gesicht deutlich erkennbar. Entweder verursachte panische Angst seine ungesunde Gesichtsfarbe, oder er hatte sich dem Anlaß entsprechend geschminkt. Wahrscheinlich traf beides zu. Beide stiegen in den Polo, und meine erste Verfolgungsjagd nahm ihren Anfang. Zum Glück waren die Straßen so gut wie leer, sonst hätte ich den schlecht beleuchteten Wagen aus den Augen verloren. Bald darauf hatten wir Havixbeck hinter uns gelassen und fuhren auf eine Landstraße in Richtung Münster. Der Tag war wohl zu anstrengend für mich gewesen, denn auf einmal war Koppes Auto von der Straße verschwunden. Wahrscheinlich war ich halb eingedöst, während Julius abgebogen war. Ich wendete und suchte nach potentiellen Abbiegemöglichkeiten. Bald wurde ich fündig. Nicht weit von dem Wendepunkt entfernt ging ein Feldweg von der Landstraße ab, der entweder zu Hänsel und Gretels Hexenhaus oder zu konspirativen Satanistentagungen führen mußte. Oft befahren wurde diese Straße nicht; Holundersträucher wuchsen von beiden Seiten auf die Straßenmitte zu. Auch die Streuung von Schlaglöchern befand sich erheblich über dem bundesdeutschen Durchschnitt, wie die ständigen Auf- und Abbewegungen meines Gesäßes bewiesen. Mit einem Mal verbreiterte sich der Weg. Von weitem sah ich eine Lichtung, auf der eine große Scheune stand. Einige Wagen parkten davor, darunter auch der Polo. Ich fuhr rückwärts in einen schmalen Waldweg, der einerseits nicht von der Scheune eingesehen werden konnte, andererseits eine schnelle Flucht ermöglichte. Danach schlich ich zum Gebäude. An der Scheune angekommen lehnte ich den Kopf an das Tor und lauschte. Nichts zu hören. Als ich in Erwägung zog, die Tür leise zu öffnen, ließ ein ohrenbetäubender Lärm die Erde beben. "We fought in the name of Satan!" Venom war das nicht. Wahrscheinlich handelte es sich bei dem Song um eine Eigenproduktion von Julius. Plötzlich rüttelte jemand an der Innenseite der Scheunentür. Ich nahm die Beine in die Hand und versteckte mich hinter einem Auto. Eine schwarze Kutte trat ins Freie. Nachdem die Person ihre Kippe auf dem Boden ausgetreten hatte, blieb sie vor der Tür stehen. Wie es aussah, waren die Lauschversuche für den heutigen Abend beendet. Auf dem Rückweg nahm ich mir vor, diese geglückte Aktion schnell aus dem Gedächtnis zu streichen. XXVI Am nächsten Tag erwachte ich bereits um acht Uhr. Ich hatte den Wecker am Vorabend nicht eingeschaltet, da ich auf dem Lande noch jeden Morgen um spätestens neun Uhr aufgewacht war. Bis vor genau neun Tagen - meiner Ankunft in Buldern - hatte ich immer bis zum Mittag schlafen können. Heute war das frühe Erwachen doppelt unangenehm, denn mein Kopf war vollkommen leer. Die gestrige Verfolgung hätte ich mir sparen können, denn herausgefunden hatte ich rein gar nichts. Gut, ich wußte jetzt, daß diese Satanssekte wirklich existierte, aber außer einer Scheunenwand und einer schwarzen Kutte hatte ich nichts gesehen. Jetzt weiter über die Morde nachzudenken, war zwecklos, denn ich war zu keinem vernünftigen Gedanken fähig. Vielleicht würde etwas körperliche Anstrengung den Geist beflügeln. Ich zog Arbeitsklamotten über, schlüpfte in Gummistiefel, krallte mir Schubkarre und Mistgabel und schuftete im Stall, um Wilbert ein sauberes Zuhause zu bereiten. Man müßte ein Schwein sein, was bei den enormen Fortschritten in der Gentechnik eine Leichtigkeit wäre. Das einzige Problem dieser Tiere war die Suche nach Eßbarem. Schlafen, fressen und sonst nichts, das wäre ein Leben. Keine toten Schüler, keine Sorge um Moneten, keine Tritte von beförderungsgeilen grünen Affen. Nachdem ich meinen schweißverklebten Körper mit Hilfe einer kalten Dusche wieder in den wundervoll duftenden Body eines gutaussehenden Schnüfflers verwandelt hatte, war ich für weitere Taten gerüstet. Ich düste nach Havixbeck, frühstückte in einer Pommesbude Frikadelle, Kartoffelsalat und Bier und tankte den Wagen voll. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, fuhr ich zum Martin-Heidegger-Gymnasium. Ich stellte meinen Golf auf dem Lehrerparkplatz ab. "Reserviert für Dr. Grimme" war auf einem Schild zu lesen. Wenn er bis jetzt nicht aufgetaucht war, würde er nicht mehr erscheinen. Um auf den Pausenhof zu gelangen, mußte ich das Schulgebäude durchqueren. Es handelte sich um einen neumodischen Betonklotz mit zwei Stockwerken. Klassenzimmer reihte sich an Klassenzimmer. Die Flure rochen nach Bohnerwachs und dem Angstschweiß von gepeinigten Eleven. Auf dem Schulhof hielten sich nur einige Spatzen auf, die Pausenbrotreste vertilgten. Eine schrille Klingel ertönte. Innerhalb kürzester Zeit bevölkerten Heerscharen von Akademikern in spe das Gelände. Sätze wie "die Susanne hat nur die Eins bekommen, weil sie die Bluse so weit aufgeknöpft hat" oder "warum mußte er gerade mich erwischen, der Rolf hat viel mehr abgeschrieben" drangen an meine Ohren. Während ich angestrengt nach Andreas Ausschau hielt, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um und erblickte ein blondes Mädchen mit einer nicht zu verachtenden Figur. Wenn ich Lehrer wäre, und sie würde in der ersten Reihe sitzen und sich genauso verhalten wie die eben von dem Schüler beschriebene Susanne, würde ich auch nur Einser in ihr Notenheft schreiben. »Sind Sie der neue Englischlehrer?« »Ja. Nächsten Monat fange ich an und will mir vorab einen Überblick verschaffen.« »Bei Ihren Unterrichtsstunden werde ich nie fehlen. Geben Sie private Nachhilfe, wenn einer Ihrer Schüler Probleme mit der englischen Sprache hat?« »Kommt auf den Schüler an.« »Und in meinem Fall?« Ich musterte sie von oben bis unten in eindeutiger Art und Weise. Sie war es gewohnt. »Das ließe sich einrichten, aber ich gebe Nachhilfeunterricht prinzipiell nur ab zehn Uhr abends.« »Genau meine Zeit. Ich heiße Eva Öhlens.« »Eva, ich suche einen gewissen Andreas Stegemann. Weißt Du, wo er sich aufhält?« »Na klar, in der Raucherecke.« Sie deutete mit dem Zeigefinger auf eine Gruppe von Leuten, die in Rauchschwaden eingehüllt waren. Ich ließ sie stehen und kämpfte mich durch die Nebelwand zu Stegemann. »Guten Tag, Herr Stegemann. Zeit für ein kurzes Gespräch?« Andreas schaute mich verdutzt an. Ich zog ihn aus der Lungenkrebskolonie. »Hier kann ich schlecht reden, Dieter.« »Wann treffen wir uns?« »Kannst Du heute nachmittag um vier Uhr?« »Klar. Wir nehmen das Café, in dem wir am Samstag waren.« »Einverstanden.« Sofort war er wieder im Dunstschleier verschwunden. Ich steckte mir ebenfalls eine Zigarette an und machte mich davon. Im Gebäude wurde ich vom Hausmeister darauf hingewiesen, daß dort das Rauchen verboten wäre. Ich warf die Zigarette auf den Boden, zermalmte sie mit dem Absatz und verließ die Stätte des Wissens. Zuhause haute ich mich aufs Ohr. Wenn ich schon morgens nicht schlafen konnte, klappte es vielleicht um diese Zeit. Es funktionierte nicht. Ich wälzte mich zwei Stunden im Bett herum. Um drei Uhr verließ ich die zerwühlte Schlafstätte, brühte einen Kaffee auf, in dem der Löffel stecken blieb. Dabei ging ich noch einmal die Protokolle der Polizei durch, entdeckte aber nichts Neues. Endlich hatte sich der Minutenzeiger auf der Uhr so weit vorgearbeitet, daß ich aufbrechen konnte. Als ich das Café in Havixbeck betrat, saß Andreas bereits an einem Tisch. Wir waren die einzigen Gäste. Stegemann hatte ein Mineralwasser vor sich stehen, ich orderte einen Espresso. »Was ist mit Deinem Gesicht passiert, Dieter?« »Nicht der Rede wert. Mich hat eine Kuh getreten, als ich Milch abzapfen wollte. Kommen wir zur Sache. Was hat sich gestern abend ereignet? Das ist zwar Dein Teil der Story, aber ich muß mich mit Dir abstimmen, um doppelte Recherchen zu vermeiden.« »Ich habe noch keine Zeit gefunden, an der Reportage zu arbeiten.« »Nicht tragisch. Erzähle einfach, was gestern vorgefallen ist.« »Julius Koppe hat mich abgeholt, und wir sind zu einer Scheune gefahren. Ich habe gar nicht bemerkt, daß Du hinter uns warst.« »So muß es auch sein. Was geschah danach?« »Wir gingen in die Scheune. In einem Vorraum mußte ich mich bis auf die Unterhose ausziehen und eine schwarze Kutte, so ähnlich wie Mönche sie tragen, umhängen. Dann betraten wir die eigentliche Halle. Das war vielleicht unheimlich, kann ich Dir sagen. Die Wände waren pechschwarz, der Boden auch, eigentlich war alles schwarz. Die einzige Lichtquelle bildeten etwa dreißig Kerzen. Die Mitglieder, die wie ich eine Kutte trugen, saßen im Kreis und schauten mich an. Keiner grüßte mich, obwohl ich die meisten aus der Schule kenne. Ich bekam ebenfalls keinen Ton heraus, so gefürchtet habe ich mich.« »Kannst Du Namen nennen?« »Na klar. Julius Koppe natürlich, dann Frank Dohlen, Markus Relinghaus, Torsten Heinze, Jochen Thomzik und Bernhard Rüter. Außerdem waren drei Mädchen und ein Junge dabei, die ich nicht kannte.« Ich notierte die Namen auf einer Speisekarte. »Sonst keiner?« »Es waren elf Personen außer mir. Na klar, den Boss habe ich vergessen, aber er hatte eine Kapuze über dem Kopf. An der Stimme habe ich ihn auch nicht erkennen können, denn er hat ganz dumpf gesprochen. Er saß auf einer Art Thron, die anderen hockten auf dem Boden. Der Chef befahl mir, ebenfalls Platz zu nehmen, was ich ohne Widerrede tat. Plötzlich senkten alle den Kopf. Dann ertönte die gräßlichste Musik, die ich je gehört hatte. Die war nicht nur schlecht, sondern auch ultralaut.« »Das hat man bis draußen gehört. Black Metal.« »Nach dem Lied herrschte wieder völlige Stille. Die anderen hielten immer noch ihre Köpfe gesenkt. Der Chef deutete mit dem Finger auf mich und fragte, wer ich sei und was ich wolle. Ich nannte meinen Namen und sagte, daß ich Mitglied werden wolle. Er fragte mich, ob ich überzeugter Satanist sei und an die Schriften von eines gewissen Crowley glaube. Kennst Du den?« »Aleister Crowley. Das große Vorbild aller Teufelsbeschwörer. Die Meinungen über ihn sind verschieden. Viele sehen in ihm nur einen heroinsüchtigen Schwarzmagier, einen Sadisten, einen sexuell Degenerierten schlimmsten Ausmaßes. Andere halten ihn für den bedeutendsten Satanisten des Jahrhunderts. Crowley hat sich auch viel mit Tantrismus beschäftigt, der Kunst, sexuelle Ekstase in mystische Bewußtseinserweiterung zu verwandeln.« »Ach so. Ich habe noch nie von ihm gehört, geschweige denn gelesen. Dem Chef habe ich natürlich gesagt, daß ich an Crowley glaube. Darauf antwortete er, daß die Gruppe keine halbherzigen Mitglieder brauche. Entweder man sei eine tiefschwarze Seele oder man habe dort nichts verloren. Lügen oder Verrat würden nicht geduldet und schwer bestraft. Mein Gott, hatte ich eine Angst.« »Was geschah weiter?« unterbrach ich ihn, bevor er zu heulen anfing. »Erst einmal nichts. Alle saßen mit gesenkten Köpfen da und sprachen kein Wort. Dann klatschte der Boss dreimal in die Hände, und alle gingen nacheinander zu ihm. Sie knieten vor ihm nieder, küßten seine Hand, gaben ihm fünfzig Mark und erhielten dafür einen Joint. Als jeder sein Quantum erhalten hatte, winkte er mich zu sich herüber. Mir drückte er einen Zettel in die Hand und teilte mir mit, daß Freitag nacht die Aufnahmezeremonie stattfinde. Dazu müßte ich diesen Text auswendig lernen.« Andreas zog ein maschinenbeschriebenes Blatt Papier aus der Tasche und reichte es mir. Ich las es durch, das typische Sechs-Sechs-Sechs-Gesülze: Ich glaube an Satan, ich hasse Gott und alle Christen und so weiter. Ich gab Andreas den Wisch zurück. »Dann befahl er mir zu gehen, da ich erst ab Freitag Teil der Gruppe sein würde und an der jetzt folgenden Beschwörung nicht teilnehmen dürfe. War mir ganz recht. Ich verließ den Raum, zog mich um und machte mich auf den Heimweg. Ich konnte den ganzen Weg zurücklaufen, da Julius dort blieb. Dich oder Deinen Wagen habe ich auch nicht gesehen. Du hast Dich gut versteckt.« »Gelernt ist gelernt. Du bist also direkt nach Hause gegangen?« »Na klar. Für den Abend hat es mir gereicht!« »Hervorragende Arbeit«, schmierte ich Honig um seinen Mund. »Wann beginnt die Zeremonie?« »Um Mitternacht.« »Viel Glück.« »Danke, das kann ich gebrauchen. Jetzt muß ich aber los, ich rufe am Samstag an.« Stegemann stand auf und suchte in seiner Hosentasche nach Geld. Ich bedeutete ihm, daß ich sein Getränk bezahlen würde. Er bedankte sich, bildete mit den Fingern ein V und verließ das Lokal. Ich blieb sitzen und bestellte einen weiteren Espresso; der erste hatte mich auf den Geschmack gebracht. Nachdem ich eine Zigarette gedreht und entzündet hatte, dachte ich über die neuen Informationen nach. Alles deutete auf eine harmlose Vereinigung von gelangweilten Dorfteenies hin, doch irgendetwas störte mich an der Sache. Die Kutten waren normal, ebenso die Black-Metal-Musik und das Auswendiglernen von Crowley-Texten. Der Führer der Gruppe weckte meine Neugierde. Ich schüttelte die letzte Zigarette aus der Schachtel und grübelte weiter, ohne Erfolg. Ich hoffte nicht, daß ich in Zukunft stets den Schweinestall ausmisten mußte, um meine Gehirntätigkeit anzuregen. Als ich das Portemonnaie nach Kleingeld für den Zigarettenautomaten durchsuchte, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Was mich die ganze Zeit gestört hatte, waren die fünfzig Mark, die jedes Mitglied dem Kapuzenmann gegeben hatte. Wenn man davon ausging, daß sich die Satansjünger etwa sieben bis achtmal im Monat trafen und dabei Joints rauchten, käme für den Chef eine ganze Stange Geld zusammen, pro Treffen fünfhundert Schleifen. Ich schätzte, daß jeder Joint höchstens ein halbes Gramm Hasch enthielt. Ein Gramm kostete normalerweise zehn, bei guten Konditionen acht Mark. Somit würde er bei jedem Treffen mindestens vierhundert Piepen Reingewinn erzielen, monatlich um die dreitausend Steine. Kein schlechtes Geschäft für sieben Abende. Vielleicht waren Barbara und Jens hinter die wahren Absichten des Meisters gekommen. Er fürchtete das Versiegen seiner profitablen Geldquelle und beförderte sie ins Jenseits. Wenn meine Annahmen nur annähernd der Realität entsprachen, war der Sektenherrscher zum einen ein gerissener Hund, zum anderen gefährlich. Meine Theorie stand zwar auf wackligen Füßen, aber schaden konnte es sich nicht, diese Spur zu verfolgen. Ich kippte den letzten Schluck Espresso herunter und beschloß, heute nacht die Scheune unter die Lupe zu nehmen. Wenn ich es geschafft hatte, in eine Polizeiwache einzubrechen, war eine leerstehende Scheune ein Kinderspiel. Ich zahlte und jettete nach Hause. XXVII Nachdem ich das Getier versorgt hatte, tauschte ich meine Schnüfflerkluft gegen Sportklamotten und joggte eine halbe Stunde. Ich wunderte mich über meine Kondition, denn bei meiner Qualmerei hatte ich mir keine zehn Minuten gegeben. Ausgepumpt und schweißverklebt machte ich fünfzig Liegestütze auf der Wiese hinter dem Haus und zwanzig Klimmzüge an der Teppichstange. Dann vertrieb ich den Schweiß mit einer Dusche. Jetzt konnte ich ruhigen Gewissens die Flasche Bier köpfen, die ich vor dem Wald- und Wiesenlauf in kaltes Wasser gelegt hatte. Nachdem der Gerstensaft innerhalb von zwanzig Sekunden im Innern meines Körpers verschwunden war, schlüpfte ich in das einladend aussehende Bett und stellte den Wecker auf Mitternacht. Ich war von mehreren hundert Leuten umringt, die mir zujubelten, und wollte gerade dem vermummten Satanistenkönig die Kapuze vom Kopf reißen, als der Wecker läutete. Nachdem mir klargeworden war, daß ich im Bett lag und nicht inmitten einer tobenden Menge stand, sprang ich aus den Federn. Ich traf die gleichen Vorbereitungen wie beim letzten Einbruch. Den Waldweg meisterte ich erneut ohne Achsenbruch, versteckte den Wagen an der gleichen Stelle und schlich zur Scheune. Sie präsentierte sich so, wie ich es erwartet hatte: Dunkel und verlassen. Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß mich diesmal kein Penner überraschen konnte, knackte ich das Schloß in gewohnt souveräner Manier. Die Scheune hatte im Gegensatz zur Bullenwache den Vorteil, daß sie keine Fenster hatte. So konnte ich das Innere des Gebäudes ungeniert mit der Taschenlampe erkunden. Der Vorraum bot nichts Aufsehenerregendes. Die Kutten waren sorgfältig auf Kleiderbügel gehängt. Ich durchforstete die Taschen. Sie waren alle leer. Mir gegenüber lag die Tür, die in den Hauptraum führen mußte. Beim Öffnen knarrte sie leicht. Als ich in die heilige Stätte der Teufelsbeschwörer eindrang, schlug mir der Geruch von abgebrannten Kerzen und Marihuana entgegen. Der etwa hundert Quadratmeter große Raum entsprach Stegemanns Beschreibung. Die Wände waren schwarz gestrichen und der Boden von billigen Teppichstücken bedeckt. Die einzigen Einrichtungsgegenstände waren die Kerzen und ein Stuhl, über den eine rote Decke disponiert war. Der Thron des Meisters. Ich leuchtete nach oben. Über diesem Zimmer mußte sich ein weiterer Raum befinden, denn die Decke war eben, wohingegen die Scheune ein Giebeldach hatte. Ich ließ den Strahl der Taschenlampe über die gesamte Fläche streifen, konnte aber keine Luke entdecken. Ich verließ das Innere und ging um die Scheune herum. Auf der Rückseite des Gebäudes wurde ich fündig; sogar eine Leiter lehnte an der Wand. Ich erklomm die Sprossen, öffnete eine kleine Tür und kroch vorsichtig in die Dachkammer. Einige Ratten und Mäuse huschten davon, als ich hineinleuchtete. Außer Kondomen und Bierdosen war nichts zu sehen. Hätte ich Pech gehabt, wäre ich auf ein Liebespaar gestoßen. Diejenigen, die sich dieses Loch zum Bumsen aussuchten, mußten es wirklich nötig haben, denn der Raum stank vor Schmutz, und das Stroh war über hundert Jahre alt. Außerdem war ein erotisches Hocherlebnis kaum möglich, wenn zwischendurch die Ratten quiekten. Aber das sollte mir egal sein, denn das romantische Liebesnest bot mir die Chance, das morgige Treffen zu belauschen. Ich kehrte zu Mutter Erde zurück, verschloß das Scheunentor und fuhr heim. Den nächsten Tag nutzte ich zum Faulenzen und Einkaufen. Ich schnappte mir einen alten Liegestuhl und döste den Vormittag über im Garten. Am Nachmittag besorgte ich Eßbares für mich und Wilbert. Außerdem fuhr ich zum Waschsalon, denn ich besaß kaum noch saubere Anziehsachen. Gegen Abend überlegte ich, ob ich bei Karin vorbeischauen sollte, entschied mich aber dagegen. Heute nacht brauchte ich meine volle Konzentration, und wer wußte schon, was bei Schuhmann passieren konnte. Stattdessen kramte ich im Bücherschrank von Onkel Hugo, in dem gerade einmal zwanzig Schmöker standen. Er hatte sogar Krimis von Agatha Christie, aber das wollte ich mir nicht antun. "Wer ist jetzt der Mörder, Miss Marple?" - "Charles McIntre natürlich!" Entsetzen lähmte die Runde, jeder hatte mit John Fitzgerald gerechnet. "Wer soll das denn sein?" - "Der tauchte nur am Anfang des Buches auf und kaufte Blumen." - "Und daher wußten Sie, Miss Marple, daß er der Mörder ist?" - "Na klar, sonst hätte er Nelken und keine Tulpen gewählt." - "Ja sicher, warum bin ich nicht selbst darauf gekommen." Diese Art von Kriminalromanen haßte ich wie die Pest. Ich hielt mich lieber an Chandler oder Estleman. Schließlich wählte ich den Steppenwolf von Hermann Hesse, das einzige lesbare Buch in Hugos Sammlung, und ließ mich vor dem kalten Kamin nieder, und nahm mir vor, nach der Aufklärung des Falles als erstes eine Buchhandlung aufzusuchen. Um sieben Uhr stand ich auf und machte mich reisefertig. Das Treffen sollte zwar erst um Mitternacht stattfinden, aber man konnte nicht wissen, wann der erste Satansbruder eintreffen würde. An der Scheune begegnete ich weder einem Kuttenträger, noch flogen Hexen auf Besen durch die Lüfte. Ich erklomm die Leiter, erschreckte zum zweiten Mal innerhalb vierundzwanzig Stunden die Ratten und machte es mir bequem. Dann passierte lange Zeit nichts. Ich war halb eingedöst, als mich Motorengeräusche hochschrecken ließen. Die Brut traf ein. Ich legte mich auf eine spermafreie Stelle und vernahm Stimmengewirr und Gelächter. Einige schienen betrunken zu sein. Kurze Zeit darauf konnte ich durch die Balkenritzen erkennen, daß die Kerzen angesteckt wurden. Jetzt bekam ich auch Satzfetzen mit: "Ist Stegemann noch nicht da?" - "Der Blödmann. Ich weiß gar nicht, was der hier will. Ich glaube, der rennt noch jeden Sonntag in die Kirche." - "Der Chef wird schon wissen, was richtig ist, oder meinst Du nicht?" - "Ja sicher, aber den doofen Stegemann hätte er nun wirklich nicht..." - "Psst, da kommt der Scheißer." Ich schaute auf die Uhr, es war kurz nach halb zwölf. Jetzt war alles ruhig. Nur ab und zu hörte ich ein Husten und Räuspern. Sie mußten gehörigen Respekt vor ihrem Herrscher haben. Der große Nachteil meines Stützpunktes war, daß ich zwar alles hören, aber fast nichts sehen konnte. Ich konnte nur hoffen, daß das momentan vorherrschende Schweigen nicht bis zum Ende des Treffens beibehalten wurde. Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gesponnen, hörte ich eine laute Stimme "Hail Satan!" rufen, und alle Anwesenden antworteten mit den gleichen Worten. Der Boss war eingetroffen. Kurz darauf ließ laute Musik das Gebäude erzittern. Jetzt erkannte ich den Song, ein Stück von der ersten Bathory-Platte. Dann stoppte die Musik, und der Chef kündigte an, daß die Einweihungszeremonie begänne. Er befahl Andreas, sich vollständig auszuziehen und den Crowley-Text herunterzubeten. Es dauerte eine ganze Weile, bis Stegemann das Auswendiggelernte herunterleierte. Daraus schloß ich, daß er sich wohl zuerst geniert hatte, die Hüllen fallen zu lassen. Den Text rezitierte er ohne Probleme, wenn auch mit zittriger Stimme. Dann hörte ich, wie der Boss nach einem Messer fragte. Danach standen Leute auf und setzten sich wieder. "Du heißt fortan nicht mehr Andreas, sondern Hades. Der allmächtige Satan begrüßt seinen neuen Gefolgsmann. Du bist verpflichtet, ihm bis an Dein Lebensende zu dienen und seine Gesetze zu befolgen. Verrat wird mit dem Tode bestraft. Du darfst kein Wort darüber verlieren, daß Du zu seiner Gefolgschaft gehörst, kein Wort, verstehst Du. Auch nicht über die Treffen!" Entweder antwortete Andreas beziehungsweise Hades nicht, oder er sprach so leise, daß ich ihn nicht hören konnte. Zu gern hätte ich gewußt, was die Satanisten mit ihm angestellt hatten. Nachdem der Boss seinen Sermon abgelassen hatte, wurde dreimal in die Hände geklatscht, und wieder standen Leute auf und setzten sich. Jetzt war wohl der Zeitpunkt gekommen, seinen Obolus zu entrichten.. Nach einer Viertelstunde Benebelungszeit wurde erneut die Musik eingeschaltet und erstarb erst um halb zwei. Danach war Aufbruch angesagt, denn Türen wurden auf- und zugeschlagen, und bald darauf schien auch das Kerzenlicht nicht mehr durch die Bretterspalten. Ich hörte die Autos wegfahren, wartete zehn Minuten und verließ den Lauschplatz. Unten war alles verlassen. Der Rückweg gestaltete sich wenig interessant, und ich war froh, endlich im Bett zu liegen. Als ich mit geschlossenen Augen noch etwas nachdachte, stellte ich mit Entsetzen fest, daß sowohl der erste als auch der zweite Besuch der Scheune nichts eingebracht hatten. Mit dieser deprimierenden Erkenntnis schlief ich ein. XXVIII Die zwei nächtlichen Expeditionen hatten das Unmögliche eintreten lassen: Ich schlummerte bis elf Uhr. Nachdem ich in frischgewaschene Sachen geschlüpft war, trat ich ins Freie, um den Tag zu begrüßen. Wenn ich die Wolken am Himmel richtig interpretierte, würde es heute noch regnen. Ich fuhr nach Buldern. Es konnte nicht schaden, eine Mahlzeit zu mir zu nehmen, denn fett geworden war ich hier wirklich nicht. Ganz im Gegenteil: Wenn die Waage im Badezimmer in Ordnung war, hatte ich drei Kilo abgenommen. In der Frittenbude des Ortes genehmigte ich mir ein Jägerschnitzel mit Pommes Frites und Krautsalat. Dann fuhr ich zu dem kleinen Park nahe der Kirche und schaute den Spatzen und Amseln zu. Der Glockenschlag des Bulderner Domes rief mir ins Gedächtnis, daß ich morgen einen Auftritt im Gottesdienst hatte, auf den ich mich ungemein freute. Nach einer Zeit der Muße erinnerte ich mich wieder an meine Pflichten. Ich besuchte eine Telefonzelle und rief bei Stegemann an. Er war sofort am Apparat. »Ich mache nicht mehr mit, Dieter!« Auf meine Frage nach dem Grund antwortete er, daß die gestrige Aufnahmezeremonie das Schlimmste gewesen sei, was ihm bisher widerfahren war. Zuerst mußte er sich nackt ausziehen, dann den blöden Text aufsagen, und zum Schluß fügte ihm jedes Mitglied mit dem Messer eine Wunde zu. Das war es also gewesen, was ich nicht mitbekommen hatte. »Ich habe Schmerzen, Dieter. An allen Körperteilen haben die mit dem Messer rumgewerkelt.« »Du verzichtest auf die Chance, in einer überregionalen Zeitung Artikel zu veröffentlichen?« »Das ist mir egal. Ich gehe da nicht mehr hin.« Dieser kleine Hosenscheißer. Wahrscheinlich hatte er sich schon bei Mama ausgeweint. Ich glaubte kaum, daß die Satansjünger ihm ernsthafte Verletzungen zugefügt hatten. Aber es half alles nichts, ich hatte meinen Spitzel verloren. Mit dem Befahl niemandem von unserer Verbindung zu erzählen, hängte ich ein. Jetzt war guter Rat teuer. Andreas war mein einziger Trumpf gewesen, wenn auch ein schlechter. Das einzige, was Stegemann mir vermacht hatte, waren die Namen einiger Mitglieder. Um zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen, mußte ich mir die Leute vorknöpfen. Ich trug das gleiche Sakko wie beim Gespräch mit Andreas im Café, ergo steckte die Speisekarte in der Innentasche. Mit Hilfe des Havixbecker Telefonbuches versuchte ich, die Rufnummern und Adressen der Personen herauszufinden. Frank Dohlen, Markus Relinghaus und Jochen Thomzik stellten kein Problem dar; es gab nur jeweils eine Familie mit diesem Nachnamen. Unter "Heinze" waren vier, unter "Rüter" sieben Familien verzeichnet. Koppe ließ ich außen vor, da er meine Stimme erkennen würde. Nachdem ich alle Angaben auf der Speisekarte notiert hatte, kramte ich Kleingeld aus dem Portemonnaie und bereicherte die Deutsche Bundespost. »Johannes Dohlen am Apparat.« »Entschuldigen Sie bitte die Störung, Herr Dohlen, hier spricht Dr. Grimme vom Martin-Heidegger-Gymnasium. Könnte ich Ihren Sohn Frank sprechen?« »Einen Moment bitte, er mäht den Rasen.« Nach wenigen Sekunden vernahm ich, wie der Hörer wieder aufgehoben wurde. Frank schien gehörigen Respekt vor Lehrern zu haben. »Frank Dohlen hier, Herr Direktor.« »Halt das Maul, Du Wichser, und paß gut auf! Wenn Du nicht als Satanist in der Zeitung geoutet werden willst, wird das teuer. Ich rufe wieder an!« Ich hängte ein. Das gleiche Spiel wiederholte ich bei Jochen Thom-zik und Markus Relinghaus. Auf die Suche nach dem richtigen Heinze und Rüter machte ich mich nicht, zum einen, weil die anderen drei sowieso allen Bescheid geben würden, zum anderen, weil ich keine Münzen mehr hatte. Als ich aus der Telefonzelle heraustrat, war ich überzeugt, das Richtige getan zu haben. Mit diesen Anrufen hatte ich die Satansbrüder aufgescheucht. Ich fuhr nach Hause. Dann kam der große Regen. Ich saß über einer Tasse Instantkaffee und übertrug die Namen und Adressen fein säuberlich von der Speisekarte in das Notizbuch. Anschließend ging ich alle bisherigen Eintragungen, die Zeitungsausschnitte und auch die Polizeiprotokolle noch einmal durch. Das Resultat war ernüchternd. Ich konnte nur beten, daß der Mörder tatsächlich in der Teufelstruppe zu finden war, denn sonst sah es finster aus. Um halb neun hörte der Regen auf. Ich schnappte mir den Drahtesel und radelte zum Schuhmannschen Biohof. Vielleicht hatte die Lottogesellschaft angerufen, um mitzuteilen, daß ich drei Millionen Mark gewonnen hatte. Das war unwahrscheinlich, da ich kein Lotto spielte. Vielleicht hatte Gurkennase angerufen, um zu berichten, daß er die Schulden zurückzahlen würde. Das war genauso unwahrscheinlich, da auch er kein Lotto spielte. Vielleicht hatte Rudolph angerufen, um mir vorzuschlagen, den Tagessatz auf zehntausend Mark zu erhöhen. Er spielte bestimmt Lotto. Karin war nicht zu Hause. Also kein Geld und keine Frau. Auf der Rückfahrt überlegte ich, ob ich nicht in ein Kloster wechseln sollte. Dort gab es warmes Wasser, Strom, Mahlzeiten und auch keine Frauen. Außerdem hätte ich sofort ein Aufgabengebiet als Dämonenjäger. Bei den elf Personen der Havixbecker Satansenklave konnte ich meine Fähigkeiten als Exorzist unter Beweis stellen. Zuhause stellte ich die vier letzten vollen Bierflaschen auf den Küchentisch und füllte sie nacheinander mit frischer Landluft. Dann bettete ich mich zur Nachtruhe. Das Bier sorgte dafür, daß ich schnell einschlief. XXIX Mitten in der Nacht wurde ich durch ein Geräusch aufgeweckt. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und lauschte angestrengt. Völlige Stille. Doch da ich jetzt sowieso wach war, konnte ich auch aufstehen und nachsehen. Ich kleidete mich leise an und schlich Richtung Küche. Draußen hörte ich den Wind pfeifen. Wahrscheinlich war dies der Grund für die Geräusche, vielleicht ein klappernder Fensterladen. Ich verfluchte, daß ich mangels Strom kein Licht anmachen konnte, angelte mir eine Kerze und entzündete sie. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und zwei vermummte Gestalten stürzten auf mich zu. Eine der beiden hatte ein Messer in der Hand. »Du wirst sterben, Elender. Satan nimmt Rache!« Ich schritt rückwärts auf den Kamin zu. Blitzartig hechtete der Bewaffnete auf mich zu und stieß das Messer mit einer weit ausholenden Bewegung in meine Richtung. Instinktiv sprang ich zur Seite. Ein jäher Schmerz durchzuckte meine linke Schulter und ließ mich aufschreien. Es war unmöglich, den Arm zu bewegen, er hing nur schlaff am Körper herab. Das Schwein hatte mich voll erwischt. Während der Messerstecher ausholte, um meinen Kopf vom Rumpf zu trennen, ergriff ich den Schürhaken, der am Kamin lehnte. In den Augenwinkeln sah ich, wie sich sein Kumpan von der Seite auf mich zubewegte, aber anscheinend hatte in dem Halbdunkel keiner bemerkt, daß ich jetzt ebenfalls bewaffnet war. Als die Klinge zum zweiten Mal auf mich zusauste, riß ich blitzschnell den Feuerhaken hoch und blockte den Stoß ab. Damit hatte der Angreifer nicht gerechnet. Ich nutzte die Schrecksekunde und hämmerte das Kaminwerkzeug mit voller Wucht auf den Unterarm des Kontrahenten. Das Messer fiel zu Boden, und mein Gegner starrte ungläubig auf seinen zersplitterten Arm. Vor Schmerzen schreiend, versuchte er, das Messer aufzuheben. Aus verständlichen Gründen hatte ich etwas dagegen und trat ihm gegen seine Kehle. Die Wucht des Trittes riß ihn herum und schleuderte ihn einen Meter nach hinten. Da ich nur einen Arm benutzen konnte und den Feuerhaken als effektivere Waffe ansah, ließ ich das Messer auf dem Boden liegen. Niemand bewegte sich. Nach einigen Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, beschloß ich zu handeln, da ich immer mehr Blut verlor. Ich behielt den Wimmernden im Auge und schritt auf den zweiten Kapuzenmann zu, der durch die Geschehnisse anscheinend paralysiert war. Ich ließ die Eisenstange gegen seinen Schädel krachen, allerdings nur mit halber Kraft, denn töten wollte ich ihn nicht. Der Haken mußte ihm die Wange aufgerissen haben, denn der Stoff färbte sich dunkelrot. Als ich ihm den endgültigen Knockout verpassen wollte, sprang mich der andere von hinten an und versuchte, seinen gesunden Arm um meinen Hals zu legen. Dabei stieß er gegen die verletzte Schulter, was noch größere Schmerzwellen durch meinen Körper fahren ließ. Bevor er mich erwürgen konnte, duckte ich mich, ließ den Schürhaken fallen, ergriff das Messer, das zu meinen Füßen lag, drehte mich blitzschnell um und rammte das Metall in seinen Oberschenkel. Sofort ließ er los, schrie wie am Spieß und humpelte Richtung Tür. Der andere war schon vorgekrochen und zog sich an der Türklinke hoch. »Komm Armageddon, wir hauen ab!« schrie er seinem Kumpan zu. Sie stolperten auf den Hof. Ich biß die Zähne zusammen und folgte ihnen. Wenn ich schon getötet werden sollte, dann wollte ich wenigstens wissen von wem. Ich kam zu spät. Ein dritter Vermummter beförderte die wimmernden Verletzten in einen Ford Fiesta und raste mit heulendem Motor davon. Dabei hinterließen seine Reifen tiefe Spuren auf dem regennassen Hof. Ich inspizierte die Schulter und stellte fest, daß ich wie ein Schwein blutete. Der Arm hing wie ein Fremdkörper an der Seite herunter. Ich durfte keine Zeit verlieren. Zum Glück hatte ich die Wagenschlüssel in der Hosentasche. Ich wendete alle Kraft auf, um zum Golf zu gelangen, schloß auf und ließ mich in den Sitz fallen. Kurz davor war, ohnmächtig zu werden, startete ich den Motor, legte den Gang ein und rollte los. Gottseidank war der rechte Arm unversehrt geblieben, ansonsten hätte ich die Bedienungselemente per Telekinese bewegen müssen. Ich ließ meine Hand zwischen Lenkrad und Gangschaltung hin- und herpendeln und raste mit Höchstgeschwindigkeit Richtung Brücken. Hätte ich unterwegs Leute überfahren, es wäre mir nicht aufgefallen. Wie in Trance erreichte ich Rudolphs Praxis. Mit allerletzter Kraft schleppte ich mich zur Haustür und klingelte. Dann brach ich zusammen. XXX Als ich das Bewußtsein wiedererlangte, fand ich mich auf einer mit Folie überzogenen Liege wieder. Die Wände der schmalen Kammer waren weiß gestrichen. Ein Schreibtisch und zwei Stühle bildeten die sonstigen Einrichtungsgegenstände. Plötzlich öffnete sich die Tür. »Er ist wach.« Das hatte ich auch festgestellt. Leider enthielt man sich weiterer Erklärungen. Wenig später betrat ein Mann in einem weißen Kittel das Zimmer. »Sie machen Geschichten, Nannen.« »Helfen Sie mir. Ich weiß im Augenblick nicht, wer Sie sind.« »Das ist nur verständlich, da Sie viel Blut verloren haben. Zum Glück war die Verletzung an Ihrer Schulter nicht allzu schwer. In einer Woche werden Sie wieder Hanteln stemmen können.« Langsam kam die Erinnerung zurück. Nach dem unerwünschten Besuch in der letzten Nacht war ich zu Dr. Rudolph gefahren. Die Kapuzenmänner hatten schnell auf meine Anrufe reagiert, allerdings nicht auf eine für mich angenehme Art und Weise. Es stellte sich nur die Frage, woher sie wußten, daß ich der geheimnisvolle Anrufer war. Ich blickte auf meine Schulter. Sie war bandagiert und schmerzte nicht im Geringsten. Rudolph hatte meinen Blick bemerkt. »Ich habe Ihnen ein schmerzstillendes Medikament verabreicht. Doch ich warne Sie: In ein paar Stunden ist die Wirkung verflogen. Ich wollte Sie nicht unnötig mit Medikamenten vollpumpen. Sie sollten die nächsten Tage im Bett verbringen. Aber erzählen Sie erst einmal, was geschehen ist.« Ich berichtete von dem unerfreulichen Ereignis. »Meinen Sie nicht, daß es Zeit ist, zur Polizei zu gehen? Diese Leute verstehen anscheinend keinen Spaß. Dieser Mordanschlag ist mißlungen, doch das nächste Mal sind sie vielleicht erfolgreicher.« Ich sah meine Kohlen langsam aber sicher den Bach herunterschwimmen. »Ich bin der Situation vollkommen gewachsen, Herr Rudolph, und werde unverzüglich Präventivmaßnahmen einleiten.« »Nun ja, wenn Sie meinen. Schließlich geht es um Ihre Haut. Wenn Sie einverstanden sind, fahre ich Sie jetzt nach Hause. Meine Frau und ich wollen in die Kirche.« Kirche, Kirche, Kirche... . Das weckte Assoziationen in mir. »Können Sie Pfarrer Wilpert ausrichten, daß ich meinen Dienst heute nicht antreten kann? Normalerweise müßte ich gleich Orgel spielen, aber Sie wissen selbst, daß ich das kaum schaffen dürfte.« Er versprach es. Eine Viertelstunde später fuhren wir mit zwei Autos - Gernot und ich im Golf; seine Frau in der Rudolphschen Bonzenschaukel - zu meiner Behausung. Nach wiederholter eindringlicher Ermahnung, mich sofort ins Bett zu begeben, ließen sie mich allein. Nachdem ich das durch die Schlägerei verursachte Chaos als nicht allzu tragisch eingestuft hatte, beschloß ich, alle Sekten dieser Welt Sekten sein zu lassen, und legte mich ins Bett. Um drei Uhr weckten mich meine Schmerzen. Ich durchwühlte Hugos Badezimmerschrank, in dem ich einen Haufen alter Pillenschachteln entdeckte. Hugo mußte ein Hypochonder gewesen sein, der bei jedem Husten gleich Lungenkrebs vermutet hatte, denn die Menge der vorhandenen Schmerzmittel hätte ausgereicht, die Versorgung eines mittelgroßen Krankenhauses für ein Jahr zu gewährleisten. Ich schluckte zwei Kapseln Togal und wartete darauf, daß die Wirkung einsetzte. Währenddessen plante ich meine weiteren Schritte. Zunächst schien es mir ratsam, Stegemann anzurufen. Wahrscheinlich hatte dieser Waschlappen seinen Ausstiegswunsch geäußert und dabei meinen Namen ausgeplappert. Ein Anruf würde mir Klarheit verschaffen. Nach einer halben Stunde hatten die Tabletten die Schmerzen auf ein erträgliches Maß reduziert. Ich machte mich auf den Weg zur Telefonzelle, den ich mittlerweile mit verbundenen Augen hätte fahren können. Auch Stegemanns Nummer war mir schon in Fleisch und Blut übergegangen. »Stegemann.« »Kann ich bitte Andreas sprechen?« »Sie wissen nichts davon?« Die Frau konnte einem den letzten Nerv rauben. Wenn ich Lust auf gepflegte Konversation hätte, würde ich weder die alte Glucke mit ihrer Stimme, die eine Sirene locker übertönte, noch ihren langweiligen Sprößling anrufen. »Was?« »Man hat ihn heute gefunden. Er ist ermordet worden. Mein Andreas...« Ich hatte den Hörer schneller auf die Gabel gelegt als Mutter Stegemann den dritten Satz zu Ende sprechen konnte. Das war ein Beweis meiner wiederhergestellten Reaktionsfähigkeit. Meine Befürchtung hatte sich bestätigt. Andreas hatte geplaudert, und sofort hatte man ihn über die Klinge springen lassen. Ich hoffte nur, daß sich niemand erinnerte, Andreas und mich zusammen gesehen zu haben. Was konnte ich dafür, daß dieser Stümper so wenig Intelligenz besaß wie ein Kaninchen, das sich freiwillig in den Kochtopf setzte. Mir gingen Rudolphs Worte durch den Kopf. Ich sollte mich mehr um mein Wohlergehen sorgen, denn anscheinend stellte für meine maskierten Freunde ein Mord keine größere Unannehmlichkeit dar als für unsereins eine Familienfeier. Ich brauchte Schutz. Mit der Polizei stand ich nicht auf dem besten Fuße. Blieb nur Grabowski. Der war zwar ein Schwächling wie er im Buche stand, aber sein Anblick konnte jemanden, der ihn nicht kannte, schon erschrecken. Ich nahm den Hörer wieder von der Gabel. »Grabowski, Heiratsvermittlung.« »Wie bitte?« »Du?. Vom Streit mit dem Riesenbaby brummt mir immer noch der Schädel.« »Wie willst Du Schnepfen verhökern, wenn Du nicht einmal selbst eine abbekommst?« »Du kennst mich doch. Ich brauche einen Job, bei dem ich so wenig wie möglich machen muß. Der Detektivjob war viel zu stressig. Ich habe die Knarre und das Auto vertickt und von dem Geld Anzeigen aufgegeben. Gutaussehende Auslandsdeutsche sucht lieben Mann zwecks Heirat. Falls sich einer meldet, muß er fünf Riesen Vermittlungsgebühr auf mein Konto einzahlen und bekommt dafür drei Treffen mit potentiellen Ehefrauen vermittelt.« »Und wo nimmst Du die Frauen her?« »Was für Frauen? Die Treffen platzen. Ich wechsle die Bank und ziehe um. Keiner wird mir auf die Schliche kommen.« Eine so abstruse Idee konnte nur dem Erbsengehirn eines Peter Grabowski entstammen. »Und, schon Millionär?« »Bis jetzt ist noch Flaute.« »Hast Du Lust, ein oder zwei Tage auf dem Lande zu verbringen? Für Getränke ist gesorgt.« »Ist Dein Kumpel Stephan auch da?« »Der ist heute nach Essen gefahren. Sagte, er wolle Dich besuchen. Nein, im Ernst. Wenn Du Stephan nicht wieder ärgerst, könnt ihr die besten Freunde werden. Du mußt aber sofort losfahren. Ich kann die Arbeit nicht länger als bis zum Dienstag ruhen lassen.« »In Ordnung. Wenn Du für meine Sicherheit bürgst, will ich Deinem Schwarzenegger eine Chance geben. Spätestens um sechs Uhr bin ich da.« »Soll ich Dich vom Bahnhof abholen?« »Wieso Bahnhof? Ich leihe mir den Ford von Franz Gulloschek. Der ist Gebrauchtwagenhändler und will mir schon lange die alte Möhre andrehen. Ich sage einfach, ich will eine Probefahrt machen.« Mir sollte es recht sein. Die Hauptsache war, daß ich die heutige Nacht nicht alleine verbringen mußte. Ich gab Gurkennase eine genaue Wegbeschreibung und legte auf. Grabowski hatte mich auf eine Idee gebracht. Zwei Beschützer waren mit Sicherheit besser als einer. Ich ließ weitere dreißig Pfennig in den Kasten fallen und rief bei Stephan an. Seine Mutter nahm ab. Ich sagte ihr, daß Stephan gegen acht Uhr bei mir vorbeikommen und gute Laune mitbringen solle; ich hätte heute Geburtstag. Nachdem sie überschwenglich gratuliert hatte, bat sie mich eindringlich, darauf aufzupassen, daß Stephan nicht wieder so viel Alkohol trinken würde. Ich versicherte, daß wir nur Fruchtsaft konsumieren würden und bestellte dem Gatten herzliche Grüße. Danach machte ich mich auf den Heimweg. Der gestrige Tag steckte mir doch ziemlich in den Knochen. Bevor ich mir ein Gelage mit Stephan und Grabowski und eine eventuelle Schlacht mit den Satanisten leistete, mußte ich unbedingt an der Matratze horchen. Zuhause schluckte ich zwei Schmerztöter und warf mich in voller Montur auf das Bett. Ein lautes Poltern weckte mich. »Verdammt. Kann der alte Hurenbock seine Möbel nicht an vernünftigen Plätzen postieren.« Ich setzte mich auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Peter Grabowski saß auf dem Boden neben einem umgekippten Stuhl und rieb sich das Knie. Ich stieg aus dem Bett und zündete eine Kerze an, während Gurkennase sich behäbig aufrichtete. »Fängt gut an, der Abend. Wo ist das Bier?« Ich beschrieb ihm den Weg zur nächsten Trinkhalle und drückte ihm einen Hundertmarkschein in die Hand. Er murmelte etwas von Freunden, die einen nur ausnutzten, und verzog sich. Ich steuerte mein Badezimmer an, hielt den Kopf unter den Wasserkran und fühlte ich mich sofort frischer. Im Grunde brauchte ich mir über den Verlauf des Abends keine großen Sorgen zu machen. Wenn unsere traute Dreisamkeit sich zu einer Fünf- oder Sechssamkeit erweitern sollte, war mir das recht. Ich mußte nur aufpassen, daß Stephan und Grabowski einigermaßen nüchtern blieben. Andernfalls konnte die Geschichte übel ausgehen. Es klopfte. »Bleib draußen. Die Tür ist offen.« Ich wartete, und nichts passierte. Nach einer Minute klopfte es erneut. »Komm rein.« Stephan schob sich breit grinsend durch die Tür. »Herzlichen Glückwunsch zu Geburtstag!« Seine Hände waren hinter dem Rücken versteckt. Mir schwante Böses. Er kam näher und holte einen Karton hervor, der in rotes mit Maikäfern verziertes Geschenkpapier eingewickelt war. »Für Dir zu Geburtstag mit Wünsche von Stephan und Mutter.« Ich packte das Präsent aus. »Eine Kaffeemaschine. Schenke mir eine Stromleitung dazu, und ich springe vor Freude in die Luft.« Damit war der Gesprächsstoff erschöpft. Wir schwiegen uns an, wobei die Stille nur durch intelligente Bemerkungen wie "Da ist Fliege auf Dein Knie" unterbrochen wurde. Endlich kehrte Gurkennase zurück. Seinem mißgelaunten Gesichtsausdruck nach zu schließen, hatte er schlechte Nachrichten. »Selbst die Trinkhallen machen hier um sieben Uhr dicht. Wo sollen wir jetzt Alk herkriegen? Ich habe keine Lust, mit weniger als eineinhalb Promille ins Bett zu fallen.« Erst jetzt fiel sein Blick auf Stephan. »Oh, auch hier. Haben die Mutanten heute Ausgang?« »Ruhig bleiben, Grabowski. Um auf die Getränke zurückzukommen: Ich habe eine Flasche Wein, die wir uns teilen können.« »Na ja, besser als nichts.« Mir kam es sehr gelegen, daß Peter bei der Suche nach Alkohol erfolglos geblieben war. Jetzt brauchte ich mir um die Nüchternheit der Runde keine Gedanken mehr zu machen. Der Mangel an hochprozentigen Getränken schien auf die Stimmung zu drücken. Grabowski starrte die ganze Zeit auf sein Glas, Stephan war eingeschlummert, und auch ich hatte keine Lust, die weltpolitische Lage zu erörtern. Um elf Uhr sagte Grabowski schließlich, daß er zum Umfallen müde sei, nahm zwei Decken und legte sich vor den Kamin. Nachdem die Kerzen gelöscht und die Tür verriegelt war, begab auch ich mich in die Waagerechte. An Schlaf war nicht zu denken, denn Gurkennase und Stephan fochten einen Wettstreit aus, wer am lautesten schnarchte. Glücklicherweise fühlte ich in der Schulter keine Schmerzen mehr. Rudolph hatte mich mit seiner Warnung wahrscheinlich nur von riskanten Unternehmungen abhalten wollen. Ging es hier um seine oder meine Tochter? Persönlich war es mir nun wirklich egal, wer Babsi auf dem Gewissen hatte. Schließlich mußte ich doch eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen wieder öffnete, beugte sich Grabowski über mich. Er rüttelte an mir, als müßte er einen Bewußtlosen wiederbeleben. »Bist Du vollkommen taub?« Mehrere Personen machten sich an der Haustür zu schaffen, und das keineswegs leise. Während sie mit einem Brecheisen oder sonstigem Handwerkszeug die Tür bearbeiteten, stießen sie unentwegt Drohungen gegen mich aus. Es war kein Wunder, daß Grabowski aufgewacht war. Ich dankte dem Trinkhallenbesitzer, daß er schon um sieben Uhr Feierabend gemacht hatte, denn im Suff hätte Peter wie ein Toter weitergeschlafen. »Wir kriegen Dich jetzt, Nannen!« »Du bist reif, Du Schwein!« Die Auseinandersetzung mit gewalttätigen Irren schien für mich zur allabendlichen Beschäftigung zu werden. »Sieh nach, wer an der Tür ist, Grabowski.« »Willst Du mich verarschen? So stark war der Rotwein nicht, daß ich nichts mehr checke. Was machen wir? Ich glaube kaum, daß sich Deine Kollegen freiwillig verziehen.« Ich unterrichtete Gurkennase in aller Kürze über den Grund des für ihn unerwarteten Besuches. Dann weckten wir Stephan, der von dem Lärm nichts mitbekommen hatte. Wir bewaffneten uns mit den am gefährlichsten aussehenden Messern, die wir in der Küche finden konnten. Wenn sich meine Gegner schon die Mühe machten, mich jede Nacht aufzusuchen, sollten sie wenigstens ein Gastgeschenk erhalten, das sie nie vergessen würden. Ich wies Grabowski an, sich hinter die Tür zu stellen. Wenn Peter sie beim Betreten des Hauses attackierte, hatten wir den Überraschungseffekt auf unserer Seite. Anscheinend war es mit dem handwerklichen Können unserer Freunde nicht allzuweit bestellt. Ich hörte, wie sie sich entfernten und in raschem Tempo wieder näherten. Die Tür und mit ihr das ganze Haus erbebten. »Dein Ende ist nahe, Nannen! Komm freiwillig heraus, dann wird Dein Tod nicht ganz so grausam sein!« Kleine Geister schienen eine Vorliebe für große Worte zu haben. Sie nahmen wieder Anlauf. Dieser zweite Versuch war von Erfolg gekrönt. Sowohl die Tür als auch zwei maskierte Gestalten lagen auf dem Boden. Peter reagierte geistesgegenwärtig. Ehe sich die beiden aufrappeln und ihre Waffen zücken konnten, kniete er auf dem einen und bedrohte den anderen mit dem Messer. »Stephan, komm her und übernimm. Ich hole unterdessen etwas, womit ich diese sauberen Früchtchen verschnüren kann.« Das Gefühl des sicheren Sieges hatte Gurkennase unaufmerksam werden lassen. Als er sich zu Stephan umdrehte, zog einer der Kapuzenmänner ein Springmesser. Er ließ die Klinge herausschnappen und stach Grabowski in den Arm. Ein schmerzerfüllter Schrei erklang. Stephan wollte Peter, dessen Hemdsärmel blutgetränkt war, zur Hilfe eilen. Dies erwies sich jedoch als unnötig. Grabowskis Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er holte aus und rammte das Küchenmesser mit voller Wucht in den Bauch des Angreifers. Dieser bäumte sich kurz auf, dann sackte er zusammen. Das Blut schoß wie eine Fontäne aus der klaffenden Wunde. Sein Kollege schien nicht mehr an Gegenwehr zu denken. Er hob die Hand zum Zeichen der Aufgabe. Ich holte eine Rolle Paketkordel, um ihn fachgerecht zu verschnüren, während Stephan die Stellung hielt. Als ich zurückkam, lag Grabowski neben seinem noch röchelnden Opfer auf dem Boden. Peters Verletzung schien schlimmer zu sein, als ich zunächst angenommen hatte. Bevor ich jedoch Grabowski verarzten konnte, mußte ich mich um meine eigene Sicherheit kümmern. Ich verschnürte Angreifer Nummer zwei, der vor Angst schlotterte, und zog ihm die Maske vom Kopf. »Geht man so mit Freunden um, Julius? Ich bin schwer enttäuscht.« »Ich kann nichts dafür. Du hast uns hinterhergeschnüffelt. Satan fordert Deine Liquidierung.« »Willst Du mich verbluten lassen?« Grabowski hatte sich mit großer Anstrengung aufgesetzt. Ich holte den Verbandskasten aus dem Wagen und bandagierte provisorisch seinen Arm. Dann wandte ich mich dem anderen Verletzten zu. Er gab keinen Laut von sich. Ich befreite ihn von seiner Maske, stellte aber fest, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben. Er war höchstens zwanzig Jahre alt. Sein blasses Gesicht war mit Pickeln übersät. Julius antwortete auf meine Frage, daß er Frank Dohlen heiße. Sein Bauch sah nicht appetitlich aus. Peter hatte ganze Arbeit geleistet. Wenn er nicht schnellstens medizinische Hilfe bekäme, würde er in meiner Wohnung krepieren. Ich gab Stephan den Auftrag, zu Karin zu laufen und von dort aus Notarzt und Polizei zu verständigen. Nachdem Stephan von der Bildfläche verschwunden war, widmete ich mich Julius. »So, Koppe. Jetzt reden wir Tacheles. Hat Dir mein Keyboardspiel nicht gefallen?« »Persönlich habe ich nichts gegen Dich. Aber einer von uns hat am Mittwoch einen Golf von unserer Scheune wegfahren sehen. Da Stegemann der einzige Neue war, haben wir ihn die nächsten Tage beobachtet und gesehen, daß er sich mit Dir getroffen hat. Außerdem wurden einige von uns am Telefon bedroht, seitdem Andreas dabei war. Da wußten wir, daß Stegemann uns an Dich verraten hatte.« »Und deswegen mußte er sterben?« Julius schwieg. Wahrscheinlich fürchtete er, das gleiche Schicksal wie Andreas zu erleiden, wenn er uns das Herz ausschüttete. »Siehst Du das, Grabowski? Herr Koppe will sich nicht weiter mit uns unterhalten. Ich glaube, ich muß mein Messer heute auch noch benutzen. Auf einen Toten mehr oder weniger kommt es nicht an.« Ich streichelte die Messerklinge. Das verfehlte nicht die beabsichtigte Wirkung. »Ich gebe alles zu. Du mußt mir nur versprechen, daß der Chef nichts davon erfährt. Der bringt mich um.« »Keine Angst. Wenn Du brav plauderst, lasse ich ihn hochgehen.« Julius blickte mich zweifelnd an, schien mich aber nicht durch Schweigen provozieren zu wollen. »Also gut. Wir haben dem Chef von Stegemanns Verrat berichtet. Der sagte, daß Verräter umgebracht werden müßten. Noch am selben Abend sind wir bei Stegemann vorbeigefahren. Ein außerplanmäßiges Treffen würde stattfinden. Der Scheißer hatte zwar keine Lust, ist aber mitgekommen. Ich habe dann auf einem menschenleeren Straßenstück angehalten, um angeblich das Rücklicht zu überprüfen. Stegemann ist mit mir ausgestiegen. Da habe ich zugestochen. Die Leiche habe ich am Straßenrand liegengelassen. Das soll jedem, der uns verraten will, eine Warnung sein.« »Was ist mit Jens Kofler? Wollte der auch plaudern?« »Ganz genau. Er sagte, er habe keine Zeit mehr für solche Kindereien und wollte sich lieber mehr der Schülerzeitungsarbeit widmen. Negative Publicity in seinem Schmierenblatt konnten wir uns nicht leisten. Der Chef meinte, wir dürften keine Zeit verlieren. Ich habe Jens auf der Straße abgegriffen. Ich wolle etwas Wichtiges mit ihm bequatschen. Als Kofler in der Scheune war, haben wir ihm zuerst seine Verfehlungen vorgelesen und ihn dann erstochen.« »Jetzt erzähle von dem dritten Mord.« »Welcher dritte Mord? Kofler und Stegemann waren die einzigen Verräter.« »Und Barbara Rudolph? War sie etwa kein Mitglied in Eurem Trachtenverein?« »Die hat aber nie an Verrat gedacht. Warum sollten wir sie umbringen? Wir sind schließlich keine Mörder!« Koppes Moral verstand ich nicht. Dennoch glaubte ich, daß er bei Barbaras Abgang nicht die Finger im Spiel gehabt hatte. Er hatte zu viel Angst, um mich anzulügen. Aber wer sollte es sonst gewesen sein? Durch den Lärm von Martinshörnern wurde ich weiterer Überlegungen enthoben. Türen wurden auf- und zugeschlagen, Stiefel trampelten über den Kies und Sanitäter trugen zwei Bahren ins Haus. »Guten Abend. Das ist ja eine schöne Bescherung.« Sie unterzogen Grabowski und Dohlen einer kurzen Untersuchung. Einer zeigte auf Dohlen. »Für den kommt jede Hilfe zu spät. Den anderen kann man wieder hinbekommen.« »Was heißt hinbekommen? Ihr habt Euch ja massig Zeit gelassen. Inzwischen hätte ich dreimal krepieren können.« Peter würde nie lernen, wann man am besten seine Klappe hielt. Die Sanitäter grinsten sich an. Einer zog eine überdimensional große Spritze aus der Tasche. »Sie haben einen Schock erlitten. Ich gebe Ihnen eine Spritze zur Beruhigung.« »Ich will keine Spritze!« Zu spät. Zwei Weißkittel hielten den wild um sich schlagenden Grabowski fest, ein dritter injizierte ihm eine durchsichtige Flüssigkeit. Kurz darauf schlummerte Gurkennase wie ein Baby. Nachdem man sich verabschiedet hatte, wurden Grabowski und Dohlens Überreste in das Havixbecker Krankenhaus beziehungsweise die Leichenhalle transportiert Auch danach bekam ich keine Gelegenheit, Julius auszuquetschen. Gerade als sich die Wohnung geleert hatte, betraten Reichert und ein Kollege, wahrscheinlich Theo Hartmann persönlich, den Tatort. Bei diesem Kollegen handelte es sich um den sportlichen Bullentyp. Trotz seines fortgeschrittenen Alters - ich schätzte ihn auf über vierzig - konnte man bei ihm keine Spur eines Bauchansatzes erkennen. Die Hundert-Meterstrecke lief er bestimmt unter vierzehn Sekunden. Sympathischer als Reichert war er auch nicht. Wenn mich meine Menschenkenntnis nicht im Stich ließ, zählte er zu den Leuten, die ihre Frau verprügelten, wenn das Essen nicht rechtzeitig auf dem Tisch stand. »Mein Name ist Hartmann. Herrn Reichert kennen Sie bereits.« Reichert erblickte Julius, der sich am liebsten unsichtbar gemacht hätte. »Den haben Sie also übriggelassen. Sie stehen immer auf der Sonnenseite des Lebens, Nannen. Statt zweimal lebenslänglich wegen Mordes in zwei Fällen kommen Sie mit der halben Strafe davon.« In Begleitung des Oberbullen blühte Reichert zu der alten Großkotzigkeit auf. Wahrscheinlich hätte er mich am liebsten mit lauter Tunten und Rockern in eine fünf Quadratmeter kleine Zelle gepfercht. »Moment. Meine Freunde und ich haben friedlich geschlafen, als uns dieser feine Herr und sein Komplize massakrieren wollten.« Reichert grinste. »Die Sanitäter sagten uns, daß es bei Ihnen wie im Schlachthof aussieht.« »Immer mit der Ruhe, Ludger. Laß ihn seine Geschichte erzählen.« Hartmann reichte das Gewäsch seines Untergebenen. »Wir hören, Herr Nannen.« Ich hatte mir alles gut überlegt. Die Sekte konnte ich unmöglich allein ausheben. Warum sollte ich auch? Also sprach nichts dagegen, Hartmann und Reichert reinen Wein einzuschenken. Nach halbstündigen Plauderei war die Neugier der Beamten befriedigt. Hartmann wendete sich Julius zu: »Können Sie die Angaben von Herrn Nannen bestätigen? Bevor Sie antworten, muß ich Sie darauf hinweisen, daß alles, was Sie sagen, gegen Sie verwendet werden kann.« »Er hat in allem recht. Bitte nehmen Sie mich in Schutzhaft. Der Chef bringt mich sonst um.« »Wir nehmen Sie nicht nur in Schutz-, sondern sogar in Untersuchungshaft, Koppe. Bis Sie wieder an die frische Luft kommen, hat Ihr Chef vor Altersschwäche die Arschbacken zusammengekniffen.« »Nervt es nicht, ständig mit einem Witzbold am Rockzipfel herumzulaufen, Herr Hartmann?« »Sie vergreifen sich im Ton, Nannen. Aber im Prinzip haben sie recht. Ein für alle mal, Ludger: Die Ermittlungen leite ich, daher mache auch nur ich die Witze.« Reicherts Gesicht lief zur Farbe einer überreifen Tomate an. Hartmann ergriff wieder das Wort. »Eines steht fest: Wir müssen dem Treiben dieser Wahnsinnigen so schnell wie möglich ein Ende bereiten. Die Frage ist nur, wie. Haben Sie eine Idee, Herr Nannen?« Die hatte ich in der Tat. XXXI Es war fünf Uhr morgens, als Julius und ich vor der Scheune parkten. Dabei hatte sich die Situation zu meinen Ungunsten geändert: Julius saß am Steuer seines Wagens, ich lag gefesselt auf der Rückbank. Koppe zog mich aus dem Wagen. Auf dem Weg zur Scheune legte er ein derartiges Tempo vor, daß ich aufgrund der Fesseln kaum folgen konnte. »Nicht so schnell, Julius.« »Halt einmal in Deinem Leben die Schnauze, Nannen!« Koppe klopfte an das Scheunentor. Dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz. Wenig später wurde der Riegel zurückgeschoben. Eine schwarze Kapuze, wie ich sie in den letzten Tagen mehr als genug zu Gesicht bekommen hatte, winkte uns ins Innere. Wir durchquerten den Vorraum und betraten den heiligen Ort. »Erstens habe ich Dich vor zwei Stunden erwartet, zweitens solltest Du den Penner eliminieren. Dohlen hat auch hier zu sein!« »Tut mir leid, Meister. Der Kerl hatte Verstärkung. Seine Kumpane haben Frank getötet. Ich konnte gerade noch mit Nannen verschwinden.« Das schien nicht den Plänen des Chefs zu entsprechen. Er marschierte aufgeregt im Raum herum. »Pech für Frank.« Er zog eine Pistole aus der Tasche und entsicherte sie. Ich warf mich auf den Boden. Bruchteile einer Sekunde später ertönte ein ohrenbetäubender Knall. Der Schuß hatte mich verfehlt. Gleichzeitig flog die Scheunentür auf. »Hände hoch, aber ein bißchen plötzlich! Die Waffe lassen Sie auf den Boden fallen!« Ich blickte hoch. Aus der Ameisenperspektive wirkte die Situation fast komisch. Fünf Polizisten standen breitbeinig in der Tür und zielten auf Julius und seinen Meister, die sich am anderen Ende des Raumes befanden. Der Meister schleuderte die Waffe in Richtung der Polizisten. Hartmann gab seinen Kollegen ein Handzeichen, darauf stürzten sie sich auf die beiden. Währenddessen löste er meine Fesseln. Inzwischen saßen Koppe und der Guru mit angelegten Handschellen auf dem Boden. Reichert hielt sie mit der Pistole in Schach. »Dann wollen wir einmal sehen, wer sich hinter der Maske verbirgt.« Hartmann befreite den Boss von seinem Kopfschmuck. Der Demaskierte war in meinem Alter. Die sich deutlich abzeichnenden Wangenknochen hoben die Kälte seiner Fischaugen hervor. Die buschigen Augenbrauen wirkten bei seinem blassen Teint wie aufgeklebt. Er hatte eine Boxernase; die in der Biographie des Besitzers ihre Form mehrmals gewechselt haben mußte. »Sieh einer an, ein alter Bekannter! Was hat Freddi Schönebeck mit schwarzen Messen zu tun? Bisher war doch der Drogenhandel Dein Metier.« »Ich mache hier nichts Illegales! Dieser Kerl kam einfach herein und bedrohte uns. Daraufhin haben wir ihn überwältigt und gefesselt.« »Lüg uns nicht an, Freddi! Wir haben Euer Gespräch mitgeschnitten. Diesmal wanderst Du für immer ins Kittchen!« Um Hartmanns Worte zu untermauern, zog ich das Tonbandgerät aus der Tasche. »Wieso? Ihr müßt erst einmal beweisen, daß ich den Kerl umlegen wollte. Tonbandaufnahmen sind bei Gericht nicht zugelassen.« Schönebeck hatte sich in seiner Karriere eine erstaunliche Routine im Umgang mit der Polizei erworben. »Bei dem Mordversuch bleibt es nicht. Wir klagen Dich außerdem wegen Anstiftung zum Mord in drei Fällen an.« »Wieso drei? Es waren doch nur...« Schönebeck hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Offensichtlich war er doch nicht so abgezockt wie er aussah. Hartmann grinste. »Das kommt einem Geständnis gleich. Aber was soll der Sektenkram?« Das war der richtige Augenblick, mich ins Gespräch einzubringen. »Wenn man den Sektenmitgliedern für einen Haufen Kohle Hasch verkauft, kann sich ein solcher Mumpitz schon lohnen. Da kommen im Monat einige tausend Mark Nettoverdienst heraus.« »Stimmt das, Freddi?« Schönebeck hatte beschlossen, vom Schweigerecht Gebrauch zu machen. Er blickte starr auf den Boden, als ob dort eine Möglichkeit aufgeschrieben stände, wie er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. »Auch wenn Du das Maul nicht aufmachst« - Hartmann blickte auf Julius, der den Tränen nahe schien - »Dein Kumpel wird erzählen, was wir wissen wollen.« Freddi blickte Julius in die Augen: »Wenn Du quatschst, lasse ich Dich umlegen.« Hartmann wollte nicht zulassen, daß Schönebeck seinen Hauptzeugen einschüchterte. Daher wies er seine Leute an, die beiden in verschiedenen Autos abzutransportieren. Mir sagte er, daß er von Koppe die Namen der anderen Mitglieder herausbekommen und daß einer von ihnen bestimmt gegen Freddi aussagen würde. Ich hatte keine Lust, auf das Revier zu fahren und verschwieg, daß ich den Großteil der Namen bereits kannte. Stattdessen bedankte ich mich bei Hartmann und Reichert, daß sie schon nach dem ersten Schuß die Scheune gestürmt und mich vor dem Tod gerettet hatten. Ich ließ mich zu Hause absetzen und fiel ins Bett. XXXII Am nächsten Morgen war verschärfte Hirntätigkeit angesagt. Hatte Julius die Wahrheit gesagt, als er den Mord an Babsi leugnete? Es sprach einiges dafür, daß die drei Morde auf die Kappe der Dämonentruppe gingen. Damit wäre der Fall abgeschlossen. Ich würde zu Rudolph fahren, meinen Bericht vorlegen und den Bonus einfahren. Nichts einfacher als das. Doch was hätte Koppe für einen Grund gehabt, mich anzulügen? Für ihn war es doch egal, ob er zwei oder drei Morde gestand. Auch Freddi Schönebeck schien überrascht gewesen zu sein, als er von drei Morden hörte. Es half alles nichts; ich mußte davon ausgehen, daß Julius die Wahrheit gesagt hatte. Ich gondelte nach Buldern und frequentierte die Pommesbude, um das Gericht des Tages, Erbsensuppe mit Mettwurst, auszuprobieren. Gaumen und Magen teilten mir mit, daß diese Mahlzeit zum einen schmackhaft, zum anderen lange hinfällig war. Ich ließ mir für drei Mark Kleingeld geben und machte meiner Freundin, der Bulderner Telefonzelle, die Aufwartung. Von dort aus führte ich einige Gespräche. Anschließend lenkte ich das Auto zur Havixbecker Polizeistation. In der Wache kam mir Reichert freudestrahlend entgegen und geleitete mich sofort in sein Büro. »Guten Tag, Herr Nannen. Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken. Wir hatten zwar in die gleiche Richtung ermittelt und hätten die Täter früher oder später dingfest gemacht, aber durch Ihren Einsatz konnte die Mordserie schneller als erwartet aufgeklärt werden. Habe ich Ihnen schon gesagt, daß wir in den Körpern der Sektenmitglieder, die den Anschlag auf Sie verübt haben, genug harte Drogen gefunden haben, um eine ganze Armee zu betäuben?« »Hätten Sie gestern nacht auf die Augen der Kerle geachtet, wäre Ihnen das schon vorher aufgegangen. Hasch allein reicht nicht aus, um aus teufelsanbetenden Jugendlichen eiskalte Killer zu machen.« »Außerdem werde ich endlich befördert.« »Glückwunsch, Reichert, aber deswegen bin ich nicht hier.« »Was führt Sie zu mir? Ich bin gerne behilflich. Einen Gefallen haben Sie bei mir gut.« Mir lag auf der Zunge, ihm mitzuteilen, daß er mir mehr als nur einen Gefallen schuldete, aber ich hielt mich zurück. »Ich wollte fragen, ob Sie mir das Abhörgerät für einige Tage ausleihen könnten.« »Dürfte ich mir die Frage erlauben, wozu sie es benötigen?« »Die Frage ist erlaubt.« »Ich hoffe nur, daß Sie der Polizei keine Informationen vorenthalten.« »Meine Bitte hat mit den Morden unter den Sektenmitgliedern nichts zu tun. Es handelt sich um einen anderen Fall. Aber wenn es zu viele Umstände macht...« »Nein, nein, Sie haben mich mißverstanden. Warten Sie einen Moment.« Ich wartete. Dieses miese Bullenschwein. Vor wenigen Tagen hatte er mit mir den Fußboden aufgewischt, und jetzt fiel er vor mir auf die Knie. Mir sollte es recht sein, denn so gelangte ich kostenlos an das Aufnahmegerät. »Hier ist es, Herr Nannen. Wenn Sie bitte den Empfang bestätigen würdigen.« Er hielt mir einen Quittungsblock hin, ich setzte meine Unterschrift an die erforderliche Stelle und verstaute den Apparat in der Jackentasche. Die Verabschiedung fiel kurz und knapp aus, denn mein Bedarf an schleimigen Gesülze war gedeckt. Eine Viertelstunde später traf ich wieder an meinem Domizil ein. Ich fütterte das Vieh und testete das Aufzeichnungsgerät. Es funktionierte einwandfrei. Jetzt mußte ich bis zum Abend warten, denn der Termin der Entscheidung hatte ich für zehn Uhr angesetzt. Da nichts Besseres zu tun war, ließ ich mich auf der Matratze nieder. Nach drei Stunden Schlaf, der diesmal nicht durch messerschwingende Satanisten unterbrochen wurde, ertönte der Wecker. Sofort hellwach sprang ich aus dem Bett, zog mich an, deponierte die Mithörmaschine in der Innentasche des Sakkos und kontrollierte vor dem Spiegel, ob es die Jacke zu sehr ausbeulte. Zu meiner großen Zufriedenheit war dies nicht der Fall. Ich ließ mich vom Auto zur Scheune befördern. Den Wagen stellte ich auf der Wiese direkt hinter dem Gebäude ab und inspizierte die Umgegend. Das einzige, was an die Aktion in der vergangenen Nacht erinnerte, war das Polizeisiegel am Scheunentor. Ich war absichtlich eine Stunde vor dem Treffen erschienen, um keine Überraschungen zu erleben. Diese Vorsichtsmaßnahme wurde nun dadurch belohnt, daß ich warten mußte. Ich kurbelte eine dicke Selbstgedrehte, lehnte mich an die Scheunenwand und rauchte. Als ich die dritte Zigarette ansteckte, vernahm ich Motorengeräusche, die die Ankunft meines Gastes ankündigten. Ich drückte mich an die Wand der Scheune, so daß ich nicht gesehen werden konnte und hörte, wie das Auto näher rollte und vor dem ehemaligen Sektentreff geparkt wurde. Als das Motorenbrummen erstarb, herrschte völlige Stille. Ich schaltete das Aufnahmegerät ein und lugte um die Ecke. Der Wagen wandte mir sein Heck zu. Ich schlich mich heran, riß die Beifahrertür auf und schwang mich auf den Sitz. »Guten Tag, Fräulein Zollner-Knittel.« »Sie, Nannen?« »Wie geht es Ihrem Bein? Sie können froh sein, daß Sie einen Automatikwagen besitzen, sonst hätten Sie erhebliche Probleme beim Fahren bekommen.« »Wollen wir uns über meine Gesundheit unterhalten?« »Ich wollte nur höflich sein. Haben Sie das Geld?« »Warum soll ich Ihnen zehntausend Mark geben, Sie mieser Erpresser?« »Weil Sie Barbara Rudolph ermordet haben und keine Lust verspüren, dafür ins Gefängnis zu wandern.« »Soviel ich weiß, wurde Barbara von drogensüchtigen Jugendlichen umgelegt.« Ich ging nicht auf das Gequatsche ein. »Sie müssen aufgeatmet haben, als Sie im Krankenhaus vom zweiten Mord erfuhren. Sogar ich bin zunächst darauf hereingefallen, aber meine Nachforschungen haben dann doch die Wahrheit ans Licht gebracht. Und da man als aufstrebender Privatdetektiv zehn große Scheine gut gebrauchen kann, und...« »Ich habe bisher nichts gehört, was mich veranlassen könnte, Ihnen auch nur einen Pfennig zu geben, Sie sexistische Drecksau.« »Diese Ausdrucksweise ziemt sich nicht für ein Lehrerweib. Oder haben Sie die Kraftausdrücke von den Schülerinnen gelernt, die mit Ihrem Mann geschlafen haben?« Bei diesen Worten zuckte Inge merklich zusammen. »Für Eheberatung brauche ich keine zehntausend Mark ausgeben.« »Sie hätten mich nicht das Licht an Ihrem Wagen ausschalten lassen dürfen. Dabei habe ich interessante Sachen entdeckt.« »Sie bluffen, Nannen. Sie haben nichts gegen mich in der Hand.« »Zum Beispiel die Musikkassette. Sie hören nur Klassik und Schlager, wie die Kassetten in Ihrem Auto beweisen« dabei zeigte ich auf die in der Konsole gestapelten Tonträger, »doch an dem Abend, als Sie Barbara in Ihrem Wagen mitgenommen haben, hat sie ihre eigene Kassette eingelegt. Leider vergaßen Sie, dieses Beweisstück zu vernichten.« Jetzt wurde Zollner-Knittel unruhig. »Das soll der Beweis sein, daß ich Barbara umgebracht habe? Sie haben einen seltsamen Sinn für Humor.« »Das allein reicht nicht aus, aber es kommt einiges dazu. Ihr fehlendes Alibi zum Beispiel und der Zettel, den ich ebenfalls in Ihrem Auto gefunden habe.« »Was für ein Zettel?« »Ein Zettel mit einer vierstelligen Nummer. Er lag im Handschuhfach. Zuerst dachte ich, es wäre eine Telefonnummer. Der einzige Ort in der Umgebung, der vierstellige Nummern hat, ist Havixbeck. Bei meinem Anruf meldete sich der Schlachthof.« »Ich wollte mich erkundigen, ob dort Platz für Sie ist.« »Die Zeit der Witze ist vorbei, Knittel. Mir kam der Gedanke, daß es sich gar nicht um eine Telefonnummer handelt. Und siehe da: Es ist die Nummer eines Schließfaches.« Das saß. Inge stöhnte auf. Lange würde es nicht mehr dauern, bis sie zusammenbrach. Daß die Nummer zu einem Schließfach des Havixbecker Bahnhofes gehörte, hatte ich durch ein kurzes Telefonat am Nachmittag herausgefunden. Ebenfalls hatte ich erfahren, daß eine B. Rudolph als Mieterin dieses Schließfaches eingetragen war. Das einzige, was ich nicht kannte, war der Inhalt des Faches, denn ich besaß natürlich keinen Schlüssel. »Zuerst wollte der Beamte das Fach nicht aufschließen, aber der arme Schlucker brauchte dringend Geld, und ich hatte gerade zufällig etwas zur Hand. Der Inhalt war wirklich nicht ohne.« »Sie haben die verdammten Videos, Sie Schwein. Geht jetzt wieder alles von vorne los?« »Richtig, Frau Zollner, es war alles umsonst. Es sei denn, Sie wollen auch mich ermorden. Dann müßten Sie allerdings auch den Anwalt töten, bei dem ich die netten Filmchen hinterlegt habe.« Während der letzten Sätze war sie immer mehr zusammengesunken. Ich wollte die Gunst der Stunde nutzen. Hauptsache, das Aufnahmegerät funktionierte. »Nur wegen der lächerlichen Streifen mußte Barbara das Zeitliche segnen?« »Ich habe sie gehaßt!« zischte sie. »Nicht nur, daß sie meinen Mann verführt hat, nein, sie mußte auch noch alles filmen. Mein Mann war so naiv, ihr zu glauben, daß sie das antörnt. Um diese Schlampe tut es mir wirklich nicht leid...« »Ihr Mann wußte von den Vorgängen?« »Nur von der Erpressung. Ich glaube nicht, daß er mich mit dem Mord an Barbara in Verbindung gebracht hat. Er ist ein so ahnungsloser Kerl. Er glaubt nur an das Gute im Menschen. Selbst als sie uns erpreßte, nahm er das nicht ernst. Er sagte, das würde sich wieder legen, das sei nur ein Kleinmädchenstreich. Aber diese Rudolph war abgrundtief böse. Sie hat unsere Ehe zerstört, den Ruf meines Mannes ruiniert und bringt mich vielleicht ins Gefängnis.« Inge fand kein Ende mehr, sie redete und redete. »An dem Abend, an dem Sie mich haben wegfahren sehen, traf ich mich mit Barbara, um die verlangten zweitausend Mark zu bezahlen. Sie stieg zu mir in den Wagen, und wir fuhren durch die Gegend. Nach wenigen Metern riß sie meine Kassette aus dem Recorder, warf sie aus dem Fenster und legte ihre eigene ein. Die ersten Minuten sang sie nur mit und grinste mich die ganze Zeit an. Dann begann sie, von sich und Martin zu erzählen. Er sei ein lausiger Liebhaber, würde kaum einen hochkriegen. Aber das sei kein Wunder, wenn er mit einer vertrockneten Lesbe wie mir verheiratet sei. Herr Nannen, auch wenn Sie einen anderen Eindruck haben: Ich liebe meinen Mann. Wir streiten zwar des öfteren, aber verlieren möchte ich ihn nicht. Ich habe ihm sogar den Seitensprung verziehen; wir wollten noch einmal ganz von vorne anfangen.« »Das ändert nichts daran, daß Sie Barbara kaltblütig ermordet haben.« »Kaltblütig ermordet? Daß ich nicht lache. Ich wollte ihr an dem Abend nur das Geld geben und ihr sagen, daß sie uns in Ruhe lassen solle. Höhnisch gelacht hat sie nur. Sie hätte die Bänder kopiert. Immer, wenn sie Geld bräuche, würde sie anrufen. Da rastete irgendetwas in mir aus. Ich hatte am Nachmittag eingekauft, und auf der Rückbank lag unter anderem ein Sortiment an Küchenmessern. Ich schnappte mir das nächstbeste, hielt es ihr an die Kehle und fuhr in einen Feldweg. Da fing die alte Schlampe an zu wimmern. Ihre ganze Selbstherrlichkeit war wie weggeblasen. Sie habe es nicht so gemeint, sie wolle überhaupt kein Geld mehr, und die Bänder würde sie verbrennen. Doch ich war nicht mehr Frau meiner Sinne. Ich zerrte sie aus dem Wagen und habe auf sie eingestochen, ich weiß nicht mehr wie oft. Dann schleppte ich sie auf ein Feld und ließ sie dort liegen.« »Das reicht, Zollner-Knittel.« Dabei klopfte ich auf die linke Jackenseite. »Ich habe das Gespräch auf Band aufgezeichnet. Dies dürfte als Beweis ausreichen, um Sie für einige Jahre in den Knast zu schicken.« »Sie mieses Schwein. Sie wollen mich nicht erpressen?« »Irgendeinen Vorwand mußte ich haben, um Sie herzulocken. Und nicht, daß Sie auf dumme Gedanken kommen. Ich habe eine Pistole und scheue mich nicht, sie zu benutzen.« Es hatte jedoch nicht den Anschein, als wollte Inge Hackfleisch aus mir machen. Sie saß völlig erschlafft da und hatte die Augen geschlossen. Dann regte sie sich wieder. »Herr Nannen, was halten Sie davon, sie geben mir das Band und vergessen die ganze Sache. Ich würde mich äußerst großzügig zeigen.« »Tut mir leid. Ich habe den Auftrag bekommen, einen Mord aufzuklären, und diesen Auftrag gedenke ich auszuführen. Eine bessere Empfehlung als die lückenlose Aufklärung dieser Mordserie kann man sich nicht ausstellen. Zudem alle anderen, insbesondere die Polizei, davon ausgehen, daß die Mörder hinter Gittern sitzen.« »Und daß Sie mein Leben zerstören, kümmert Sie nicht?« »Dann wäre ich Sozialarbeiter geworden. Schauen Sie: Wenn es stimmt, daß Sie Barbara nicht kaltblütig ermordet haben, und einen guten Anwalt bekommen, sind Sie in ein paar Jahren wieder an der frischen Luft. Vielleicht war Barbara Rudolph tatsächlich ein Miststück, wie Sie behaupten, aber wenn jedes Arschloch ermordet würde, hätten die Totengräber Hochkonjunktur. Möchten Sie sich selber stellen, oder soll ich Sie zur Wache fahren?« »Ich wußte gleich, daß Sie ein Stück Scheiße sind.« »Ich rufe morgen mittag um zwölf Uhr bei Reichert an. Wenn Sie sich bis dahin nicht gestellt haben, übergebe ich Kassette und Videos der Polizei. Auf Wiedersehen, Inge.« »Auf Nimmerwiedersehen. Ich hoffe, Sie verrotten in der Hölle!« »Dann würden wir uns ja wiedersehen.« Ich öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Auf dem Weg zum Wagen schaute ich mich nicht mehr um. Ich vollführte auch keinen Freudentanz, obwohl mir danach zumute war. Jetzt würde nur noch Angenehmes folgen: Der Triumph über Reichert, der Bericht bei den Rudolphs, das Einsacken der Knete. Ich erinnerte mich nicht, jemals ein so großes Glücksgefühl empfunden zu haben. Während der Rückfahrt hörte ich mir das Band an. Die Aufnahme war zwar dumpf, aber man verstand jedes Wort. Den letzten Teil des Gespräches mußte ich überspielen, denn das war nicht unbedingt für fremde Ohren bestimmt. Als ich mich ins Bett fallen ließ, war ich überzeugt, daß diese Nacht nur schöne Träume bescheren würde. XXXIII Um sieben Uhr teilte mir der Wecker mit, daß ich endlich aufstehen solle. Es war kalt geworden. Ich entfachte ein Feuer im Kamin, erhitzte Wasser in einem Kessel und brühte einen Kaffee auf. Darauf holte ich die Kassette aus dem Wagen, legte sie in das Aufzeichnungsgerät, spulte bis hinter die Stelle "Ich habe das Gespräch aufgezeichnet" und füllte den Rest des Bandes mit Geräuschen der morgendlichen Idylle im Landhaus Nannen. Nach dem Frühstück, das sich aus zwei Tassen Kaffee und drei Zigaretten zusammensetzte, fütterte ich die Tiere. Dann startete ich meinen Triumphmarsch. Die erste Station war Brücken. Bei den Rudolphs erstattete ich einen Bericht, der sich gewaschen hatte. An einigen Stellen schmückte ich die Geschichte so aus, daß ich mir selbst wie ein Held vorkam. Die wahren Motive, die Inge veranlaßt hatten, ihr Küchenmesser am lebenden Objekt auszuprobieren, verschwieg ich. Eine Brüskierung der Rudolphs hätte unter Umständen die Gefährdung eines hohen Honorars bedeutet. Als Motiv gab ich Eifersucht an. Darauf folgte der wichtige Teil: Die Entlohnung. Zusätzlich zu den bereits von Rudolph geleisteten Zahlungen erhielt ich dank einer dicken Spesenabrechnung und einer Prämie als Belohnung für hervorragende Arbeit dreitausend Mark, die Rudolph mir bar auf die Hand blätterte. Die Krönung war, daß ich den Golf behalten durfte. Rudolph betonte, daß er und seine Frau jeder ein eigenes Auto besäßen, und der Golf sowieso nicht mehr viel wert sei. Ich antwortete zwar, daß ich soviel Großzügigkeit nicht annehmen könne, aber leider ließen sie sich nicht umstimmen. Ich verabschiedete mich mit der Zusage, in der nächsten Woche mit ihnen essen zu gehen. Das Auto, das nun nicht mehr nur den Besitzer, sondern den Besitzer und Eigentümer transportieren mußte, brachte mich zur Havixbecker Lokalzeitung. Ich hatte den starken Verdacht, daß sich mit meiner Geschichte mehr Geld machen ließ. Vorher rief ich bei Reichert an und fragte ihn, ob er schon überraschenden Besuch bekommen hätte. Er verneinte. Ich blickte auf die Armbanduhr. Noch hatte Inge zwei Stunden Zeit, bis ihre Frist abgelaufen war. Ich gab Reichert den Rat, die Zelle zu putzen, und hängte ein. Als ich die Geschäftsstelle des Havixbecker Kuriers betrat, mußte ich leider feststellen, daß kein roter Teppich ausgerollt worden war. Ich fragte mich zum Redaktionsleiter durch. Er schien nicht unter Überbeschäftigung zu leiden, denn ich durfte ohne Wartezeit sein Büro betreten. Hinter dem Schreibtisch saß ein etwa dreißigjähriger unsympathisch wirkender Typ mit halblangen Haaren und Nickelbrille. Wahrscheinlich war einer der Leute, die auf der Uni von einer Karriere bei der FAZ geträumt hatten und dann feststellen mußten, daß es zu mehr als einem Posten bei einem Kuhdorfblättchen nicht reichte. »Guten Tag. Nannen ist mein Name. Sind Sie an einer heißen Story interessiert?« »Tilke, Gerhard Tilke. Welche Zeitung sollte daran nicht interessiert sein?« »Sie haben doch ausführlich über die Schülermorde berichtet. Ich biete Ihnen ein Exklusivinterview mit dem Privatdetektiv an, der diese Mordserie aufgeklärt hat.« »Ich vermute, Sie sind der Privatdetektiv?« »Richtig vermutet. Und?« »Sie kommen zu spät. Der Fall ist längst von der Polizei aufgeklärt, und diese Informationen waren umsonst. Ich kann mir demnach keinen Grund vorstellen, Geld für ein Interview mit Ihnen auszugeben.« »Auch nicht, wenn ich Beweise liefere, daß der erste Mord nicht von der Satanssekte verübt worden ist?« Ich merkte, wie sich bei ihm die Rädchen drehten. »Habe ich Sie richtig verstanden?« »Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin Privatdetektiv und kein Ohrenarzt. Aber lassen wir für einen Moment Ihre Probleme mit den Lauschern außer acht. Ich kann nicht nur nachweisen, daß Barbara Rudolph nicht von den Teufelsblagen getötet worden ist, sondern ich weiß und kann beweisen, wer zugestochen hat. Der Preis für das Interview beträgt dreitausend Deutsche Mark.« »Für dreitausend Mark würde ich höchstpersönlich einen Mord begehen, Herr Nannen.« Ich erhob mich vom Stuhl. »Dann machen Sie das, Herr Tilke. Einen schönen Tag noch.« Ich drehte mich um und marschierte Richtung Tür. Als ich gerade die Klinke herunterdrücken wollte, vernahm ich Gerhards Stimme. »Sie haben Beweise für Ihre Behauptungen?« Ich bejahte die Frage und klopfte auf meine rechte Sakkoseite. »Ich zahle zweitausend Mark, wenn ich von der Glaubwürdigkeit Ihrer Geschichte überzeugt bin.« »Zweieinhalbtausend.« »Einverstanden. Legen Sie los.« Ich nahm wieder vor dem Schreibtisch Platz und erzählte zum zweiten Mal an diesem Tag den gesamten Sermon. »Und das können Sie beweisen?« »Ist das Geständnis der Mörderin Beweis genug.?« Seine Augen traten fast aus den Höhlen. Er witterte die Story seines Lebens. »Ich bin bereit, Ihnen das komplette Geständnis der Mörderin zu überlassen, natürlich nur gegen eine geringe Gebühr.« »Wieviel?« »Das gleiche noch einmal.« »Wollen Sie mich ruinieren?« »Herr Tilke. Wenn ich mich nicht täusche, ist für eine Zeitung, deren Berichte hauptsächlich von umgekippten Schubkarren und undichten Kuheutern handeln, die von mir angebotene Story ein Jahrhundertereignis. Die Exemplare werden Ihnen förmlich aus der Hand gerissen werden. Wenn Sie jedoch Ihre provinzielle Kleinkariertheit nicht abstreifen wollen und mit mir jetzt um Groschen feilschen, wende ich mich lieber an eine professionelle Zeitung.« Mit diesen Worten erhob ich mich erneut. Diesmal brauchte ich jedoch nicht bis zur Tür zu gehen, bevor Tilke aktiv wurde. »Lassen Sie mich das Band hören, Herr Nannen« - dabei zog er einen Kassettenrekorder aus der Schublade - »und verzeihen Sie meine Skepsis. Bisher habe ich noch nie so viel Geld für eine Story ausgegeben. Wir sind eine kleine Zeitung und...« »Hören Sie auf, sonst steigen mir gleich die Tränen in die Augen. Hier ist das Band.« Mit einer eleganten Bewegung schleuderte ich die Kassette auf den Schreibtisch. Er verstaute sie im Rekorder und drückte die Wiedergabetaste. Während wir den Worten von Inge Zollner-Knittel und Dieter R. Nannen lauschten, strahlten seine Augen so hell, daß man durchaus die Deckenbeleuchtung hätte ausschalten können. Nach wenigen Sätzen stoppte ich das Band. »Das reicht. Alles weitere gegen Bares.« In rasanter Geschwindigkeit zauberte Tilke sein Scheckbuch aus der Jackentasche, malte eine Fünf mit drei Nullen auf das Formular und reichte mir den Wisch. Ich verließ den Stuhl zum dritten Mal, schüttelte ihm die Hand und wünschte ihm einen schönen Tag. Mit leichtem Herzen und schwerem Portemonnaie fuhr ich zur Sparkasse. Unter dem staunenden Blick von Herrn Stenner ließ ich den Scheck verbuchen und zahlte zusätzlich zweitausend Mark in bar ein. Noch einige Aufträge dieser Art und ich konnte für den Rest des Lebens von den Zinsen leben. Als ich aus der Bank heraustrat, fiel mein Blick auf eine Uhr in Form eines Schweines, die über einer Metzgerei angebracht war. Sie zeigte halb eins. Inge mußte bei der Polizei eingetroffen sein. Die Mörderin hatte mich nicht im Stich gelassen. Ihr Jaguar parkte vor dem Polizeigebäude. Als ich die Wache betrat, sah ich Reichert und Hartmann, wie sie aus einem Büro traten. Hartmann führte Inge vor sich her. Sie würdigte mich keines Blickes. Reichert erkannte mich und winkte mich zu sich. »Kommen Sie in mein Büro, Nannen!« Ich folgte seiner Aufforderung und marschierte hinter ihm her. »Ich komme vorbei, um das Aufnahmegerät zurückzubringen. Es hat mir gute Dienste geleistet.« »Das kann ich mir denken. Erinnern Sie sich noch an unser Gespräch? Ich hatte so etwas gesagt wie "wehe, wenn Sie der Polizei Informationen vorenthalten".« »Was wollen Sie, Reichert? Wovon reden Sie?« »Von dem Mord an Barbara Rudolph und der dazugehörigen Mörderin.« »Soviel ich weiß, hat sie sich freiwillig gestellt.« »Nur, daß sie ungefähr dreitausend Mal Ihren Namen genannt hat, und das nicht gerade in sehr freundschaftlichem Ton.« »Okay, Reichert. Ich liefere Ihnen die Mörder für die größte Mordserie seit Bestehen von Havixbeck, und Sie haben nichts besseres zu tun als mir an die Karre zu fahren?« »Für einen Schnüffler ohne Lizenz spucken Sie verdammt große Töne. So einfach, wie Sie sich das vorstellen, ist das nicht. Sie haben der Polizei wissentlich wichtige Informationen vorenthalten.« »Wenn Sie etwas Handfestes gegen mich in der Hand haben, lochen Sie mich ein. Andernfalls ziehe ich es vor, nach Hause zu fahren und mich zu entspannen. Es ist ziemlich anstrengend, im Alleingang drei Morde aufzuklären.« Mit diesen Worten stand ich auf und verließ das Büro. Ich hörte noch, wie Reichert hinter mir herschrie: »Wo ist die Kassette, die im Aufzeichnungsgerät war?« »Defekt.« Auf dem Weg nach Hause fuhr ich bei Bauer Steinmann vorbei. Ich fand Stephan in der Scheune, und er half mir, zwei Säcke Schweinefutter in mein Auto zu laden. Ich fragte Stephan, ob ich telefonieren dürfe. Ich durfte. Zunächst rief ich die Auskunft an und ließ mir die Nummern mehrerer Havixbecker Unternehmen geben. Dann tippte ich die erste von sechs Ziffernfolgen in die Tasten. Nach etlichen Minuten hatte ich den zuständigen Sachbearbeiter an der Strippe. »Guten Tag. Nannen mein Name. Ich möchte Stromleitungen verlegen lassen.« E N D E 20 1