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Damenopfer

Kriminalgeschichte von Dirk Pierzo

"Der Adler spannt weit seine Flügel und kreist über das Felsmassiv. Erhaben schwebt er in sein Nest und blickt in die Ferne. Das Rot der untergehenden Sonne wirft seine Schatten auf die weite Natur, die sich immer mehr verändert. Einzig der Felsen hat Bestand. Wir Navajo-Indianer glauben an die Kraft und das Leben der Steinmassen. Sie sind Zeugen der Jahrtausende. Längst vor und wohl auch nach dem Ende der Menschheit und ihrem unaufhörlichen Zerstörtrieb wird der Felsen hier weiter verharren. Unsere Vorfahren haben uns gelehrt, mit der Natur in Einklang zu leben als kleiner Teil eines Ganzen. Die Kette zwischen der Natur und dem Leben läßt sich nicht sprengen wie jener Felsen, denn beide bilden ein Gleichgewicht... und der Mensch muß sich danach richten, sonst wird er selber gerichtet."

Nachdenklich schlug ich das Buch zu und nahm die Brille ab. Hatten wir nicht schon längst jene Grenzen überschritten? Die Ereignisse der letzten Wochen ließen den Schluß zu. Aber von Anfang an...

Mein Name ist Jonathan Parker. Ich bin Wissenschaftler für Verhaltensforschung an der Lincoln-Universität in Springfield; mit 32 wohl etwas zu jung, was mich greise Kollegen und vor allem weibliche Studenten spüren ließen. So freute ich mich an jenem 8. Juni 1996 um so mehr über den Anruf meines ehemaligen Professors Huckstable und seiner Einladung, in den Sommerferien nach New York zu kommen. Ein Tag, der mein Leben ändern sollte.

Huckstable leitete inzwischen eine Nervenheilanstalt auf Welfare Island. Monatlich für das Dreifache als im staatlichen Dienst. Bei meiner Ankunft in der Metropole schlugen mir Schlagzeilen über einen Massenmörder, der anscheinend wahllos seine Opfer bestialisch dahinmezelte, aus allen Zeitungen entgegen. Einen Namen hatte diese Reinkarnation von "Jack The Ripper" auch schon: "Sharky", der Hai. Leicht verunsichert betrat ich das Haus meines Professors in Livingston. Die herzliche Begrüßung ließ jegliche Beklommenheit schwinden, und wir spielten die halbe Nacht Schach, genau wie in alten Zeiten. Nach der dritten gewonnenen Partie sprach ich den Professor auf seine Verfassung an, denn nie hatte er mir das Matt so leicht gemacht. Er verwies auf seinen Arbeitsstress und einem neuen, faszinierenden Patienten, den auch ich unbedingt kennenlernen müsse. Eine schicksalhafte Begegnung.

Am nächsten Tag begab ich mich mit Huckstable in die Anstalt. Die langen Gänge und das monotone Knallen unserer Absätze auf dem blanken Parkettboden steigerten mein Unbehagen. Wir gelangten am Ende an eine Tür, vor der wir Halt machten. "Die Cops hatten Bob vor drei Wochen bei mir abgeliefert. Anfangs stand er in Verdacht, dieser "Sharky" zu sein. Aber er hatte Alibis, die es zu prüfen galt. Bei den Vernehmungen fing er urplötzlich trotzdem an zu randalieren und sich "seltsam" zu verhalten. Z.B. bestand er auf Schachbücher statt Rechtsbeistand oder spielte die ganze Zeit wie in Trance das königliche Spiel, wie hier auch. Ich stell Sie ihm vor."

Huckstable öffnete die schwere Tür. Verloren in der Ecke kauernd saß ein kleiner, untersetzter, ca. 50 jähriger Mann. An der Wand hingen selbstgezeichnete Skizzen: Schlachten mit zerfetzten Soldaten und gepeinigten Frauen; Männer in weißen Kitteln, dazwischen ein hilfloses Kind. "Bob, das ist mein Freund Jonathan, der unbedingt Dich und Deine Schachkünste kennenlernen möchte. - Keine Angst, Parker, er hat sich unter Kontrolle und ist nicht gewalttätig. -  Wie wäre es mit einer Partie?" Bob setzte sich wortlos an den kahlen Tisch und stellte die Figuren auf. Nach anfänglicher Skepsis spielten wir eine Partie nach der anderen und vergassen die Zeit. Auffällig war, daß Bob die Variante mit dem Damenopfer bevorzugte.

Nach einer kurzen, unruhigen Nacht frühstückte ich mit dem Professor. Mit großen Lettern stand in der Morgenzeitung: "Grausamer Fund in Greenwich Village; Sharky's Achtes Opfer". Auf den Folgeseiten war die Chronologie der Opfer des Massenmörders aufgelistet. Die Cops tappten im Dunkeln. Ich wurde das Gefühl nicht los, daß Bob doch mit den Greueltaten in irgendeinem Zusammenhang stand. Er begann mich zu interessieren. In den folgenden Tagen zog ich Erkundigungen über ihn ein und beschäftigte mich mit seinem Verhalten:

Bob wurde Ende des zweiten Weltkrieges in einem Konzentrationslager in Deutschland geboren. Mutter und Vater unbekannt. Seine Kindheit verbrachte er bei Adoptiveltern in Portland. Abschluß Highschool. Danach verstreuen sich die Wege laut Angaben der Sozialversicherung. Mal Indianapolis, dann Atlanta usw., kreuz und quer durch die Staaten in den verschiedensten Jobs: Vom Autoverkäufer bis Zimmermann. Teilweise gab es auch Überschneidungen der Aufenthaltsorte und Tätigkeiten, die wohl auf Datenfehler beruhten. Bob selber befand sich in seiner eigenen Welt, aus der er nur selten in die Realität trat. Selbst wenn ich nur sehr kurz zu ihm vorstoß, so entwickelte sich langsam Vertrauen und Zuneigung. Die Schachpartien wurden zu Ritualen und Form der Kommunikation. Sie versetzten ihn in eine Art von Hypnose. Nur ich bemerkte das Zittern seiner Hände; den seltsamen Ausdruck seiner Augen. Welches Geheimnis verbarg sich dahinter? Er benötigte Hilfe, und ich spürte, daß ich sie ihm geben sollte.

Eines Abends saß ich mit dem Professor in dessen Büro als ein Geräusch aus dem Garten unser Gespräch über Bob unterbrach. Ich stürmte heraus und blieb starr vor Entsetzen: Blutüberströmt lag Bob in einem Gebüsch und hauchte " Addams-Torre, 1920, New Orleans". Selbst dem Tode nahe zitierte der sichtlich Verwirrte noch Schachpartien. Huckstable und ich brachten Bob vorsichtig in die Ambulante, wo die Schnittwunden versorgt wurden. Schrecklicher Fall von Selbstzerstümmelung oder Gegenwehr? War er etwa doch "Sharky", der Hai?

Am nächsten Tag erfuhr ich vom neunten Opfer des Serienkillers; Tatort Central Park in der Nähe der Nervenheilanstalt auf Welfare Island. Übernächtigt fiel ich ins Bett und verfiel in Tiefschlaf unterbrochen von Alpträumen: Ich befand mich in einem Schwarz-Weiß gekacheltem Raum, Überdimensionale Schachfiguren drohten mich zu erdrücken. Hilfeschreie. Bob reicht mir hilfesuchend seine Hand; mein Griff ins Leere. Plötzlich lauter Weißkittel um mich herum, die mir Schmerzen zufügen. Ich reisse einem die Maske ab und hervor kommt die verzerrte Fratze Huckstables!

Schweißgebadet wachte ich auf und sprang aus dem Bett. Ich kramte die Zeitung heraus, nahm eines der vielen Schachbücher aus dem Regal des Professors und setzte mich vor einem Stadtplan New Yorks. Die quadratische Anordnung der einzelnen Straßen ergaben ein Schachfeld;. die Fundorte der Leichen, die von Bob erwähnte klassische Schachstellung eines sogenannten Damenopfers gespielt 1920 in New Orleans zwischen Addams und Torre. Meine vage Vermutung bestärkte die Tatsache, daß drei der Opfer an die Orte bzw. Schachfelder erst geschaffen wurden. "Doch wer spielte das mörderische Spiel und warum?". Ich mußte mit Bob sprechen!

Außer Atem traf ich in der Klinik auf den fassungslosen Huckstable. Bob war ausgebrochen! Unsanft faßte ich den Professor an den Arm" Huckstable, Sie wissen mehr... In Konzentrationslagern wie Auschwitz, dem Geburtsort Bobs, entstand kein neues Leben, es sei denn aus dem Labor. Die Nazis haben Versuche an Menschen durchgeführt, um eine Herrenrasse zu züchten. Bob ist ein Ergebnis dieser bestialischen Experimente. Er wurde geklont, nicht wahr. Nur waren die Forscher noch nicht so weit, ein Ebenbild Ihrer Vorstellungen von einem Übermenschen zu schaffen. Wieviel Bobs gibt es?! Mindestens zwei, wie meine Nachforschungen ergaben. Der eine lebte im Norden und der andere im Süden bis sich hier ihre Wege kreuzten. Beide mit unterschiedlichen Begabungen und vorallem völlig verschiedenen Charakteren. Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Sie müssen noch mehr miteinander verbunden sein als Zwillinge, die Gedanken des anderen spüren. Bob hat bestimmt die Morde in einem Trancezustand miterlebt, denkt er wäre "Sharky". Schrecklich! Aber warum das Schachspiel?!"

"Bob versuchte uns, trotz der Schizophrenie zum Täter zu führen. Auch die Skizzen waren verborgene Hinweise. Genie und Wahnsinn grenzen aneinander. Vielleicht hat Bob aus der Klinik die Bestie so beeinflußt, die Opfer als Schachfiguren zu nutzen, damit er selber oder andere irgendwann auf "Sharky" stoßen und vernichten. Das Böse muß Frauen hassen. Höchstwahrscheinlich die fehlende Mutterliebe oder die brandmarkende Erfahrungen mit den Adoptiveltern. Aufzeichnungen über diese Experimente werden zurückgehalten. Auch die Genforscher können nicht alles kontrollieren, am wenigsten die Seele. Jonathan, ich hatte Vermutungen aus den Sitzungen mit Bob und eigenen Recherchen. Aber ehrlich, sollen DAS die Cops glauben. Würden Sie es selber, wenn ich Sie nicht selber darauf gestoßen hätte?!" Ich nickte kurz. Jetzt war keine Zeit für Schuldzuweisungen. Ich holte den Stadtplan heraus und war am Zug. Demnach mußte die nächste Greueltat im Byrant Square geschehen. Der Professor begleitete mich. Mit einem Revolver in Anschlag, den Huckstable einen Wachmann nach einem kurzen Disput abgenommen hatte, betraten wir den Park. Der Vollmond und das Rockefeller Center ließen zur fortgeschrittenen Stunde den Park hell erleuchten. Uns erwartete eine Szenerie des Grauens: Im Mondlicht kämpften die Schatten zweier Menschen, die doch ein Wesen waren; dazwischen eine wimmernde Frau. Huckstable schrie "Jonathan; schieß!". Aber wen würde ich treffen? Das Opfer, den Täter. Gerade gewann der eine die Oberhand und wollte auf den anderen, am Boden liegenden einstechen. Da drückte ich ab und schloß die Augen. Hatte ich das Recht Herr über Leben und Tod zu sein? Wir rannten zur Lichtung. Am Boden röchelte Bob über ihn sein lebloses Ebenbild. "Endlich frei!". Dann verkrampfte sein Atem, Zuckungen durchdrangen seinen Körper, ein letztes Aufbäumen, dann war auch er tot. Die Frau konnte in einer Notoperation gerettet werden, wie ich später erfuhr.

Kurz darauf verließ ich New York und entfloh dem Medienrummel in das eher beschauliche Springfield. Von Huckstable hatte ich vorerst genug.

Die Begebenheiten im jenen Sommer 1996 hatten mein Leben verändert. Die Existenz - Leben und Tod; Glauben und Gott - haben eine neue Bedeutung gewonnen. Ich suche Antworten auf all die Fragen. Vielleicht von dem alten weisen Navajo-Indianer?! Ich weiß es nicht, aber ich werde es herausfinden, in naher oder ferner Zukunft.

© by Dirk Pierza

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07.08.99