SCHAFE & KILLER Ein Kriminalroman Michael Bresser - Martin Springenberg I IV Das Böckinghausener Gefängnis offerierte mir stolz seine Fassade, die sich aus einer fünf Meter hohen Betonmauer und Unmengen von Stacheldraht zusammensetzte. Ein nahezu einzigartiges Konglomerat aus gotischer und neoklassizistischer Baukunst. Direkt über dem schweren Eisenportal war ein Wachturm angebracht. Der aus einer Öffnung entweichende Zigarettenqualm ließ darauf schließen, daß ein Staatsdiener seine Pflicht erfüllte und voller Sehnsucht auf die Möglichkeit wartete, ausbrechende Kinderschänder zu erschießen. Ich klopfte an das Tor. Eine Klappe wurde zur Seite geschoben. »Ja, bitte?«8 Ich zeigte meine Detektivlizenz vor, die sich seit einer Woche in meinem Besitz befand. Nach der Aufklärung eines spektakulären Mordfalles hatte ich für einige Wochen eine derartige Popularität genossen, daß es ein Kinderspiel gewesen war, den Wisch zu bekommen. »Dieter Nannen. Frau Kerner wünscht mich zu sprechen. Sie sitzt seit gestern in Untersuchungshaft.« »Einen Moment, Herr Nannen. Ich prüfe das nach.« Nach zwei Minuten wurde ein Riegel zur Seite geschoben und die Tür geöffnet. Ich marschierte mit einem Beamten über den Gefängnishof und durch kilometerlange Gänge. Dreimal hielten wir an, damit Gittertüren auf- und wieder zugeschlossen werden konnten. Schließlich geleitete mich der Wächter in einen Raum und ließ mich mit einem »Warten Sie bitte, Frau Kerner kommt gleich« zurück. Die Innenausstattung des Zimmers, in dem schon Meere an Tränen vergossen worden waren, präsentierte sich so, wie man sie aus unzähligen Krimiserien kannte: Ein Tisch, zwei Stühle, ein Aschenbecher. Das einzige Fenster des Raumes war vergittert. Ich ließ mich auf einem Stuhl nieder und wartete. Wenig später hörte ich Schritte durch den Gang hallen, und die Tür wurde aufgestoßen.9 »Sie haben genau zehn Minuten.« Christa Kerner wurde in den Raum geschoben. Der Wärter verließ uns und schloß die Tür von außen ab. Wir waren allein. »Haben Sie etwas zu rauchen?« Ich holte meine Zigaretten aus der Jackentasche, schob ihr die Schachtel herüber und entzündete ein Streichholz. Während ich ihr Feuer gab, stellte ich mich kurz vor und berichtete von der Engagierung durch Eckolt. Sie sprach kein Wort. Die Zeit im Gefängnis hatte sie nicht gut überstanden. Ihre Augen waren blutunterlaufen, und die halblangen dauergewellten Haare hingen strähnig in ihr Gesicht. Die schmuckfreien Hände zitterten leicht, als sie die Zigarette zum Mund führte. Frau Eckolt hatte mir berichtet, daß Christa zweiundvierzig Lenze zählte. Heute sah sie aus wie sechzig. Bisher hatte sie die Stumme gemimt, doch nach dem dritten Zug an der Fluppe sprudelte es aus ihr heraus. »Herr Nannen, ich werde verdächtigt, meinen Vater umgebracht zu haben. Ich habe ihn vorgestern tot in seinem Haus aufgefunden, und kurz darauf bin ich verhaftet und in eine Zelle gesteckt worden.« »Warum war die Polizei so schnell am Tatort?« »Sie sagten etwas von einem anonymen Anruf. Helfen Sie mir, ich würde es sonst nicht überleben. Ich bin unschuldig! Ich habe meinen Vater über alles geliebt und...so eine wahnsinnige Idee...ich hätte Vater umgebracht...holen Sie mich hier heraus...ich stehe das nicht durch...« »Ganz ruhig, Frau Kerner.« Während der letzten gestammelten Sätze hatte sie die erst halb gerauchte Zigarette im Aschenbecher regelrecht zerfetzt. Ich zündete eine weitere an und reichte sie ihr. »Bitte beruhigen Sie sich und erzählen alles etwas langsamer. Wann genau soll Ihr Vater ermordet worden sein und vor allen Dingen: Warum sind Sie verhaftet worden?« »Ich habe meinen Vater vorgestern Mittag um halb zwei in seinem Wohnzimmer gefunden. Er wurde mit einer Kordel erdrosselt. Sie hat um seinen Hals gehangen, als ich ihn fand. Mein Gott, mein Vater...tot...ermordet...er konnte keiner Fliege etwas zuleide tun...« »Frau Kerner, bitte!«10 »Ich schaue jeden zweiten Tag bei ihm vorbei. Er ist ziemlich gebrechlich, und da greife ich ihm so gut es geht unter die Arme. Das hilft auch mir ein wenig, denn vor einem Jahr ist mein Mann gestorben, und vor dieser Zeit habe ich nur für ihn gelebt. Wie kann jemand so heimtückisch sein, einen alten schwachen Mann zu ermorden? Er hat niemanden gestört, hat immer für seine Familie gesorgt...« »Reißen Sie sich zusammen. Wir haben nur noch zwei Minuten Zeit. Was soll Ihr Motiv sein?« »Ich weiß es nicht. Man hat es mir nicht gesagt. Ich wurde kurz verhört und habe ein Telefongespräch mit meiner Schwägerin geführt. Ich drehe noch durch. Sie müssen den Mörder finden, sonst bringe ich mich um!« »Haben Sie eine bestimmte Person in Verdacht?« »Von der Familie war es mit Sicherheit niemand. Wir haben ihn alle geliebt. Ich weiß nur, daß ein Makler ein Auge auf sein Haus geworfen hatte und meinen Vater zum Verkauf überreden wollte.« »Sein Name?« »Irgendetwas mit P. Lassen Sie mich nachdenken.« Sie zog fast ein Drittel der Zichte in sich hinein. Ich hörte, wie das Türschloß entsichert wurde. Die Zeit war abgelaufen. »Poszilny. Gerd Poszilny. Er muß sein Büro in Münster haben.« Mittlerweile war der Wärter eingetreten. »Die Besprechungszeit ist um. Frau Kerner, würden Sie mir bitte folgen?« »Ich will nicht wieder zurück. Herr Nannen, finden Sie den Kerl, der meinen Vater auf dem Gewissen hat. Holen Sie mich hier heraus. Ich flehe Sie an, helfen Sie mir!« »Verlassen Sie sich darauf. Sie haben eine kluge Wahl getroffen, als Sie mich engagiert haben.« Ich schob die noch fast volle Zigarettenschachtel und die Streich- hölzer über den Tisch. Gierig griff sie danach und ließ beides in dem Anstaltskittel verschwinden. »Auf Wiedersehen, Frau Kerner. Ich komme bald wieder vorbei, und dann reden wir weiter.« »Auf Wiedersehen. Vergessen Sie nicht: Sie sind der einzige, der mir noch helfen kann.« Der Rückweg gestaltete sich wenig abwechslungsreich. Der Beamte sprach kein Wort, und ich erzählte ebenso viel. Als das Portal hinter mir in das Schloß fiel, atmete ich auf. Ich hoffte, daß meine künftigen Besuche nicht länger als dieser dauern würden. Die Freiheit war mir um einiges lieber. Auf der Rückfahrt legte ich eine Entombed-Kassette ein und dachte über das soeben Gehörte nach. Ich war fest davon überzeugt, daß Christa Kerner unschuldig war. Nicht etwa, weil ich auf vierzigjährige verwitwete Frauen oder auf blaue blutunterlaufene Augen stand, sondern weil meine Engagierung sonst keinen Sinn ergab. Wäre sie wirklich schuldig gewesen, hätte sie mit Sicherheit kein Geld für einen Schnüffler verschwendet, sondern die Moneten lieber in einen erstklassigen Anwalt investiert. Außerdem kam mir ihre Hysterie und ihr Gewimmere keineswegs gespielt vor, es sei denn, sie besuchte seit zwanzig Jahren eine Schauspielschule. Zudem hörte sich die Geschichte mit dem anonymen Anrufer stark nach einem abgekarteten Spiel an.11 Zuhause fütterte ich die Kaninchen und mistete zum letzten Mal in meinem Leben einen Schweinestall aus. Anschließend goß ich mir einen doppelten Whisky ein. Dabei führte ich mir eine weitere halbe Stunde Wittgenstein zu Gemüte. Als ich merkte, wie mir das Malzgetränk in den Kopf stieg, legte ich das Buch zur Seite. Ich spülte das Glas aus und haute mich in die Falle, nachdem ich den Wecker auf acht Uhr gestellt hatte. V Am nächsten Morgen fuhr ich als erstes zu Frau Eckolt, um mir einen Überblick über die Verwandtschaftsverhältnisse der Kerners, Eckolts und wie sie sonst noch heißen mochten zu verschaffen. Unterwegs stoppte ich an einer Telefonzelle, um die Adresse des Maklers herauszufinden. Trotz des seltsamen Nachnamens waren immerhin sechs Poszilnys aufgeführt. Doch einer war Makler; er hatte sogar eine mehrzeilige Anzeige abgedruckt. Ich notierte mir sowohl die Adresse seines Büros als auch die Privatanschrift. Nach einiger Suche erreichte ich die Residenz von Frau Eckolt. Hierbei handelte es sich um einen Bungalow, auf den nachträglich ein Dach gesetzt worden war. Das verklinkerte Haus wurde von einem weiß gestrichenen Jägerzaun umgeben. Im Vorgarten mußten kurz zuvor einige Sträucher herausgerissen worden sein, denn die großen Löcher in den sorgfältig geharkten Beeten waren wohl kaum als Fallgruben für Kaninchen gedacht. Als einzigen Überlebenden konnte ich einen Fliederbusch ausmachen, der einsam am Rand stand. Es bestand jedoch kein Zweifel, daß er bald wieder unter seinesgleichen weilen würde, denn just in dem Moment, als ich das Gartentor öffnete, bog Frau Eckolt um die Ecke, diesmal in Gärtnerkluft. Auf ihrer Schubkarre vergnügten sich vier kleine Rhododendronsträucher. Trotz des Schweißes, der in Hektolitern über ihr Gesicht strömte, erkannte sie mich.12 »Hallo, Herr Nannen. Wie Sie sehen, bringe ich meinen Garten auf Vordermann. Sie wollen bestimmt einige Fragen stellen.« »Das ist richtig. Können wir dafür ins Haus gehen, oder leben nur Taubstumme in der Nachbarschaft?« Frau Eckolt plazierte die Schubkarre neben das größte der Löcher und zog ihre Gummihandschuhe aus. »Einen Moment bitte. Ich gehe hinten herum und öffne Ihnen.« Ich durchquerte den Vorgarten, erklomm die vier Stufen zur Eingangstür und wartete. Nachdem ich die einzelnen Fasern in der Holztür bis in die letzte Feinheit studiert hatte, öffnete die Gärtnerin. »Entschuldigung, daß es so lange gedauert hat, aber ich habe mich noch umgezogen.« Sie trug eine Jeanshose, die ihren dicken Hintern gut zur Geltung brachte, und eine Bluse, deren obere drei Knöpfe offen waren. Wir passierten die Diele und gelangten in das Wohnzimmer. Die Einrichtung war nicht zu verachten. In der hinteren Ecke war eine wuchtige Ledergarnitur postiert. Der Marmortisch erweckte auch nicht den Eindruck, als wäre er für drei Mark siebzig beim Trödel erstanden worden. Auf der mir gegenüberliegenden Seite fehlte die Wand. Ihren Platz nahm ein Fenster ein. Frau Eckolt ließ die Rollade ein Stück herunter, denn die Sonnenstrahlen blendeten. Sie deutete mit der Hand auf einen Ledersessel. Ich leistete ihrer Aufforderung Folge und ließ mich in das schwarze Ungetüm fallen. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?« »Ein Bier wäre nicht schlecht. Ich habe noch nicht gefrühstückt.« Gleichzeitig holte ich meine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug aus der Tasche und postierte beides auf dem Tisch. Ich hoffte, sie verstand diesen diskreten Hinweis. Frau Eckolt verschwand, um das Getränk zu holen. Das gab mir Gelegenheit, den Rest des Raumes zu betrachten. Die dem Fenster gegenüberliegende Wand wurde restlos von einem Bücherregal aus Mahagoni vereinnahmt. Sowohl die Standardwerke der Literatur als auch eine vierundzwanzigbändige Dudenausgabe füllten das Regal aus. Außerdem befanden sich dort mehrere Dutzend Computerbücher. Es sah aus, als wenn Eckolts Gatte seine Brötchen in der PC-Branche verdiente, und gemessen an der Innenausstattung des Wohnzimmers konnten das nicht wenige sein. Neben der Tür war die Audio-Video-Sektion plaziert. Tape-Deck von Nakamichi, Plattenspieler von Thorens, Verstärker von Harman Kardon und so weiter. Dementsprechend umfangreich war die Platten- und CD-Sammlung. Ich konnte nur hoffen, daß die Eckolts mein Honorar überweisen würden, denn sie hatten mit Sicherheit mehr Geld zur Verfügung als Christa Kerner mit ihrer Witwenrente.13 Frau Eckolt tauchte mit einem Tablett auf, auf dem sich die Flasche Bier, ein Krug, ein Glas Orangensaft, ein Aschenbecher und eine Schachtel Cartiers befanden. Ich brauchte während des Gespräches also nicht auf Zigaretten verzichten. Die Dame des Hauses stellte Getränke und Aschenbecher auf den Tisch und zog eine Zichte aus der Packung. Ich erhob mich, gab ihr Feuer, setzte mich wieder und steckte mir selbst eine an. Ich schüttete den Gerstensaft in den Krug und begann meine Befragung. »Gehen wir sofort in medias res. Ich habe gestern Ihre Schwägerin im Gefängnis besucht, durfte mich aber nur zehn Minuten mit ihr unterhalten. Die Hälfte der Besprechungszeit mußte ich dafür verwenden, sie zu beruhigen. Aus diesem Grund hatte Frau Kerner nicht die Möglichkeit, mir allzuviel über den Tod ihres Vaters zu berichten. Ich hoffe, daß Sie mir nähere Informationen geben können.« »Ich werde mein Bestes versuchen. Ich würde alles dafür geben, Christa aus dieser schrecklichen Lage zu befreien.« »Dann sind wir uns in diesem Punkt einig. Könnten Sie mir zunächst etwas über die Familie des Verstorbenen erzählen?« »Er hat zwei Töchter und einen Sohn. Die eine Tochter haben Sie bereits kennengelernt, die andere haust mit ihrem Mann zusammen in Rheine. Wie Sie vielleicht schon wissen, ist Christas Mann vor einem Jahr gestorben. Sie haben keine Kinder. Der Sohn ist mein Mann Heinz. Wir haben zwei Kinder, einen vierundzwanzigjährigen Sohn und eine einundzwanzigjährige Tochter, Kurt und Thekla. Helga Siepert hat einen Sohn.« Wer sollte da durchsteigen? Nicht nur, daß Frau Eckolt mich mit Milliarden von Namen bombardierte, sie erzählte auch noch alles wild durcheinander. »Warten Sie bitte. Wer ist Helga Siepert?« »Sagte ich das nicht bereits? Das ist die zweite Tochter von Franz Eckolt, die mit diesem Asozialen in Rheine lebt.« Ich zauberte Notizblock und Kugelschreiber aus dem Jackett und fertigte eine Skizze an. »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, müßte diese Aufstellung die Verwandtschaftsverhältnisse wiedergeben. Haben Sie noch Ergänzungen, zum Beispiel Eltern oder Geschwister von Franz Eckolt?« Ich erfuhr, daß die Eltern des Toten vor über zehn Jahren bei einem Autounfall gestorben waren, und daß Franz einen Bruder namens Wilhelm hatte, der seit drei Jahren im Böckinghausener Altenheim lebte. Wir ergänzten die Skizze und studierten die Ansammlung von Namen und Linien.14 »Jetzt muß ich die obligatorische Frage nach den Feinden von Franz Eckolt stellen. Wer profitiert vom Tod Ihres Schwiegervaters?« Frau Eckolt schlürfte etwas von ihrem Orangensaft und machte den Anschein, als ob sie ihr Gehirn auf der Suche nach einem Verdächtigen regelrecht zermarterte. Das Ergebnis stand jedoch in keinem Verhältnis zu der Anstrengung. »Mir fällt keiner ein, Herr Nannen.« »Da Sie vorhin den Bekanntenkreis angesprochen haben. Kennen Sie Leute, mit denen Ihr Schwiegervater verkehrte?« »Da müßte Christa besser Bescheid wissen. Sie hat mir aber erzählt, daß er einmal in der Woche von einem anderen Rentner besucht worden ist. Mein Schwiegervater war ein passionierter Schachspieler. Die beiden haben nachmittags begonnen und teilweise bis tief in die Nacht gespielt.« »Kennen Sie seinen Namen?« »Tut mir leid. Ich weiß nur, daß er ebenfalls im Seniorenheim in Böckinghausen lebt. Vielleicht kann Ihnen der Bruder von Franz weiterhelfen.« »Ich bedanke mich, Frau Eckolt. Jetzt möchte ich Sie nicht länger von der Gartenarbeit abhalten.« »Sie können mich so lange aufhalten, wie Sie wollen. Die Aufklärung des Mordes ist weitaus wichtiger als das Einpflanzen von Sträuchern. Sie dürfen jederzeit vorbeikommen, wenn Sie weitere Fragen haben.«15 Ich verstaute den Rest des Bieres in meinem Bauch und ließ mich zur Tür bringen. Wir verabschiedeten uns, und ich machte mich vom Acker, bevor ich beim Eingraben der Pflanzen helfen mußte. VI Die Autouhr teilte mir unmißverständlich mit, daß es Zeit für das Mittagessen war. Ich steuerte ein türkisches Restaurant an und ließ mich von Koch und Ober verwöhnen. Nachdem ich mit einem Zahnstocher meinen Mund von Schafskäseresten befreit hatte, war ich bereit für weitere Taten. Da ich zur Zeit über ausreichende liquide Mittel verfügte, honorierte ich das Essen mit einem üppigen Trinkgeld. Ich ging davon aus, daß Gerd Poszilny um diese Zeit in seinem Büro zu finden war, und lenkte deshalb meinen Wagen zunächst nach Münster, dann in die Lessingstraße. Das Haus mit der Nummer siebenundfünfzig war eines jener typischen Bürogebäude, vier Stockwerke hoch und viel Glas. Poszilny war nicht der einzige Mieter; neben ihm tummelten sich dort Ärzte, Notare und ein Masseur. Ich ließ die Drehtür rotieren und beauftragte den Fahrstuhl, mich in die dritte Etage zu befördern. Drei Minuten später stand ich in Poszilnys Vorzimmer. Es war in postmoderner Kargheit eingerichtet. Die Wände wurden von Hochglanzfotografien der zu vermittelnden Objekte geziert. In der Mitte des Raumes befanden sich ein Schreibtisch aus Mahagoni und ein schwarzer Drehstuhl. Auf diesem saß eine Blondine. Ihre modische Kurzhaarfrisur schien dem Interieur des Raumes angepaßt zu sein. Sie blickte angespannt auf den Monitor ihres Computers und ließ sich nicht im geringsten durch meine Anwesenheit stören. »Guten Tag.« Sie blickte zu mir hoch. »Oh, ich habe Sie gar nicht kommen hören.« »Mein Name ist Belkert. Ich bin auf der Suche nach einem Haus.« »Herr Poszilny befindet sich momentan in einer Besprechung mit einem Klienten. Danach hat er eine Verabredung in Münster. Sie können sich aber schon einmal selbst ein Bild von unseren Angeboten machen.« Sie schob mir einen Stapel Prospekte zu. Um den Anschein von Interesse zu wahren, griff ich mir wahllos ein Heft aus dem Stapel und blätterte darin. Wenn man sechs Richtige im Lotto hatte und zusätzlich einen Millionenkredit aufnahm, konnte man sich solche Häuser mühelos leisten. Poszilnys Klientel mußte sich aus Bankdirektoren und Ölscheichen rekrutieren. »Ist das alles? Wenn Sie nur Gartenhäuschen verscherbeln, bin ich hier falsch.« Die Miene von Brigitte Nielsen wurde ungleich freundlicher. »Vielleicht kann der Chef seinen Termin verschieben. Was Sie hier sehen, ist nur ein winziger Bruchteil unseres Angebotes.« Sie verschwand im Nebenzimmer. Wenige Augenblicke später kam sie mit zwei Männern im Schlepptau zurück. »Auf Wiedersehen, Herr Fuhrmann. Wir treffen uns am Fünfzehnten im Jachtclub. Viele Grüße an die Frau Gemahlin.« Der Dickere von beiden ließ sich hinauskomplementieren. Der andere, ein schlanker Endvierziger im Maßanzug, wendete sich mir zu. »Herr Belkert« schüttelte er mir die Hand. »Wenn Sie die Liebenswürdigkeit besitzen, mir in mein Büro zu folgen.«16 Er öffnete die Tür und überließ mir den Vortritt. Dieses Büro hätte ich auch gerne besessen. Die Möbel hatten einige zehntausend Mark mehr gekostet als ihre Gegenstücke im Vorzimmer. Ein Ventilator sorgte für permanente Luftzufuhr; meine Schritte wurden von einem Perserteppich gedämpft. Poszilny nahm hinter seinem Schreibtisch Platz, ich davor. »Es tut mir leid, daß Sie warten mußten, aber ich bin im Augenblick terminlich sehr eingespannt.« »Das macht nichts, Herr Poszilny. Ich hätte mir einen Termin geben lassen sollen.«17 Damit hatten wir genug Höflichkeiten ausgetauscht. »Wie Ihnen Ihre Sekretärin schon berichtet haben wird, möchte ich ein Haus erwerben.« »An was haben Sie denn gedacht? Yvonne sagte, Sie seien von den Objekten, die sie Ihnen präsentiert hätte, nicht sehr angetan gewesen.« »Ich bin als Manager bei der Cargo Trading GmbH beschäftigt. Wir vermitteln Warentermingeschäfte. Sie wissen sicherlich, daß sich unsere Branche im Augenblick einer über alle Maßen erfreulichen Konjunktur erfreut.« »Ja, sicherlich.« »Ich benötige daher ein Domizil, das sowohl einen meinem Einkommen angemessenen Wohnkomfort bietet als auch repräsentativen Zwecken dient. Ich kann meine Geschäftspartner schlecht in einem Reihenhaus empfangen.« »Ich verstehe. Wir haben etliche Grundstücke in unserer Kartei, die Ihr Wohlwollen finden dürften.« Er öffnete eine Schublade und förderte einige Fotos ans Tageslicht. Ich studierte sie ausgiebig. Dabei runzelte ich zweifelnd die Stirn. »Diese Gebäude befinden sich ausschließlich in Münster.« »Ich nahm an, daß Sie in Münster arbeiten und daher auch nicht weit von Ihrem Arbeitsplatz entfernt wohnen möchten.« »Ich arbeite zwar in Münster, ziehe es aber vor, auf dem Land oder in einer Kleinstadt zu leben. Neulich bin ich durch ein entzückendes Städtchen gefahren; Böckinghausen. Haben Sie dort ein Grundstück?« »Das habe ich.« Er zauberte einen weiteren Prospekt auf den Tisch des Hauses. Keine der Villen lag an der Waldstraße, Franz Eckolts Wohnstatt. Jetzt hieß es, möglichst unauffällig das Gespräch auf das für mich interessante Objekt zu bringen. Zum Glück hatte ich mir den Stadtplan von Böckinghausen besorgt und kannte die Namen der Straßen, die an die Waldstraße angrenzten. »Das ist leider die falsche Gegend. Bei meiner Fahrt durch Böckinghausen gefiel mir die Ecke Wiesenstraße/Feldstraße besonders gut.« »Da muß ich passen. Dort habe ich nichts anzubieten. Aber dieses Haus auf der Jakobstraße müßte Ihren Geschmack treffen.« Er zeigte mir ein weiteres Gebäude, daß mir auch nicht gefiel. »Besteht nicht die geringste Chance, daß in nächster Zeit auf der Wiesenstraße etwas zum Verkauf frei wird? Es könnte auch eine der angrenzenden Straßen sein.«18 »Ich bedaure. Trotz meiner weitreichenden Beziehungen ist mir nicht bekannt, daß in dieser Gegend Grundbesitz zu verkaufen ist.« Ich ließ mir einige Prospekte mitgeben. Dann verabschiedete ich mich mit dem Versprechen, in den nächsten Tagen anzurufen, falls ich etwas Interessantes in seinen Broschüren finden sollte. Diese Spur hatte sich als Blindgänger erwiesen. Es bestand zwar die Möglichkeit, daß Poszilny Franz Eckolts Grundstück als Bauplatz für einen Wolkenkratzer nutzen wollte, doch dies hielt ich angesichts der Infrastruktur von Böckinghausen für unwahrscheinlich. Außerdem war seine Angebotspalette so umfangreich, daß er für ein weiteres Objekt kaum zum Mörder werden mußte. Ich nahm mir vor, zunächst das weitere Umfeld des Ermordeten zu orten. Frau Eckolts Familie, insbesondere ihren Mann, wollte ich mir für den nächsten Tag aufheben. Die Sieperts ebenfalls. Heute konnte ich versuchen, Eckolts Bruder und seinen Schachpartner im Böckinghausener Altenheim aufzufinden. VII Es war siebzehn Uhr dreißig, als ich im Büro von Schwester Kunigunde mein Gesäß auf einem Stuhl niederließ, der an Härte dem Gesichtsausdruck der Oberschwester in nichts nachstand. »Lassen Sie mich raten: Mutter oder Vater sind geistig weggetreten, und wir sollen sie beaufsichtigen.« »Meine Eltern sind tot.« »Das tut mir leid, aber was wollen Sie sonst hier? Wir nehmen nur Leute ab sechzig und Behinderte auf. Keines von beidem scheint auf Sie zuzutreffen.« »Ich möchte Wilhelm Eckolt besuchen.« Ihre Stirn legte sich in Runzeln. »Ich habe Sie noch nie bei uns gesehen. Sie wollen dem alten Herrn doch nicht etwa ein unseriöses Geschäft anbieten?« »Mein Besuch ist rein privater Natur.« »Sie müssen meinen Argwohn verstehen. Es gibt genug Betrüger, die sich die Rente unserer Bewohner unter den Nagel reißen wollen. Zudem bekommt Herr Eckolt so gut wie nie Besuch. Der einzige aus seiner Verwandtschaft, der sich blicken ließ, war sein Bruder. Aber der ist vor ein paar Tagen gestorben.« »Ich weiß. Die Nichte von Herrn Eckolt hat mich mit der Aufklärung des Mordes beauftragt. Ich bin Privatdetektiv.« »Ich wußte nicht, daß er ermordet wurde. Falls Sie aber Herrn Ekkolt verdächtigen, muß ich Sie enttäuschen. Er sitzt im Rollstuhl. Das hindert ihn jedoch nicht, unser Pflegepersonal zu terrorisieren.« »Ich wollte mich nur zwanglos mit ihm unterhalten.« Schwester Kunigunde erhob sich. »Folgen Sie mir.«19 Wir stiefelten durch blassgrün gestrichene Gänge, die nach Bohnerwachs und Urin rochen. Ein Pfleger schob eine graumelierte Dame im Rollstuhl an uns vorbei. Sie winkte mir zu. »Einen wunderschönen Tag, Herr Genscher.« »Einen noch schöneren wünsche ich Ihnen, Frau Kohl.« Die Rollstuhlfahrerin lächelte geschmeichelt. »Ich bin doch nicht Frau Kohl. Gestatten, Blüm ist mein Name.« Sie rollte weiter. Schwester Kunigunde blickte mich strafend an. »Damit eines klar ist, junger Mann. Auch wenn viele unserer Bewohner verwirrt sind, haben Sie noch lange nicht das Recht, Schabernack mit ihnen zu treiben.« Ich gab mir den Anschein von Zerknirschtheit und wies auf meine Unerfahrenheit im Umgang mit Senioren hin. Das stimmte sie gnädiger. Wir näherten uns dem Ende des Korridors. Aus einem Zimmer hörte man schon von weitem lautes Gekeife. »Pass doch auf, Du Idiot! Es nützt meinen kaputten Beinen bestimmt nichts, wenn Du sie mit Deinen Wurstfingern zerquetscht.« »Aber Schwester Kunigunde hat gesagt...« »Was die alte Schabracke quasselt, interessiert mich nicht im geringsten. Wenn Du nicht sofort verschwindest, bekommst Du meinen Stock zu spüren, Du Armleuchter!« Ich blickte Kunigunde fragend an. »Herr Eckolt?« »In der Tat. Er ist einer unserer schwierigsten Bewohner. Mir selber hat er strengstens verboten, sein Zimmer zu betreten. Er behauptet steif und fest, daß ich seine Socken stehlen würde. Gehen Sie nur hinein.« Ich klopfte. »Herein, wenn es kein Pinguin ist.« Ich öffnete die Tür. Wilhelm Eckolt hätte Kojaks Zwillingsbruder sein können. Sein kahler Kopf glänzte wie eine Billardkugel. Er saß vor einem Tisch, auf dem ein Korb mit Obst, eine Bildzeitung und eine Kiste mit Zigarren standen. Seine Füße steckten in einem mit Wasser gefüllten Wännchen; seine Beine wurden von einem jungen Pfleger mit Salbe eingerieben. »Wenn Sie ein neuer Kaplan sind, der mir für eine kleine Spende einen Platz im Himmel sichern will, können Sie sich gleich verziehen!« »Ich heiße Nannen, bin Privatdetektiv und praktizierender Atheist.« »Privatdetektiv; so, so.«20 Er blickte auf den Pfleger herunter. »Siehst Du nicht, daß ich Besuch habe? Mach gefälligst die Tür von außen zu und suche Dir einen anderen Dummen, der sich von Dir malträtieren läßt!« Mit einer drohenden Gebärde hob er einen Stock, der auf seiner Sessellehne gelegen hatte. Der Junge ließ sich nicht zweimal bitten und verließ das Zimmer. Wenn Franz einen genauso angenehmen Charakter wie sein Bruder gehabt hatte, konnte ich ohne weiteres die Aversionen von zwei Dritteln seiner Sprößlinge gegen ihn verstehen. »Zivildienstleistende, arbeitsscheues Gesindel!« Ich pflichtete ihm bei. »Ich nehme an, Sie kommen wegen Franz.« »Ganz recht. Seine Tochter Christa Kerner hat mich durch ihre Schwägerin beauftragen lassen.« »Die eine ist fett und blöd, die andere nur blöd. Auf jeden Fall tut mir Christa kein bißchen leid. Ein paar Monate Wasser und Brot werden ihr nicht schaden.« »Warum sind Sie so verbittert, Herr Eckolt?« »Hören Sie zu, Nannen. Christa hat sich bei meinem Bruder immer nur eingeschissen. Selbst als ihr Mann im Sterben lag, hat sie lieber ihrem Vater die Böden gescheuert, als dem Gatten einen schönen Lebensabend zu bereiten. Dabei wollte mein Bruder ihre ständige Bemutterung überhaupt nicht. Sie glaubte aber, er könne ohne ihre Hilfe nicht leben. Völliger Humbug.« »Und was haben Sie gegen Irene Eckolt?« »Ich sehe, Sie kennen meinen Neffen Heinz noch nicht. Ein aalglatter Hecht. Eine Frau, die so einen karrieregeilen Bock heiratet, kann ich beim besten Willen nicht ernst nehmen. Heinz hat nichts als Weiber und Moneten im Kopf. Ich möchte wetten, daß er, wenn sie die Wäsche im Garten aufhängt, im Wohnzimmer mit seiner Sekretärin herummacht. Sie sehen, ich bin mit einer netten Sippe verwandt.« »Wie standen Sie zu Franz?« »Franz war in Ordnung. Er mochte seine Kinder genauso wenig wie ich.« »Haben Sie einen Verdacht, wer Ihren Bruder umgebracht haben könnte? Motive scheint es genug zu geben.« »Heinz weint seinem Vater keine Träne nach, da bin ich mir sicher. Aber warum sollte er ihn umbringen; er hat mehr Geld als er ausgeben kann. Christa fällt auch weg; sie kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Bleiben die Sieperts, über sie haben wir noch nicht gesprochen. Er ist Dauerarbeitsloser, sie eine Schlampe. Ihnen würde ich am ehesten einen Mord zutrauen. Franz hat Helga verstoßen, als sie den Halunken geheiratet hat. Sie sind immer pleite und haben Franz jahrelang angepumpt. Ich schätze, sie sitzen schon in den Startlöchern, um rechtzeitig zur Testamentseröffnung zu kommen.« Bis jetzt hatte er nichts Aufschlußreiches erzählt. Franz Eckolt lag mit seiner ganzen Verwandtschaft im Clinch. Das wußte ich bereits von meiner Auftraggeberin. Auf jeden Fall mußte ich mir selbst ein Bild von Heinz Eckolt und den Sieperts machen. Der gute Wilhelm sah alles durch seine vom Haß gefärbte Brille. »Fällt Ihnen etwas zu dem Namen Poszilny ein? Er hat ein Maklerbüro in Münster.«21 »Fehlanzeige, junger Mann. Ich bin jetzt müde. Sagen Sie im Schwesternzimmer Bescheid, daß ich in mein Bett gebracht werden will. Sie sollen mir aber nicht diese Memme von vorhin schicken.« »Eine letzte Frage. Ihr Bruder soll mit einem Ihrer Mitbewohner regelmäßig Schach gespielt haben.« »Otto Baumeister. Es ist mir ein Rätsel, was Franz an dem gefunden hat. Zimmer zweihundertvierzig.« Ich verabschiedete mich. Als ich halb zur Tür hinaus war, fragte er mich noch, ob ich nicht eine Sockendiebin dingfest machen wolle. Ich entgegnete, daß ich im Augenblick für weitere Aufträge zu beschäftigt sei. VIII Eine halbe Stunde später befand ich mich in einer auswegslosen Situation. Mein König war von zwei Läufern und einem Turm eingekesselt; die Dame hielt mich im Schach. »Das war es dann wohl, Dieter.« Otto Baumeister lehnte sich zurück und zog an seiner Zigarette. Die Schachpartie hatte ganze zehn Minuten gedauert. Obwohl ich erst zweimal in meinem Leben vor einem Schachbrett gesessen hatte, deprimierte mich die Niederlage. Otto - er hatte mir sofort das "Du" angeboten - war von ganz anderem Kaliber als Wilhelm Eckolt. Der flotte Mittsiebziger war promovierter Germanist. Nach dem Tod seiner Frau hatte er das Essen auf Rädern satt gehabt und war in das Altenheim gezogen. Eigentlich wollte er nur unter Menschen kommen, doch die meisten Bewohner des Raphaelheimes konnte man nicht mehr als Menschen bezeichnen. Sie schliefen, bekamen Nahrung eingetrichtert und schieden diese aus. Die einen waren halb verrückt, die anderen von Menschenhaß zerfressen wie Wilhelm Eckolt. Wir kamen auf Franz zu sprechen. »Ich habe ihn kennengelernt, als er seinen Bruder besuchte. Er erwähnte, daß er leidenschaftlich Schach spiele. Ich mochte ihn. Also trafen wir uns regelmäßig zum Gefecht. Er spielte übrigens wesentlich besser als Du.« »Was war er für ein Mensch?« »Franz war ein absoluter Moralist. Deshalb kam er auch mit seinen Kindern nicht klar. Dieser Heinz muß das größte Ekel sein, das seine Füße auf unseren Planeten gesetzt hat. Er erinnert mich an Diederich Heßling aus dem Untertan von Heinrich Mann. Nach oben buckeln und nach unten treten; der typische Radfahrer. Ich habe ihn kennengelernt, als wir bei Franz waren. Gleich hatten sich die beiden in den Haaren. Seine Kinder stehen dem Vater in nichts nach. Kurt studiert Informatik. Das Klischee vom armen Studenten trifft auf ihn beileibe nicht zu. Er ist Mitglied im Golfclub und fährt einen Porsche. Ferner ist er im Vorstand der Jungen Union von Havixbeck. Seine Schwester studiert Betriebswirtschaftslehre im dritten Semester. Obwohl sie dumm wie Stroh ist, hat sie die meisten Klausuren mit Auszeichnung bestanden. Franz hatte mehrere Thesen darüber, wie sie das geschafft hat. Wenn Du Thekla siehst, weißt Du, was er damit meinte.« »Ich will mir die Genossen morgen zu Gemüte führen. Meinst Du, daß etwas dabei herumkommt?« »Kann sein, kann aber auch nicht sein.«22 »Weißt Du etwas über einen Gerd Poszilny?« »Wer soll das sein?« »Ein Makler aus Münster. Franz soll sich vor seinem Tod einige Male mit ihm getroffen haben.« »Ich erinnere mich dunkel. Vor ungefähr einer Woche traf ich Franz äußerst aufgeregt an. Er sagte, da sei eine riesige Schweinerei im Gange; ein Makler aus Münster sei darin verwickelt. Er wollte mir aber nichts näheres mitteilen. Zwei Tage später habe ich ihn noch einmal getroffen. Weil er diese Angelegenheit nicht mehr erwähnte, dachte ich, sie hätte sich erledigt.« Ich berichtete Otto von Christas Verdacht und meinem Besuch bei Poszilny. »Vielleicht hast Du den Hebel an der falschen Stelle angesetzt. Die Verbindung von Franz und Poszilny kann auch auf einer ganz anderen Grundlage basieren, als Du annimmst. Nimm diese Schachaufgabe.« Er baute eine Figurenkonstellation vor mir auf. »Weiß ist in drei Zügen matt. Wie gehst Du vor?« »Nun, der Turm ist die Figur mit der höchsten Wertigkeit. Daher sehe ich, ob ich mit dem Turm dem weißen König Schach bieten kann.« Otto lächelte. Er zog einen Bauern vor und bot mir Schach. Ich hatte nur eine Möglichkeit, den König zu setzen. Darauf griff der zweite Bauer an. Wiederum blieb mir nur ein Feld, den König in Sicherheit zu bringen. Dann folgte der Knockout: Otto setzte mich mit einem Springer matt. »Siehst Du, was ich meine? Das Offensichtliche ist manchmal ein Irrweg bei der Wahrheitsfindung. Aber ich denke, Du handelst richtig, indem Du zunächst das Umfeld von Franz erkundest. Da fällt bestimmt manch nützlicher Hinweis ab. Bevor Du den König mattsetzen kannst, müssen schließlich zuerst die Figuren auf dem Brett aufgebaut werden. Aber jetzt haben wir genug über diese unerfreuliche Geschichte geredet. Ich habe Durst. Ich hoffe, Du bist kein Abstinenzler.« Ich entgegnete, daß ich ein gutes Bier zu schätzen wüßte. Otto zog sein Jackett an.23 »Jetzt wird es ein bißchen gefährlich. Schwester Kunigunde sieht es nicht gern, wenn ihre Schäflein nach acht Uhr das Haus verlassen.« Er reichte mir einen Regenschirm. Ich spannte ihn auf. Wir schlichen uns durch die mittlerweile leeren Gänge. Als wir kurz vor der Pforte angelangt waren, hielt ich den Schirm seitlich neben mich. Er verbarg den krabbelnden Otto. »Haben Sie etwas herausgefunden, junger Mann?« Die Oberschwester blickte von ihrem Strickzeug auf. »Bei Herrn Eckolt fehlen Socken.« »Kommen Sie mir nicht frech.« Als wir schon fast draußen waren, sagte sie noch etwas. Es klang wie "warum hat er seinen Regenschirm aufgespannt? Es regnet doch gar nicht". Während wir zum Auto liefen, rieb sich Otto diebisch die Hände. »Wieso hat sie Dich nicht erkannt?« »Sie hatte ihre Lesebrille auf. Alles, was weiter als zwei Meter entfernt ist, kann sie nicht erkennen.« Wir fuhren zu einer Kneipe, die "Zum Lumpenkerl" hieß: Ottos Stammlokal. An der Theke saßen zwei Muskelprotze, wie man sie aus amerikanischen Truckerfilmen kannte. Auch die zwanzig Nummern zu großen Holzfällerhemden konnten ihre Bierbäuche nicht kaschieren. Ansonsten war der Schuppen leer. Eine aufgeschwemmte Blondine, die in Schminke gebadet haben mußte, trabte zu unserem Tisch. »Nen schönen Abend, Otto. Wen hast Du uns denn da Nettes angeschleppt?« »Guten Abend, Heidi. Das ist Dieter, ein Freund von mir. Bringst Du uns bitte zwei Blonde und zwei Kurze?« Heidi zwinkerte mir mit aller verfügbaren Erotik zu. Dann schwabbelte sie los, um unsere Getränke zu holen. »Sei bloß nicht unfreundlich, Dieter. Wenn sie mit Dir flirtet, und Du nicht darauf eingehst, kann das übel für Dich ausgehen.« Er zeigte auf einen der Bierbäuche. »Das ist ihr Mann Egon. Er neigt zu krankhafter Eifersucht. Wenn ihr ein Gast einen Korb gibt, erzählt sie Egon, er habe sie angemacht. Dann fliegen die Fetzen.« Heidi kehrte zurück. Auf einem Tablett balancierte sie unsere Bestellung. »Hast Du heute abend etwas vor, Seemann?« »Das Leben ist kurz, die Nächte sind lang.« »Ich sehe, wir verstehen uns.« Sie schenkte mir ein erregendes Lächeln. Dann ließ sie sich hinter der Theke nieder und warf mir schmachtende Blicke zu. »Das hast Du ausgezeichnet gemeistert, mein Sohn. Was hältst Du von einem Trinkspiel?«24 »Was schlägst Du vor? Mäxchen?« Sein Vorschlag war besser: Wir zitierten abwechselnd aus unseren Lieblingsbüchern; der andere mußte Autor und Titel raten. Wer zum drittenmal passen mußte, durfte sich ein Pinnchen Münsterländer Wacholder genehmigen. Mein Start war katastrophal. Nietzsche, Hesse und Beckett bereiteten Otto keine Probleme. Gryphius, Lessing und Goethe bereiteten Dieter große Probleme. Nach einer halben Stunde lagen wir gleichauf. Otto bemühte unbekannte Barock- und Klassikdichter, ich griff auf meine Kenntnisse der zeitgenössischen Kriminal- und Science-Fiction-Literatur zurück. Nach ungefähr zwei Stunden verschwand Heidi in Richtung Toilette. Diese Gelegenheit nutzte ich und drückte ihrem Mann siebzig Mark in die Hand. Dann verdufteten wir. Ich setzte Otto am Altenheim ab. Er sagte, er habe sich einen Zweitschlüssel anfertigen lassen und komme ohne Mühe hinein. Ich versprach, ihm von den weiteren Ermittlungen zu berichten. Dann machte ich mich auf den Heimweg und betete, daß ich keiner Streife begegnete. IX Am nächsten Morgen fütterte ich vor dem Frühstück die Kaninchen. Sie hatten mittlerweile genügend Speck angesetzt, um in den Kochtopf wandern zu können. Leider war mein Erbonkel Hugo Simon anderer Meinung gewesen. In seinem Testament hatte er den Kleefressern das Nießbrauchrecht bis zu ihrem natürlichen Tod eingeräumt. Anschließend holte ich aus der Bäckerei zwei Zwiebelbrötchen und begoß den neuen Tag mit einer Kanne Kaffee. Es folgten die obligatorischen drei Morgenzigaretten.25 Heute wollte ich die mir noch unbekannten Nachfahren von Franz Eckolt kennenlernen. Das bedeutete, daß ich einen Abstecher nach Rheine machen mußte. Da Sieperts einzige Beschäftigung darin bestand, das Sozialamt um achthundert Mark zu erleichtern, war die Wahrscheinlichkeit groß, ihn zu Hause anzutreffen. Danach würde ich mich mit Heinz Eckolt unterhalten. Wenn er wirklich ein so angenehmer Zeitgenosse war, wie ihn Otto und sein Onkel beschrieben hatten, versprach ich mir von diesem Gespräch viel Vergnügen. Ich rief Frau Eckolt an und erfuhr die Adresse der Computerfirma. Sie versicherte, daß Heinz dort bis sechs Uhr vorzufinden sei. Ich bestieg meinen Golf und düste über die Autobahn nach Rheine. Wenn ich diesen Auftrag erfolgreich abgeschlossen hatte, wollte ich mir einen neuen Wagen zulegen, denn gerade im Juli erwies sich die defekte Lüftung als äußerst unangenehm. Während im Radio Jello Biafra den amerikanischen Alptraum besang, konnte ich nur mit einer Hand das Steuer umklammern; mit der anderen wischte ich den Schweiß von der Stirn. Nach einer knappen Dreiviertelstunde parkte mein Wagen vor einem Supermarkt in Rheine. Dank der ortskundigen Kassiererin hatte ich fünf Minuten später die Willy-Brandt-Straße gefunden, laut mei- nen Notizen die Adresse der Sieperts. Sie wurde von hohen Mietskasernen eingerahmt, an denen die Altbautensanierung in Eilschritten vorbeimarschiert war. Sie hatte wohl erkannt, daß hier Hopfen und Malz verloren waren. Die meisten Mauern wurden von Rissen verziert, die mich an Spinnennetze erinnerten. Eine klar definierbare Farbe konnte man ihnen nicht zuordnen. Auf dem Bürgersteig spielten vier Jungen Fußball mit einer leeren Coladose. Zwei weitere Büchsen dienten als Torpfosten. Als mir der Ball vor die Füße rollte, dribbelte ich auf das Tor zu und verlud den Keeper. »He, gar nicht so schlecht, Opa.« »War früher Linksaußen auf Schalke. Wißt Ihr, wo die Sieperts wohnen?« Ein Zwölfjähriger baute sich vor mir auf. »Was willst Du von meinen Alten?« »Sie haben im Lotto gewonnen, und ich soll den Scheck überbringen.« »Ei, Kevin, dann kannst Du Dir die Chevignonjacke kaufen.« Kevin hatte es auf einmal eilig. Die Sieperts wohnten nur ein Haus von dem Fußballplatz entfernt. Kevin klingelte. Man hörte jemanden in Richtung Tür latschen. »Wer ist da?«26 Eine Reibeisenstimme hallte durch das ganze Treppenhaus. »Kevin. Hier ist ein Kerl von der Lottogesellschaft. Wir haben gewonnen.« »Ja, echt?« Die Tür öffnete sich. Eine Frau in einem angeschmuddelten gelben Kleid stand auf der Schwelle. Die Lockenwickler im Haar harmonierten perfekt mit den Krampfadern ihrer Beine. Diese wiesen zu alledem eine dichte Behaarung auf. Ich konnte mich nur mit Mühe von diesem Anblick, der zum Glück nicht von Strümpfen verdeckt wurde, losreißen. »Was ist los, Helga?« »Hier ist ein Kerl von der Lottogesellschaft. Wir haben gewonnen, sagt der Köttel.« »Moment.« Ich hörte, wie sich jemand von einem Sofa hochhievte. »Darf ich hereinkommen, Frau Siepert?« »Natürlich.« Ich stand gerade in dem mit Sperrmüllteppichen ausgelegten Flur, als sich ein Schrank von einem Mann um die Ecke bewegte. »Was läßt Du den Kanacken rein? Wir können überhaupt nicht im Lotto gewonnen haben.« Er beäugte mich mißtrauisch. Wahrscheinlich witterte er in mir einen Beamten vom Sozialamt, der die Angaben auf seinem Antrag nachprüfen wollte. »Können Sie sich ausweisen?« Auch Karl Siepert bot keinen appetitlicheren Anblick als seine Frau. Der einzige Unterschied bestand darin, daß seine Behaarung aus dem bis zum Bauchnabel geöffneten Hemd quoll. Zum Glück mußte ich ihnen keine Noten in einer Schönheitskonkurrenz erteilen. »Ihr Sprößling muß mich falsch verstanden haben. Ich arbeite als Privatdetektiv im Auftrag von Christa Kerner. Ich soll den Mord an Ihrem Vater beziehungsweise Schwiegervater aufklären.« »Geh spielen.«27 Karl warf seinem Sohn einen drohenden Blick zu. Ich konnte mir denken, daß Kevin schon häufig Bekanntschaft mit Vaters Schlappen gemacht hatte. Die Tür fiel mit lautem Krachen ins Schloß. »Wie oft habe ich Dir schon gesagt: Knall die Tür nicht zu!« Siepert gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, ihm in die weiteren Räume dieses Loches zu folgen. Das Wohn- oder Eßzimmer hätte einer Fernsehdokumentation über die unteren Zehntausend entspringen können. Auf einem mit Plastikfolie abgedeckten Tisch tummelten sich die Überreste vom Frühstück. Auf drei Tellern schwammen abgeschnittene Brotkrusten in Mayonnaiselachen. Das Stilleben wurde durch zwei leere und eine halbvolle Bierflasche zur ausgewogenen Komposition ergänzt. Siepert hatte anscheinend keine Lust gehabt, den gesamten Sperrmüll zu plündern, denn vom Boden starrte mich der blanke Beton an. Die Tapete war mit Löchern übersät. Doch dieses Problem hatte Karl meisterhaft gelöst, indem er alte Zeitungen über die schadhaften Stellen geklebt hatte. Ich ließ mich auf das von Zigarettenasche angegraute Sofa nieder. Siepert setzte sich auf den Sessel vor dem laufenden Fernseher. »Stell die Kiste aus!« Helga leistete seinem Befehl ohne Zögern Folge. Siepert ergriff eine Bierflasche und nahm einen tiefen Zug. Dann gurgelte er, schluckte und rülpste. »Habe ich Sie richtig verstanden? Sie sind ein Schnüffler?« »Wie schon gesagt. Ich soll die Unschuld von Frau Kerner beweisen.« »Da muß ich Sie enttäuschen« grinste er hämisch »ich habe mit meiner reichen Verwandtschaft nicht das Geringste zu schaffen. Als Helga mich geheiratet hat, kannte sie keiner mehr.« »Ich habe gehört, daß Sie finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet sind.« »Das klingt, als wollten Sie mich verdächtigen?« »Sie haben das stärkste Motiv. Eckolts Erbe käme Ihnen doch gerade recht.« »Du elender Saftsack! Denkst Du vielleicht, der Eckolt vermacht uns einen Pfennig? Eher würde er seine Kohle verbrennen lassen.« Siepert erhob sich und näherte sich dem Sofa. Es war an der Zeit, den Rückzug anzutreten. Ich merkte aber schnell, daß ich Karls Beweglichkeit unterschätzt hatte. Ich befand mich schon mit einem Bein im Flur, als mich ein Schlag auf den Hinterkopf niederstreckte. Ein grauer Schleier legte sich auf meine Augen, meine Beine knickten ein wie Watte, und kurz darauf schlug mein arg strapazierter Kopf auf den siffigen Boden. Mein Unterbewußtsein registrierte nur noch, daß mich zwei Arme hochhoben und in eine unbestimmbare Richtung schleiften. Dabei wechselten wir dreimal die Richtung. Dann wurde ich fallen gelassen. Der Untergrund fühlte sich sandig an. Nachdem ich dies festgestellt hatte, knallte es noch einmal in meinem Kopf. X »Wach auf, Du Schlafmütze!« Ich versuchte, meine Augen aufzuschlagen, was nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, auch gelang. Ich lag auf einer Bank in einer Gartenlaube. »Trink einen Schluck.« Ein bärtiges Etwas hielt mir einen Becher mit einer braunen Flüssigkeit hin. Ich trank ihn mit einem Schluck aus. Mein Magen zog sich zusammen. »Was ist denn das für ein Fusel?« »Hat ein Kumpel von mir gebraut. Das Zeug weckt Tote auf.« »In der Tat.«28 Ich fragte meinen neuen Freund, wo er mich gefunden habe. »Du lagst in einer Hofeinfahrt, ungefähr zwanzig Meter von hier entfernt. Ich dachte, das sei kein angemessener Schlafplatz für einen Kollegen.« Ich kontrollierte den Inhalt meines Portemonnaies. Alles war so, wie es sein sollte. Ich drückte ihm zwanzig Mark für seine Rettungsaktion in die Hand und machte mich mit brummendem Schädel auf die Suche nach meinem Wagen. Nach fünf Minuten hatte ich ihn gefun- den. Ich ließ mich in den Fahrersitz fallen und befühlte meinen Kopf. Siepert hatte mir ein schönes Ding verpaßt. Mein Hinterkopf war auf das Doppelte seines natürlichen Umfangs angeschwollen. Ich klopfte eine Zigarette aus dem fast leeren Päckchen, zündete sie an und begab mich auf den Heimweg. Die Autouhr zeigte siebzehn Uhr an. Ich mußte mich beeilen, wenn ich Heinz noch erwischen wollte. Eckolts Büro lag in einem Hochhaus, in dem auch andere Firmen ihren Beitrag zur Steigerung des Bruttosozialproduktes leisteten. Die meisten Geschäftsräume waren an Kredithaie vermietet. An der Eingangstür verwies mich ein Schild mit der Aufschrift "Ferror Computer - Heinz Eckolt" in den vierten Stock. Dort erwartete Eckolt mich schon. Ich sah weder eine Sekretärin noch sonst jemanden. Eckolt mußte jünger als seine Frau sein, zumindest hatte er sich besser gehalten. Er trug einen dunklen Anzug. Die buntgemusterte Krawatte ließ ihn weniger konservativ erscheinen. Eckolts Begrüßung fiel frostig aus.29 »Wenn meine Frau Ihnen sagt, Sie können bis achtzehn Uhr vorbeikommen, heißt das nicht, daß Sie auf den letzten Drücker erscheinen müssen. Ich wollte viel früher Feierabend machen und bin nur geblieben, weil meiner Frau so viel an der Sache liegt.« Ich entgegnete, daß ich unvorhergesehen aufgehalten worden wäre. »Schon gut. Stellen Sie Ihre Fragen.« Ich ging meine übliche Liste durch. »Haben Sie Anhaltspunkte, wer Ihren Vater auf dem Gewissen haben könnte?« »Nein, nicht die geringsten. Wenn Sie mich fragen, kann es nur Christa gewesen sein.« »Was sollte Ihre Schwester zu einer solchen Tat treiben?« Eckolt überlegte. »Ach, was weiß denn ich. Geld? Hass? Ich habe Christa seit Monaten nicht mehr gesprochen. Wenn sie sich mit meiner Frau zum Kaffeekränzchen trifft, bin ich im Büro. Daher kann ich mir auch nicht vorstellen, was in meiner Schwester vorgeht. Aber sie war kurz nach dem Mord am Tatort. Das reicht aus, um sie zu verdächtigen.« »Hatte Ihr Vater Feinde, die Vorteile aus seinem Ableben ziehen?« »Keine Ahnung. Jetzt muß ich unsere Unterredung abbrechen. Ich habe ein Geschäftsessen, das ich hinter mich bringen muß. Außerdem bin ich der Ansicht, daß Sie sowieso nur Ihre Zeit und unser Geld verschwenden. Ich entziehe Ihnen den Auftrag.« »Ich wurde von Ihrer Frau und Christa Kerner beauftragt. Nur sie können mir den Auftrag entziehen.« »Verschwinden Sie, Nannen!« »Eine Frage hätte ich noch: Kennen Sie einen Makler namens Poszilny? Er soll in der letzten Zeit mehrmals Ihren Vater besucht haben.« »Poszilny? Nein, noch nie...« »Schatzi, ich möchte gehen.« Entweder hatte Frau Eckolt dreißig Kilo abgenommen, ihre Haut gelb gefärbt und die Augen auf Mandelform operieren lassen, oder Heinz Eckolt hatte eine asiatische Geliebte. »Wollen Sie mich nicht Ihrer Freundin vorstellen, bevor ich gehe?« »Du Idiot!« Eckolt funkelte das Mädchen wutentbrannt an. »Wenn Sie Mandy gegenüber meiner Frau mit nur einer Silbe erwähnen, sind Sie tot. Das schwöre ich Ihnen.« Ich verzog mich, um einer weiteren Auseinandersetzung zu entgehen, und brauste nach Hause, um mich bei einigen Bierchen und einem heißen Bad zu entspannen. Ich hatte die dritte Flasche geköpft und wollte gerade in die Badewanne steigen, als mein Telefon klingelte. »Nannen.« »Hier ist Otto. Hast Du etwas herausbekommen?« Ich berichtete ihm von meinen Mißerfolgen.30 »Mir ist etwas eingefallen. Hast Du schon in Franz' Haus nach Hinweisen gesucht? Soweit ich mich erinnere, hat er ein Tagebuch geführt.« Ich ärgerte mich, daß ich nicht von selbst auf diese Idee gekommen war. Ich bedankte mich bei Otto, ließ das Wasser aus der Wanne und bestieg erneut mein Auto. Eckolts Haus gehörte zwar zu Böckinghausen, lag aber genau wie meines ungefähr einen Kilometer vom Ortskern entfernt. Das alte Fachwerkhaus wurde von einer Steinmauer eingezäunt, auf der Efeu und wilder Wein wucherten. Ich umrundete das Grundstück und gelangte an ein Tor, das verschlossen war. Dies änderte sich auch nicht, als ich davortrat. Dafür schmerzte jetzt nicht nur mein Kopf, sondern auch mein Fuß. Ich beschloß, den leichteren Weg zu wählen, und kletterte über die Mauer. Direkt unter mir war ein Komposthaufen. Ich sprang und landete zwischen verfaulten Tomaten und verrottendem Gras. Ich bedauerte, eine gute Hose angezogen zu haben. Ich stiefelte zur Vordertür. Sie war versiegelt. Da ich das Polizeisiegel nach Möglichkeit nicht brechen wollte, mußte ich einen anderen Weg ins Innere finden. Ich kehrte um und suchte einen Seitenein- gang. An der Rückseite des Gebäudes fand ich eine Treppe, die zum Keller führen mußte. Auch diese Tür mußte versiegelt gewesen sein, wie mir die auf dem Boden liegende Plakette bewies. Ich ging um die Ecke und stolperte über ein Brett. Jemand mußte es aus der Tür herausgebrochen und durch die Lücke hindurch den Riegel zur Seite geschoben haben. Anscheinend hatte ein anderer die gleiche Idee wie Otto gehabt.31 Ich öffnete die Tür und betrat den Keller. Das Licht der Abenddämmerung reichte aus, um ohne Gefahr für Leib und Leben den Weg durch das Untergeschoß zu finden. An Heizungsrohren und eingelagerten Kartoffeln vorbei schlich ich bis zu einer weiteren Treppe, die nach oben führte. So leise wie möglich bewegte ich mich die zwölf Holzstufen empor. Zweimal verursachte ich ein leichtes Knarzen. Die Tür zur Wohnung war angelehnt. Ich öffnete sie einen Spalt. Da im gesamten Erdgeschoß die Rolläden heruntergelassen waren, konnte ich zuerst nichts erkennen. Ich kramte die Taschenlampe aus meiner Jacke und ließ den Strahl durch den Raum gleiten. Ich befand mich in der Küche. Eckolt mußte im Gegensatz zu mir sehr ordentlich gewesen sein. Die Trockentücher lagen fein säuberlich gefaltet auf einem Stoß. Auf dem Tisch stand eine verdorrte Topfblume. Ich war gespannt, was die anderen Räume Interessantes zu bieten hatten. Ich betrat den Flur. Einige Aquarelle, darunter ein Dix und ein Gauguin, zierten die Wände. Wenn ich mich nicht vollkommen täuschte, handelte es sich ausschließlich um Originale. Als ich am Ende des Flures anlangte, überkam mich das Gefühl, daß irgendetwas nicht stimmte. Im Raum vor mir war Licht. Da ich mit der Taschenlampe nicht gerade vorsichtig zu Werke gegangen war, hätte mich die Person, die durch Eckolts Haus geisterte, leicht bemerken können. Sofort ließ ich den Flur in tiefste Dunkelheit tauchen und pirschte mich zu der Tür. Als ich um die Ecke spähte, erhielt mein Hinterkopf den nächsten Schlag an diesem Tag. Diesmal registrierte mein Unterbewußtsein nichts mehr. XI Als ich zum zweiten Mal an diesem Tag aus der Bewußtlosigkeit erwachte, wurde mir kein Fusel, sondern dünner Kaffee eingeflößt. Mein Retter war auch kein Berber, sondern die Böckinghausener Polizei. Man hatte mich in eine Bullenschleuder verfrachtet und zur Wache gefahren. Dort hatte ich meine Aussage zu Protokoll gegeben. Ich saß auf einem knochenharten Stuhl, und eine Schreibtischlampe blendete mich. Kommissar Weber nippte an seiner Tasse. »Ich fasse Ihre Aussage zusammen: In Ihrer Eigenschaft als Privatdetektiv suchten Sie Franz Eckolts Haus auf. Sie fanden eine aufgebrochene Tür. Als Sie nach dem Eindringling forschten, wurden Sie niedergeschlagen.« »Das ist korrekt.« »Sie überzeugen mich nicht, Nannen. Wir fanden nur Sie am Tatort vor. Natürlich ist es bedauerlich, daß der Radfahrer, der Licht in Eckolts Haus gesehen und uns verständigt hat, anonym bleiben wollte. Aber die Fakten sprechen für sich. Sie sind der einzige Verdächtige und das Brechen eines Polizeisiegels stellt ein schweres Vergehen dar.« »Ich sagte Ihnen bereits, daß das Polizeisiegel schon auf dem Boden lag, als ich eintraf.« »Das sagen Sie. Das kann man glauben oder auch nicht.« »Wie wäre es, wenn Sie das Haus nach Fingerabdrücken überprüfen und diese mit denen vergleichen, die Sie nach Eckolts Tod gefunden haben?« »Das werden wir morgen erledigen. Bis dahin bleiben Sie in Polizeigewahrsam.«32 »Sie wollen mich wegen angeblichen Siegelbruchs in den Knast stecken?« »Sie verheimlichen uns den Grund Ihres Einbruchs, weil Sie sich der Schweigepflicht verbunden fühlen. Das ist Ihr Recht. Es ist aber meine Pflicht, Gesetzesverstöße zu ahnden und Verbrechen aufzuklären. Solange Sie auf dem Roß Ihrer Berufsethik reiten, muß ich Sie in Gewahrsam nehmen. Wenn Sie mir verraten, was Sie in Eckolts Wohnung gesucht haben, können Sie gehen.« »Und den Schlag auf den Kopf habe ich mir selbst zugefügt?« »Herr Nannen. Letzte Woche bin ich auf der Treppe ausgerutscht und hingefallen. Da war ich ebenfalls bewußtlos und hatte anschließend eine Beule am Hinterkopf.« Es hatte keinen Sinn. Wahrscheinlich war Webers Gemahlin mit einem Privatdetektiv durchgebrannt, denn anders konnte ich mir das Verhalten des Bullen nicht erklären. Ich durfte das Protokoll unterschreiben. Dann verfrachtete man mich in eine Arrestzelle des Böckinghausener Gefängnisses. Die Einrichtung meiner Schlafstätte war äußerst spartanisch. Eine Holzpritsche, ein Tisch, ein Waschbecken, das war alles. Man versuchte jede Möglichkeit auszuschalten, die sich dem Gefangenen zum Selbstmord bot. Deswegen hatte man mir auch die Zigaretten weggenommen. Ich legte mich auf das Bett und versuchte einzuschlafen. Diese Bemühung scheiterte kläglich. Zum einen brummten mehrere Bienenvölker in meinem Schädel, zum anderen fiel mir die Anpassung an die neue Behausung nicht leicht. Wie ich die Situation einschätzte, hatte ich in den letzten beiden Tagen nur meine Zeit verschwendet. Baumeisters Idee, Eckolts Wohnung zu durchsuchen, war die erste vielversprechende Aktion gewesen. Doch wer dieses Haus betrat, landete im Knast; zuerst Christa Kerner, jetzt ich. Ich ließ die vergangenen zwei Tage Revue passieren. Im Gespräch mit Poszilny war keine Verbindung zu Franz Eckolt erkennbar. Seinen Namen kannte ich nur von Kerner und Frau Eckolt. Außerdem wußte er nicht, daß es sich bei dem harmlosen Interessenten für Grundstücke um einen Privatdetektiv handelte.33 Siepert war ein arbeitsscheuer Asozialer, der jedwedem Kontakt mit der Polizei und privaten Schnüfflern aus dem Weg ging, um weiterhin ungefährdet den Staat abzuzocken. Wahrscheinlich rechnete er damit, ein paar Mark von Eckolt zu erben, aber es gab keinen Anhaltspunkt, der ihn verdächtig erscheinen ließ. Heinz Eckolt hielt sich eine Geliebte. Otto hatte mir bereits erzählt, daß er sich an jedem Weiberrock zu schaffen machte. Seine Frau wußte nichts von seiner überschüssigen Hormonproduktion. Eckolt hatte mir unmißverständlich zu verstehen gegeben, was mit mir passieren würde, wenn ich seiner Frau verriet, wofür er seinen Schreibtisch im Büro wirklich nutzte. Warum eigentlich? Wenn sie die Scheidung einreichen würde, könnte Heinz doch wesentlich ungestörter seinen Trieben freien Lauf lassen. Andererseits kostete eine Trennung heutzutage viel Geld. Folglich hatte Heinz Eckolt zwar ein Motiv, mich von der Bildfläche verschwinden zu lassen, aber ich konnte keinen Grund erkennen, warum er das Haus seines Vaters durchsuchen sollte. Was war mit Otto Baumeister? Schließlich hatte er mir den Tip gegeben, bei Eckolts Haus vorbeizuschauen. Ich konnte mir jedoch beim besten Willen nicht vorstellen, daß Otto etwas mit der Sache zu tun hatte. Solange es andere Verdächtige gab, wollte ich meiner Menschenkenntnis vertrauen und den Rentner aus dem Spiel lassen. Ein weiterer Umstand komplizierte die Angelegenheit: Außer mir mußten mindestens zwei Besucher in der Efeuvilla ihr Unwesen getrieben haben. Während der eine mich mit seiner Taschenlampe wie ein Glühwürmchen anlockte, schlich sich der andere von hinten an und mißbrauchte meinen Kopf als Sandsack. Die nächste Frage war, wie ich meine Ermittlungen fortsetzen konnte. Ich kannte keinen, der auf Weber Druck ausüben und mir zu einer schnellen Freilassung verhelfen konnte. Schließlich mußte ich doch eingenickt sein, denn plötzlich stand Schwester Kunigunde vor mir. Zu Tode erschreckt ließ ich eine Bierflasche auf ihren Kopf krachen. Daraufhin zauberte sie einen Regenschirm unter ihrer Soutane hervor, mit dem sie mich durchbohrte. Sie murmelte ein "Gott sei seiner Seele gnädig", dann verwandelte sie sich in einen Socken. Als ich blutüberströmt im Flur des Altenheimes zusammenbrach, trat Otto Baumeister in Schwesterntracht aus der Pforte und rief mir nicht allzu freundlich "sechs Uhr dreißig, aufstehen!" zu. Ich rieb mir die Augen und stellte erleichtert fest, daß ich mich nicht im Böckinghausener Altenheim, sondern im Böckinghausener Gefängnis befand. Bei dem Ruhestörer handelte es sich auch nicht um Otto. Ein Justizvollzugsbeamter - ein hochgestochenes Wort für einen Knastchargen - stellte mir einen Teller mit zwei Scheiben Graubrot und einem Päckchen Schmelzkäse auf den Tisch. Dann verließ er die Zelle und kehrte mit einer Tasse zurück, die eine hellbraune Brühe enthielt. Sie roch entfernt nach Kaffee. Die Tür schloß sich hinter ihm. Ich würgte eine Scheibe Brot herunter. Um etwas für meine Gesundheit zu tun, stellte ich den Rest auf den Tisch zurück. Nach fünf Minuten kam der Wärter, um das Geschirr abzuholen. »Steht mir nicht ein Anruf zu?«34 »Natürlich. Ich lasse Sie gleich abholen.« Unter dem Begriff "gleich" schienen wir eine recht unterschiedliche Zeitspanne zu verstehen, denn nach zwei Stunden hockte ich noch immer auf der Pritsche. Da mich der ständige Blick auf die Uhr mittlerweile langweilte, versuchte ich, mir durch Aufzählen meiner Schallplatten die Zeit zu vertreiben. Ich war gerade bei Udo Jürgens größten Hits - ein Geschenk zu meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag - angelangt, als ich abgeholt und in ein Büro geführt wurde, in dem ein Telefonapparat stand. Ich blätterte im Telefonbuch und drückte acht Tasten. »Dohmen.« »Hallo, Sabine. Dieter hier. Wollten wir nicht zu Abend essen?« »Das trifft sich gut. Heute abend habe ich Zeit.« »Es gibt jedoch ein kleines Hindernis.« Ich berichtete von den Ereignissen der letzten Tage. »Kennst Du jemanden, der mich aus dem Knast holen kann?« »Das ist kein Problem. In der Zeit, in der ich mit Rateiczek verheiratet war, zählten sowohl der Polizeipräsident als auch einige der besten Rechtsanwälte zu unseren Gästen.« »Darf man schon gratulieren?« »Anfang August haben wir den ersten Termin beim Scheidungsrichter. Deine Fotos werden meine Fahrkarte in die Freiheit sein. Ich bin Dir also mehr als einen Gefallen schuldig.« Ich bedankte mich trotzdem und trat den Rückweg zu meiner Zelle an. Die Tristesse dieses Tages wurde nur durch das Mittagessen unterbrochen. Wirsing mit Rindfleisch, ein Gourmetschmaus erster Güte. Der Stundenzeiger meiner Armbanduhr stand auf der vier, als sich die Zellentür öffnete. Zum Glück durfte ich auf den Streuselkuchen der Gefängnisbäckerei verzichten. »Mitkommen!« Der gleiche Schafskopf, der mich zum Telefonieren abgeholt hatte, brachte mich zum Gefängnistor. Vorher gab er mir Portemonnaie und Zigaretten zurück. Von zwei Bullen wurde ich zum Böckinghausener Polizeigebäude transportiert. Sie führten mich in Webers Büro. Wiedersehensfreude wollte sich nicht einstellen. »...und Sie haben meinen Klienten ohne den Hauch eines Beweises, sondern auf bloßen Verdacht hin, ich wiederhole, auf bloßen Verdacht hin in Haft genommen. Herr Nannen ist freier Unternehmer. Das ergibt einen Verdienstausfall von mindestens fünfhundert Mark. Ich brauche Sie nicht darauf hinweisen, daß wir Sie verklagen und eine Dienstaufsichtsbeschwerde einleiten werden.« Das mußte Sabines Anwalt sein. Er befand sich in meinem Alter. Seine Haare waren in der Kopfmitte gescheitelt. Dennoch hing ihm sein Pony wirr in die Stirn. Außer ihm und Weber hielt sich noch ein fülliger Herr, etwa Mitte fünfzig, im Raum auf. Dieser faltete die Hände vor seinen Bauch und sprach mich an.35 »Guten Tag, Herr Nannen. Ich bin Hauptkommissar Stange. Sie müssen mir glauben, daß ich diese Angelegenheit unaussprechlich bedaure.« Er wandte sich an Weber. »Es liegt doch auf der Hand, daß jemand Herrn Nannen eine Falle gestellt hat. Befassen Sie sich lieber damit!« »Aber...« Weber wollte etwas einwenden, doch sein Chef schnitt ihm das Wort ab. »Kein aber! Entschuldigen Sie sich bei Herrn Nannen.« »Entschuldigung.« Das klang nicht, als ob Weber seinen Fehler bereuen würde. »Ich nehme Ihre Entschuldigung an, Herr Weber. Sie haben sich geirrt. Das kann jedem passieren. Lassen Sie uns einander die Hand geben, und die ganze Geschichte ist vergeben und vergessen.« Weber warf seinem Chef einen fragenden Blick zu. Dieser nickte energisch. Weber schüttelte mir die Hand. Sein Gesichtsausdruck ließ schließen, daß er sie am liebsten zerquetscht hätte. »Dann kann mein Klient jetzt gehen« stellte der Anwalt fest. »Natürlich.« Wir erhoben uns. Als ich zur Tür hinaus wollte, hielt mich der Hauptkommissar fest.36 »Bestellen Sie Frau Rateiczek schöne Grüße.« Ich versprach es. Wir wanderten durch die von zwielichtigen Gestalten, in der Hauptsache Bullen, bevölkerten Gänge in Richtung Ausgang. Mein Anwalt hieß Klaus Lindner. Da wir einander sympathisch fanden, duzten wir uns sofort. Er hatte vor vier Jahren sein zweites Staatsexamen absolviert und als Sozius in der väterlichen Kanzlei in Havixbeck gearbeitet. Vor sechs Monaten hatte er sich selbständig gemacht. Als er mich nach Hause fuhr, stellten wir fest, mehrere gemeinsame Interessen zu haben. Ich versprach ihm, in den nächsten Tagen vorbeizuschauen und seine Plattensammlung und Bibliothek zu besichtigen. Wir verabschiedeten uns. Er mußte noch Verträge auf ihre juristische Korrektheit überprüfen, ich an der Matratze horchen und meinen arg strapazierten Körper regenerieren lassen. Nach zwei Stunden erwachte ich und fühlte mich fit und ausgeschlafen. Mein erster Gang führte mich zum Telefon. Ich dankte Sabine für die prompte Hilfe und erkundigte mich, ob es bei unserer Verabredung für den heutigen Abend blieb. Wir einigten uns auf ein chinesisches Lokal in Havixbeck. Als nächstes suchte ich das Badezimmer auf. Ich betrachtete mich voller Wohlwollen im Spiegel. Für jemanden, der innerhalb eines Tages zweimal verprügelt worden war, sah ich verdammt gut aus. Ich duschte ausgiebig. Danach war der Dreitagebart fällig. Ich holte meinen besten Anzug aus dem Kleiderschrank und band mir eine Krawatte um den Hals. Gut gelaunt verließ ich meine Behausung. Um halb neun betrat ich das Restaurant mit dem typisch chinesischen Namen "Deutscher Hof". Sabine war noch nicht anwesend. Ich fragte einen Kellner, ob ein Tisch auf den Namen Dohmen oder Rateiczek reserviert sei. Er führte mich in eine Ecknische. Ich bestellte ein Pils und studierte die Speisekarte. Ich war gerade bei dem umfang- reichen Angebot an Schwalbennestern angelangt, als sich jemand an meinen Tisch setzte. »Guten Abend, Dieter.« Mir kam es vor, als ob ihre Stimme leicht zitterte, aber wahrscheinlich bildete ich mir das nur ein. »Hallo, Sabine.« Eine Pause der Verlegenheit entstand. »Du siehst gut aus.« »Das Kompliment kann ich nur zurückgeben.«37 Der Kellner enthob uns weiterer Konversationsverpflichtungen. Er zündete die Kerze auf unserem Tisch an. »Haben Sie Ihre Wahl getroffen?« Ich entschied mich für Pekingente; Sabine zog eine indonesische Reistafel vor. Bis zum Eintreffen der Speisen berichtete ich von den Vorgängen auf dem Polizeirevier. Danach ließen wir uns das Essen schmecken. Zwei Whiskys on the rocks rundeten das Dinner ab. Dann stellte sie die Frage, auf die ich schon den ganzen Abend gewartet hatte. »Sollen wir noch zu mir fahren?« »Ich habe vorsorglich alle Termine für heute abend abgesagt. Aber ist das nicht zu riskant, wo Du in der Scheidung steckst?« »Keine Sorge. Mein Mann ist für eine Woche auf einer Geschäftsreise in Paris.« Wir stiegen in unsere Wagen. Sie fuhr vor, ich folgte. Die Villa Rateiczek war immer wieder ein unvergeßliches Erlebnis. Haus und Park wurden von Scheinwerfern angestrahlt. Als wir den Kiesweg betraten, nahm mich Sabine in den Arm. »Wer bekommt das Haus? Du oder Dein Mann?« »Mit Sicherheit ich. Ich habe nämlich nicht die geringste Lust, aus der Nähe des attraktivsten Mannes, den ich je getroffen habe, wegzuziehen.« Das ging einem mit Komplimenten nicht gerade überschütteten Privatdetektiv herunter wie Öl. Ich bedankte mich mit einem Kuß. Dann hatten wir es eilig, in das Innere des Hauses zu kommen. Im Schlafzimmer ließ ich mich auf dem Himmelbett nieder. Sie entledigte sich Stück für Stück ihrer Kleidung, ließ sich neben mich fallen und zog mich ebenfalls aus. »Kannst Du Dich noch einen Moment gedulden?« »Wenn es wirklich nur einen Moment dauert.« Sie ging zu einem Sekretär, der neben dem Fenster postiert war, entnahm ein silbernes Döschen und kam zum Bett zurück. »Weißt Du, was das sein könnte?« »Ein Aphrodisiakum?« Sabine lachte.38 »Haben wir das nötig?« Sie betätigte einen kleinen Hebel und öffnete die Dose. Ein weißes Pulver strahlte mich an. »Schnee.« »Was hast Du gedacht, mein kleines Dummerchen.« Dohmen entnahm ihrem Nachttisch einen Geldschein, bog ihn zu einer Rinne, streute den Koks hinein und zog eine Prise in jedes Nasenloch. Dann bot sie mir Geldschein und Döschen an. »Wie wirkt das Zeug? Meine einzigen Drogen sind Bier und Tabak.« »Du hast noch nie gekokst? Mein armer Schatz. Du weißt nicht, was Du verpaßt hast. Du fühlst Dich hellwach und kommst voll auf Touren, zwanzig Mal mehr als bei anderem Zeug. Alle Farben um Dich herum explodieren.« Ich fragte mich, ob Sabine einen Werbevertrag mit der Drogenmafia abgeschlossen hatte. Dennoch machte sie mich neugierig. Ich nahm eine Prise zu mir, während ihre Zunge meinen Körper erkundete. Mich durchliefen Schauer des Wohlgefühls. Schließlich kamen wir richtig zur Sache. Danach lagen wir zufrieden nebeneinander. Der Koks hatte meine Leistungsfähigkeit erheblich gesteigert. Die explodierenden Farben waren mir jedoch erspart geblieben. Gegen ein Uhr schlief Sabine ein. Ich lag noch etwas wach und genoß mein augenblickliches Hoch. Soeben hatte ich mit einer der schönsten Frauen geschlafen. Wenn das nach mehrmonatiger Abstinenz kein Grund zur Freude war. Ich schlief zufrieden ein. Um sechs Uhr stand ich auf und schrieb Sabine einen Zettel, auf dem "Danke für die wundervolle Nacht" stand. Dann fuhr ich nach Hause, um zu frühstücken. Den Morgen danach hatte ich schon immer gehaßt. XII Zuhause angekommen enthob ich die Kaninchen für einen weiteren Tag der Angst vor dem Hungertod, indem ich ihnen ein paar Hände voll Löwenzahn zum Frühstück vorsetzte. Ich selbst leerte eine Kanne Kaffee und verzehrte eine Salamistulle. Als ich auf dem Weg zum Badezimmer einen Blick auf meinen Wandkalender warf, mußte ich mit Schrecken feststellen, daß der heutige Tag ein Sonntag war. Prinzipiell hatte ich nie etwas gegen Sonntage gehabt. Dies änderte sich, als ich von Essen nach Buldern gezogen war. Wilpert, der hiesige Pfarrer, dessen Körperumfang dem eines Sumoringers glich, hatte mich gleich nach meiner Ankunft als Organist für die Sonntagsmessen engagiert. Da die Dorfbewohner äußerst fromm waren, wollte ich es mir nicht mit dem Priester verderben.39 In der Tat hatte mir diese Nebenbeschäftigung die Sympathie der hiesigen Bauern gesichert und manchen Preisnachlaß bei dem Kauf von Schweinefutter, Kartoffeln und sonstigen landwirtschaftlichen Produkten beschert. Mein Verhältnis zu Pfarrer Wilpert konnte man zwar nicht als herzlich bezeichnen, aber mittlerweile hatte ich ihn so gut im Griff, daß er für meine Orgelei zwanzig Mark pro Messe zahlte. In den letzten zwei Wochen hatte ich jedoch auf diese Einnahme verzichten müssen, da mich auswärtige Aufträge vom Besuch des Gottesdienstes abgehalten hatten. Nachdem ich das Salamifett von den Händen gewaschen hatte, studierte ich bis neun Uhr die Biographie Baudelaires. Dann war es Zeit, zur Kirche zu fahren. Als ich eintraf, trudelten schon die ersten Gottesdienstbesucher ein. Ich war jedes Mal von neuem erstaunt, welche Schätze die Dorfbewohnerinnen in ihren Kleiderschränken versteckten und nur bei der sonntäglichen Modenschau vorführten. »Guten Tag, Herr Nannen. Sie habe ich aber lange nicht mehr in der Kirche gesehen.« Inga, die Tochter des Metzgermeisters, hatte sich zwischen mir und dem Kirchenportal aufgebaut. Sie mußte um die sechzehn Jahre alt sein und besaß alle Voraussetzungen, in vier Jahren eine attraktive Frau zu sein. »Arbeit, Du weißt schon. Dafür wirst Du heute mit einem besonderen Orgelvorspiel entschädigt. Buxtehudes D-Moll-Präludium hat schon Generationen von Teenagern in Ekstase versetzt.« »Geil.« Sie strahlte mich an, wobei sie mit ihrer Zunge die Lippen befeuchtete. »Letzte Woche hat einer der Meßdiener gespielt. Der war nicht halb so gut wie Sie...« sie machte eine bedeutungsvolle Pause »...und er sieht nicht im entferntesten so gut aus.« So seltsam spielte das Leben. Bis vorgestern hatte ich fünf Monate ein mönchisches Leben geführt; gestern hatte mich eine der schönsten Frauen der Gegend auf ihre Matratze gelassen, und heute bekam ich die Chance, einem paarungswilligen Teenager Nachhilfestunden bezüglich der Leistungsfähigkeit männlicher Anatomie zu erteilen. »Hallo, Dieter.«40 Meine Nachbarin Karin Schuhmann hatte sich zu uns gesellt. Sie bewirtschaftete zwar einen Biogemüsehof, sah aber absolut nicht wie die typische Bauernfrau aus. Ich hatte zuerst gedacht, mit ihrer Hilfe mein enthaltsames Leben beenden zu können, aber zu mehr als einem gemeinsamen Fernsehabend mit Rotwein und geschmorten Champignons hatte es noch nicht gereicht, und dieses Ereignis lag schon einige Wochen zurück. »Dich habe ich aber lange nicht mehr in der Kirche gesehen.« Inga funkelte Karin böse an. Sie witterte Konkurrenz und fürchtete, dieser nicht gewachsen zu sein. »Ich mußte in den letzten Wochen einige zeitraubende Aufträge ausführen, inklusive Sonntagsarbeit.« »Der Hans von den Krughoffs hat für Dich gespielt. Das war nicht zum Aushalten. Du bist mit Abstand besser.« Heute machten mir alle Frauen dieselben Komplimente. »Und ich sehe auch viel besser aus als Hans.« »Dieter Nannen, wie er leibt und lebt. Ich sehe, daß Du nichts an Selbstüberschätzung eingebüßt hast.« »Das stammt nicht von mir, sondern von Inga.« Karin warf der Metzgerstochter einen ironischen Blick zu. »Unterstützt Du diesen eitlen Gockel noch in seinem Größenwahn? Er schwebt doch jetzt schon fünf Meter über dem Boden.« Inga witterte ihre Chance. »Ich habe doch recht. Ein knackiger Hintern, die Augen tief wie ein Bergsee und die Haare wie ein griechischer Gott.« Die Kleine mußte viele Försterromane verschlungen haben. Obwohl mir dieses Lob schmeichelte, und es zudem auch der Wahrheit entsprach, wollte ich mich nicht vor Karin lächerlich machen, indem ich die Bewunderung einer pubertierenden Sechzehnjährigen ernst nahm. »Keine Übertreibungen, Inga. Hast Du einen Musikwunsch, Karin? Wie wäre es mit einem alten Purple-Stück?« Inga sah ihre Felle davonschwimmen. »Und was ist mit meinem Buxtehude?« Zum Glück wurde ich durch das Nahen des Hohenpriesters weiterer Diskussionen enthoben. »Kommen Sie mit, Nannen. Ich muß Sie sprechen.« Ich verabschiedete mich von meinen Bewunderinnen und folgte Wilpert in die Sakristei. Mit lautem Keuchen ließ er sich auf einem Stuhl nieder. »So geht das nicht. Ich habe Sie zum Orgelspielen angestellt. Sie haben zweimal hintereinander gefehlt, und das auch noch unentschuldigt.« »In meinem Arbeitsvertrag steht, daß ich das Recht auf Urlaub habe. Diesen habe ich an den letzten beiden Sonntagen in Anspruch genommen. Wenn es Ihnen nicht paßt, kündigen Sie mir doch.« »Wollen Sie mich zum Narren halten? Sie besitzen keinen Arbeitsvertrag. Wann Sie Recht auf Urlaub haben, entscheide immer noch ich. Und Ihnen kündigen? Das käme Ihnen doch gerade passend. Denken Sie daran, daß Sie eine große Sünde begehen, wenn Sie mich und die heilige Kirche im Stich lassen.« Mit dieser Schuld konnte ich leben.41 »Sie kennen meinen Beruf, Herr Wilpert. Die Mörder heiligen zu meinem Bedauern den Sonntag nicht. Wenn ich auf der einen Seite die Verbrecher vom Sündigen abhalte, dürfte auf der anderen Seite eine so kleine Sünde wie das Fernbleiben vom Orgelspiel nicht ins Gewicht fallen.« Wilpert grübelte über diese schwierige Frage nach. Ich schätzte, daß er auf der Universität nicht mit solch kniffligen theologischen Problemen konfrontiert worden war. »Vielleicht haben Sie recht.« Er hob drohend den Zeigefinger. »Aber ich warne Sie! Der Herrgott sieht, wenn Sie ohne Grund dem Gottesdienst fernbleiben. Gehen Sie jetzt an die Orgel. Ich muß meinen Talar anziehen.« Wilperts geistiger Zustand erschreckte mich. Als ich ihn kennenlernte, war er nur unfreundlich und etwas verschroben. Mittlerweile schien er völlig verkalkt zu sein. Selbst bei seinen Firmlingen würde der Priester mit seinen Drohungen bestenfalls ein müdes Lächeln ernten. »Was ist mit dem Liederzettel, Herr Pfarrer?« »Ja, ja.« Wilpert holte ein völlig verknittertes Stück Papier aus seiner Hosentasche. Zumindest hatte ich ihm angewöhnen können, seine Liederwünsche auf der Schreibmaschine zu tippen, denn seine Handschrift war unlesbar und hatte schon zu einigen Komplikationen während der Messe geführt. Ich warf einen Blick auf den Wisch. »Lied Nummer hundertfünfundzwanzig ist zweimal aufgeführt.« »Dann spielen Sie es auch zweimal!« Da Wilpert zu keiner weiterführenden Diskussion aufgelegt schien, begab ich mich auf die Orgelbühne und startete mit dem Vorspiel. Ich wählte ein altes Bluesstück von Deep Purple. Karin sollte merken, daß sie mir mehr bedeutete als die sechzehnjährige Metzgerstochter. Der Gottesdienst verlief ohne besondere Vorkommnisse. Als ich Lied Nummer hundertfünfundzwanzig zum zweiten Mal spielte, ging ein Raunen durch die Gemeinde, doch das hatte der Pastor zu verantworten. Nach der Messe holte ich beim Küster meine zwanzig Mark ab. Karin mußte schon nach Hause gefahren sein, denn ihr Toyota stand nicht mehr auf dem Parkplatz. Ich sah auf meine Uhr. Es war bereits halb elf. Die Arbeit rief. XIII Ein blonder, braungebrannter Jüngling mit Poppertolle öffnete die Tür und musterte mich von oben bis unten. Dann rümpfte er die Nase. »Wir kaufen nichts an der Tür.« Vorhin hatte man mir ein hohes Maß an Attraktivität attestiert, jetzt hielt man mich für einen Vertreter. »Mein Name ist Nannen. Ich arbeite für Ihre Mutter.« Sein Gesicht nahm einen leicht verwunderten Ausdruck an. »Was ist los? Wissen Sie nichts davon?« »Doch, doch. Ich frage mich nur, warum Sie uns beim Mittagessen stören müssen. Gutes Benehmen scheint nicht zu Ihrer Ausbildung gehört zu haben.« »Ich kann meine Arbeitszeiten nicht aussuchen, Herr Eckolt. Außerdem schätze ich es nicht, wenn man mich anpampt.« »Ach, verpissen Sie sich.« Die Ähnlichkeit mit seinem Vater war frappierend; vom Scheitel bis zur Sohle ein Gentleman. »Wer ist an der Tür, Kurti?« »Dieser Privatdetektiv.« »Warum bittest Du ihn nicht herein?« Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. »Warum bittest Du mich nicht herein, Kurti?« »Ach, halt die Schnauze.«42 »Ist "ach" Dein Lieblingsausdruck, Kurti? Würde ich mir abgewöhnen. Ist reichlich uncool.« Ehe Kurti etwas entgegnen konnte, hatte ich die Wohnung betreten und stiefelte schnurstracks in das Eßzimmer. Die gesamte Familie saß am Mittagstisch. Das brünette Mädchen im enganliegenden Body mußte Thekla sein. Heinz starrte mich wütend an und wandte sich an seine Frau. »Ich halte es wirklich nicht für nötig, Irene, daß Du diesen Schnüffler in den polizeilichen Ermittlungen herumpfuschen läßt. Ich bin sicher, daß die Behörden auch ohne Herrn Nannens Hilfe zurechtkommen.« »Darüber haben wir doch schon geredet. Im Gegensatz zu Dir liegt mir etwas an Deiner Schwester. Herr Nannen wird den wahren Mörder von Franz finden. Ich weiß nicht, was Du gegen ihn hast.« »Persönlich nichts, aber ich traue der Polizei mehr zu als diesem dahergelaufenen Privatdetektiv.« Eckolt ging mir auf die Nerven. Zum Glück wußte ich, wie ich ihn zum Schweigen bringen konnte. »Sie müssen mein Engagement anerkennen, Herr Eckolt. Ich habe wegen diesem Fall meinen Thailandurlaub storniert.« Ich zwinkerte ihm freundlich zu. Er funkelte zurück.43 »Ich muß in die Firma. Morgen habe ich eine wichtige Verhandlung mit dem Vertreter einer amerikanischen Unternehmensgruppe.« Er wandte sich an Kurt. »Treffe ich Dich nachher am Golfplatz?« »Ich check das durch, Dad. Aber ich denke, das geht okay.« Eckolt Senior und Junior verließen das Eßzimmer. »Mußt Du nicht zur Uni, Thekla?« Das Fräulein Tochter zog einen Flunsch. »Heute ist Sonntag, Mutter.« »Dann mußt Du bestimmt in Deinem Zimmer lernen.« Jetzt verstand sie den Wink mit dem Zaunpfahl. Als sie den Raum verließ, warf sie mir einen Augenaufschlag zu, der einen Stein erregt hätte. Ich berichtete Frau Eckolt von den Ereignissen der letzten Tage. »Das ist doch der Beweis, daß Christa unschuldig sein muß.« »Leider überzeugt das nicht die Polizei. Man muß ihr den Mörder auf einem silbernen Tablett servieren. Andernfalls sehe ich für Frau Kerner schwarz.« »Wie wollen Sie weiter vorgehen, Herr Nannen?« Das war eine gute Frage. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, in welche Richtung meine Ermittlungen laufen sollten. »Ich habe einen Plan, will aber nicht darüber reden, denn das Gelingen hängt von absoluter Geheimhaltung ab.« »Mir können Sie doch vertrauen. Ich bin verschwiegen wie ein Grab.« »Das glaube ich gern. Wenn ich Ihnen aber meine nächsten Schritte verrate, stellen Sie eine Gefahr für den Mörder dar. Er könnte auf die Idee kommen, sich aller Mitwisser zu entledigen. Dieses Risiko darf ich nicht eingehen.« Damit gab sie sich zufrieden. Ich mußte ihr versprechen, vorsichtig zu sein, dann verabschiedete ich mich.44 Ich hatte ein Problem: Keine der von mir befragten Personen hatte sich als verdächtig erwiesen, und das Reservoir an potentiellen Tätern war erschöpft. Ich fuhr nach Hause, um dort auf den genialen Einfall zu warten, der mich der Lösung näherbringen würde. Ich lag in meinem Sessel und grübelte. Ich hatte schon alle verfügbaren Kreativitätsanreger bemüht: Kaffee, Bier und Whisky. Doch die Eingebungen blieben aus. Zum dritten Mal legte ich die Second Revelator-Platte von Hugo Race auf. Normalerweise gab sie meinem ausgebrannten Gehirn neue Impulse, doch diesmal versagte auch sie mir ihre Hilfe. Ich hatte gerade beschlossen, meine Denkleistung durch sportliche Betätigung zu steigern, als das Telefon klingelte. Das mußte Sabine sein, die sich in Sehnsucht nach meinen starken Armen verzehrte. »Hallo, Schatzi.« »Sie scheinen das Haus dringend zu benötigen, wenn Sie mich mit so viel Freundlichkeit bestechen müssen.« Poszilny klang leicht amüsiert. »Tut mir leid. Ich dachte, jemand anderes wäre am Apparat.« »Ich hatte auch die Möglichkeit eines Irrtums in Betracht gezogen. Der Grund für meinen Anruf ist folgender: Man hat mir ein Grundstück angeboten, das in der von Ihnen gewünschten Gegend liegt. Ein wunderschönes altes Gebäude, Waldstraße Nummer fünfundvierzig.« Franz Eckolts Haus! Das war erstaunlich. Soweit mir bekannt war, hatte die Testamentseröffnung noch nicht stattgefunden. Daher waren auch die Eigentumsverhältnisse ungeklärt. Woher nahm Poszilny die Gewißheit, über das Haus verfügen zu können? »Das freut mich. Können wir einen Besichtigungstermin vereinbaren?« »Heute abend habe ich noch einen Termin frei. Wie sieht es bei Ihnen mit neunzehn Uhr aus?« »Neunzehn Uhr paßt mir ausgezeichnet.« Er verabschiedete sich und legte auf. Was konnte der Grund für dieses Treffen sein? Mir fiel ein, daß wir überhaupt nicht in das Haus hineinkommen konnten, denn die Polizei hatte es nach meiner Festnahme wieder versiegelt. Die ganze Sache kam mir nicht geheuer vor. Ich holte meine Browning GPDA aus der Nachttischschublade. Den Revolver hatte ich vor einem Monat bei einem Versandhaus bestellt. Den Waffenschein hatte ich angesichts meiner Berufstätigkeit ohne Probleme bekommen.45 Ich überprüfte die Trommel auf ihren Inhalt. Alle Kugeln waren an ihrem Platz. Ich holte das Schulterhalfter aus dem Kleiderschrank, legte es an, verstaute die Waffe und überprüfte vor dem Badezimmerspiegel, ob sie mein Sakko ausbeulte. Das Ergebnis stellte mich zufrieden. Die Zeit bis zu dem Treffen verbrachte ich mit dem Studium von Wittgenstein, konnte mich aber nicht richtig auf das Buch konzentrieren. Um halb sechs brach ich nach Böckinghausen auf. Ich wollte früher als vereinbart am Treffpunkt sein, um gegen alle möglichen Überraschungen gewappnet und jederzeit Herr der Lage zu sein. Meinen Wagen parkte ich hinter Eckolts Haus, kletterte über die Mauer und landete wieder im Komposthaufen. Ich durchforstete den Garten nach einem geeigneten Versteck und legte mich schließlich hinter einen Strauch. Die Waffe legte ich griffbereit neben mich und lauschte andächtig dem Vogelgesang. Um achtzehn Uhr dreißig hörte ich, wie ein Wagen vorfuhr. Wenig später kletterte ein kurzgeschorener, bulliger Bodybuilder in Boxershorts und Muskelshirt über die Mauer. In der Hand hielt er einen Aktenkoffer. Suchend blickte er sich nach allen Seiten um. Als er festgestellt hatte, daß die Luft rein war, durchquerte er den Vorgarten und postierte sich hinter einen Baum. Er öffnete seinen Koffer und holte einige Teile heraus, die er zusammensetzte. Das Ergebnis des Puzzles hatte verdammte Ähnlichkeit mit einem Gewehr. Ich hatte genug gesehen. Gerd wollte mir das Lebenslicht auspusten lassen. Jetzt hieß es, unbemerkt zu verschwinden. Doch dies war leichter gesagt als getan. Die Mauer war ungefähr sieben Meter von meinem Gebüsch entfernt, ebenso das Haus. Dazwischen gab es nichts, was mir als Deckung dienen konnte. Ich blickte mich um und sah, daß an einer Stelle Kisten vor die Mauer gestapelt waren. Mit ein wenig Glück konnte ich es schaffen, denn der Killer war etliche Meter von mir entfernt. Er schaute auch nicht in meine Richtung, sondern beobachtete konzentriert das Gartentor. Ich nahm meine Waffe in die Hand und schlich los. Die Kisten erreichte ich ohne Zwischenfälle. Als ich die erste Kiste erklomm, ver- nahm ich ein leises Ploppen. Wenige Zentimeter unter mir splitterte das Holz. Ich drehte mich blitzschnell um und gab einen Schuß in die Richtung ab, in der ich den Killer vermutete. Das Ergebnis wartete ich nicht ab, sondern sprang sofort auf die nächsten zwei Kisten. Eine weitere Kugel strich an meinem Kopf vorbei. Ich achtete nicht darauf und kletterte auf die Mauer. Dann nahm ich alle Kraft zusammen und setzte zum Sprung an. Als ich mich schon in der Luft befand, ploppte es ein drittes Mal. Ein beißender Schmerz in meinem Bein ließ mich aufschreien. Ich landete direkt neben einem Mercedes, dem Wagen des Killers. Der Rasen unter mir färbte sich rot. Doch es blieb keine Zeit, mich der Pflege der Wunde hinzugeben, denn ich vernahm eilige Schritte auf der anderen Seite der Mauer, die sich schneller näherten als mir lieb war. Ich ignorierte meine Schmerzen und nahm alle mir verbliebenen Kräfte zu einer letzten Anstrengung zusammen. Ich rappelte mich auf und sprintete los. Die Zeit, die ich für die Strecke zu meinem Auto benötigte, hätte unter Wettkampfbedingungen einen neuen Sprintweltrekord bedeutet. Ich riß die Wagentür auf, die ich zum Glück nicht abgeschlossen hatte, und rutschte auf den Fahrersitz. Ich duckte mich so tief wie möglich und betätigte den Anlasser. Der Golf sprang sofort an. Als ich losfuhr, sah ich eine Silhouette auf der Mauer stehen, die einen länglichen Gegenstand in meine Richtung hielt. Mit einem fürchterlichen Knall barsten Heck- und Windschutzscheibe. Mit Mühe wich ich dem Großteil der Glassplitter aus. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte mir, daß ich mich außer Reichweite befand.46 Als mein Gehirn gewahr wurde, daß ich mit erheblichem Glück dem Tod entronnen war, meldete sich mein Bein zu Wort. Ich brauchte dringend einen Arzt, der meine Wunde versorgte. Die Blutlache auf dem Boden konnte ich später aufwischen. Der Weg von Eckolts Grundstück zum Arzt waren die längsten zwanzig Minuten meines Lebens. Ich hatte den Fahrersitz weit nach hinten geschoben und mein verletztes Bein ausgestreckt neben dem Kupplungspedal plaziert. Jetzt, wo die Flucht vor dem Tod beendet war, jagte mir die Kugel im Bein in schöner Regelmäßigkeit Schmerzwellen durch den Körper. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, daß ich vorhin mit dem verletzten Bein das Kupplungspedal getreten hatte, um dem schießwütigen Muskelmann zu entkommen. Jetzt ließ mich allein der Gedanke daran aufstöhnen. Die Strecke nach Brücken, wo ich einen Arzt kannte, legte ich im zweiten Gang zurück. Ich verfluchte die Autoindustrie, weil sie nicht ausschließlich Automatikwagen herstellte. Ich erreichte die Villa von Dr. Rudolph. Vor einigen Monaten hatte ich für ihn den Mörder seiner Tochter gesucht und gefunden. Ich hoffte, daß er immer noch dankbar war und mein Bein ohne viele Fragen behandelte. Ich hupte und wartete, wartete und hupte. Endlich erschien die Arztfrau in der Eingangstür und schaute zu mir herüber. Da sie sich nur auf das Starren beschränkte und wie angewurzelt auf der Schwelle stehenblieb, malträtierte ich erneut die Hupe. Endlich begriff sie und schritt Richtung Golf. Ich konnte nicht behaupten, daß sie sich beeilte. Nach sieben Tagen erreichte sie die Fahrerseite. Ich kurbelte das Seitenfenster herunter und teilte ihr mit, daß ich kurz vor der Bewußtlosigkeit stand, und mich nur die starken Schmerzen davon abhielten.47 Nachdem sie das Blut in meinem Wagen und die verantwortliche Quelle entdeckt hatte, kam Leben in Frau Rudolph. Sie rannte zum Haus und kam wenig später mit ihrem Mann zurück. Ich fiel in Ohnmacht. XIV Ich erwachte auf einer Matratze, die mit einem Seidenlaken überspannt war. Das übrige Bettzeug war ebenfalls aus reiner Seide. Ich fühlte mich wie eine Raupenlarve, die kurz davor stand, aus dem Kokon zu schlüpfen. Tiefe Dunkelheit umhüllte mich. Da die Rolläden nicht heruntergelassen waren, mußte es Nacht sein. Wo war ich? Der Versuch, mich zu erinnern, scheiterte kläglich. Ich schlief wieder ein. Als ich das nächste Mal aufwachte, konnte ich die Sonne durch die Fenster lachen sehen. Ich wußte jetzt, daß es Tag war, allerdings nicht, ob ich einen oder zwei Tage geschlafen hatte. Immerhin hatten sich meine Kopfschmerzen in Nichts aufgelöst. Ich blickte auf mein Bein. Es war am Oberschenkel bandagiert. Ich bewegte es; zunächst vorsichtig, aber als ich keine Schmerzen verspürte, immer hemmungsloser. Offensichtlich hatte Dr. Rudolph das Betäubungsmittelgesetz im vollen Umfang ausgenutzt. Nun kam der Moment, in dem Schnüffler aus Kriminalromanen immer aufschrieen und schmerzverkrümmt auf die Schlafstatt zurückfielen: Das Aufstehen. Ich erledigte es, wie es reale Detektive taten, die allen Härten des Lebens trotzten. Ohne eine Miene zu verziehen, schwang ich mich aus dem Bett und ging ein paar Schritte. Positiv wirkte sich dabei aus, daß ich noch immer keine Schmerzen spürte. Ich mußte zwar mein linkes Bein etwas nachziehen, doch das konnte nur an dem Verband liegen. Bei der Überprüfung meiner Gehfähigkeit kam ich an einem Spiegel vorbei und warf einen Blick hinein. Ich gefiel mir lange nicht so gut wie vor einigen Tagen. Das lag jedoch nicht an den Pflastern, die im Gesicht und am Hals klebten und die Verletzungen verdeckten, die die Glassplitter hervorgerufen hatten. Auch nicht an der Bandage, die meinen Oberschenkel umspannte. Es lag einzig und allein an dem rosa gesprenkelten Nachthemd, das meinen Körper verhüllte. Es wurde höchste Zeit, daß ich Frau Rudolphs Negligé gegen meine eigenen Sachen eintauschte.48 Als ich mich wenig später mit Jeans und T-Shirt vor dem Spiegel postierte, befand ich mein Erscheinungsbild für ausreichend, um das Schlafzimmer zu verlassen. Die Hose hatte zwar ein riesiges Loch und seltsame dunkelrote Flecken, doch schließlich wollte ich nicht zu einem Bewerbungsgespräch. Ich zog mein Sakko über, hängte den Ballermann um und trat auf den Gang. Die Treppe, die hinunter in das Wohnzimmer führte, bereitete mir nur wenig Probleme, mehr hingegen der Läufer, der am Fuß der Treppe lag. Ich rutschte aus und schlug der Länge nach hin. Das Poltern mußte Frau Rudolph aufgeschreckt haben, denn plötzlich stand sie im Türrahmen. »Herr Nannen!« Ich rappelte mich auf. »Guten Morgen, Frau Rudolph. Welches Datum haben wir heute?« »Montag, den sechsundzwanzigsten Juli.« Erleichtert stellte ich fest, daß ich nur eine Nacht geschlafen hatte. Ich bedankte mich sowohl für die Information als auch für die großzügige Hilfe und fragte nach ihrem Mann. »Gernot stattet zur Zeit seine Hausbesuche ab. Er hat mir aber ausdrücklich befohlen, darauf zu achten, daß Sie strikte Bettruhe einhalten. Wie ich sehe, habe ich in diesem Punkt versagt. Sie wollen doch nicht schon wieder losziehen?« »Ich bin Ihnen beiden sehr dankbar, aber ich verspüre keine Schmerzen, und als freiberuflicher Privatdetektiv bekommt man Krankheitstage nicht bezahlt. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als wieder an die Arbeit zu gehen.« »Möchten Sie frühstücken?« »Nein danke, ich habe Ihnen schon genug Mühe gemacht.« »Dann trinken Sie wenigstens einen Kaffee, ich habe gerade frischen gekocht.« »Einverstanden.« Sie marschierte in die Küche, ich humpelte hinterher. Natürlich blieb es nicht bei dem Kaffee. Während ich an dem heißen Getränk nippte, räumte sie den Kühlschrank leer und schüttete Brötchen aus einer Tüte. Es war ein Wunder, daß der Tisch nicht unter den Tonnen von Lebensmitteln zusammenbrach. Als die Fressalien vor mir standen, meldete sich mein Magen. Er hatte nichts gegen ein Frühstück einzuwenden. Frau Rudolph schaute zufrieden zu, als ich ein Brötchen mit Mortadella in meinem Mund verschwinden ließ. »War es schwierig, die Kugel aus dem Bein zu holen?« »Sie haben Glück gehabt, es war nur ein Streifschuß. Nichtsdestotrotz haben Sie viel Blut verloren, und es ist unverantwortlich, schon wieder laufen zu wollen.«49 »Ich laufe nur bis zum Auto, fahre nach Hause und lege mich dann in mein Bett. Ich habe Kaninchen, die auf ihr Futter warten. Ich könnte es nie über das Herz bringen, die Tierchen Hunger leiden zu lassen. Erst recht nicht, da ich selbst so vorzüglich gefrühstückt habe.« Die Kaninchen hatten die besorgte Arztfrau anscheinend versöhnlich gestimmt. Es wurde auch Zeit, daß sich die Langohren einmal nützlich machten. »Was ist überhaupt passiert? Ich wußte nicht, daß die Detektive auf dem Lande so gefährlich leben.« »Ich arbeite gerade an einem brisanten Fall. Ein alter Mann wurde bestialisch ermordet, und der Täter scheint vor nichts zurückzuschrecken. Ich wurde von drei Killern in die Zange genommen und konnte nur mit knapper Not entkommen. Mehr darf ich leider nicht sagen, weil ich an die Schweigepflicht gebunden bin.« »Machen Sie denn weiter? Immerhin wurde ein Mordanschlag auf Sie verübt?« »Wenn ich so leicht aufgeben würde, hätte ich damals nicht den Mord an Ihrer Tochter aufgeklärt. Attentate sind für Privatdetektive Berufsrisiko.« Ihre Bewunderung stieg. »Jetzt muß ich gehen. Vielen Dank für alles. Wenn Sie wieder einmal Hilfe benötigen, scheuen Sie sich nicht, mich anzurufen.« Ich schlug Frau Rudolphs Angebot aus, eine Hose ihres Mannes anzuziehen, und verabschiedete mich. Sie begleitete mich zur Haustür. Als ich die Einfahrt hinunterblickte, offenbarte sich das nächste Problem. Mit meinem Wagen konnte ich unmöglich fahren. Ich hatte gar nicht mehr daran gedacht, daß der Muskelmann die Scheiben zer- splittert hatte. Dieses Problem lösten wir, indem Rudolph mich zu einer Werkstatt in Havixbeck fuhr. Die Mechaniker staunten nicht schlecht, als sich ein zerschürfter und zerschossener Privatdetektiv aus dem Wagen quälte. Wir vereinbarten, daß sie meinen Golf abschleppen und reparieren würden. Für die Übergangszeit erhielt ich einen Leihwagen. Ich wählte ein Fahrzeug mit Automatikgetriebe aus. Nachdem ich Frau Rudolph zum dreißigsten Mal versichert hatte, daß ich problemlos fahren konnte, trennten sich unsere Wege. Während der Rückfahrt überlegte ich, ob Frau Eckolt beziehungsweise Frau Kerner in Ohnmacht fielen, wenn sie die Reparatur und die Kosten für den Leihwagen auf dem Spesenkonto finden würden. Um ein Uhr traf ich zu Hause ein, immer noch schmerzfrei. Ich parkte den Passat so nahe wie möglich am Hauseingang. Als ich gerade ausgestiegen und den Wagen verriegelt hatte, wurde die Pforte aufgerissen, und ein Mann füllte den Türrahmen aus. »Was wollen Sie?«50 Ich war perplex. Hatte mein Kopf durch die zahlreichen Schläge so großen Schaden genommen, daß ich halluzinierte? Zeigte der Koks aus der Nacht mit Dohmen verspätete Wirkung? Hatte ich aus Versehen den falschen Hof angesteuert? »Ich glaube eher, daß mir diese Frage zusteht. Sehen Sie zu, daß Sie von meinem Grundstück verschwinden, aber ein bißchen plötzlich.« Meine blutverkrustete Hose und die Waffe, die aufgrund des abgelegten Sakkos gut zu erkennen war, zeigten Wirkung. Die Gestalt sprang in das Haus zurück und verriegelte die Tür. Ich fragte mich, in welchem Film ich gelandet war. Ich legte die zehn Meter bis zum Eingang zurück und polterte gegen das Holz. »Machen Sie auf!« »Weiche von mir, Satan!« »Ich heiße Nannen. Wenn Sie nicht sofort die Tür öffnen, können Sie etwas erleben!« »Ich habe meine Seele der Heiligen Dreifaltigkeit verschrieben. Sie können mich nicht in Versuchung führen.« Allmählich wurde es mir zu bunt. Ich schlich um das Haus. Zum Glück stand das Schlafzimmerfenster einen Spalt offen. Leise stieg ich ein und bewegte mich vorsichtig in Richtung des Wohnzimmers. Ich betrat den Raum, zog den Revolver und blickte auf den Rücken meines Gastes. Er war damit beschäftigt, die Tür mit Möbeln zu verbarrikadieren. »Und jetzt stellen wir alles an den angestammten Platz zurück.« Um meiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen, entsicherte ich die Waffe mit einem lauten Klicken. Die Gestalt schnellte herum. »Ich habe keine Angst vor Dir. Christus wird mich retten. Heilige Maria Mutter Gottes, gebenedeit sei Dein Name...« »Hör auf zu beten, Du verdammter Hohlkopf. Wer bist Du, und was willst Du in meinem Haus?« »Wo ist Hugo? Hat Satan ihn zu sich geholt? Ich habe ihn immer gewarnt, daß er seinen Lebensstil umstellen soll, aber er hat nie auf mich gehört. Wo ist er?« »Tot.«51 »Oh Gott. Tot. Der Herr sei seiner Seele gnädig.« »Pass genau auf, was ich sage: Entweder Du verschwindest, oder ich verpasse Dir auch so ein Ding.« Ich deutete auf mein Hosenbein. Er blickte mich an, als ob ich ein Marsmensch war. »Hast Du mich verstanden?« »Wann ist Hugo gestorben?« »Vor einem halben Jahr. Ich bin ein Verwandter und habe seinen Hof geerbt. Aber mir ist nicht danach zumute, meine Lebensgeschichte zu erzählen. Hau endlich ab!« »Das geht nicht.« »Wieso?« »Hugo und ich kennen uns seit Urzeiten. Ich bin Schäfer und besitze eine kleine Herde von siebenunddreißig Schafen. Ich ziehe mit meinen Tieren durch ganz Europa. Hugo hatte mir versprochen, daß ich die Schafe auf seiner Wiese grasen lassen könne, wenn ich in der Gegend sei. Außerdem dürfe ich für diese Zeit bei ihm wohnen.« Jetzt redete er auf einmal wie ein normaler Mensch. Daraus sollte einer schlau werden. Ich schätzte ihn auf sechzig Jahre. Er trug einen grünen Mantel, eine grüne Hose und grüne Socken. Die dazugehörigen grünen Gummistiefel entdeckte ich neben dem Kamin. Trotz der sommerlichen Temperaturen hatte er ein Feuer entfacht. »Wie lange willst Du bleiben?« »Nur zwei oder drei Tage, dann muß ich weiter.« »Okay, aber verschone mich mit Bibelzitaten.« »Was meinst Du damit?« Ich gab es auf. Der Vorteil meines Gastes war, daß ich ihm die Kaninchenfütterei aufbrummen konnte. Dann brauchte ich meinen Tagesablauf nicht nach der Fütterungszeit zu richten. Außerdem mußten die Boxen ausgemistet und Holz gehackt werden. Das Dach des Schup- pens war an einigen Stellen undicht. Wenn das immer noch nicht reichte, konnte er die Ratten fangen, die sich im Stall tummelten. »Darf ich etwas für Dich tun, als Dankeschön für die Gastfreundschaft?« Er konnte Gedanken lesen. Ich leierte die Liste herunter. »Ist das schon alles?«52 »Wenn mir noch etwas einfällt, sage ich Bescheid. Der Kühlschrank steht hinten in der Ecke, Bier ist im Keller. Jetzt muß ich aber meinen Kopf ins Kissen drücken. Bis nachher.« Mit diesen Worten ließ ich ihn stehen und frequentierte das Bett. Ich schlief sofort ein. XV Als ich wieder erwachte, zeigte der Wecker achtzehn Uhr dreiundzwanzig an. Ich fühlte mich keineswegs erschöpft oder müde. Mein Bein schmerzte immer noch nicht. Nichtsdestotrotz schlurfte ich in das Badezimmer und warf prophylaktisch zwei Schmerztabletten ein. Da ich mich noch nicht traute, den Verband zu lösen, verzichtete ich auf eine Dusche. Ich entfernte die Pflaster aus meinem Gesicht und wusch mich oberhalb der Taille. Darauf schlüpfte ich in frische Sachen und fühlte mich wie neugeboren. In der Hoffnung, daß der Hirte meine gute Laune nicht verschlechtern würde, marschierte ich in das Wohnzimmer. Das Kaminfeuer war erloschen. Dafür hingen Kruzifixe und Heiligenbildchen an den Wänden. Die Krönung aber war eine Marienstatue, die auf dem Tisch stand. Sie wurde von zwölf brennenden Kerzen umrahmt. Die Tür ging auf, und der Schäfer trat ein. »Oh, entschuldige, wenn ich Dich beim Beten gestört habe. Ich wollte der Gottesmutter auch gerade die Ehre erweisen.« Mit diesen Worten fiel er vor der Holzfigur auf die Knie und murmelte Gebetssprüche. Das war zuviel für meine Nerven. Ich schrie »Pack Deinen Krempel zusammen und verschwinde«, dann verließ ich die Kirche. Ich sprang in meinen neuen Wagen und düste los. Nach einem Kilometer hielt ich an und dachte darüber nach, wo ich hinfahren sollte. Ich ging die verschiedenen Möglichkeiten durch. Auf keinen Fall hatte ich Lust, heute an dem Fall zu arbeiten. Für einen weiteren Abend mit Sabine fehlte mir die Kraft. Der Gedanke an eine Partie Schach mit Otto Baumeister ließ mich auch nicht frohlocken. Schließlich entschied ich mich, den Abend mit ein paar gepflegten Bieren im "Fröhlichen Landmann", der Bulderner Dorfkneipe, ausklingen zu lassen. Die Wirtschaft konnte einen Flipper und sogar einen Billardtisch vorweisen. Vielleicht fand sich unter den Dorfdeppen einer, der nur darauf wartete, mit einem ehemaligen Essener Billardprofi das Queue zu kreuzen.53 Ich parkte mein Gefährt zwischen einem roten und einem blauen Golf, die natürlich nicht gegen meinen Automatikpassat anstinken konnten. Die Kneipe war gut besucht. Am Flipper stand ein bulliger Typ, der regelmäßig "Tilt" auf der Anzeige erscheinen ließ. Der Billardtisch war ebenfalls besetzt. Dort spielten zwei schmächtige Endzwanziger, die sich schon gratulierten, wenn einer die weiße Kugel getroffen hatte. Ich ließ mich am Tresen nieder und orderte die Spezialität des Hauses, Pils vom Faß. Nachdem ich einen tiefen Schluck genommen und mir den Schaum vom Mund gewischt hatte, tippte mir jemand von hinten auf die Schulter. »Der Herr Nannen. Was macht ein so berühmter Privatdetektiv in dieser bescheidenen Gastwirtschaft? Treffen Sie etwa einen geheimnisvollen Informanten? Müssen wir mit einer Schießerei rechnen?« Ich erkannte die Stimme und den seltsamen Sinn für Humor. Ich drehte mich um und blickte in Schuhmanns Gesicht. »Die Karin! Hast Du schon die Schweineställe ausgemistet, oder läßt Du die armen Tierchen in ihrem Dreck ersticken, während Du dem Wirt schöne Augen machst?« »Im Gegensatz zu Dir haben meine Schweine ein schönes Zuhause. Außerdem brauchen sie nicht zu befürchten, von einem skrupellosen Schnüffler umgebracht zu werden.« Das Ableben von Wilbert hatte sich schnell herumgesprochen. Ich wunderte mich immer wieder, mit welcher Geschwindigkeit sich Neuigkeiten auf dem Dorf verbreiteten. »Wilbert ist ohne mein Zutun in den Schweinehimmel entschwunden. Wahrscheinlich waren das die Nachwirkungen des Futters, das ich von Dir gekauft hatte.« »Gekauft? Geschnorrt, meinst Du wohl? Aber ich habe keine Lust, mich mit einem Tierquäler zu unterhalten.« »Ich mache Dir einen Vorschlag, Karin: Ich gebe einen aus, und wir verschieben unser unterhaltsames Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt.« »Ich lasse mir von Dir keinen ausgeben. Wenn Du scharf darauf bist, Geld auszugeben, dann spielen wir um die Getränke.« »Hat der Wirt ein Damespiel oder bevorzugst Du Backgammon?« »Ich hatte eher an eine Partie Billard gedacht.« Wenn sie unbedingt meine Biere bezahlen wollte, war ich der letzte, der sie davon abhalten würde. Karin war mittlerweile zum Tisch gegangen und redete mit den zwei Schwachköpfen. Sie kehrte mit der Meldung zurück, daß wir noch ein Spiel abwarten mußten, bevor wir an der Reihe waren. Diese letzte Partie dauerte jedoch eine halbe Stunde, da keiner der beiden seine Kugeln nur annähernd in die Nähe eines Loches bringen konnte. Schließlich wurde doch die erste Kugel versenkt. Da es sich um die schwarze Acht handelte, konnten wir endlich unsere Queues einkreiden und mit dem Kampf beginnen. Das erste Spiel gewann ich knapp, die nächsten fünf verlor ich haushoch. Die Lust am Billardspielen war mir vergangen. Außerdem machte sich mein verletzter Oberschenkel bemerkbar. »Herzlichen Glückwunsch, Karin. Auch wenn es keine große Kunst ist, gegen einen Invaliden zu gewinnen.«54 »Haben sie den Granatsplitter in Deinem Kopf immer noch nicht entfernt?« Ich humpelte auffällig zur Theke zurück und ließ mich auf dem Barhocker nieder. Karin setzte sich neben mich. »Was möchtest Du trinken, Karin? Ich halte einen Becher Galle für angemessen.« »Ich nehme einen schönen, teuren Drink. Erwin, Du hast doch diesen irischen Malzwhisky. Davon hätte ich gerne einen doppelten mit etwas Wasser.« Ich orderte das gleiche, und wir prosteten uns zu. »Warum sagtest Du vorhin, Du seist ein Invalide?« »Ich bin gestern angeschossen worden.« Dabei zeigte ich auf mein Bein. »Und dann rennst Du heute schon wieder in eine Kneipe? Du hast sie doch nicht alle.« »Erstens bin ich Privatdetektiv, zweitens habe ich bis vorhin keine Schmerzen verspürt, und drittens habe ich gestern einen schönen Verband bekommen, der immer noch blütenweiß ist.« »Du hast den Verband noch nicht gewechselt? Los, aufstehen.« Ich hatte kaum Zeit, die Getränke zu bezahlen, so schnell zerrte mich Karin aus dem Lokal. Zuerst sollte ich bei ihr mitfahren, aber als ich ihr klargemacht hatte, daß ich kein Baby war, durfte ich selbst an das Steuer. Sie befahl, hinter ihr herzufahren. Ich erwiderte, daß ich die Lichthupe betätigen würde, wenn ich kurz vor der Ohnmacht stünde. Wir fuhren los in Richtung Schuhmann. Wenn ich ihr Entsetzen über den nicht gewechselten Verband und ihre Hast, mich aus der Kneipe zu befördern, richtig deutete, wollte sie mich mit neuen Leinentüchern einwickeln. Karin schien sich wirklich Sorgen um mein Wohlergehen zu machen. Ich hatte schon früher vermutet, daß unter ihrer rauhen Schale ein weicher Kern steckte, aber nun wurde diese Vermutung zur Gewißheit. Karin Schuhmann, die nach außen hin kälteste aber zugleich hübscheste Frau in Buldern, wollte Dieter R. Nannen, dem miesen Schnüffler und Schnorrer, den Verband wechseln. Ich kniff mich ein paar Mal, um mich davon zu überzeugen, daß ich nicht träumte. Wir erreichten den Biogemüsehof. Kaum hatte sie ihren Wagen geparkt, stürzte sie heraus und öffnete meine Fahrertür. »Ich bin sehr wohl in der Lage, alleine auszusteigen und zu laufen. Du brauchst also nicht beim Krankenhaus anrufen und einen Rollstuhl anfordern.« »Mit Schußverletzungen spaßt man nicht, Dieter.«55 »Vielen Dank, Frau Oberschwester. Im Falle des Falles hätte ich gerne eine Feuerbestattung. Mit der Asche darfst Du Deine Felder düngen. Die Ernteerträge werden immens sein.« Allmählich ging mir ihre Fürsorge auf den Zeiger. Ich schob ihren Arm, der mich stützen sollte, zur Seite und marschierte auf die Eingangstür zu. Der Preis für das coole Auftreten wurde mit kurzen Schmerzattacken bezahlt. Wortlos gelangten wir in das Wohnzimmer. »Ziehe Deine Hose aus! Ich hole Salbe und Verbandszeug.« Ich war froh, daß ich heute nachmittag Boxershorts anstatt einer knappen Unterhose angezogen hatte, sonst hätte Karin keine Chance gehabt, sich auf meine Verletzung zu konzentrieren. Im Moment war mir der neue Verband wichtiger als alles andere. Als ich aus der Jeans geklettert war und mich wieder auf das Sofa fallen ließ, kam Karin zurück. »Hast Du an Schmerztabletten gedacht?« Sie warf mir eine grüne Schachtel zu. In Sekundenschnelle hatte ich zwei Pillen aus der Plastikummantelung befreit und in meinem Körper verstaut. »Das habe ich mir gedacht. Der Verband ist durchgeblutet.« Was Karin als durchgeblutet bezeichnete, war ein kleiner roter Fleck mit einem Durchmesser von zwei Zentimetern. »Legst Du eine schöne Scheibe auf? Am besten die gleiche, die wir bei unserem letzten Abendessen gehört haben.« »Nein.« »Dann ziehe ich mich wieder an und laufe weiterhin mit einem infektgefährdeten Bein durch die Gegend.« Mit diesen Worten schnappte ich mir die Jeans. »Ich will Dich vor dem Tod retten, und Du hast nichts anderes im Sinn, als Musik zu hören. Na gut, die Klügere gibt nach.« »Die Hübschere gibt nach.«56 Karin legte die Dirty Deeds Done Dirt Cheap von AC/DC auf. Sie schien sich noch sehr gut an den Abend zu erinnern, an dem wir zuerst Columbo geguckt und anschließend diese Platte gehört hatten. Während Bon Scott seine whiskytrainierte Stimme erklingen ließ, wickelte Schuhmann den Verband ab. Ab und zu mußte ich die Zähne zusammenbeißen, denn die Schmerztabletten hatten noch nicht ihre volle Wirkung entfaltet. »Hübsche Unterhose.« »Im Moment wäre es mir lieber, wenn Du Dich mehr auf mein Bein als auf andere Dinge konzentrierst. Ich weiß, daß die alleinige Bewirtschaftung eines Bauernhofes manche Wünsche unerfüllt läßt, aber zur Zeit fühle ich mich nicht in der Lage, das zu halten, was der Inhalt eines gewissen Kleidungsstückes verspricht.« Karin bekam einen roten Kopf. »Der gute alte Nannen. Selbst im Angesicht des Todes reißt er Witze.« Um den Wahrheitsgehalt ihrer Worte zu erhöhen, riß sie das letzte Stück des Verbandes mit einem Ruck ab. Hätte ich nicht eine so flinke Zunge besessen, hätte ich sie in diesem Augenblick durchgebissen. »Was der Killer nicht geschafft hat, bringst Du zu Ende. Gib zu, daß Du mit ihm unter einer Decke steckst.« »Solange ich nicht mit Dir unter einer Decke stecken muß, bin ich beruhigt.« »Ist es auf dem Lande üblich, seine aufgestauten Aggressionen an wehrlosen Privatdetektiven auszulassen?« »Nur an Privatdetektiven, die sich pflegen lassen, aber nicht erzählen, wie sie zum Pflegefall geworden sind.« »Was sagt Dir der Begriff 'Schweigepflicht'?« »Die gilt für Priester, Ärzte und Rechtsanwälte; außerdem für alle Privatdetektive, die nicht Dieter Nannen heißen.« Meiner Meinung nach hatte es Karin verdient, daß ihre Neugierde befriedigt wurde. Ich erzählte in groben Zügen von den bisherigen Ereignissen. Die Szenen, in denen ich niedergeschlagen oder auf mich geschossen wurde, schmückte ich großzügig aus. Wenig später hatte sie die Wunde gesäubert und einen frischen Verband angelegt. »Wie willst Du weiter vorgehen?« »Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.« »Ich würde den Makler genauer unter die Lupe nehmen.« Auf diese Idee war ich auch schon gekommen, was ich ihr mitteilte. Daraufhin schmollte sie. Ich zog meine Jeans an. »Hältst Du mich auf dem laufenden?« »Selbstverständlich.«57 Mit frischer Bandage und frischem Mut ließ ich mich von Karin hinausbegleiten. Wir verabschiedeten uns. Ich kletterte in mein Auto und blickte zur Haustür. Sie war schon geschlossen. Ich wollte gerade den Zündschlüssel umdrehen, als mir einfiel, daß ich etwas vergessen hatte. Ich stiefelte zum Haus zurück und schellte. Karin öffnete. »Vielen Dank für alles.« Das Bild ihres Lächelns hatte ich die gesamte Rückfahrt vor Augen. Es war ein Uhr, als ich den Passat auf meinen Hof lenkte. Im Haus brannte Licht. Hoffentlich hatte der fromme Schäfer nur vergessen, vor dem Schlafengehen die Beleuchtung auszuschalten, denn für einen weiteren Disput mit ihm war ich zu erschöpft. Meine Hoffnung erfüllte sich nicht. Der Hirte fläzte sich im Sessel und las Berkeleys Dialoge. »Hallo, Dieter. Du hast eine umfangreiche Büchersammlung. Ich habe mir erlaubt, in diesem wirklich einzigartigen Werk zu lesen.« »Wo sind die Kreuze und Heiligenbildchen, die Du vorhin aufgehängt hast?« »Ich verstehe nicht, wovon Du redest?« Entweder halluzinierte ich oder hatte einen hochgradigen Schizo vor mir. »Du weißt nichts davon, daß Du heute abend vor der Marienstatue gekniet und gebetet hast?« »Das wäre eines der letzten Dinge, die ich machen würde. Ich bin Atheist.« Allmählich interessierte mich der Bursche. »Wie heißt Du?« »Ewald Potthoff.« »Erzähle ein bißchen über Dich, es sei denn, Du willst jetzt lieber schlafen.« »Ich bin noch nicht müde, aber viel zu erzählen gibt es nicht. Ich bin neunzehnhundertzweiunddreißig in Bottrop geboren. Ich war Einzelkind. Aus diesem Grund waren meine Eltern in der Lage, mich auf die Universität zu schicken. Dort habe ich Anglistik und Philosophie studiert. Obwohl ich mit Auszeichnung bestanden habe, bekam ich keine Anstellung. Ein Freund hat mir eine Stelle in der Registratur einer kleinen Firma verschafft. Als das Unternehmen nach drei Jahren pleite ging, bin ich nach Frankfurt gezogen und habe verschiedene Jobs angenommen. Ich hatte einige Bücher über Nietzsche geschrieben, und die mußten finanziert werden.« »Und in einer Frankfurter Bahnhofskneipe hast Du Hugo Simon kennengelernt.« »Woher weißt Du das?«58 »Das lag nahe, weil Hugo damals in Frankfurt als Kellner gearbeitet hat. - Wie bist Du zu den Schafen gekommen?« »Geerbt von einem Freund. Nach zwei Tagen Überlegungszeit habe ich die Klamotten hingeworfen, und seitdem ziehe ich mit den Tieren durch die Lande.« »Kannst Du davon leben?« »Ich stelle keine großen Ansprüche. Außerdem habe ich Freunde in ganz Europa, bei denen ich eine Mahlzeit und Futter für meine Schafe bekomme. Aber jetzt haben wir genug über mein Leben geredet. Hast Du Lust, ein bißchen von Dir zu erzählen?« »Tut mir leid, aber ich bin hundemüde. Wir verschieben das lieber auf einen späteren Zeitpunkt. Ich genehmige mir jetzt eine Mütze Schlaf.« »Okay. Schlaf schön, Dieter.« »Ebenso, Ewald.« In der Nacht wurde ich durch ein Geräusch aufgeweckt. Der Wecker zeigte vier Uhr an. Ich rieb mir den Schlaf aus den Augen und schärfte meine Sinne. Meine Ohren meldeten Fehlanzeige, dafür erkannten meine Augen ein flackerndes Licht, das unter dem Türspalt hindurchdrang. Ich schlüpfte in den Bademantel, um der Sache auf den Grund zu gehen. Die Tür zum Wohnzimmer war angelehnt. Ich öffnete sie einen Spalt und sah das knisternde Kaminfeuer. Jetzt reichte es mir. Ich riß die Tür auf und erkannte Ewald, wie er vor einem Poster kniete, das Gott als alten Mann mit weißem Bart zeigte. Potthoff geißelte sich mit einer Rute. Ich stellte mir die Frage, ob mich der Killer nicht doch am Kopf getroffen hatte, und taumelte benommen in das Schlafzimmer zurück. Um schnell wieder einzuschlafen, zählte ich Schafe. XVI Bedingt durch die erlittenen Strapazen erwachte ich am nächsten Morgen erst um kurz vor zehn. Selten hatte mich ein Tag physisch und psychisch so geschafft wie der gestrige. Ich kleidete mich an und verließ das Haus. Meine Hoffnung, daß der Hirte weitergezogen war, wurde im Keim erstickt, als ich auf den Hof trat. Immerhin machte er sich nützlich, denn ich hörte ihn im Stall hämmern und sägen. Ich düste nach Buldern. Dort erstand ich Brötchen, Aufschnitt, Kaffee, Zigaretten und drei verschiedene Tageszeitungen. Ich hatte mir vorgenommen, erst ausgiebig zu frühstücken und anschließend alle bisher bekannten Fakten im Mordfall Eckolt zusammenzufassen und auszuwerten, um dann die weiteren Schritte zu überlegen. Zurück auf meinem Kotten ließ ich mir von Ewald versichern, daß er mindestens noch drei Stunden im Stall arbeiten würde. Beruhigt schob ich mir die Brötchen zwischen die Kiemen und postierte alle benötigten Utensilien auf dem Tisch. Dann begann ich mit meiner Arbeit. Zunächst studierte ich die Zeitungen. Als erstes fischte ich mir den Havixbecker Kurier heraus. Ich mußte einige Seiten umblättern, bis ich auf eine kleine Meldung stieß: "Der Mörder von Franz Eckolt ist offensichtlich gefaßt. Auf Nachfrage des HK gab Kommissar Weber von der Böckinghausener Polizei bekannt, daß der mutmaßliche Täter noch am selben Tag am Tatort verhaftet worden sei. Über den Namen des Täters oder sein Motiv machte er keine Angaben. Recherchen des HK haben ergeben, daß Franz Eckolt vermögend war, und sich einige wertvolle Gemälde in seinem Eigentum befanden. Das bestätigt unsere Vermutungen, daß der Ermordete einen Einbrecher auf frischer Tat ertappt hatte und dabei umgebracht worden war."59 Das war mehr als dürftig. Auch die anderen Zeitungen beschränkten sich auf die üblichen Phrasen. Ein Artikel ging so weit, daß Ekkolts Tod als Selbstmord deklariert wurde. Ein Leserbrief stellte die These auf, daß Franz Eckolt einen Killer gekauft hatte, um sich umbringen zu lassen, weil er homosexuell war und die Entdeckung seiner Neigung fürchtete. Ich kam zu dem Schluß, daß das Studieren der Witzseite die gleichen Erkenntnisse gebracht hätte, und legte die Schmierblätter beiseite. Jetzt mußte ich auf die von mir ermittelten Fakten zurückgreifen. Zunächst schien es angebracht, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen. Als erstes schrieb ich den Namen des Hauptverdächtigen in mein Notizbuch: Gerd Poszilny. Laut meiner Auftraggeberin Christa Kerner wollte sich der Makler Eckolts Haus unter den Nagel reißen, das Franz aber auf keinen Fall verkaufen wollte. Poszilny hatte demnach ein Motiv. Auch Otto Baumeister hatte von einer riesigen Schweinerei im Zusammenhang mit dem Makler gesprochen, der Franz Eckolt auf der Spur war. Außerdem war es Poszilny gewesen, der mich zu Eckolts Grundstück gelockt hatte, wo ich von dem schießwütigen Muskelmann empfangen worden war. Jedoch schwirrte mir in diesem Zusammenhang eine Ungereimtheit im Kopf herum, die ich aber nicht zu fassen bekam. Etwas stimmte nicht bei der Sache mit Poszilny, aber auch nach intensivem Nachdenken fiel es mir nicht ein. Zunächst schloß ich die Gedanken über Poszilny mit der Feststellung ab, daß er mein Hauptverdächtiger Nummer eins war. Ich kramte die Skizze hervor, die den Stammbaum der Eckolts, Sieperts und Kerners zeigte. Irene Eckolt und Christa Kerner waren zwei naive Hausmütterchen, denen ich nicht zutraute, einen Mord zu begehen. Wenn Christa Kerner die Mörderin wäre, hätte sie mich kaum engagiert. Wenn Irene Eckolt es gewesen wäre, hätte sie Christa im Gefängnis verrotten lassen und keineswegs einen Privatdetektiv beauftragt. Spätestens seitdem Irene ihrem Mann widersprochen hatte, als es um meinen Auftragsentzug ging, konnte ich sie von der Liste der Verdächtigen streichen.60 Thekla Eckolt, Irenes Tochter, war eine frühreife Studentin, die ihre Schönheit skrupellos auszuspielen wußte, wenn man Otto Baumeister Glauben schenken konnte. Über den Sohn Kurt wußte ich auch nicht mehr. Wenn Franz Eckolt tatsächlich so vermögend war, wie es den Anschein hatte, besäßen Kurt und Thekla zumindest ein Motiv. Doch dieses Motiv hatte jedes Mitglied der Sippe und zugleich wieder nicht, denn offensichtlich hatte sich Franz Eckolt mit jedem seiner Kinder überworfen. Meiner Meinung nach hätte er seine Moneten eher dem örtlichen Tierschutzverein vererbt als seiner Familie. Ich durfte Otto Baumeister nicht vergessen. Er hatte sich regelmäßig mit Franz zum Schachspielen getroffen und war bisher der einzige bekannte Freund des Toten. Vielleicht hatte er sich ausgerechnet, daß er in Eckolts Testament als Erbe eingesetzt worden war. Andererseits konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß Otto ein Mörder war. Ein Anruf würde mir Klarheit verschaffen. Im Telefonbuch suchte und fand ich die Nummer des Böckinghausener Altenheimes, und Sekunden später hatte ich Schwester Kunigunde an der Strippe. »Nannen hier.« »Wenn Sie das nächste Mal unser Haus verlassen, dann bitte allein. Die Entführung von Rentnern aus Altenheimen ist strafbar.« »Genau darum geht es. Könnten Sie mir eine Auskunft geben?« »Kommt auf die Frage an.« »Es geht um letzten Montag, den neunzehnten Juli. Wissen Sie, wo sich Otto Baumeister zwischen zwölf und zwei Uhr aufgehalten hat?« »Wieso wollen Sie das wissen?« »Es geht um den Mordfall Franz Eckolt, an dem ich arbeite.« »Verdächtigen Sie etwa unseren Herrn Baumeister?« »Ich erstelle gerade eine Liste mit allen Personen, die in irgendeiner Verbindung zu Herrn Eckolt standen. Ich klappere alle Alibis ab, ganz gleich, ob ich die jeweilige Person für verdächtig halte oder nicht. Sie müssen wissen, daß die Detektivarbeit lange nicht so aufregend ist, wie es das Fernsehen weismachen will.« »Dann bin ich beruhigt. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Montags gibt es bei uns, wie an jedem anderen Tag, um halb eins Mittagessen. Das dauert in der Regel bis viertel nach eins.« »Sind Sie sicher, daß Herr Baumeister an diesem Tag anwesend war?« »Ja, und zwar aus zweierlei Gründen: Zum einen habe ich beim Essen an seinem Tisch gesessen. Das Pflegepersonal nimmt seine Mahlzeiten immer zusammen mit den Bewohnern ein. Zum anderen hat um halb zwei eine kleine Festlichkeit stattgefunden. Zwei Damen feierten an diesem Tag ihren siebzigsten Geburtstag, und Herr Baumeister hat zu diesem Anlaß ein Gedicht vorgetragen.«61 »Sie machen mich glücklich, Schwester. Jetzt kann ich einen Namen von meiner Liste streichen. Ich hätte nur noch eine Bitte.« »Und die wäre?« »Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Otto nichts von unserem Gespräch erzählen würden.« »Ich halte es auch für angebrachter, wenn Herr Baumeister nichts davon erfährt, daß er nur knapp einer Mordanklage entgangen ist.« »Behalten Sie Ihre sarkastischen Bemerkungen für sich. Auf Wiederhören.« »Wollen Sie nicht wissen, wo sich Franz' Bruder zur Tatzeit aufgehalten hat?« Schwester Kunigunde bewies ein gehöriges Maß an Humor. »Herr Eckolt ist erdrosselt und nicht überfahren worden.« Ich legte auf und kehrte zu meinen Aufzeichnungen zurück. Die Sieperts waren die nächsten auf der Skizze. Ihnen traute ich den Mord am wenigsten zu. Sie waren zu faul, solch ein Verbrechen zu begehen. Karl Siepert erhob sich nur von seiner Couch, um pinkeln zu gehen oder neues Bier zu holen. Außerdem waren die Sieperts mit Sicherheit nicht intelligent genug, um Christa Kerner als Sündenbock auszusuchen und sie in die Falle laufen zu lassen. Karl Siepert wäre eher nach der Tat zum nächsten Kiosk gerannt, um die Aufregung mit einem Flachmann zu bekämpfen. Die Kordel als Mordwaffe sprach ebenfalls gegen Karl. Er hätte seinen Schwiegervater totgeschlagen und nicht erdrosselt. Ich beschloß, die Sieperts an das Ende der Liste zu setzen.62 Der letzte Verdächtige war zugleich ein schwerer Brocken: Heinz Eckolt. Er hatte eine Geliebte und wollte mir den Fall entziehen. Das war verständlich. Aber ich sah keinen Berührungspunkt zu dem Mord an Franz. Welches Motiv sollte er haben? Er hatte genug Schotter und war auf das Erbe nicht angewiesen. Andererseits hatten sowohl seine Frau als auch Otto ausgesagt, daß es zwischen Heinz und seinem Vater in der Vergangenheit Unstimmigkeiten gegeben hatte, aber weder Irene noch Otto wußten, um was es sich dabei handelte. Es konnte nicht schaden, wenn ich Heinz Eckolts Vergangenheit durchleuchtete. Nach Durchsicht der Notizen kam ich zu dem Schluß, daß der Makler mit gebührendem Abstand der Hauptverdächtige war. Mir machte nur zu schaffen, daß ich immer, wenn ich an Poszilny dachte, das Gefühl hatte, etwas wichtiges übersehen zu haben. Ich warf die East Easy Rider-Single von Julian Cope auf den Plattenteller mit der Vorgabe, während der A-Seite erneut über dieses ungute Gefühl und während der Rückseite über die weitere Vorgehensweise nachzudenken. Ein Klicken signalisierte mir, daß meine Überlegungszeit für Teil eins abgelaufen war. Ich drehte die Scheibe um und plante meine weiteren Aktionen. Eine Beschattung von Gerd Poszilny erschien mir als das Sinnvollste. Vielleicht traf er sich mit dem Killer, um einen zweiten Anschlag auf mich in Auftrag zu geben. Insofern wäre die Beschattung auch für mein künftiges Wohlergehen von Vorteil. Ich packte meinen Krempel zusammen, leerte den überquellenden Aschenbecher aus und kochte Kaffee, den ich in eine Thermoskanne füllte. Ich schnappte mir die Kanone und ein Camus-Taschenbuch und verließ das Haus. Der Schäfer saß auf dem Dach des Kaninchenstalles und kittete die Löcher. Ich winkte ihm zu. Als ich die Autotür aufschloß, fiel mir ein, daß ich meine Allzwecktasche vergessen hatte. In ihr waren alle Utensilien verstaut, die man als erfolgreicher Privatdetektiv benötigte, um jeder Situation gewachsen zu sein. Ich kehrte noch einmal in das Haus zurück. Als ich wieder auf den Hof hinaustrat, sah ich Potthoff am Auto stehen. »Kommst Du heute um zehn Uhr zum gemeinsamen Beten?« Die unangenehme Seite seines Doppelwesens hatte wieder die Herrschaft über ihn gewonnen. »Wenn ich es schaffe, gerne. Ich besuche um neun Uhr die Messe im Münsteraner Dom, aber ich beeile mich, rechtzeitig zurückzukommen.« Bei einer Sache war ich absolut sicher: Ich würde meinen Kotten nicht vor Mitternacht betreten.63 XVII Die Sonne hatte ihren Zenit schon seit zwei Stunden überschritten, als ich meinen Wagen gegenüber von Poszilnys Bürogebäude parkte. Ich stieg aus, lief zu der nächsten Telefonzelle, kramte mein Notizbuch aus der Jackentasche und suchte die Nummer des Maklers heraus. »Immobilienagentur Poszilny.« Ich legte eine Hand vor den Hörer. »Kramer hier. Könnte ich bitte Herrn Poszilny sprechen?« »Herr Poszilny führt zur Zeit ein Beratungsgespräch, aber vielleicht kann ich Ihnen helfen.« Das reichte mir; Poszilny war im Büro. Ich legte auf, kehrte zum Wagen zurück, nahm meine Beschattungslektüre, Camus' Roman Der Fremde zur Hand und verfolgte Mersaults Schicksal. Eine knappe Stunde später öffnete sich die Drehtür. Ich legte das Buch auf den Beifahrersitz. Poszilny und seine Sekretärin betraten in Begleitung eines sonnenstudiogebräunten Bodybuilders, der mir bekannt vorkam, den Bürgersteig. Sie gingen einige Meter in meine Richtung, dann holte der Makler einen Schlüssel aus seiner Jackettasche und schloß die Wagentür eines braunen BMW auf. Der Muskelmann setzte sich hinter das Lenkrad, Poszilny und seine Sekretärin machten es sich auf dem Rücksitz bequem. Kurze Zeit später fuhren wir durch die Münsteraner Innenstadt. Ich bemühte mich, einen Sicherheitsabstand von fünfzig Metern einzuhalten, um unentdeckt zu bleiben. Dies zwang mich zu einigen gewagten Überholmanövern, damit ich nicht bei dunkelroten Ampeln dichtbefahrene Kreuzungen überqueren mußte. Nach zehn Minuten nervenaufreibender Fahrt hielten die Drei vor einem Lokal namens "Club Venus". Ich parkte fünfzig Meter hinter dem BMW und wartete, bis das Trio den Schuppen betreten hatte. Dann stieg ich aus, spazierte zu dem Gebäude und unterzog es einer eingehenden Musterung. Der Club lag im Parterre eines dreistöckigen Eckhauses. Die Fenster waren mit schwarzer Folie zugeklebt. Von der ebenfalls schwarzen Eingangstür grinsten mich leicht bekleidete Mädchen aus Silberfolie verführerisch an. Ich marschierte zum Wagen und zog ein Jackett und einen Schlips über, die ich für solche Fälle in meiner Allzwecktasche verstaut hatte. Dann ging ich zum Club zurück und betätigte die Schelle. Ich mußte nicht lange warten. Ein Schrank von einem Mann, dessen Bizepse die Ärmel seines Smokings zu sprengen drohten, füllte den Türrahmen aus. »Ihre Mitgliedskarte.«64 »Ich bin zum ersten Mal hier. Ich hoffe, das ist kein Problem.« »Keineswegs, mein Herr. Bitte folgen Sie mir.« Nachdem die Tür hinter uns zugefallen war, wanderten wir durch einen schummrig beleuchteten Flur. Wir gelangten in einen mit Plüschsofas eingerichteten Raum, in dem sich barbusige Mädchen angeregt mit nobel gekleideten Herren unterhielten. Der Großteil der Animierdamen waren Asiatinnen. Wir betraten ein Büro, in dem eine ältere Dame, die in mehrere Schminktöpfe gefallen sein mußte, einen Stapel Rechnungen durchblätterte. »Wen bringst Du uns Nettes, Bruno?« »Der Herr möchte Mitglied werden.« »Gut. Du kannst gehen.« Bruno verschwand lautlos, während ich mich auf einem beigefarbenen Stuhl niederließ. »Sie wollen also bei uns Mitglied werden, Herr...?« »Groscher. Georg Groscher.« »Das ist natürlich nicht Ihr richtiger Name.« Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich hatte nicht damit gerechnet, so schnell enttarnt zu werden. »Wie meinen Sie?« »Das ist nicht weiter schlimm. Kaum einer unserer Kunden gibt seinen richtigen Namen an. Deshalb müssen auch alle Dienstleistungen unseres Unternehmens bar bezahlt werden.« Da hatten meine Alarmglocken umsonst geläutet. »Ich habe nichts anderes erwartet, Frau...« »Sie können mich Gitta nennen.« Sie füllte ein Kärtchen aus. »Das ist Ihr Mitgliedsausweis, Herr Groscher. Sie brauchen ihn nur, wenn unser aller Freund und Helfer sich für unsere Parties interessieren sollte. Heute kommen Sie in den Genuß unseres Schnupperangebotes. Das bedeutet Massage und Getränke zum halben Preis. Die Höhe des Trinkgeldes für unsere Mädchen überlassen wir Ihrem Ermessen.« Ich erklärte mich mit allem einverstanden, dann drückte sie einen Knopf auf ihrem Schreibtisch. Nur wenige Augenblicke später öffnete ein etwa sechzehnjähriges Mädchen, dessen Geburtsland nicht unweit von Thailand liegen konnte, die Tür.65 »Das ist Judy. Ich hoffe, Sie werden viel Freude an ihr haben.« Ich verabschiedete mich von Gitta und folgte Judy in das zweite Stockwerk. Dort gingen wir einen Flur entlang, an dem acht Zimmer lagen. Wir betraten den Raum Nummer zwei. Er enthielt ein Bett, das auf einem abgenutzten Teppich stand. Das war auch schon das ganze Mobiliar. Die Decke und die Wände waren mit kopulierenden Paaren verziert. Judy wies mich mit einer Handbewegung an, die Klamotten abzulegen. Ich öffnete den obersten Knopf meines Hemdes, faßte mich dann an den Kopf und sagte ihr, daß ich mein Geld im Wagen vergessen hätte. Sie verstand mich nicht. Durch wilde Gestik schaffte ich es schließlich, daß sie kapierte. Sie legte sich gelangweilt auf das Bett und nahm eine Illustrierte in die Hand. Ich verließ den Raum und blickte auf den Flur hinaus. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Ich überlegte, wo ich mit meiner Suche beginnen sollte. Im Erdgeschoß hatte ich Poszilny nicht gesehen. Da er in Begleitung seiner Sekretärin gekommen war, hielt ich es für unwahrscheinlich, daß er sich in einem der Separées im zweiten Stock mit einem Mädchen amüsierte. Ich beschloß, meine Erkundigungen im dritten Stock zu starten, und schlich die Treppe hinauf. Wo im zweiten Stock der Flur begann, erwartete mich im dritten eine Tür, die geschlossen war. Leises Gemurmel drang an mein Ohr. Ich blickte durch das Schlüsselloch. Soweit ich es erkennen konnte, bestand das gesamte dritte Stockwerk aus einem einzigen Raum. Am Ende des Raumes stand ein Tisch, an dem Poszilny und seine Sekretärin saßen. Den Bodyguard konnte ich durch das Schlüsselloch nicht sehen. Er mußte abseits stehen. Poszilny entnahm einem Aktenkoffer einen Haufen Geldscheine, die er einem Chinesen überreichte, der von rechts in mein Blickfeld getreten war. Danach reichte Gerd dem Orientalen einen Zettel, auf den dieser etwas schrieb. Nachdem er die Notiz zurückgegeben hatte, standen alle auf und schüttelten sich die Hand. Ich hielt es für angebracht, meinen Beobachtungsposten so schnell wie möglich zu verlassen. Ich stürmte die Treppe hinunter und verschwand in Zimmer Nummer zwei. Judy lag ausgezogen auf dem Bett. Ich schüttelte den Kopf, sagte ihr, daß ich nur fünfzig Mark im Auto gefunden hatte, und drückte ihr den Geldschein in die Hand. Wie ich an ihrer fragenden Miene erkannte, hatte sie wiederum kein Wort verstanden. Ich deutete zwischen meine Beine und schüttelte den Kopf. Sie zog bedauernd die Schultern hoch.66 Ich hob die Hand zum Gruß und öffnete vorsichtig die Tür. Poszilnys Troß mußte schon vorbeigekommen sein, denn der Flur war leer. Ich lenkte meine Schritte in Richtung Parterre. Als ich den Barraum durchquerte, sah ich, wie Poszilny in einer Ecknische mit dem Orientalen anstieß. Dem Flaschenetikett nach zu urteilen, mußte es sich um Champagner handeln. Die Sekretärin und der Muskelmann saßen an einem Nebentisch. Ich drehte mein Gesicht in Richtung der Theke und durchquerte den Raum, ohne daß mir jemand Beachtung schenkte. Vor der Eingangstür rauchte Bruno eine filterlose Zigarette. »Ich hoffe, Sie haben sich amüsiert.« »Ihr Mädchen war so gut, daß ich eine Woche nicht pinkeln kann.« Ich sah ihm an, daß er nicht wußte, ob das ein Kompliment sein sollte. Dennoch schien er sich zu einer Antwort verpflichtet zu fühlen. »Das freut mich.« Als die Tür hinter mir zugeschlagen wurde, atmete ich tief durch. Alles hatte geklappt. Ich ging zum Wagen zurück und setzte mich hinter das Lenkrad. Ich überlegte, was ich gesehen hatte: Gerd Poszilny fuhr außerhalb seiner Geschäftszeit in zwielichtige Lokale und tätigte dort Geschäfte mit ebenso zwielichtigen Orientalen. In dem Club arbeiteten Asiatinnen, die kein Wort Deutsch sprachen. Wenn man alle Einzeleindrücke zu einem Gesamtbild zusammenaddierte, lag der Verdacht nahe, daß Poszilny ein florierendes Nebengeschäft unterhielt, indem er fernöstliche Mädchen in Bordellen anschaffen ließ. Die einzige Möglichkeit, bei diesem Auftrag endlich zu präsentierbaren Ergebnissen zu kommen, lag in der Durchleuchtung von Poszilnys Geschäften. Dazu mußte ich die Geschäftsunterlagen des Maklers einsehen. Der Zeitpunkt für einen Einbruch in sein Büro war günstig: Sowohl er als auch seine Sekretärin feierten einen gelungenen Geschäftsabschluß in einem Puff, der eine halbe Stunde Autofahrt von seinen Geschäftsräumen entfernt lag. Ich fuhr los und stellte das Radio an. Man spielte gerade die neueste Auskopplung von Anthrax. Ich stellte mit Bedauern fest, daß ihnen die frühere Klasse fehlte und wechselte zu einem Klassiksender. Um neunzehn Uhr parkte mein Wagen zum zweiten Mal an diesem Tag vor dem Maklerbüro. Sein Besitzer rüttelte unterdessen an Poszilnys Tür. Wider alle Erwartungen war sie nicht abgeschlossen. Das Vorzimmer war leer.67 Ich trat ein und befand mich eine Sekunde später auf dem Fußboden. »Ich bin noch nicht zum Trockenwischen gekommen.« Eine etwa fünfzigjährige Frau in einem blauen Kittel blickte aus Poszilnys Büro. »Das ist ja lebensgefährlich.« Ich betastete mein lädiertes Hinterteil. »Ach was.« Mit einer unwirschen Handbewegung wischte sie alle möglichen Anschuldigungen aus dem Raum. »Der Makler ist nicht da. Hat Feierabend, der feine Herr. Was haben Sie hier zu suchen?« »Ich wußte nicht, daß Herr Poszilnys Büro schon geschlossen hat.« »Jetzt wissen Sie es.« Da sie keine Anstalten machte, mir vom Boden aufzuhelfen, erhob ich mich aus eigener Kraft. Ohne mich zu verabschieden, verließ ich das Büro. Schräg gegenüber befand sich eine Besenkammer, aus der die Putzfrau ihre Wischutensilien geholt haben mußte. Der Schlüssel steckte. In Sekundenschnelle hatte ich einen Plan entwickelt, wie ich Poszilnys Büro in aller Ruhe durchsuchen konnte. Wenn mein Vorhaben gelang, brauchte ich noch nicht einmal das Schloß der Eingangstür zu knacken. Ich öffnete meine Allzwecktasche, die ich vorsorglich mitgenommen hatte, und entnahm einen Strick. Jetzt mußte ich mich nur noch in Geduld üben. Ich stellte mich hinter die Bürotür und zählte meine Atemzüge. Ich war bei Nummer siebenhundertachtundsechzig angelangt, als sich Poszilnys Tür öffnete. Ein Reinigungswagen schob sich auf den Flur, während seine Fahrerin schrecklich falsch "Horch, was kommt von draußen rein" pfiff. Als sie den Flur betrat, warf ich meine Jacke über ihren Kopf. »Wenn Du einen Mucks verlauten läßt, bist Du auf der Stelle tot.« Ehe sie den bewußten Mucks machen konnte, hatte ich ihre Arme fachgerecht hinter dem Rücken verschnürt und ein altes Taschentuch in den Mund gestopft. Dann stieß ich sie in die Besenkammer, wobei ich ihr die Jacke wieder vom Kopf riß, und verschloß die Tür. Nun stand einer ungestörten Arbeit nichts mehr im Wege. Ich begab mich in Gerds Büro und setzte mich hinter den Schreibtisch und vor den Computer. Durch meine frühere Betriebswirttätigkeit hatte ich gründliche EDV-Kenntnisse erworben, so daß ein Rechner kein Buch mit sieben Siegeln für mich darstellte. Ich betätigte die ON-Taste und durchforstete die Festplatte. Sie enthielt Anwendungsprogramme, jedoch keine Benutzerdateien. Wenn Poszilny Daten über seine Geschäfte abgespeichert hatte, mußten sie sich auf Diskette befinden.68 Ich zog einen Bund mit Dietrichen aus der Tasche und widmete mich dem Schloß der Schreibtischschubladen. Dabei wunderte ich mich über die Naivität von Leuten, die derartige Schlösser als Schutz ansahen. Das Öffnen einer Bierflasche beanspruchte mehr Zeit als das Knacken eines solchen Verschlusses. Nach einer halben Minute konnte ich die erste Schublade aus dem Schreibtisch ziehen. Leider erlebte ich bei der Durchsuchung eine herbe Enttäuschung, da ich nichts außer Büromaterial fand. Die zweite Schublade enthielt ebenfalls nichts Interessantes. Erst im dritten Fach wurde ich fündig. In einem blauen Kästchen befanden sich fünfzehn Disketten. Ich nahm eine heraus und schob sie in das Laufwerk. Ich öffnete eine EXCEL-Datei mit dem geheimnisvollen Namen "XXX.XLS" und warf einen Blick darauf. Das erste, was mir auffiel, waren Unmengen von fernöstlichen Namen. Da ich nicht wußte, wie lange die Putzfrau mundtot bleiben würde, holte ich aus einer anderen Box eine Leerdiskette und fertigte eine Kopie an. Zum Glück war die Leerdiskette schon formattiert. Das gleiche Spiel wiederholte ich mit der nächsten Diskette. Als der zweite Datenträger zu achtzig Prozent kopiert war, vernahm ich einen Heidenlärm, der offensichtlich aus dem Flur kam. Ich brach den Kopiervorgang ab, steckte die beiden Disketten in meine Tasche, richtete alles wieder so her, wie ich es vorgefunden hatte, und verließ das Büro. Der Krach, der meine Arbeit unterbrochen hatte, kam aus der Besenkammer. Jemand polterte gegen die Tür und schrie "Hilfe, Vergewaltigung". Meine Fesselkünste ließen schwer zu wünschen übrig. Ich beschloß, dieses Manko in der nächsten Zeit auszumerzen, und betrat das Treppenhaus. Bis jemand die kreischende Putzfrau entdeckte, würde ich längst über alle Berge sein. Um halb neun saß ich wieder im Wagen. Da ich aus Angst vor Potthoffs Bibelstunde noch nicht nach Hause fahren wollte, machte ich einen Abstecher zum Havixbecker Kino. Die Entscheidung, welchen Film ich anschauen sollte, wurde mir dadurch abgenommen, daß nur ein Streifen angeboten wurde. Ich verfolgte das Schicksal von Julia Roberts, die es als Prostituierte unheimlich schwer hatte, in der Welt der Reichen akzeptiert zu werden. Aber als Pretty Woman schaffte sie es schließlich doch, die Herzen der Akteure und der Kinobesucher zu erobern. Mit Tränen der Rührung verließ ich den Kinosaal und schaffte es nur durch absolute Selbstherrschung, das Zittern in meinem Körper zu bändigen und sicher den Wagen zu steuern.69 XVIII Um halb zwölf erreichte ich meinen Kotten und hoffte, der Betstunde mit Potthoff entgangen zu sein. Im Haus brannte kein Licht, was auf einen weiteren gottlosen Tag in meinem Leben hindeutete. Ich schloß die Tür auf, betrat die Stube und drückte auf den Lichtschalter. Nichts geschah. Entweder hatte ein Kurzschluß meine Stromversorgung lahmgelegt, oder die Heilige Maria hatte Potthoff geflüstert, daß Elektrizität Teufelswerk sei, und dieser hatte daraufhin die Sicherungen zerstört. Ich holte eine Taschenlampe aus dem Wagen und machte mich auf die Suche nach meinem Mitbewohner. Er sollte mir die Ursache für die Dunkelheit erklären. Als ich das Wohnzimmer betrat, entdeckte ich den Schäfer sofort. Er kniete vor dem Tisch, auf dem die Marienfigur thronte. Auf den ersten Blick sah es aus, als sei Ewald bei seinem tausendsten Vaterunser eingenickt. Ein zweiter Blick belehrte mich eines Besseren. Von seinem Kopf war nicht mehr viel übrig. Nach der Menge der verspritzten Gehirnmasse zu urteilen, die die Statue verzierte, mußte er mit einer großkalibrigen Waffe in den Himmel geschickt worden sein. Ich starrte einige Sekunden auf dieses groteske Bild; dann stürmte ich aus dem Haus, sprang in den Wagen und düste los. Ich mußte überlegen, was in dieser Situation am besten zu tun war. Wenn ich die Polizei verständigte, mußte ich damit rechnen, erneut im Knast zu landen. Daher schien es mir am sinnvollsten, zunächst vom Tatort zu verschwinden und in aller Ruhe über die weiteren Schritte nachzudenken. Vor allen Dingen mußte ich die beiden Disketten, die ich aus Poszilnys Büro entwendet hatte, an einem sicheren Ort verstecken. Ich stopfte die Datenträger in einen Umschlag, den ich im Hand- schuhfach fand, und fuhr zu Karins Hof. Ich beschriftete das Kuvert mit meiner Adresse und der Bitte um Aufbewahrung. Dann ließ ich die brisante Post in Schuhmanns Briefkasten verschwinden und fuhr nach Havixbeck, wo ich eine Bar ansteuerte. Die Preise waren zwar hoch, aber dort hatte ich wenigstens meine Ruhe. Ich war überzeugt, daß ich an der Stelle des Schäfers hätte liegen sollen. Der Killer wußte vermutlich, daß ich alleine lebte. Als er das Haus betrat, sah er Ewald beziehungsweise mich vor der Statue knien und drückte ab. Diesmal hatte er genauer gezielt als bei seinem ersten Versuch, doch sein Ziel hatte er wieder nicht erreicht. Ich konnte nicht verstehen, wie Poszilny mit solchen Versagern an seiner Seite derartige Geschäfte durchziehen konnte.70 Das konnte mir im Moment jedoch egal sein, denn zunächst mußte ich meinen eigenen Kopf retten. Unter den Tisch kehren konnte ich diesen Mord nicht, denn die Schafherde auf meiner Wiese würde genug Aufsehen erregen. Mir blieb nichts anderes übrig, als zurückzufahren und die Polizei zu verständigen. Ich bezahlte den Kaffee, den ich kaum angerührt hatte, und begab mich auf die Heimreise. Auf dem Hof standen zwei Streifenwagen. Bei einer Bullenschaukel war das Blaulicht nicht abgeschaltet worden. Ich sprang aus dem Wagen und betrat das Haus. »Was ist hier los?« »Der Herr Nannen. Sehr zuvorkommend von Ihnen, daß Sie uns schon wieder einen Toten präsentieren. Der letzte liegt schließlich erst vier Monate zurück.« Reichert, der unsympathischte Cop, den ich bisher kennengelernt hatte - bei meinem ersten Mordfall waren wir uns des öfteren auf die Füße getreten - starrte mich mit giftigem Blick an. »Ich grüße Sie, Herr Reichert. Könnten Sie mich aufklären, warum ich einen starken Grünschimmer vor Augen habe?« »An Ihrer Stelle würde ich mich zurückhalten, Nannen. Auch wenn Sie mit einem blauen Auge davonzukommen scheinen.« Ich schob mich an Reichert vorbei und blickte auf den Toten. Er befand sich in der gleichen Stellung wie vor einer Stunde. Nur diesmal konnte ich die Sauerei besser erkennen, denn das Licht brannte wieder. Im Hellen sah mein Wohnzimmer noch unappetlicher aus. Bevor ich wieder ein Buch auf den Tisch legen konnte, mußte ich ihn erst von der rosagrauen Masse reinigen, die sich vor kurzem noch in Potthoffs Schädel befunden hatte. Der Anblick des toten Hirten ließ mich kalt. Er hatte einen schnellen Tod gehabt und war so gestorben, wie er es sicherlich gewünscht hätte: Betend vor der Heiligen Jungfrau. Einem jungen Polizisten ging es jedoch anders. Er stand vor dem Spülbecken und kotzte sich die Seele aus dem Leib. »Machen Sie alles wieder sauber, mein Junge« rief ich ihm zu. Er zuckte kurz hoch, entschied sich aber, das einmal Begonnene zu beenden. Als ich meinen Blick durch den Raum wandern ließ, entdeckte ich auf einem Stuhl einen älteren Mann, der hemmungslos weinte. Er trug Handschellen. »Wer ist das?« fragte ich Reichert.71 »Der Täter. Bisher haben wir nur herausbekommen, daß er ein Bekannter des Toten ist. Mehr hat er noch nicht ausgesagt.« Das mußte der Kollege sein, mit dem Potthoff weiterziehen wollte. Er hatte sich einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt für seine Ankunft ausgesucht. »Hat er gestanden?« »Ich sagte bereits, was er ausgesagt hat. Wir haben einen Anruf erhalten, daß in Ihrem Haus ein Schuß gefallen sei. Daraufhin sind wir hierher gefahren und fanden diesen Mann, als er gerade das Haus verlassen wollte.« »Wer hat angerufen?« »Mister X.« »Also anonym. Finden Sie es nicht seltsam, daß der ominöse Unbekannte in dieser gottverlassenen Gegend exakt zur richtigen Zeit an meinem Haus vorbeikommt, um den Schuß zu hören?« »Nannen. Sie sind der letzte, der mir vorzuschreiben hat, wie ich meine Untersuchung zu führen habe. Ich persönlich würde auch lieber Sie ins Kittchen stecken.« Ich hielt mich zurück. Ich wußte zwar, daß Potthoffs Freund nicht der Mörder war, fühlte mich aber weitaus besser bei dem Gedanken, daß er anstatt mir in den Knast wanderte. In diesem Zusammenhang fiel mir ein, daß ich morgen bei Christa Kerner vorbeischauen mußte. Ich konnte mir nicht leisten, durch Auslassen eines Höflichkeitsbesuches mein Honorar zu gefährden. Gleichzeitig wußte ich aber, daß die Moneten nicht der einzige Grund waren, warum ich den Mörder von Franz Eckolt und Potthoff finden mußte. Diesmal war ich persönlich betroffen. Ich war überzeugt, daß die Mordanschläge auf mich nur durch die Dingfestmachung des Täters beendet werden konnten. Reichert riß mich aus meinen Gedankengängen. »Wer ist der Tote, und was hatte er hier zu suchen?« »Sie sollten sich angewöhnen, etwas höflicher zu fragen, Reichert. Trotzdem werde ich guten Willen zeigen und ihre Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantworten. Der Tote heißt laut eigenen Angaben Ewald Potthoff. Seinen Personalausweis habe ich mir nicht zeigen lassen. Er zieht mit seinen Schafen, die momentan auf meiner Wiese weiden, durch die Lande. Er und mein verstorbener Onkel Hugo, von dem ich dieses Anwesen geerbt habe, waren gute Freunde. Mein Onkel muß ihm damals versprochen haben, daß er hier wohnen könne, wenn er in diese Gegend kommt. Da ich ein freundlicher Mensch bin, habe ich mich an Hugos Versprechen gehalten. Die Heiligenbilder und die Statue hat Potthoff mitgebracht.« »Ein sehr frommer Mensch.«72 »Jeder hat sein Steckenpferd.« »Wo waren Sie zur Tatzeit, Nannen?« »Dazu müßte ich wissen, wann er das Zeitliche gesegnet hat.« »Der Arzt meint, es kann nicht länger als drei Stunden zurückliegen. Genaueres kann er noch nicht sagen.« »Ich habe eine Beschattung durchgeführt, eine für einen Privatdetektiv durchaus legitime Beschäftigung.« »Haben Sie Zeugen?« »Ich hoffe nicht, sonst wäre ich kein guter Detektiv.« »Das ist dürftig. Wem haben Sie nachgeschnüffelt?« »Sie versuchen, meine Schweigepflicht auszuhebeln. Sie sollten wissen, daß Sie damit auf Granit beißen.« »Ich hoffe, Sie sind sich darüber im klaren, daß ich jede Chance nutzen werde, Sie in Schwierigkeiten zu bringen. Ich habe noch nie einen so affektierten und bornierten Schnüffler gesehen.« »Schulen Sie um; dann brauchen Sie nur in den Spiegel zu schauen.« Reicherts Kopf lief rot an. Er preßte nur noch »Stehen Sie in den nächsten Tagen weiter zu unserer Verfügung!« zwischen den Lippen hervor und verschwand. Der Tote war mittlerweile abtransportiert worden. Als der letzte Bulle meine Hütte verlassen hatte, begann ich mit den Reinigungsarbeiten. Die klebrige Statue warf ich in den Mülleimer. Die Heiligenbildchen ereilte das gleiche Schicksal. Anschließend riß ich alle Fenster auf, um den Todesgeruch zu vertreiben. Dann verzog ich mich in mein Schlafgemach. XIX Am Mittwochmorgen erwachte ich um acht Uhr. Es erstaunte mich, daß ich nach dem Vorfall in der gestrigen Nacht so gut geschlafen hatte. Da ich in den letzten Tagen größtenteils im Auto gesessen hatte, brachte ich zunächst meinen vernachlässigten Körper auf Vordermann, indem ich die zwei Kilometer bis zur Dorfmitte joggte. In der dortigen Bäckerei erwarb ich ein Vollkornbrot. Aus Vorfreude auf mein Frühstück brachte ich den Rückweg in Rekordzeit hinter mich. Zuhause kochte ich eine Kanne Kaffee und füllte meinen Magen. Als ich aus dem Fenster sah, erblickte ich ein Rotkehlchen, das auf meiner Wiese nach Nahrung suchte. Dieses pittoreske Bild weckte nicht gerade meine Arbeitslust. Ich verspürte ein großes Verlangen, mich in einen Gartenstuhl zu legen und Fauna und Flora meines Gartens zu beobachten, anstatt der Aufklärung der beiden Morde nachzugehen. Eine Fliege ließ sich auf meinem Arm nieder und verscheuchte meine Natursehnsucht. Ehe ich mich von dem Münsterländer Ungeziefer piesacken ließ, konnte ich mir besser Christas Geheule über karge Gefängniskost und unfreundliche Wärterinnen anhören.73 Eine Stunde später saß ich Kerner gegenüber. Die Tränen liefen über ihr Gesicht und befeuchteten die Anstaltskleidung. »Holen Sie mich hier heraus, Herr Nannen. Ich halte das nicht mehr aus. Wenn ich nicht bald wieder an die frische Luft komme, werde ich verrückt.« »Im Augenblick sehe ich keine Möglichkeit, Sie freizubekommen.« Ich unterrichtete sie über den Stand der Dinge. »Dieser Poszilny wollte Sie umbringen. Dann ist doch offensichtlich, daß er auch für den Mord an meinem Vater verantwortlich ist.« »Leider ist es unmöglich, der Polizei diesen Umstand begreiflich zu machen. Auch wenn Poszilny mich von der Bildfläche verschwinden lassen wollte, ist kein Zusammenhang zu dem Tod Ihres Vaters erkennbar.« »Aber ich besitze auch kein Motiv. Ich liebte meinen Vater.« »Die Polizei hegt den Verdacht der Erbschleicherei gegen Sie. Wieviel erben Sie?« »Keine Ahnung. Die Testamentseröffnung findet erst in den nächsten Tagen statt.« »Welcher Notar ist mit der Vollstreckung beauftragt?« »Das müßte Gerhard Kranich aus Havixbeck sein. Er hat für meinen Vater alle juristischen Angelegenheiten geregelt.« Es konnte nicht schaden, die direkten Nutznießer von Eckolts Ab- leben festzustellen. Vielleicht ergab sich aus dem Inhalt des Testaments ein entlastendes Moment, das mir half, Christa aus dem Knast zu holen. Ich versprach, mein Bestes zu geben und verabschiedete mich. Mein nächster Gang führte in eine Kneipe, die hundert Meter von dem Gefängnis entfernt lag. Ich ließ mir ein Pils geben und brachte Kranichs Nummer durch einen Anruf bei der Auskunft in Erfahrung. Ich wählte, ließ es zehnmal läuten und legte wieder auf. Ein Blick auf meine Armbanduhr unterrichtete mich, daß es zehn nach eins war. Kranich speiste bestimmt zu Mittag. Daher erschien es mir angebracht, bis zu einem erneuten Anruf eine Stunde verstreichen zu lassen. Ich überlegte, wie ich das augenblickliche Vakuum sinnvoll ausfüllen konnte. Eine Möglichkeit bestand darin, die Disketten von Karin abzuholen. Eine andere fiel mir nicht ein. Ich bezahlte die Rechnung, verließ den Schuppen und machte mich auf den Weg nach Buldern. Vor dem Haus parkte Karins Toyota. Ich schellte.74 »Hallo, Dieter. Nett, daß Du Dich bei mir blicken läßt.« »Ich hielt mich in der Gegend auf und dachte, besuche mal eine alte Freundin. Da bekommst Du ein gutes Mittagessen.« »Typisch. Tagelang bekomme ich Dich nicht zu sehen, aber wenn Du etwas von mir willst, bin ich Deine beste Freundin.« »Ich übe einen arbeitsintensiven Beruf aus.« »Du hast auch immer eine Ausrede parat.« »Willst Du mich nicht hereinbitten?« Sie ging voraus in Richtung Küche, ich folgte. Auf dem Tisch stand ein Teller, auf dem sich ein Berg aus Erbsen und Möhren türmte. In der Pfanne auf dem Herd brutzelte das dazugehörige Steak. »Das nenne ich einen glücklichen Zufall. Ich habe gerade gedacht, daß meine Zähne etwas Festes zu beißen bräuchten, und schon finde ich einen gedeckten Tisch mit meinem Lieblingsessen.« »Da hört sich doch alles auf. Statt mich höflich zu fragen, ob Du etwas abbekommen könntest, tust Du so, als hätte ich mich nur in der Küche verlustiert, damit Herr Nannen seinen Magen füllen kann.« Mein Humor stieß auf wenig Gegenliebe. »So war das nicht gemeint. Ich bin die letzten zwei Tage mit Beschattungen beschäftigt gewesen. Da konnte ich mir nicht mehr als eine Currywurst mit Pommes genehmigen.« Wenn ich mich nicht täuschte, war in Karins Augen eine Spur von Mitleid zu erkennen. »Es tut mir leid, wenn ich Dir Unrecht getan habe, Dieter. Aber dieser fordernde Ton erinnert mich an den Anfang unserer Bekanntschaft. Karin, hast Du Schweinefutter? Karin, kann ich Deinen Wagen ausleihen? Karin, hast Du Geld für mich?« »Es muß sich schon um einen Notfall handeln, bevor ich andere Leute um etwas bitte.« »Bei Dir gibt es jeden Tag einen solchen Notfall. Aber in diesem Fall ist mein Opfer nicht allzu groß. Ich habe noch ein Steak im Kühlschrank. Ich haue es einfach in die Pfanne. Während dieser Zeit schaue ich mir Dein Bein an.« »Das ist nicht nötig. Ich verspüre keine Schmerzen mehr, obwohl ich die Tabletten längst abgesetzt habe.« »Keine Widerrede, sonst gibt es kein Mittagessen.« Dieser Drohung hatte ich nichts entgegenzusetzen. Wir wechselten in das Wohnzimmer und wiederholten die Prozedur: Alten Verband abwickeln, Zähne zusammenbeißen, Wunde säubern, Zähne zusammenbeißen, neuen Verband anlegen. »Beim nächsten Mal brauchst Du nur noch ein Pflaster. Die Wunde ist wider Erwarten gut verheilt.« »Schon seit Jahren predige ich die heilende Wirkung von Nikotin und Koffein. Endlich habe ich einen Beweis und eine Zeugin für diese Theorie.« »Ich habe ebenfalls eine Theorie über die Wirkung von Zigaretten und Kaffee. Sie beinhaltet aber keinen schneller heilenden Oberschenkel, sondern konstant schrumpfendes Gehirnvolumen. Endlich habe ich einen Beweis und einen Zeugen für diese These.« »Laß uns essen.«75 Eines mußte man Karin lassen: Sie kochte hervorragend. Das Steak war gut durchgebraten, und die Erbsen und Möhren zerschmolzen auf der Zunge. Während wir unsere Gaumen labten, berichtete ich von den Turbulenzen der letzten Nacht. Als ich den Briefumschlag mit den Disketten erwähnte, ließ Karin Messer und Gabel fallen. »Ich höre wohl nicht recht. Du bestiehlst einen Kerl, der Dir einen Killer auf den Hals gehetzt hat, und besitzt die Dreistigkeit, die Diebesbeute in meinem Briefkasten zu deponieren? Hast Du vielleicht bedacht, daß Dein Busenfreund davon Wind bekommt und mich für eine Mitwisserin hält? Nachts liege ich nichtsahnend in meinem Bett und werde als Zielscheibe mißbraucht. Komm mit!« Ich erhob mich und ging Karin nach. Sie drehte gerade einen Schlüssel im Briefkastenschloß um, als ich an der Haustür ankam. Sie fischte den Umschlag mit den Disketten heraus und drückte ihn mir in die Hand. »Bis Sie diesen Makler hinter Gitter gebracht haben, will ich Sie nicht mehr sehen. Und vergessen Sie eines nicht, Herr Nannen: Wir haben uns noch nie im Leben gesehen.« Sie schob mich nach draußen und knallte die Tür hinter mir zu. Da hatte ich eine schöne Bescherung angerichtet. Kaum hatte sich mein Verhältnis zu Karin gebessert, ging alles wieder in die Brüche. In den nächsten Tagen mußte ich versuchen, den aufgerissenen Graben wieder zuzuschütten, aber jetzt hatte ich mich wichtigeren Dingen zu widmen. Das dringendste Problem war, einen Computer zu finden, um die auf den Disketten gespeicherten Daten ansehen zu können. Mir wurde mein Defizit an Bekannten aus der Geschäftswelt bewußt. Peter Grabowski, mein bester Kumpel aus Essener Zeiten, war professioneller Arbeitsloser und Alkoholiker. Stephan Janknecht, mein Kollege aus Buldern, arbeitete als Knecht bei Bauer Steinmann. Bei keinem von ihnen konnte ich ein Gerät erwarten, was das technische Niveau eines Flaschenöffners beziehungsweise einer Mistgabel übertraf.76 Eine Möglichkeit gab es aber doch: Der Rechtsanwalt, der mich aus dem Knast geholt hatte, verfügte mit Sicherheit über einen PC. Ich setzte mich in den Passat und steuerte ihn nach einem Blick in mein Notizbuch, in dem ich Lindners Adresse notiert hatte, nach Havixbeck. Die Lindnersche Kanzlei lag auf der Ernst-Moritz-Arndt-Straße mitten in der Innenstadt. Im ersten Stock des dreigeschössigen Hauses versuchte ein Schuhgeschäft, die neuesten Modelle von Reebok und Nike an den Mann zu bringen. Im zweiten ging Klaus seinen Geschäften nach, im dritten wohnte er. Ich stiefelte die Treppe hoch und betrat das Büro. Eine brünette Sekretärin blickte von einer Zeitschrift auf, die sofort in der Schreibtischschublade verschwand. »Sie wünschen?« »Ich möchte Herrn Lindner sprechen. Ich hoffe, Sie können mich trotz der vielen Arbeit bei ihm anmelden.« Sie errötete. »Haben Sie einen Termin?« »Das nicht. Aber ich glaube, daß Herrn Lindner meine Studie über die Arbeitsmoral von Rechtsanwaltsgehilfinnen so brennend interessieren wird, daß er mich auch ohne Termin empfängt.« »Schon gut, ich habe verstanden« funkelte sie mich nicht besonders freundlich an. »Wie heißen Sie, und in welcher Angelegenheit wollen Sie den Chef sprechen?« »Sagen Sie einfach, Nannen ist da. Das genügt.« Mit gerunzelter Stirn verschwand sie aus dem Zimmer und kehrte kurze Zeit später zurück. »Der Herr Doktor will Sie wirklich sprechen.« Sie gab mir ein Zeichen, in sein Büro zu gehen. Als ich durch die Tür trat, kam mir Klaus schon entgegen. Er schüttelte mir die Hand. »Du hast nicht erzählt, daß Du Doktor bist.« »Mein Vater war der Ansicht, es sei der Kanzlei ganz zuträglich, wenn auf dem Türschild zwei Buchstaben mehr vor meinem Namen stehen. Aus diesem Grund habe ich mein Studium um zwei Jahre verlängert. Wie geht es Dir, Dieter? Leider hast Du keinen günstigen Zeitpunkt für Deinen Besuch gewählt. In einer Viertelstunde habe ich eine Besprechung mit einem Klienten.« »Wie ich sehe, besitzt Du einen Computer.«77 Er grinste und zeigte auf den Schreibtisch, auf dem die neueste Kreation der japanischen High-Tech-Branche stand. »Wofür brauchst Du das Gerät? Möchtest Du eine alphabetische Liste aller Leute erstellen, die Dich in den Knast bringen wollen?« »Nein, nein.« Ich berichtete ihm von den neuesten Entwicklungen. Dann legten wir die erste Diskette ein. Klaus ließ seine Finger über die Tastatur gleiten, und wenig später erschien die Datei auf dem Monitor, die ich auch bei Poszilny geladen hatte. Da Klaus in fünf Minuten seinen Klienten erwartete, ließ ich einige Seiten ausdrucken und steckte alles zusammen in meine Jackentasche. Ich bedankte mich bei Klaus und wollte mich schon empfehlen, als mir etwas einfiel. »Kannst Du etwas über Eckolts Erben in Erfahrung bringen?« Klaus runzelte die Stirn. »Du weißt, daß so etwas einen Verstoß gegen den Berufsethos darstellt?« »Verstößt ein weiterer Toter nicht gegen den Anwaltskodex?« »Nun ja« seufzte Lindner. »Manchmal verursachen Regeln mehr Schaden als Nutzen. Wie heißt der Kollege, der von Eckolt als Testamentsvollstrecker eingesetzt worden ist?« »Gerhard Kranich aus Havixbeck. Ich habe schon selbst versucht, in seiner Kanzlei anzurufen, aber ich habe niemanden erreicht.« »Ich werde sehen, was ich für Dich tun kann, aber an Deiner Stelle würde ich mir keine großen Hoffnungen machen. Kranich ist meinem Vater nicht besonders grün, weil er schon mehrere Prozesse gegen ihn verloren hat. Ich weiß nicht, ob sich seine Aversion auch auf mich übertragen hat.« Er entnahm einer Schublade ein schwarzes Buch, suchte Kranichs Nummer heraus und ließ sich von der Vorzimmertante verbinden. »Guten Tag. Klaus Lindner am Apparat. Könnte ich den Kollegen Kranich sprechen? Ja gut, schönen Dank.« Während er auf die Durchstellung des Gesprächs wartete, zündete er sich eine Kippe an. »Guten Tag, Herr Kranich. Klaus Lindner hier.« »...« »Ich hätte auch nicht gedacht, daß Schwertfeger freigesprochen wird. Herzlichen Glückwunsch. Es geht um folgendes: Ich arbeite nebenbei als juristischer Berater der Havixbecker Bank. Vor drei Tagen hat eine Frau Kerner einen Kreditantrag über die stolze Summe von fünfzigtausend Mark gestellt. Als Sicherheit hat sie ihren Anteil an dem Erbe von Franz Eckolt angegeben. Sie verstehen, daß ich überprüfen muß, ob sie, und wenn ja, wieviel sie erbt.« »...« »Ich bedanke mich, Herr Kranich.« Lindner legte den Hörer auf die Gabel.78 »Du hast Glück. Er hat heute einen Mandanten freibekommen, auf den niemand einen Pfennig gesetzt hätte. Deshalb hatte er gute Laune und...« »Heißt dieser Mandant zufällig Schwertfeger?« »Woher weißt Du das? Kennst Du den smarten Joe?« »Als Detektiv der Spitzenklasse hält man immer seine Lauscher offen. Auch bei einem Gespräch von Anwalt zu Anwalt.« Der Groschen fiel zwar pfennigweise, aber er fiel. Klaus grinste. »Das war nicht fair. Ich opfere meine Arbeitszeit für Dich, und Du hast nichts Besseres zu tun, als mich auf den Arm zu nehmen. Aber jetzt das Wichtige: Er hat im Moment keine Zeit, aber nachher gewährt er mir Einsicht in das Testament. Seine Kanzlei liegt zehn Minuten von hier entfernt. Ich werde nach dem Gespräch mit meinem Klienten bei ihm vorbeifahren.« »Ich bin Dir zu ewigem Dank verpflichtet. Rufst Du mich an, wenn Du Genaueres weißt?« »Es wird mir ein Vergnügen sein.« Ich gab ihm meine Nummer und wünschte ihm Glück für sein Klientengespräch. Als ich schon die Türklinke in der Hand hatte, kam mir eine Idee. »Bist Du an einem lukrativen Fall interessiert? Vielleicht erreichst Du auf juristischem Wege mehr als ich mit Schnüfflerarbeit.« »Worum geht es?« »Christa Kerner aus dem Knast holen. Ich kann sie nur frei bekommen, wenn ich den wahren Mörder von Franz Eckolt zur Strecke bringe. Du hingegen bist ein gewiefter Rechtsanwalt und kannst ihr unter Umständen mit juristischen Mitteln die Freiheit verschaffen. Ich habe nämlich das Gefühl, daß sie nicht mehr lange durchhält. Über das Finanzielle brauchst Du Dir keine Gedanken zu machen. Ich habe eine wohlhabende Auftraggeberin.« »Ich werde es versuchen. Mehr kann ich nicht versprechen.« Ich bedankte mich und verließ Büro, Gebäude und Havixbeck. Zuhause setzte ich mich mit einer Illustrierten in die Nähe des Telefons und wartete bei Zigaretten und Kaffee auf Lindners Anruf. XX Um kurz nach fünf klingelte der Apparat, und eine halbe Stunde später stand ich wieder in der Lindnerschen Kanzlei. »Hallo, Klaus.« »Hallo, Dieter. Ich habe das Testament.« »War es schwierig?«79 »Er wollte sich natürlich nicht die Finger schmutzig machen. Wir haben uns darauf verständigt, daß er das Dokument auf dem Schreibtisch liegen läßt, während er zur Toilette muß. Natürlich hatte er einen Fotokopierer in seinem Büro, und hier ist das Resultat.« Klaus holte einige zusammengeheftete Blätter aus der Schreibtischschublade. »Du mußt versprechen, daß niemand das Testament zu Gesicht bekommt, sonst gerate ich in arge Schwierigkeiten.« »Die Papiere sind bei mir sicherer aufgehoben als in der Federal Reserve Bank. Hast Du das Testament studiert?« »Juristisch ist es einwandfrei.« »Das interessiert mich nicht. Wie hoch ist das Vermögen, und wer ist als Erbe eingesetzt?« »Lies selbst. Kerner ist keineswegs die Alleinerbin. Trotzdem wird es nicht leicht sein, sie aus dem Gefängnis herauszuholen.« Ich schnappte mir die Kopien und las Eckolts Vermächtnis. Nachdem Kranich bewiesen hatte, daß er sein Jurastudium nicht vergebens absolviert hatte, gelangte ich endlich an die interessanten Fakten. Sie waren nicht durch juristisches Fachvokabular verwässert worden, da sie wörtlich den Willen des Verstorbenen wiedergaben: Christa Kerner, "weil sie sich um mich gekümmert hat", erbte das Haus und ein Drittel seines restlichen Vermögens. Otto Baumeister, "mein bester und einziger Freund", erbte die Bibliothek, "weil nur er den Wert der Bücher wirklich zu schätzen weiß", und ebenfalls ein Drittel des Vermögens. Das letzte Drittel ging zu gleichen Teilen an Kurt und Thekla Eckolt, "weil sie nichts für ihre mißratenen Eltern können". Für die Polizei hatte dieses Testament wohl den letzten Zweifel an Christas Schuld ausgeräumt. Das Haus samt Grundstück wurde auf eine halbe Million taxiert. Das übrige Vermögen lag in derselben Größenordnung. Allerdings war Kerner nicht die einzige mit diesem Motiv. Ottos Alibi hatte ich überprüft; es war wasserdicht. Doch über Kurt und Thekla wußte ich so gut wie nichts. Bei dem Lebensstandard der Eckolts war es jedoch zweifelhaft, daß Kurt oder seine Schwester für hunderttausend Mark ihren Opa erdrosseln würden. Hinzu kam, daß sie den letzten Willen des Verstorbenen wahrscheinlich gar nicht kannten. Weitergeholfen hatte mir das Testament nicht. Der einzige Vorteil lag darin, daß ich meiner Auftraggeberin nachweisen konnte, daß ich für mein Geld auch arbeitete. »Darf ich Dich für Deine Bemühungen zu einem Drink einladen?« »Ein anderes Mal gern, aber im Moment bin ich mit Arbeit zugeschüttet. Morgen früh habe ich eine Gerichtsverhandlung und muß noch Akten wälzen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.« Ich erhob mich aus dem Sessel. Lindner begleitete mich zur Tür. »Hole Dir beim Studium der Akten keine Staublunge.«80 »Hole Dir beim Studium der Unterlagen keine Teerlunge.« Als ich aus dem klimatisierten Bürogebäude ins Freie trat, überzeugte mich die Hitze von der Notwendigkeit eines kühlen Bieres. Da mein Wagen im absoluten Halteverbot stand, entschied ich mich, einige Meter zu fahren und eine Kneipe mit freiem Parkplatz anzusteuern. Während ich mich in den Verkehr einfädelte, beobachtete ich im Rückspiegel, wie ein grauer Datsun zeitgleich eine Parklücke verließ. Diesen Wagen hatte ich schon während meiner Hinfahrt zu Lindner bemerkt, ihm aber keine weitere Bedeutung beigemessen. Wurde ich verfolgt? Da der Datsun immer ein bis zwei Autos zwischen uns ließ, und mich zusätzlich die Sonne blendete, konnte ich den Fahrer nicht erkennen. Zumindest sah ich, daß nur eine Person in dem Fahrzeug hockte. Entweder hatte der Killer seinen Benz gegen ein billigeres Gefährt eingetauscht, oder ein Dritter war in die Geschichte verwickelt. Die letzte Möglichkeit bestand darin, daß ich mir diese Verfolgung nur einbildete, aber seit den Mordanschlägen wollte ich nicht mehr an Zufälle glauben. Trotzdem sah ich nicht ein, warum mich der Verfolger von einem kühlen Bier abhalten sollte. In einer Seitenstraße wurde ich fündig: Zwei Bars und genügend Parkplätze. Ich stellte den Passat direkt vor einer Wirtschaft mit dem sinnigen Namen "Die lustigen Zwei" ab und beobachtete im Rückspie- gel, wie mein Verfolger fünfzig Meter hinter mir an den Straßenrand fuhr. Ich verließ das Auto und betrat die Kneipe. Das kühle Innere ließ mich frösteln, doch nach kurzer Zeit empfand ich den Temperatursturz als angenehm. Entweder war mein Schatten so einfältig und folgte mir, oder er mußte in der glühenden Hitze im Auto warten, während ich meine Kehle befeuchtete. Ich umkurvte den Tresen und ließ mich an einem Platz nieder, von dem aus ich die Eingangstür mühelos überblicken konnte. Außer einem kahlköpfigen Opa mit Säufernase und nikotinbefleckten Fingern war ich der einzige Gast. »Wo ist der Wirt, oder handelt es sich um einen Selbstbedienungsladen?« fragte ich den Thekenturner.81 »Willi, Kundschaft!« versuchte er zu schreien, aber mehr als ein Krächzen kam nicht heraus. Willis Gehör schien jedoch auf seinen Stammkunden trainiert zu sein, denn wenig später tauchte ein beleibter Endvierziger hinter der Theke auf. Er schien der eine Part der "Lustigen Zwei" zu sein, denn sein Gesicht sah wirklich lustig aus. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß dieses Gesicht jemals ernst gucken konnte. »Sie wünschen?« »Ein kühles Blondes.« »Budweiser oder Veltins?« »Tschechisches oder amerikanisches Bud?« »Wollen Sie mich beleidigen? Tschechisches selbstverständlich.« »Dann fällt die Wahl nicht schwer. Trinken Sie einen auf meine Kosten mit?« »Gerne. Ich dachte schon, ich würde heute gar nichts mehr zu trinken bekommen.« »Ach, wissen Sie was? Ich schmeiße eine Lokalrunde.« Der Wirt mußte grinsen, und der Glatzkopf blickte mich an, als hätte ich ihm eine Eintrittskarte für das Paradies geschenkt, wo Wacholder von den Bäumen gepflückt werden konnte, und Zigaretten in den Mund flogen. Meine Großzügigkeit hatte zwei Gründe: Zum einen fühlte ich mich hier wohl, und zum anderen konnte ich Verbündete gut gebrauchen, falls der Killer tatsächlich das Lokal betreten sollte. Nachdem wir eine halbe Stunde herumgeflachst hatten und aus dem einen Budweiser drei geworden waren, bezahlte ich die Getränke, legte ein ordentliches Trinkgeld dazu und verließ die Kneipe mit dem Versprechen, bald wieder vorbeizuschauen. Die Hitze schlug mir wie eine Wand entgegen. Ich hätte ungern bei diesen Temperaturen eine halbe Stunde in einem parkenden Auto verbracht. Ich öffnete das Handschuhfach und beförderte meinen Revol- ver auf den Beifahrersitz. Dann betätigte ich den Anlasser und fuhr los. Der graue Datsun klebte wieder hinter mir. Ich hatte mir einen Plan zurechtgelegt. Etwas außerhalb von Münster lag ein Waldstück, das sich ideal für eine Falle eignete. Die Stelle kannte ich von einem früheren Auftrag, als dort zwei Jugendliche, Gregor und Christian, entgegen dem Willen der Eltern ihren Trieben auf dem Rücksitz des väterlichen Wagens freien Lauf gelassen hatten. Nach einer Viertelstunde hatte ich die Stadtgrenze passiert. Etwa fünfhundert Meter vor meinem Ziel erhöhte ich die Geschwindigkeit; der Datsun war zweihundert Meter hinter mir. Nach einer langgezogenen Rechtskurve bog ich in den Waldweg ein, nachdem ich mich vergewissert hatte, daß der Verfolger meine Richtungsänderung bemerkt hatte. Dann ging alles ganz schnell. Ich fuhr in eine Waldschneise, schnappte mir die Kanone, hechtete aus dem Auto und versteckte mich hinter einer dicken Eiche.82 Der Beschatter ließ nicht lange auf sich warten. Als das Motorengeräusch erstarb, wagte ich einen kurzen Blick. Der Mann, der sich in Richtung meines Wagens bewegte, war auf keinen Fall der Killer. Er hatte eine viel zu schmächtige Figur. Über den Kopf hatte er einen Sonnenhut gezogen. Als er sich in das Innere des Passats beugte, versuchte ich mein Glück. Zwischen meinem Versteck und dem Ziel stand der Datsun. Geduckt schlich ich zu der alten Blechkiste. Der weiche Sandboden dämpfte meine Schritte. Ich spähte zu meinem Auto herüber. Der Sombreroträger saß auf dem Beifahrersitz und inspizierte das Handschuhfach. Eine günstigere Gelegenheit würde es kaum geben. Die letzten Meter legte ich mit gezückter Knarre zurück. »Suchen Sie etwas Bestimmtes?« Bevor der Unbekannte sich umdrehen konnte, knallte ich meine Faust auf seinen Hinterkopf. Mehr als ein schmerzvolles Stöhnen brachte er nicht zustande. Ich nutzte den Überraschungseffekt aus und zog den Körper aus dem Wagen. Sofort drückte ich ihm den Revolverlauf in seinen Bauch und riß ihm den Hut unsanft vom Kopf. Der Unbekannte war kein Unbekannter. Sein Name war Kurt Eckolt. Nachdem ich die Verblüffung verdaut hatte, besann ich mich auf das Wichtigste. Während die eine Hand die Kanone auf den Magen richtete, durchsuchte die andere Hand Kurt nach Waffen. Außer einem Schweizer Taschenmesser konnte ich nichts finden. Was mich jetzt interessierte, war der Grund für Kurtis Schnüffelei. Ich schlug Sohnemann Eckolt, der sich nicht entscheiden konnte, ob er bewußtlos war oder nicht, mit der flachen Hand mehrmals in das Gesicht. Er schüttelte sich und schaute mit glasigem Blick zu mir hoch. »Was ist passiert?« »Wenn Du solch ein Waschlappen bist, daß Du schon nach einem leichten Klaps zusammenbrichst, solltest Du lieber Golf spielen, anstatt mir hinterherzuspionieren.« »Was wollen Sie von mir? Warum haben Sie mich niedergeschlagen?« Kurt war nicht nur zart besaitet, sondern auch dumm. Ich drückte ihm den Revolver etwas tiefer in den Bauch. »Falls Du es nicht bemerkt haben solltest: Wir veranstalten hier kein fröhliches Picknick. Ich will wissen, warum Du mir nachgefahren bist.« »Wie kommen Sie darauf, daß ich Ihnen nachgefahren bin? Ich bin in den Wald gefahren, um Pilze zu sammeln.« Mir reichte es. Ich schlug ihm dreimal in das gerötete Gesicht. »Spuck es aus! Wer hat Dich beauftragt, mir hinterherzuschnüffeln? Oder hast Du mich aus eigenen Stücken verfolgt?« »Schon gut. Ich gebe alles zu. Ich bin hinter Dir...« »Seit wann duzt Du mich?«83 Ein weiterer Schlag ließ seinen Kopf herumfahren. »Ich bin hinter Ihnen hergefahren, weil ich sehen wollte, was Sie für Ihr Geld leisten. Meine Mutter sagte mir, wieviel Sie am Tag verdienen, und ich wollte herausfinden, ob Sie das wert sind.« »Junge, Junge. Die Wahrheit will ich hören.« »Das ist die Wahrheit.« Auch weitere Schläge förderten keine neuen Erkenntnisse zutage. Ich wußte zwar, daß er log, daß sich die Balken bogen, aber mehr hätte ich nur mit Hilfe von Folter herausgefunden. Ich fand jedoch, daß Kurt schon genug gelitten hatte, und schließlich war er der Sohn meiner Auftraggeberin. Ich schaute im Handschuhfach nach, ob alles an seinem Platz war. Das Testament lag unter dem Camus-Buch. Mir war es gleichgültig, ob Kurt den letzten Willen seines Opas gelesen hatte oder nicht. Die Testamentseröffnung würde sowieso in ein paar Tagen über die Bühne gehen. Ich wandte mich wieder an ihn. »Bin ich es wert?« »Was?« »Die dreihundert Piepen am Tag.« »Ach, leck mich am Arsch!« Ich verabschiedete mich mit einem Tritt in die Nieren. »Du sollst mich nicht duzen!« Ich öffnete die Motorhaube des Datsuns und schraubte die Zündkerzen heraus. Unter den ungläubigen Blicken von Eckolt junior schleuderte ich sie in den Wald, jede in eine andere Richtung. »Sie sind ein Schwein, Nannen.« »Du scheinst das mit der Anrede zu lernen, Söhnchen. Bis bald.« Während Kurt sich laut fluchend aufrappelte, startete ich meinen Wagen und verließ den Wald. Ich kurbelte beide Seitenfenster herunter und ließ mir während der Fahrt nach Buldern den Wind um die Ohren blasen. Da ich zum einen nur an wenigen Ampeln halten mußte, zum anderen der Stundenzeiger meiner Armbanduhr bereits auf der Sechs stand, bildeten sich nur wenige Schweißtropfen auf meiner Stirn. Um viertel vor sieben erreichte ich meinen Kotten. Ich versorgte die Kaninchen und belohnte mich anschließend mit einem kalten Bier. Als ich, in der einen Hand die Flasche Krombacher, in der anderen eine Selbstgedrehte, vor dem Fenster stand und den Blick über meine brach liegenden Felder schweifen ließ, schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, der alles andere als Frohlocken auslöste.84 Der Mord an dem Hirten hatte mir ein Problem beschert, das nicht nur kriminalistischer Natur war. Genau genommen hatte ich nicht nur ein, sondern exakt siebenunddreißig Probleme: Ewalds Schafe. Vor einigen Tagen hatte sich durch das Ableben von Wilbert mein Viehbestand reduziert, jetzt erhöhte er sich um ein Vielfaches. Ich fluchte vor mich hin. Ich hatte weiß Gott besseres zu tun als mich um das Wohlergehen von gut drei Dutzend lebenden Wollknäueln zu kümmern. Allein aus diesem Grund mußte ich den Fall schnell aufklären, denn meine einzige Hoffnung bestand darin, daß Potthoffs Freund mit den Tieren weiterziehen würde. Dies war jedoch schwer möglich, solange er im Gefängnis saß. Im Zusammenhang mit dem toten Schäfer fiel mir eine weitere Sache ein, die mich ungleich mehr beunruhigte. Mit Sicherheit hatte der Killer bereits erfahren, daß er den Falschen umgelegt hatte. Ich war überzeugt, daß er keine Ruhe geben würde, bis er sich meinen Skalp an den Gürtel gehängt hatte. Zuhause war ich nicht sicher. Ich brauchte einen anderen Unterschlupf. Da sich der Großteil meiner Aktivitäten zur Zeit sowieso in Münster abspielte, hielt ich es für das Beste, dort ein Hotelzimmer zu mieten und in der Anonymität der Großstadt unterzutauchen. Ich kramte die Sachen zusammen, die ich benötigte. Aus dem Schreibtisch holte ich die Disketten und die Computerausdrucke, die Kopie des Testaments lag noch im Handschuhfach. Nachdem ich sicher war, daß ich nichts vergessen hatte, bestieg ich den Passat und fuhr los. XXI In Münster durchkreuzte ich ein Einbahnstraßengewirr, erledigte um ein Haar zwei Studenten auf ihren Fahrrädern, bis ich schließlich fündig wurde. Das Hotel trug den Namen "Zur Post", obwohl ein kleiner Briefkasten auf der gegenüberliegenden Straßenseite das einzige war, was diese Namensgebung rechtfertigte. Vorsichtshalber parkte ich den Passat eine Straße weiter und lief zum Hotel zurück. An der Rezeption verlangte ich ein Einzelzimmer mit Telefon. Ich bezahlte zwei Tage im voraus und ließ mich vom Lift in die zweite Etage befördern. Im Zimmer roch es muffig, so daß ich als erstes das Fenster aufriß. Der Raum unterschied sich in nichts von anderen Hotelzimmern. Ein Bett mit durchgelegener Matratze, ein Schrank, ein Tisch und ein Stuhl. Über dem Bett hing ein Gemälde, das höchstens die Hälfte des Rahmens gekostet hatte.85 Ich streckte mich auf der Matratze aus und kurbelte meine Gehirnzellen an. Da ich bis zur Aufklärung des Falles meinem Hof fernbleiben wollte, mußte ich eine Pflegekraft für die Kaninchen und Schafe engagieren. An Karin Schuhmann wollte ich aus verständlichen Gründen nicht herantreten. Ich durchforstete meine dörflichen Bekannten und wurde von einem Geistesblitz überrascht: Stephan Janknecht war die ideale Lösung für meine agrarökonomischen Probleme. Der Bulderner Dorfdepp hatte aus unerfindlichen Gründen einen Narren an mir gefressen und würde mit Sicherheit zusagen. Ich zog mein Notizbuch zu Rate und tippte die dort gefundene Nummer in die Tasten. Nach dem vierten Läuten nahm Stephans Mutter ab. »Janknecht hier.« »Hier ist Dieter Nannen. Könnte ich Stephan sprechen?« »Der Herr Nannen. Von Ihnen habe ich seit Ewigkeiten nichts mehr gehört. Stephan denkt schon, Sie hätten ihn vergessen.« »Die viele Arbeit, Frau Janknecht.« »Davon habe ich in der Zeitung gelesen. Sie sind ja ein berühmter Detektiv.« »Sie übertreiben. Ist Stephan da? Ich stehe in einer Telefonzelle und habe kein Kleingeld mehr.« »Warten Sie einen Moment. Er ist gerade vom Pflügen nach Hause gekommen.« Ich befürchtete schon, daß sich das Hotel an meiner Telefonrechnung eine goldene Nase verdienen würde, als Stephan endlich an den Apparat kam. »Hallo Dieter. Lange nichts mehr von Dich hört.« »Sei gegrüßt. Wie geht es Dir?« »Ganz gut. Ich tue Feld umpflügen. Ganz schön warm heute und gestern.« »Ich möchte Dich um einen Gefallen bitten. Könntest Du in den nächsten Tagen meine Tiere füttern? Ich bin bis Ende der Woche nicht zuhause.« »Meine Mutter hat mich erzählt das mit Deine Sau Wilbert. Mir leid tun.« »Mir auch. Kannst Du mir den Gefallen erweisen? Ich weiß jedoch nicht, womit man Schafe füttert.« »Das sein Deine Schafe? Ich sie heute morgen gesehen auf Wiese. Brauchen höchstens etwas Heu jeden Abend. Ich komme mit Trecker von Onkel Steinmann und bringe Heu mit.« »Das ist nett. Die Kaninchen bekommen Löwenzahn.« »Weiß ich doch. Wo bist Du in Moment?«86 »In einer Telefonzelle in Münster. Wenn gleich die Verbindung unterbrochen wird, darfst Du Dich nicht wundern. Ich habe keine Münzen mehr. Nochmals vielen Dank, Stephan. Du hast einen Gefallen bei mir gut.« »Ich weiß schon, was wir tun könnten als Dank.« »Was denn?« »Wir können in Zoo gehen und...« Ich drückte auf die Gabel. Es war eine Krux mit den Telefonzellen. Im wichtigsten Augenblick fiel der letzte Groschen durch, und die Verbindung wurde gekappt. Der Münsteraner Allwetter-Zoo: Als Kind war ich jedes Jahr dort gewesen, entweder mit meiner Mutter, mit der Jugendgruppe oder dem Sportverein. Man konnte sagen, daß ich die Tiere dort duzte. Andererseits war der Preis nicht zu hoch, denn entweder mußte ich mein Leben riskieren, um die Langohren zu füttern, oder sie verhungerten. Alles in allem war ich mit diesem Geschäft mehr als zufrieden. Ich hoffte nur, daß der Killer genau hinsehen würde, wenn Stephan meinen Hof betrat. Da der Dorfdepp jedoch im Hellen die Tiere fütterte, und wir uns weiß Gott nicht ähnlich sahen, hatte ich keinen Grund, mir um sein Wohlergehen Sorgen zu machen. Mit dieser Gewißheit verließ ich das Hotelzimmer und besorgte an einem Kiosk einen Sechserpack Tuborg. XXII Zurück auf meiner Bude suchte ich während der ersten Dose alle Unterlagen zusammen. Während der zweiten Büchse ordnete ich sie auf dem Bett. Dann begann ich mit der eigentlichen Arbeit, dem Sondieren und Analysieren der Fakten. Die wichtigsten Hinweise versprach ich mir von den Computerausdrucken. Ich hatte bei Lindner nur einen kurzen Blick auf das Material werfen können. Nichtsdestotrotz hatte es ausgereicht, um zu erkennen, daß die Disketten brisante Informationen beinhalteten. Ich breitete die Blätter vor mir aus. Die EXCEL-Tabelle bestand aus fünf Spalten und etlichen Zeilen. In der ersten Spalte war das jeweilige Datum eingetragen. Die zweite und dritte Spalte enthielten Buchstaben oder Namenskürzel, Spalte vier fernöstliche Namen. Die letzte Rubrik war mit Beträgen ausgefüllt. Ich blätterte die Zettel durch. Der kleinste Wert betrug fünftausend, der größte vierzigtausend Deutsche Mark. Dafür mußte eine alte Frau lange stricken.87 Ich fischte die erste Seite heraus, auf der etwa zwanzig Zeilen zu sehen waren. Das erste Geschäft datierte vom dreizehnten März neunzehnhundertdreiundneunzig, also vor gut vier Monaten. In der zweiten Spalte tauchte "King" auf, in der nächsten stand "H. E.". In Spalte vier waren drei asiatische Namen aufgeführt, "Kim (17)", "Chop (16)" und "Kwai (16)". Als Betrag war siebzehntausend eingetragen. Die nächste Zeile war bis auf das Datum, die fernöstlichen Namen und den Betrag identisch. In der darauf folgenden Zeile stand statt "King" in Spalte zwei "Louis", und "G. P." anstatt "H. E." in der dritten Rubrik. So ging es weiter. Beim Öffnen der vierten Dose Bier wußte ich, wohin der Hase lief. Poszilny bezog seine Haupteinnahmen nicht aus dem Makler-, sondern aus dem Bordellgeschäft. Ich selbst hatte Gerd beobachtet, wie er einem Chinesen, wahrscheinlich "King" oder "Louis", Geld übergeben hatte. Als Gegenleistung bekam er frisches asiatisches Blut für seinen Puff. Obwohl ich mich in der Namenskunde des Fernen Ostens nicht auskannte, wußte ich, daß es sich in Spalte vier um Vornamen von Asiatinnen handelte. Die Zahlen in den Klammern gaben offensichtlich das Alter der Mädchen an. Ich blätterte die Kopien durch und stellte fest, daß keines der Mädchen älter als neunzehn war. Mit ein wenig Kopfrechnen ermittelte ich die Preise, die nach Alter gestaffelt waren. Neunzehnjährige kosteten dreitausend Piepen, jedes Jahr darunter eintausend Mark mehr. Einen Sprung gab es bei den Vierzehnjährigen. Sie wurden für zehntausend Mark verschachert. Die laut diesen Unterlagen jüngsten Mitglieder in der Puffamilie, vier Dreizehnjährige, waren für jeweils fünfzehntausend Schleifen zu haben. Ich lehnte mich zurück. Durch meine Ermittlungen war ich in ein verdammt schmieriges Geschäft hineingerutscht. Bevor ich mich weiter den Fotokopien widmete, ließ ich den restlichen Gerstensaft der vierten Dose in meinem Innern verschwinden, stellte mich mit der zweitletzten Kanne vor das Fenster und beobachtete den Einbruch der Nacht. Während ich hier Bier schlürfte, ließen sich dreizehnjährige Thaimädchen von sabbernden Fettsäcken besteigen. Wenn sie Glück hatten, erhielten sie dafür hundert bis zweihundert Mark, von denen sie nur fünfundneunzig Prozent an Poszilny abdrücken mußten. Schließlich bekamen sie von ihm freie Kost und Logis. Ich kippte den letzten Schluck Bier herunter, zerdrückte die Dose und ließ sie im Papierkorb verschwinden. Ich ließ mich wieder auf dem Bett nieder und nahm die Kopien zur Hand. Bis auf die dritte Spalte hatte ich alle Rubriken entschlüsselt. Daß das Kürzel "G. P." die Initialen Gerd Poszilnys darstellten, war offensichtlich. Konzentriert blickte ich auf das letzte Rätsel: "H. E.".88 Plötzlich fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Es konnte nur an den zweieinhalb Litern Bier liegen, daß ich nicht früher darauf gekommen war. "H. E." stand für Heinz Eckolt. Alles paßte zusammen. Heinz Eckolt und Gerd Poszilny waren Eigentümer eines oder mehrerer Puffs in Münster. Ich hätte es bereits erkennen müssen, als ich Eckolts Geliebte und später die Mädchen im Bordell gesehen hatte. Es waren alles Asiatinnen gewesen. Deswegen war Heinz so erpicht darauf, mir den Auftrag zu entziehen. Er befürchtete die Aufdeckung seiner Rotlichtgeschäfte. Hatte sich Eckolt nur auf Worte beschränkt, so ließ sein Teilhaber Taten folgen: Er engagierte einen Killer, um mich aus dem Weg zu räumen. Jetzt fiel mir auch ein, was mich an der Hausbesichtigung gestört hatte: Der vorherige Anruf! Bei meinem Besuch in Poszilnys Büro hatte ich mich mit dem Namen "Belkert" vorgestellt. Woher hatte er meine Telefonnummer gekannt, als er mich mit dem Anruf in die Falle locken wollte? Natürlich durch Heinz Eckolt. Ich hatte mich damals wahrscheinlich verdächtig verhalten, und Gerd hatte daraufhin bei Eckolt nachgefragt, ob er einen gewissen "Belkert" kenne. Dabei hatte er mich mit Sicherheit beschrieben, und Heinz zählte zwei und zwei zusammen. Das Resultat hatte ich am eigenen Leib erfahren, genauer gesagt am Oberschenkel. Erfreut über mein Kombinationsvermögen öffnete ich die letzte Dose Tuborg und ließ einen Schluck des mittlerweile lauwarmen Bie- res die Kehle entlangrinnen. Es stellten sich nur noch zwei unerhebliche Fragen: Welche Rolle spielte Eckolts Sohn Kurt in der Geschichte, und wer hatte Franz Eckolt auf dem Gewissen? Wußte Kurt von den Geschäften seines Vaters oder war sogar darin involviert? Hatte er mich im Auftrag der beiden Bordelldirektoren verfolgt, oder handelte er auf eigene Faust? Aber warum sollten Poszilny und Eckolt einen Mann hinter mir herschicken, der zum einen völlig untauglich war, und den ich zum anderen kannte? Mir schien es wahrscheinlicher, daß Kurt ohne Wissen der beiden hinter mir hergeschnüffelt hatte. Doch aus welchem Grund? War er der Mörder? Hatte er anderen Dreck am Stecken und befürchtete ebenfalls die Aufdeckung? Ich merkte, daß sich meine Gedanken im Kreis bewegten. Bei meinem jetzigen Ermittlungsstand hatte ich drei potentielle Mörder: Gerd Poszilny, Heinz Eckolt und seinen Sohn Kurt. Falls der Killer die Tat begangen hatte, zählte ich ihn als Handlanger von Gerd oder Heinz. Meine Beweise waren zur Überführung des Maklers und des Computerunternehmers ausreichend; allerdings nicht wegen Mordes, sondern wegen Mädchenhandels und Zuhälterei.89 Ich bekam allmählich Zweifel, daß ich den Mörder überführen konnte. Ich war zwar zu neunundneunzig Prozent überzeugt, daß einer der drei Franz Eckolt erdrosselt hatte, aber leider benötigte man für eine Verurteilung in unserer Rechtssprechung Beweise. Mit einem Geständnis durfte ich nicht rechnen, denn dafür waren die Verdächtigen zu abgebrüht. Selbst Kurt hatte keinen Ton gesagt, als ich ihn mir zur Brust genommen hatte. Schließlich entschied ich mich, die drei Kandidaten einen Tag zu überwachen und auf Fehler zu hoffen. Würde dieses Vorgehen keine befriedigenden Resultate erzielen, mußte ich mir etwas anderes einfallen lassen. Der Plan hörte sich vernünftig an bis auf einen Punkt: Ich war nicht die Heilige Dreifaltigkeit und konnte daher keine drei Personen gleichzeitig verfolgen. Da mein Denkapparat auf Hochtouren lief, war die Lösung schnell gefunden. Otto Baumeister war bestimmt daran interessiert, seinem langweiligen Rentnerdasein Abwechslung zu verleihen. Er würde sogar dafür bezahlen, an einer Verfolgungsjagd teilnehmen zu dürfen. Der andere Aspirant war Peter "Gurkennase" Grabowski, ein Kumpel aus Essen, der mich schon bei einem früheren Fall unterstützt hatte. Sein Preis für eine Überwachung waren eine Kiste Bier und eine Flasche Bourbon. Da er keinen Job hatte und seine Tage mit der Ankurbelung der Braue- reiwirtschaft verbrachte, konnte ich mit seinem Einsatz rechnen. Er war zwar nicht mit übermäßiger Intelligenz gesegnet, aber seine Augen waren in Ordnung, und darauf kam es bei dieser Aufgabe an. Die Vorteile meiner Spürhunde lagen auf der Hand: Zum einen waren sie billig, zum anderen erregten ein Rentner und ein schmieriger Alkoholiker kein großes Aufsehen, waren also für eine Beschattung wie geschaffen. Ich warf einen Blick auf die Armbanduhr. Sie zeigte kurz vor elf an. Genau die richtige Zeit, um die beiden über ihr Glück zu informieren. Ich zückte mein Notizbuch und überlegte, wen ich zuerst anrufen sollte. Schließlich ließ ich mir vom Alphabet die Entscheidung abnehmen und tippte die Nummer des Böckinghausener Altenheimes in die Tasten. Nach dem zweiten Läuten wurde abgehoben. »Altenheim Böckinghausen, Schwester Wilhelmine am Apparat.« Zum Glück hatte ich nicht Kunigunde an der Strippe. So brauchte ich mir nicht die Mühe machen, meine Stimme zu verstellen. »Könnte ich bitte Herrn Baumeister sprechen? Es ist dringend.« »Wer ruft denn zu dieser nachtschlafenden Zeit an? Herr Baumeister ist bestimmt schon zu Bett gegangen.« »Mein Name ist Jens Baumeister. Ich bin sein Bruder. Es handelt sich um einen Notfall. Ich übernehme die volle Verantwortung, falls Sie Otto wecken müssen.«90 Ich hoffte, daß Schwester Wilhelmine nicht über Ottos Verwandtschaftsverhältnisse im Bilde war. Ich hatte keinen blassen Schimmer, ob er überhaupt einen Bruder hatte, und selbst wenn, war es unwahrscheinlich, daß dieser Jens hieß. »Sie haben Glück. Ich sehe ihn auf dem Gang. Warten Sie einen Moment.« Entweder hatte die Schwester so gute Augen, daß sie Otto aus kilometerweiter Entfernung erkannt hatte, oder sie hatte einen Vertrag mit der Deutschen Bundespost und wollte meine Telefonrechnung in die Höhe treiben. Vielleicht kam es mir aber auch nur so vor, daß eine Ewigkeit bis zur Ankunft des Rentners verging. »Baumeister. Was gibt es?« »Dieter Nannen. Entschuldige die kleine Notlüge.« »Hallo Jens. Von Dir habe ich seit Jahren nichts mehr gehört.« »Hast Du Lust, ein bißchen Detektiv zu spielen? Ich hätte einen Überwachungsauftrag zu vergeben. Morgen früh soll es schon losgehen; deswegen rufe ich auch noch so spät an.« Otto reagierte, wie ich es erwartet hatte: Er war schlichtweg begeistert. Mein Glück kannte an diesem Abend keine Grenzen, denn er verfügte sowohl über einen gültigen Führerschein als auch über einen Bekannten, von dem er einen Wagen leihen konnte. »Wen soll ich beschatten?« »Kurt Eckolt.« Ich gab ihm eine genaue Beschreibung des Sprößlings, die Adresse der Eckoltschen Villa und die Nummer meines Hotels, falls er Fragen hatte. Otto machte den Vorschlag, am morgigen Abend einen Bericht mit den Ergebnissen der Beschattung vorzulegen. Ich hielt es für eine gute Idee und willigte ein. Bevor er mich mit Fragen löchern konnte, bedankte ich mich und legte auf. In der Hoffnung, daß Grabowski sich noch nicht in den Schlaf gesoffen hatte oder in einer Kneipe den Barhocker abnutzte, wählte ich seine Nummer. Ich wollte schon wieder auflegen, als eine alkoholgeschwängerte Stimme mein Trommelfell erzittern ließ. »Üzütürk hier. Ich nix verstehen.« »Was ist los, Grabowski? Sind wieder Kredithaie hinter Dir her?« »Dieter, Du bist es. Nichts besonderes. Ich habe nur ein Pokerspiel zu viel gewagt.« »Dann bist Du bestimmt interessiert, ein bißchen Geld zu verdienen.« »Wieviel?« »Wieviel brauchst Du?« »Fünfhundert.«91 »Okay. Ich biete Dir einen Job für zweihundert Mark.« »Vierhundert.« »Zweihundert.« »Dreihundert.« »Zweihundert.« »Was muß ich machen?« »Eine Beschattung durchführen. Dauert höchstens zwei Tage. Hast Du ein Auto?« »Klar. Benzin geht aber extra.« »Einverstanden. Wann kannst Du in Münster sein?« »Wieso Münster? Wohnst Du nicht mehr in der Bulderner Bruchbude?« »Ich habe keine Zeit, meine Lebensgeschichte zu erzählen. Also, wann kannst Du hier sein?« »Heute abend kann ich nicht mehr fahren. Ich habe zuviel intus.« »Du hast immer zuviel intus. Ich erwarte Dich morgen früh um spätestens halb acht.« »Bist Du wahnsinnig? So früh bin ich seit Jahren nicht mehr aufgestanden.« »So früh wirst Du auch nie wieder zweihundert Schleifen verdie- nen. Aber wenn Du lieber ausschlafen willst...« »Ist ja schon gut. Ich werde rechtzeitig da sein.« Ich gab ihm die Anschrift des Hotels und ermahnte ihn noch einmal, pünktlich zu sein. Dann bugsierte ich den Hörer auf die Gabel. Am offenen Fenster rauchte ich eine Gutenachtzigarette, steckte anschließend die Unterlagen unter das Kopfkissen, zog mich aus, löschte das Licht und entschlummerte nach wenigen Minuten. Vorher hatte ich die Rezeption beauftragt, mich um sieben Uhr zu wecken. XXIII Um Punkt sieben erfüllte der Weckdienst seine Pflicht. Ich reckte und streckte mich. Dann verordnete ich meinem verspannten Körper zwanzig Liegestütze und dreißig Klappmesser, um die Blutzirkulation auf Trab zu bringen. Anschließend begab ich mich zum Frühstückssaal. Ein Hotelbediensteter näherte sich meinem Tisch. »Sie sind früh auf. Konnten Sie nicht schlafen?« »Guten Morgen. Ich hätte gerne ein Ei, zwei Scheiben Toast und etwas Käse. Danke.« »Wenn Sie meine Frage als unhöflich empfunden haben sollten, bitte ich Sie, meine Entschuldigung anzunehmen.«92 »Ich akzeptiere. Kümmern Sie sich jetzt um mein Frühstück.« »Ich eile, muß Ihnen aber noch mitteilen, daß ein Herr Baumeister angerufen hat. Er läßt fragen, ob es bei dem Abgesprochenen bleibt. Sie sollen ihn sofort zurückrufen, wenn Sie aufgestanden sind.« Ich überlegte, ob es richtig gewesen war, Otto in meine Pläne einzubeziehen. Er schien den Auftrag viel zu ernst zu nehmen und konnte durch seinen Übereifer die ganze Tour vermasseln. »Beim nächsten Anruf sagen Sie ihm, er soll machen, was ich ihm aufgetragen habe.« »Wie der Herr wünschen.« Er verschwand und kam nach zwei Zigarettenlängen mit meiner Bestellung zurück. Während der Mahlzeit fragte ich mich, wofür ich zwölf Mark bezahlte. Der Kaffee war so dünn, daß man bis auf den Grund der Tasse schauen konnte. Das Ei konnte nicht länger als eine halbe Minute gekocht worden sein, und der Toast war braun wie ein Leinentuch. Langsam machte ich mir Sorgen um Grabowski. Wir hatten uns für halb acht verabredet, und Gurkennase war weit und breit nicht in Sicht. Er war zwar die Unzuverlässigkeit in Person, aber bei dem in Aussicht gestellten Honorar hatte ich fest damit gerechnet, daß er pünktlich sein würde. »Hat es geschmeckt?« Der Kellner war zurückgekehrt. »Wenn ich Ihren Fraß überlebe, kann ich ein Survivalcamp in Indien ohne Magen-Darm-Grippe überstehen.« »Es tut mir leid, wenn es Ihnen nicht geschmeckt haben sollte.« »Sie können sich Ihr ständiges "tut mir leid" sonstwohin stecken.« Im Grunde genommen kam mir der Knabe ganz recht. Bei ihm konnte ich den Dampf ablassen, der sich wegen Grabowskis Abwesenheit aufgestaut hatte. »Das tut mir leid, mein Herr. Ich bin Auszubildender im ersten Lehrjahr. Da kann man doch einen Fehler machen.« »Sie machen andauernd Fehler. Lassen Sie mich jetzt den Rest dieses Spülwassers genießen.« »Nur noch eines: An der Bar sitzt ein Herr, der für dieses Ambiente nicht passend angezogen ist. Er sagt, er warte auf Sie.« Das mußte Peter sein.93 »Ich habe mich in Ihnen geirrt. Ihre Bedienung war vorzüglich, und ich habe noch nie ein besseres Frühstück genossen.« Ich erhob mich und lenkte meine Schritte zur Bar. Von weitem hörte ich Grabowskis Stimme: »Und dann sagte ich zu der Alten: Such Dir einen anderen Macker, der Deine Alimente zahlt. Dann hab ich den Abzug der Knarre gedrückt. Ich sage Dir, das zweite Klicken hat die nicht mehr abgewartet.« Peter saß vor einem Glas mit einer goldbraunen Flüssigkeit und lachte schallend, während der Barkeeper sich mühsam ein Grinsen abrang. »Grabowski! Ich erwarte, daß Du fit und im Vollbesitz Deiner geringen geistigen Kräfte bist. Laß wenigstens einmal den Alkohol aus dem Spiel!« »Mach einen Punkt, Nannen. Ohne ein paar Promille in der Birne bin ich zu nichts zu gebrauchen. Ich denke, Du brauchst auch einen Schluck.« Er wandte sich an den Barmann. »Schieb meinem Kumpel einen doppelten Whisky rüber.« Bevor ich ablehnen konnte, stand das Gesöff vor mir. Ich kippte es in einem Zug herunter. »Du bist eine halbe Stunde überfällig, ist Dir das klar?« Grabowski legte einen Zeigefinger an die Schläfe, als dächte er nach. »Warte mal, warte mal. Wolltest Du etwas von mir, oder ich von Dir? Na klar. Grabowski hat Nannen gebeten, ihn mitten in der Nacht in Münster zu besuchen, damit er so nett ist, ihm Anweisungen zu geben. Danke Dieter, daß Du wegen dem alten Grabowski so früh aufgestanden bist.« Gurkennase war durch nichts aus der Ruhe zu bringen. »Schon gut. Ich bin etwas angespannt. Laß uns nicht streiten.« »Okay. Wir wollen unseren Streit wie Indianer begraben. Laß uns eine Friedenspfeife rauchen. Hast Du eine Kippe?« Ich reichte ihm eine Camel und bemühte mich, mein Zähneknirschen zu verbergen. War ich einmal auf Peters Hilfe angewiesen, nutzte er das schamlos aus. Dabei hatte ich ihm schon hundert Mal aus der Patsche geholfen. Wir rauchten. Ich schwieg, während er auch mir die Geschichte von seiner Verflossenen erzählte. Um zwanzig nach acht unterbrach ich ihn. »Wir müssen los. Du heftest Dich an Poszilnys Fersen und läßt ihn nicht mehr aus den Augen.« Ich beschrieb in knappen Worten die Situation, das Aussehen des Maklers und den Weg zu seinem Büro. »Ist ja gut. Auf jeden Fall sage ich zu der Schlampe...« »Grabowski! Schwing Dich in Deinen Wagen! Bis heute abend will ich Dich nicht mehr sehen.« Gurkennase schwieg beleidigt, verzog sich aber. Ich folgte, nachdem ich beim Barkeeper vier Whiskys bezahlt hatte. XXIV Vor Eckolts Haus postierte ich mich zwischen einem Mercedes und einem BMW. Ich hoffte nur, daß mein Wagen zwischen diesen Bonzenschaukeln nicht auffiel. Ich war gerade rechtzeitig gekommen, denn eine Minute später trat Heinz in Begleitung seines Sohnes aus dem Haus. Kurt holte einen roten Porsche aus der Garage, während sein Vater in der Einfahrt stand und in einem Aktenkoffer herumwühlte.94 Eckolt schloß seinen Koffer und stieg in den Wagen. Dann setzte sich der Porsche in Bewegung; ich folgte. Hinter mir scherte ein weißer Ford Fiesta aus einer Parklücke. Der Fahrer betätigte wie wild die Lichthupe. Ich versuchte ihn in meinem Rückspiegel zu identifizieren und erkannte Otto, der sich mit einer Sonnenbrille, einem Schlapphut und einem Trenchcoat getarnt hatte. Anscheinend hatte er zu viele Bogart-Filme gesehen. Ich erhob die Hand zum Gruß; er winkte zurück. Ich merkte bald, wohin die Fahrt führte: Zu Eckolts Büro. Nach einer Viertelstunde hatte sich meine Vermutung bestätigt. Der Porsche hielt an. Kurt betrat das Gebäude, während Heinz einen Mercedes aufschloß, der zwei Parklücken weiter abgestellt war. Bevor ich die Verfolgung aufnahm, warf ich einen Blick in den Rückspiegel. Otto hatte sich eine filterlose Zigarette angesteckt und nahm einen Schluck aus einer Whiskyflasche. Jetzt brauchte er nur noch ein Loch in eine Zeitung zu bohren, um das Klischee perfekt zu machen. Ich mußte kräftig auf das Gaspedal treten, denn Heinz hatte inzwischen einen großen Vorsprung. Zu meinem Glück mußte er an einer roten Ampel halten, so daß ich den Abstand verringern konnte.95 Der Ausflug führte uns in die Randgebiete Münsters. Hier fuhren die Kehrfahrzeuge der Stadt bestimmt jede halbe Stunde entlang, denn auf den Bürgersteigen konnte ich weder weggeworfene Coladosen noch sonstigen Abfall entdecken. Vor einem schmuddeligen Lokal, das nicht in diese Gegend paßte, machte mein Verfolgungsobjekt halt und betrat es. Ich stieg aus und warf einen Blick durch die Vorderscheibe. Eckolt saß mit einem Opa zusammen, der Grabowskis Vater hätte sein können. Sein Jackett mußte den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, und über seinem rechten Auge hing eine Klappe, wie man sie aus Piratenfilmen kannte. Der Alte drückte Eckolt ein Bündel mit Geldscheinen in die Hand, welches dieser in seiner Aktentasche verschwinden ließ. Eckolt entnahm seinem Koffer eine Mappe mit Papieren. Auch der Alte hatte mehrere Schriftstücke vor sich liegen, die er herüberschob. Heinz holte eine Brille aus der Anzugsjacke und verglich die Papiere. Eine weitere Beobachtung erschien mir nicht sinnvoll. Ich kehrte zum Wagen zurück und verbrachte die nächsten drei Stunden mit der Camus-Lektüre. Ich hatte das Buch bereits ausgelesen, als Heinz den Schuppen verließ. Diesmal fuhr er in Richtung Innenstadt. In der Nähe des Arbeitsamtes parkte er vor einem Puff namens "Aphrodite" und verschwand in seinem Innern. Ich wollte mir gerade eine Zichte anstecken, als die rechte Wagentür geöffnet wurde und sich jemand auf den Beifahrersitz fallen ließ. »So kreuzen sich unsere Wege, Dieter.« »Was machst Du hier, Grabowski?« »Ich erfülle meinen Auftrag, was sonst? Zuerst hatte Dein Kumpel eine Hausbesichtigung in Havixbeck. Da ist aber nichts Interessantes passiert. Dann ist er hierher gefahren. Er liegt bestimmt zwischen den Beinen einer scharfen Blondine.« »Das glaube ich nicht. Eckolt ist ebenfalls hier.« »Was machen wir jetzt? Müssen wir uns den Arsch plattsitzen, oder gehen wir einen heben?« »Wir warten. Ich werde von meinem Auftraggeber nicht für das Vernichten von Alkohol, sondern für Ermittlungsarbeit bezahlt.« Peter grummelte etwas in seinen Bart und fuhr mit der Geschichte von heute morgen fort. Als Bonus gab er weitere Anekdoten aus seinem reichen Erfahrungsschatz zum besten. Grabowskis Fundus an selbsterlebten Dönekes war unermeßlich, denn zwei Stunden später brabbelte er immer noch über diverse Zockerabenteuer. »Ich wüßte gerne, was Poszilny und Eckolt bequatschen. Leider kann ich nicht das Risiko eingehen, hineinzugehen.« »Du nicht, aber ich. Mich kennen sie nicht.«96 Das hatte mir gefehlt. Grabowski würde in diesem Nobeletablissement auffallen wie ein Eskimo in der Wüste. Wegen seiner mit Flicken übersäten Jacke räumte ich ihm nicht einmal die Chance ein, am Türsteher vorbeizukommen. »Ich ziehe Deine Hose und Jacke an. Dann bin ich genau so ein feiner Pinkel wie Du.« Im Grunde genommen war Grabowskis Idee nicht schlecht. Einen Trottel wie Peter hielt man bestimmt nicht für einen Spitzel. »In Ordnung. Lassen wir es auf den Versuch ankommen. Im Kofferraum habe ich eine zweite Garnitur.« Grabowski zog sich auf der Toilette eines in der Nähe gelegenen Cafés um. Als er zurückkam, drückte ich ihm einen Hunderter in die Hand. »Das muß für Deine Ausgaben reichen. Und denke daran: Keine Zigarettenlöcher in Hose und Jacke! Dafür haftest Du mit Deinem Leben. Heute abend kommst Du zum Hotel und erstattest Bericht.« Peter grinste, stieg aus und betätigte die Türklingel des Clubs. Als ich sah, daß er eingelassen wurde, fuhr ich zum Hotel zurück, um mich für ein paar Stunden aufs Ohr zu hauen. Im Hotel kam mir der Lackaffe vom Morgen entgegen. »Herr Baumeister hat wieder angerufen. Ich soll ausrichten, daß alles reibungslos läuft.« »Das haben Sie gut gemacht. Falls Herr Baumeister in den nächsten Stunden noch einmal anrufen sollte, sagen Sie ihm, daß ich nicht im Haus sei.« Damit er meine Bitte nicht vergessen würde, drückte ich ihm ein Portrait von Carl Friedrich Gauß in die Hand. »Vielen Dank. Soviel Trinkgeld habe ich noch nie bekommen.« »Einmal ist immer das erste Mal.« Auf meinem Zimmer angekommen zog ich die Jalousien herunter, entkleidete mich und gab mich dem Schlaf der Weisen und Gerechten hin. Das Klingeln des Telefons riß mich aus meinen Träumen. »Was ist los? Hatte ich nicht Anweisung gegeben, jede Störung zu unterlassen?«97 »Sie hatten nur gesagt, daß ich Herrn Baumeister nicht durchstellen soll. Hier ist jedoch ein Herr Grabowski in der Leitung.« »Das ist natürlich ein gewaltiger Unterschied. Stellen Sie durch!« Meine Nerven waren überreizt. Diese sogenannten Hotelfachkräfte waren so dumm, daß es schon weh tat. Ich blickte auf meine Uhr. Immerhin hatte ich zwei Stunden geschlafen. Ein Klicken in der Leitung verriet mir, daß ich mit Gurkennase verbunden war. »Hatte ich nicht gesagt, daß Du Dich erst heute abend melden sollst?« »Wenn es kein dringender Notfall wäre, würde ich Dich nicht belästigen.« »Was ist los?« »Ich bin in einer kleinen finanziellen Bredouille.« »Was heißt kleine finanzielle Bredouille? Ich habe Dir hundert Mark gegeben. Das muß reichen, um auf ein Mädchen zu steigen.« »Dafür haben die Piepen auch gereicht, aber in einem Hinterzimmer unterhalten die Typen ein Casino. Um meine Tarnung perfekt zu machen, habe ich ein paar Runden mitgespielt. Anfangs habe ich auch gewonnen. War bei siebenhundert Mark angelangt. Dann setzte eine Pechsträhne ein. Bin auf hundert Mark abgebrannt gewesen. Dann habe ich wieder gewonnen. Ich glaubte, das Glück wieder auf meiner Seite zu haben und habe auf Schuldscheinbasis zweihundert auf einmal gesetzt. Leider hatte die Bank einen Black Jack. Patrick, das ist der Geschäftsführer, sagte mir, wenn ich nicht jemanden finden würde, der für mich zahlt, käme ich nur mit den Füßen nach vorne wieder heraus.« »Deine verdammte Spielsucht! Tut mir leid, aber ich habe kein Geld im Haus.« Ich hatte zwar genug Bares, um Grabowski eine Stunde weiterspielen lassen zu können, aber ich hatte von seinen Eskapaden, die meistens mit der Schröpfung meiner Kasse endeten, die Nase gestrichen voll. »Übrigens, diesem Poszilny gehört der Schuppen. Ich glaube, daß ihn Dein Aufenthaltsort interessieren wird.« Das war eine ultralinke Tour. Wenn Grabowski in der Klemme steckte, kannte er keine Freunde mehr. »In einer halben Stunde bin ich da. Sind Poszilny und Eckolt noch im Haus?« »Keine Angst. Die sind vor einer Stunde abgedüst. Bis gleich.« »Ich hoffe, Du bist bis dahin verreckt!«98 Immerhin schwächte der Gedanke, nicht selber für Grabowskis Spielschulden aufkommen zu müssen, meine Wut. Zufällig hatte Gurkennase genau den Betrag verspielt, den wir als Honorar vereinbart hatten. Es dauerte wirklich nur eine halbe Stunde, bis ich am Puff angelangt war. Ich klingelte. Ein Türsteher öffnete. »Guten Abend. Ich hoffe, unser reichliches Angebot wird Sie zufriedenstellen.« »Ihr Angebot interessiert mich nicht. Ich bin wegen eines Freundes hier. Er hat mehr verzehrt, als er bezahlen kann.« »Kommen Sie mit.« Vor der dritten Tür auf der linken Seite blieben wir stehen, und er klopfte. Dann ließ er mich allein. »Herein, herein.« In dem Büro saß Grabowski auf einem mit Plüsch bezogenen Sessel. Ein Kerl, der ungefähr den doppelten Brustumfang des Türstehers besaß, stand mit verschränkten Armen neben ihm. Hinter dem Schreibtisch thronte ein Mann, der mir seine parfümierte Hand entgegenstreckte. Goldene Ringe zierten alle zehn Finger; vom linken Ohr funkelte mich ein Diamant an. »Ich bin Patrick. Hoffentlich hast Du die Mücken. Ansonsten dürfte es für Deinen Freund ein ungemütlicher Abend werden.« Der Muskelmann ließ demonstrativ die Finger knacken. »Keine Sorge. Ich will weder Euch noch uns den Abend verderben.« Ich zückte mein Portemonnaie und reichte ihm die zwei Scheine. »Wir beide verstehen uns. Dein Freund scheint aber nicht so verständig zu sein. Stell Dir vor: Der wollte abhauen, ohne seine Schulden zu bezahlen. Kannst Du Dir das vorstellen?« Ich sagte ihm, daß ich das nicht könne. »Albert wird ihm ein kleines Abschiedsgeschenk überreichen, damit sein Besuch zum unvergeßlichen Erlebnis wird.« Er gab dem Muskelprotz einen Wink. Man konnte kaum sehen, daß Albert seinen Arm bewegte. Eine Sekunde später lag Peter auf dem Fußboden und hielt sich den Kopf. Albert hob den Fuß und verwechselte Grabowskis Magen mit einem Abtreter. Gurkennase heulte auf und krümmte sich vor Schmerzen. Patrick hielt den Zeigefinger an seine Lippen. »Nicht so laut. Wenn das unsere Mädchen hören, könnten sie die Contenance verlieren.« Albert und Patrick grinsten. »Macht Euch vom Acker, ehe ich wirklich sauer werde.« Auf dem Weg nach draußen stützte ich Grabowski, der sich kaum auf den Beinen halten konnte. Der Türsteher rief uns ein höhnisches "Beehren Sie uns bald wieder" nach.99 Ich verfrachtete Peter auf die Rückbank und machte mich auf den Heimweg. Zum Glück blutete er nicht, so daß mir eine Reinigung des Leihwagens erspart blieb. Es blieb mir nichts anderes übrig, als Grabowski bei mir schlafen zu lassen, denn in seinem Zustand konnte er unmöglich Auto fahren. »Selbst schuld. Was hast Du herausbekommen?« Aus seinem Mund kam ein gequältes Stöhnen. »Kannst Du ein bißchen lauter sprechen? Ich verstehe Dich schlecht.« »Nichts habe ich herausbekommen. Der Laden gehört Poszilny und Eckolt. Das erzählte zumindest die Mieze, mit der ich unter die Decke gekrochen bin. Ich selbst habe die beiden nur gesehen, als sie den Schuppen verließen. Oh, tut das weh.« Er stöhnte noch einmal. Der Tag hatte sich gelohnt. Mein Erkenntnisstand hatte das gestrige Level um nichts überschritten. Jetzt konnte ich nur noch auf Ottos Bericht hoffen. Als ich Grabowski in den Aufzug zerrte, lief mir der Nachtportier hinterher. In der Hand hielt er einen Umschlag. »Herr Nannen. Das hat ein Herr Baumeister für Sie abgegeben. Er sagte, das sei sein Beschattungsprotokoll.« Er reichte mir den Umschlag und blickte auf Grabowski. »Hat Ihr Freund zu tief ins Glas geschaut?« »Nur eine kleine Auseinandersetzung mit einer Bande von Jugendlichen. Ich lasse ihn heute bei mir übernachten. Morgen bezahle ich für ihn.« Er nickte verständnisvoll. »Kein Problem. Nirgendwo ist man vor diesen Ausländern sicher. Glauben, sie können sich bei uns wie bei den Hottentotten aufführen.« Er half mir, Grabowski auf das Zimmer zu schleppen. Ich drückte ihm einen Fünfer in die Hand und wünschte eine gute Nacht. Danach bettete ich Peter auf eine Wolldecke, die ich im Kleiderschrank ge- funden hatte. Er schlief auf der Stelle ein. Ich selbst war auch müde und legte deshalb Ottos Bericht in die Nachttischschublade und mich ins Bett. XXV Um halb acht schlug ich die Augen auf und war sofort hellwach. Ich blickte zu Grabowski herüber. Ich hätte wissen müssen, daß die Zusammenarbeit mit Peter in einer Katastrophe enden würde. Doch in diesem Fall war ausnahmsweise er der Gelackmeierte gewesen. Er hatte eine deftige Abreibung bekommen und das vereinbarte Honorar am Spieltisch verzockt. »Los, aufstehen!« Ich schüttelte ihn, bis er die Augen öffnete und mich anblinzelte. »Ja, Susi, ich werde Dich heiraten. Auch wenn Du entsetzlichen Mundgeruch hast.« »Grabowski, wach auf!« »Tschuldigung, ich habe geträumt.« »Zieh Dich an. Ich bringe Dich zum Wagen.« »Immer mit der Ruhe. Hast Du was zu trinken?« »Du bekommst eine Flasche, wenn wir am Auto sind.« Sofort kam Leben in den lethargischen Grabowski. Innerhalb einer Minute war er reisefertig. Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir seine Kutsche. An einem Supermarkt hatte ich einen Stop eingelegt und eine billige Flasche Bourbon für ihn und eine Stange Camel für mich erstanden. Ich reichte ihm den Fusel und wünschte eine angenehme Heimreise. »Was ist mit meiner Bezahlung?«100 Ich deutete auf den Puff. »Die kannst Du Dir dort abholen. Von mir bekommst Du keinen Pfennig. Den Alkohol habe ich Dir nur gegeben, weil wir alte Kollegen sind, und ich Dich nicht ohne Frühstück nach Hause schicken möchte. Jetzt hau endlich ab!« Gurkennase sah die Zwecklosigkeit seines Widerstandes ein. Er öffnete den Schraubverschluß der Flasche, nahm einen großen Schluck und quälte sich aus dem Passat. »Erst umziehen, Grabowski. Deine Klamotten sind im Kofferraum.« Als auch das erledigt war, konnte ich zum Hotel zurückfahren. Um neun Uhr war ich wieder auf meinem Zimmer und holte Bau- meisters Bericht aus dem Nachttisch. Ich riß den sorgfältig zugeklebten Umschlag auf und zog drei mit Bleistift beschriebene Blätter heraus. Otto besaß die perfekteste Handschrift, die ich je zu Gesicht bekommen hatte. Ich steckte mir eine Zichte an und zweckentfremdete eine Bierdose als Aschenbecher. Dann begann ich mit der Lektüre. OTTO BAUMEISTER Beschattungsauftrag Nr. 1 Beschattete Person: Kurt Eckolt Auftraggeber: Dieter Nannen Datum: 29. 08. 1993 08.01 Posten bezogen vor Grundstück von Heinz Eckolt (Vater der zu beschattenden Person); Meisenweg 17.101 08.46 Korpulente Frau (ca. 90 kg; 1,65 m) verläßt das Haus mit braunem Einkaufskorb. Vermutung: Mutter des Zielobjektes tätigt Einkäufe. 09.05 Zu beschattendes Objekt verläßt das Gebäude; bekleidet mit weißer Leinenhose und hellblauem Hemd; Sonnenbrille von Carrera. Steigt in einen roten Porsche. Wird begleitet von etwa 50-jährigem Herrn (dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, blaue unifarbene Krawatte). Vermutung: Vater des Zielobjektes. Steigt ebenfalls in den Porsche. Verfolgung aufgenommen; Fahrt führt Richtung Münster. Während der Fahrt entdecke ich Dieter Nannen, der offensichtlich zweiten Mann beschattet. Verhalte mich unauffällig. 09.23 Roter Porsche stoppt vor einem Bürogebäude in Münster. Beide Männer steigen aus. Zu beschattendes Objekt betritt das Gebäude; zweite Person steigt in einen Mercedes und fährt davon (Dieter Nannen nimmt die Verfolgung auf). Ich warte zunächst im Auto, gehe nach 10 Minuten zum Haus und studiere die Firmenschilder. Im vierten Stock entdecke ich "Ferror Computer - Heinz Eckolt". Halte es für zu riskant, Beschattungsobjekt zu verfolgen, und setze mich wieder in den Wagen. Niemand betritt oder verläßt den Komplex. 10.50 Zu beschattendes Objekt verläßt das Haus, steigt in den Porsche und fährt los. Ich folge. 10.59 Stop an einer Buchhandlung. Zielperson kehrt nach fünf Minuten mit drei Büchern unter dem Arm zurück. Auf dem oberen Buchdeckel steht "Windows 3.1". Mehr ist nicht zu erkennen. 11.15 Zielobjekt an einer roten Ampel verloren, doch an der übernächsten Kreuzung wieder eingeholt. 11.44 Eintreffen in einem Golfclub in der Peripherie von Münster. Zu beschattende Person geht mit den Büchern in das Clubhaus. Ich folge. Zehn Personen halten sich im Gebäude auf. Ich falle nicht auf. Zielobjekt sitzt allein am Tisch und studiert die Bücher. Macht sich Notizen auf einem Stenoblock. 12.28 Ein etwa zwanzigjähriger Mann (ca. 1,80 m; 75 kg; weiße Hose; rotes Polo-Shirt) setzt sich zu Zielperson an den Tisch. Kurze Diskussion. Bin zu weit weg, um Einzelheiten zu verstehen. Glaube aber mitbekommen zu haben, daß es um eine Informatikvorlesung geht. 12.41 Zweite Person verläßt den Tisch und das Clubhaus. Zielobjekt liest weiter und macht Notizen. 13.05 Zu beschattende Person räumt Sachen zusammen und macht Anstalten, bezahlen zu wollen. Ich stehe auf, um vor ihm am Wagen zu sein. 13.08 Zielobjekt verläßt Clubhaus und steigt in den Wagen. Fährt Richtung Münster Innenstadt. 13.30 Zu beschattende Person hält an einem Nobelrestaurant in der Buchenallee. Restaurant trägt den Namen "Münsteraner Hof". Ich beobachte aus dem Wagen, wie Objekt sich an einem Fensterplatz niederläßt und die Speisekarte studiert. Da Zielperson neben einem älteren Herr, der zwei Plätze weiter speist, der einzige Gast ist, fürchte ich meine Enttarnung, falls ich folge. Ich bleibe deshalb im Wagen. Habe Zielobjekt optimal im Blickfeld.102 13.39 Kellner stellt eine Flasche Rotwein auf den Tisch. 14.10 Kellner serviert Rumpsteak mit Pommes Frites und grünem Salat. Zu beschattendes Objekt sitzt gesamte Zeit allein am Tisch. 14.46 Zielperson steht auf und verschwindet im hinteren Teil des Restaurants. 14.49 Ich überlege gerade, ob ich folgen soll, als Objekt das Restaurant verläßt. Vermutung: Zu beschattende Person war auf der Toilette. Zielperson fährt weiter. Ich nehme Verfolgung auf. 15.15 Stop an einer Kneipe namens "Zum Goldenen Bären". Da gemischtes Publikum und gut besucht, folge ich. Zu beschattendes Objekt sitzt allein an einem Ecktisch, ich nehme am Tresen Platz. Von dort aus optimale Beobachtung möglich. Zielperson wartet anscheinend auf jemanden, schaut immer wieder zur Tür. Raucht eine Zigarette (Marke Dunhill) nach der anderen. Äußerst nervös. 16.02 Mann (etwa 1,90 m groß; sehr kräftig; dunkelblonde kurze Haare; Muskelshirt und Jogginghose; Puma-Turnschuhe) betritt das Lokal und setzt sich zu Zielperson. Scheinen keine guten Freunde zu sein. Muskelmann überreicht einen Umschlag (DIN A4; braun; ohne Beschriftung). Zu beschattende Person blickt kurz hinein, faltet Umschlag zusammen und steckt ihn in die Hosentasche. Muskelmann steht auf und verläßt die Gaststätte. Es wurde kein Wort gesprochen. Zielperson hat nichts an den anderen Mann übergeben.103 16.05 Beschattungsobjekt steht auf und verläßt das Lokal. Ich warte zehn Sekunden und folge. Sehe gerade noch, wie Porsche aus der Parklücke herausfährt. Nehme Verfolgung auf. Zwei Straßen weiter habe ich ihn eingeholt. 16.13 Verlassen Münster Richtung Böckinghausen/Havixbeck. 16.25 Zu beschattende Person verläßt Landstraße und fährt in einen kleinen Waldweg. Ich kenne die Gegend und weiß daher, daß der Weg nach hundert Metern zu Ende ist und nur noch für Fußgänger passierbar ist. Stelle meinen Wagen fünfzig Meter weiter an den Straßenrand und schleiche durch eine dichte Tannenschonung zum vermutlichen Aufenthaltsort des Zielobjektes. Komme gerade rechtzeitig, um zu beobachten, wie Inhalt des Umschlags verbrannt wird. Um Zielperson später nicht zu verlieren, trete ich Rückzug an und sitze im Wagen, als der Porsche an mir vorbeifährt. 17.10 Zu beschattendes Objekt erreicht Heinz Eckolts Grundstück, verläßt das Auto und geht ins Haus. 18.30 Beschattungsobjekt hat Gebäude nicht mehr verlassen. Breche Beschattung ab. Otto Baumeister P. S. Bin zum Waldweg zurückgefahren. Habe Reste des verbrannten Umschlaginhalts untersucht. Ergebnis: Einige nichtverbrannte Schnipsel lassen darauf schließen, daß es sich um Fotos und Negative gehandelt haben muß. Zu verschmort, um zu erkennen, was auf den Fotos abgebildet war. Beweisstücke sind beigelegt. Ich schnappte den Umschlag und schüttete ihn über dem Tisch aus. Tatsächlich fielen drei kleine Schnipsel heraus. Ich testete meine Augen und hielt die Fetzen unter die eingeschaltete Nachttischlampe. Otto hatte recht: Auf diesen verkohlten Stückchen war nichts, aber auch gar nichts zu erkennen. Ich beförderte die wichtigen Beweisstücke in den Papierkorb. Baumeister hatte einen präzisen Bericht abgeliefert. Es überraschte mich, daß er nicht die Farbe von Kurts Unterhose und die Marke der Seife, die er auf der Toilette benutzt hatte, notiert hatte. Jetzt war es an mir, die relevanten Details von den überflüssigen zu trennen. Den ersten Teil des gestrigen Tages hatte Kurt offensichtlich mit der Lektüre von Fachliteratur für sein Informatikstudium verbracht. Da Lernerei bekanntlich hungrig machte, hatte er das Hungergefühl auf die wirksamste Weise bekämpft: Er hatte gegessen. Jetzt folgte der interessante Teil: Kurt hatte sich mit einem Mann getroffen, den Otto nicht kannte. Für mich jedoch bestand kein Zweifel, um wen es sich bei dem Muskelmann handelte.104 Nun stellte sich die nicht unerhebliche Frage, was auf den Fotos zu sehen war, die der Killer übergeben hatte. Da der Bodybuilder der Lakaie von Gerd Poszilny war, mußte der Makler seine Finger im Spiel haben. Entweder war Kurt auch im Bordellgeschäft tätig, oder die Fo- tos hatten nichts oder nur am Rande mit dem lukrativen Nebenerwerb Poszilnys zu tun. Möglichkeit Nummer eins hielt ich aus zwei Gründen für unwahrscheinlich: Zum einen hatte Kurt nicht das Format, um an solchen Geschäften beteiligt zu sein. Zum anderen sprach Ottos Bericht dagegen. Wenn ich seiner Beobachtungsgabe vertraute, waren sich Kurt und der Killer spinnefeind. Ein dritter Punkt fiel mir ein: Wenn der Umschlag geschäftliche Dinge enthielt, die für Kurt bestimmt waren, hätte Eckolt senior ihn einfach zuhause übergeben können. Das war mit Sicherheit unauffälliger als ein geheimnisvolles Treffen in einer Kneipe. Die zweite Möglichkeit hielt ich nur deshalb für wahrscheinlicher, weil sie weniger unwahrscheinlich war. Üblicherweise dachte man bei Fotos und Negativen, die in einer Kneipe übergeben wurden, an Erpressung. Doch womit hatte der Makler Kurt erpreßt, und was hatte dieser als Gegenleistung erbracht, um in den Besitz der Fotos zu gelangen? Hatte er dafür bezahlt oder einen schmutzigen Auftrag ausgeführt? Was hatte der ermordete Franz Eckolt mit der ganzen Geschichte zu schaffen? War er hinter die Machenschaften des Maklers gekommen? Dafür sprachen seine Treffen mit Poszilny und seine Andeutungen Otto gegenüber, daß er einer riesigen Schweinerei auf der Spur war. Dagegen sprach nichts. Die Vermutung von Christa Kerner, der Makler würde sich Eckolts Haus unter den Nagel reißen wollen, hatte sich als falsch erwiesen.105 Je intensiver ich über den Fall nachdachte, desto stärker beschlich mich das Gefühl, daß sich mit normaler Recherche nichts mehr erreichen ließ. Selbst wenn ich wußte, wer den Mord beziehungsweise die zwei Morde begangen hatte, fehlten die Beweise. Ich mußte mein Versteckspiel aufgeben und den Stier bei den Hörnern packen, denn ich hatte keine Lust, aus Angst vor weiteren Mordanschlägen in einem Hotelzimmer zu versauern. XXVI Ich blickte aus dem Fenster. Der Himmel war bewölkt. Ich zog ein leichtes Jackett über und verstaute die Computerausdrucke in der Innentasche. Außerdem legte ich mein Schulterhalfter samt Inhalt um und knöpfte das Jackett zu. Beim Studium des Münsteraner Stadtplans stellte ich fest, daß mein Ziel nicht weiter als zwei Kilometer entfernt war. Da die Fußgängerzone, in der ich etwas besorgen mußte, zwischen mir und dem Ort der Entscheidung lag, beschloß ich, die Haltbarkeit meiner Sohlen zu testen und den Weg per pedes zurückzulegen. Nach fünf Minuten erreichte ich die Einkaufsstraße, wenig später einen Fotoladen. Der Eigentümer wollte gerade das Geschäft schließen, um die Mittagspause einzuläuten, aber in der Hoffnung auf eine Millioneneinnahme ließ er mich noch hinein. Ich erstand den billigsten Film für drei Mark neunundvierzig und verließ den Laden, bevor er eine Kamera hinter mir herschleudern konnte. Ich durchquerte die Fußgängerzone, ließ mich auf einer Bank am Aasee nieder, kramte den Film aus der Jackentasche, rollte ihn aus und hielt mein Feuerzeug an das Material. Nach zwei Minuten Arbeit und einem angekokelten Daumen lehnte ich mich zufrieden zurück. Das mußte reichen, um meinen Gegner aus der Reserve zu locken. Eine Viertelstunde später erreichte ich mein Ziel, klopfte an die Tür und trat ein. »Sie?« »Hallo, Schätzchen. Nehmen Sie die Hand von der Gegensprechanlage. Ich liebe Überraschungen.« Die Waffe in meiner Rechten überzeugte sie. Mit einer Handbewegung bedeutete ich der Kleinen, aufzustehen und langsam auf die zweite Tür zuzugehen. Ich war direkt hinter ihr und drückte den Revolver an ihre Schläfe. Nach einer kurzen Durchsuchung auf Waffen riß ich die Tür mit einem Ruck auf und stieß das Mädchen hinein. Da ich meinen Fuß vor ihren gestellt hatte, stolperte sie und prallte vor den Schreibtisch. »Sie?« »Die gleiche Frage hat Ihre Sekretärin auch gestellt, Herr Poszilny. Etwas mehr Einfallsreichtum hätte ich Ihnen zugetraut. Heben Sie die Hände über den Kopf, und kommen Sie langsam hinter dem Schreibtisch hervor.« »Was geschieht, wenn ich Ihrer Aufforderung nicht Folge leiste?« »Dann fehlt in meiner Trommel eine Kugel. Sie dürfen raten, wo sie landen wird.« »Sie bluffen doch nur, Nannen.«106 »Mich hat keiner gesehen, als ich das Gebäude betreten habe, und niemand wird mich sehen, wenn ich es verlasse. Sie haben die Wahl, ob ich mit reinem Herzen gehe oder mit einem schlechten Gewissen wegen eines Doppelmordes.« Ich glaubte nicht, daß die Schweißperlen auf Poszilnys Stirn vom schwülen Wetter herrührten. Die leise vor sich hinsummende Klima- anlage ließ einen anderen Grund vermuten. Mit Verspätung erfüllte der Makler meine Forderung und hob die Hände über den Kopf. Ich schloß die Tür ab und ließ den Schlüssel stecken. Auf meinen Befehl hin stellte sich der Makler in die Mitte des Raumes und wurde ebenfalls einer Leibesvisitation unterzogen. Die Untersuchung erbrachte das gleiche Resultat wie bei seiner Tippse. Mit der Kanone bedeutete ich ihm, sich neben seine Sekretärin, die sich aufgerappelt hatte und mit dem Rücken gegen den Schreibtisch lehnte, auf den Boden zu setzen. Sie gaben ein schönes Paar ab. Der Makler hatte seine Haltung wiedergefunden, soweit das in dieser Position möglich war. »Waren Sie mit meinem Angebot an Häusern nicht zufrieden, oder was bezwecken Sie mit dieser Show?« Ich machte zwei Schritte nach vorn und knallte den Revolverknauf vor seine rechte Wange. Damit sich die linke Seite nicht benachteiligt fühlte, sorgte meine andere Hand für Gerechtigkeit. Poszilny schaute verblüfft, und die Blondine fing zu heulen an. Ich trat zurück, schnappte mir einen Stuhl und ließ mich darauf nieder. »Sie sehen, daß es sich bei meinem kleinen Freund um eine Allzweckwaffe handelt. Man kann damit nicht nur schießen, sondern auch schlagen. Wollen wir uns jetzt vernünftig unterhalten, oder möchten Sie den kostbaren Perser mit Ihrem Blut versauen?« »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.« Der Makler zwang mich noch zweimal, meinen Platz zu verlassen, bevor er Kooperationsbereitschaft signalisierte.107 »Okay, Nannen. Sie haben gewonnen. Was wollen Sie wissen?« »Wer ist außer Ihnen und Heinz Eckolt noch in die Bordellgeschäfte verwickelt?« Der Makler schaute mich ungläubig an. »Wie können wir uns vernünftig unterhalten, wenn Sie mir Fragen stellen, mit denen ich nichts anzufangen weiß?« Ich war es leid, weiteres Blut zu vergießen, und zog deshalb einen Computerausdruck aus der Tasche, den ich ihm in den Schoß warf. Als Gerd einen Blick darauf warf, traten seine Augen fast aus den Höhlen. »Wie sind Sie an diese Unterlagen gekommen?« »Das ist egal, Poszilny. Fakt ist, daß ich sie habe. Die zugehörigen Disketten sind bei einem Anwalt unter Verschluß.« Er zerknüllte das Blatt und warf es in Richtung des Fensters. »Damit können Sie gar nichts beweisen.« »Hören Sie gut zu! Jede Diskette wird mit einem bestimmten Code versehen, anhand dessen genau verfolgt werden kann, aus welchem PC sie stammt.« Das war frei erfunden. »Die Polizei wird demnach so- fort feststellen können, wer diese Dateien erstellt hat. Dann braucht sie nur noch die Daten mit Ihren Kontobewegungen vergleichen, und zack!« Ich ließ den Satz unvollendet. »Außerdem habe ich Aufnahmen, wie Sie einem Chinesen in Ihrem Puff Geld übergeben. Ich glaube schon, daß der Ausdruck 'Beweis' seine Richtigkeit hat.« »Wollen Sie Geld von Gerd? Sind Sie ein Erpresser?« schaltete sich die Sekretärin ein. »Habe ich um Deinen Kommentar gebeten, Schätzchen? Feile Deine Fingernägel oder klimpere mit den falschen Wimpern, aber halte bloß das Maul!« Ich mußte böse geklungen haben, denn sie zog verängstigt die Knie hoch und fing erneut zu flennen an. »Wollen Sie uns erpressen?« wiederholte der Makler die Frage seiner Untergebenen. Sie schienen ein eingespieltes Team zu sein. »Reden Sie keinen Unsinn, Poszilny! Sie wissen genau, hinter wem ich her bin. Ihre Geschäfte mit minderjährigen Asiatinnen interessieren mich einen Dreck. Sie können meinetwegen damit weitermachen; vorausgesetzt, Sie sind nicht der Mörder von Franz Eckolt.« »Ich kenne keinen Franz Eckolt. Ist er ein Verwandter von Heinz?« Da ich noch einige Trümpfe in der Hand hielt, blieb ich ruhig. »Es gibt mehrere Personen, denen Franz von den Treffen mit Ihnen erzählt hat.« »Dieser Eckolt ist tot, wenn ich Ihre geheimnisvollen Andeutungen richtig verstanden habe. Meine Anwälte werden sich vor Freude die Finger reiben, den Ermordeten post mortem als unzurechnungsfähig erklären zu lassen.« »Außerdem hat seine Tochter Sie aus dem Haus des Toten kommen sehen.« »Ist das diese, wie heißt sie noch gleich...Christa Kerner? Die sitzt im Knast, soviel ich weiß. Ihre Zeugen machen mir Angst.« »Woher kennen Sie ihren Namen?«108 »Ich pflege das außergewöhnliche Hobby, beim Frühstück die Zeitung zu lesen.« »In den Artikeln wurde kein Name genannt.« »Herr Nannen, Sie verkennen die Situation. Was ich hier erzähle, hören Sie und Yvonne. Selbst wenn ich beschwören würde, Kennedy erschossen zu haben, wen interessiert es? Ich kann jetzt zugeben, Ihre Mutter vergewaltigt zu haben, aber vor Gericht werde ich mich an nichts dergleichen erinnern können.« Ich sprang auf und knallte ihm meine Faust mehrmals gegen den Schädel. Nicht, weil er meine Mutter beleidigt hatte, sondern weil er mich so siegessicher angriente und viel zu glücklich aussah. Das Ergebnis meines Wutausbruches war, daß ich schmerzende Handknöchel hatte, und der Makler in das Reich der Träume glitt. »Wecken Sie ihn auf!« herrschte ich die Heulsuse an. »Wie soll ich das machen?« »Was weiß ich. Küssen Sie ihn wach oder benutzen Sie Wasser.« »Wir haben kein Wasser. Nur Cognac und Champagner.« »Dann versuchen Sie es damit. Aber bitte keine Heldentaten. Meine Laune wird immer schlechter.« Sorgfältig darauf bedacht, keine falsche Bewegung zu machen, ging Yvonne zu einem kleinen Schrank und kam mit zwei Flaschen Cognac zurück. Fachmännisch öffnete sie den Verschluß und beugte sich über den Bewußtlosen. »Los!« Sie schüttete den Inhalt der ersten Flasche in das arg strapazierte Gesicht des Maklers. Nichts geschah. Erst nach der Hälfte der zweiten Flasche hustete der Puffier und schüttelte sich. Ich stellte mir die Frage, ob der Alkoholgehalt von Cognac ausreichte, Gerds Wunden brennen zu lassen. »Na, Poszilny. Wieder unter den Lebenden?« »Yvonne...Nannen...was soll das?« »Sie hatten sich von uns verabschiedet, obwohl unser netter Plausch noch lange nicht beendet ist.« Ich befahl der blonden Schönheit, sich wieder neben ihrem Chef niederzulassen. Sie gehorchte ohne Murren. Zumindest ihren Willen hatte ich gebrochen. Ich wandte mich an den Makler.109 »Ich erkläre jetzt die neuen Spielregeln. Ich werde Ihnen ein wenig Starthilfe geben, indem ich einige Fakten präsentiere. Dann sind Sie an der Reihe: Sie stricken eine Geschichte zusammen, die sich glaubwürdig anhört. Passen mir Ihre Antworten nicht, werde ich die Pistole benutzen. Ich weiß noch nicht, ob ich zuerst in Ihren Arm oder in Ihr Bein schieße. Vielleicht fange ich auch mit dem blonden Flittchen an.« Yvonne blickte nicht einmal hoch. Der vom Cognac durchnäßte Makler nickte nur. Wahrscheinlich suchte er nach einer Möglichkeit, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. »Kommen wir zu der Präsentation der Fakten: Die Mordanschläge auf mich hat ein Muskelmann verübt, der in Ihren Diensten steht. Ich besitze Fotos, auf denen Sie beide zusammen zu sehen sind. Ferner habe ich Ihren Anruf, mit dem Sie mich zu Eckolts Haus gelockt haben, auf Band aufgezeichnet. Im Zusammenhang mit der Aussage zweier Nachbarn von Franz, die zu dem fraglichen Zeitpunkt Schüsse gehört haben, kann man Ihnen daraus einen dicken Strick drehen. Meine letzte Information ist, daß Kurt Eckolt mich verfolgt hat, und das bestimmt nicht, weil ihm die Farbe meines Wagens so gut gefallen hat. Dies ist mein Angebot; jetzt sind Sie an der Reihe. Vergessen Sie aber nicht, daß ich weitere Informationen besitze. Ich rate Ihnen, eine passende Geschichte zu erzählen, sonst...« Ich entsicherte die Pistole. »Sie versichern mir, daß meine Nebengeschäfte nicht ans Tageslicht dringen, wenn ich Ihnen den Mörder liefere?« »Ich will den Fall innerhalb der nächsten Stunde aufgeklärt haben. Mit Fall meine ich den Mord an Franz Eckolt. Falls Sie keinen Namen ausspucken, lasse ich Ihren Laden auffliegen und hänge Ihnen die Geschichte an. Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt.« »Ich habe diesen Eckolt nicht ermordet. Auch nicht Max...« »Max ist der Muskelmann, der auf mich geschossen hat?« »Herr Nannen. Durch Ihre Schnüffelei haben Sie mich nervös gemacht. Nicht wegen Franz Eckolt, denn für die Tatzeit habe ich ein wasserdichtes Alibi. Ich habe die Aufdeckung der Geschäfte befürchtet, und mit meiner Vermutung lag ich ja auch richtig. Deswegen mußte ich handeln.« »Franz wußte ebenfalls von Ihren Geschäften. Deswegen haben Sie den Killer auf ihn angesetzt. Bei ihm hatte er jedoch mehr Erfolg als bei mir.« »Nicht ganz. Eckolt hat sich gewundert, wie Heinz zu einem solchen Vermögen gekommen ist. Daraufhin hat er ihm hinterhergeschnüffelt und ist dabei auf mich gestoßen. Er hat gedroht, mich anzuzeigen. Ich habe ihm Geld angeboten, viel Geld. Er hat mir ins Gesicht gespuckt. Natürlich habe ich mit dem Gedanken gespielt, Eckolt umzulegen, doch das brauchte ich gar nicht. Weder ich noch Max haben den Alten auf dem Gewissen.«110 »Zumindest geht der Tod des Mannes, der sich bei mir einquartiert hatte, auf seine Kappe. Ich hoffe, Sie haben ihn anschließend zum Augenarzt geschickt.« Poszilny schwieg. »Spannen Sie mich nicht länger auf die Folter. Wer hat Franz umgebracht?« »Kurt Eckolt natürlich.« XXVII Ich lehnte mich zurück und verglich die Fakten mit der Erklärung des Maklers. Nach reiflicher Überlegung kam ich zu dem Schluß, daß nichts gegen seine Aussage sprach. Allerdings war Poszilny alles andere als unschuldig. »Womit haben Sie Kurt erpreßt, damit er die Drecksarbeit für Sie erledigt?« »Nannen. Ich habe den Namen des Mörders genannt und damit meinen Teil der Abmachung erfüllt. Jetzt verschwinden Sie und lassen sich nicht mehr blicken.«111 »Immer mit der Ruhe. Ich hätte gerne noch einige Antworten.« Um meinem Wunsch Nachdruck zu verleihen, schwenkte ich die Pistole in Richtung der Sekretärin. Dies schien sie aber nicht mehr zu kümmern. Sie saß wie paralysiert vor dem Schreibtisch; ihre Augen fixierten einen Punkt an der Decke. »Was meinten Sie mit Erpressung?« »Seien Sie vorsichtig, Poszilny. Die Spielregeln haben sich nicht geändert. Wenn mir eine Antwort nicht gefällt, bekommen Sie eine Bleivergiftung.« Ich zog die angeschmorten Negative aus der Jackentasche. »Dies sind die Fotos, die Kurt gestern von Max erhalten hat. Kurt hat sie zwar verbrannt, aber nicht sorgfältig genug. Unter einer Lupe lassen sich interessante Details erkennen.« »Sie sind besser als ich dachte, Nannen. Ich verstehe nur nicht, warum Sie noch alles wissen wollen. Sie haben doch Ihren Mörder. Ich kann mir vorstellen, daß Sie mich gerne im Bau sehen würden, aber auch ich bin ein Profi auf meinem Gebiet. Sie können mir nichts beweisen.« »Mir ist gleichgültig, wer in den Knast wandert. Hauptsache, ich erfülle meinen Auftrag. Sie haben mir zwar eine Kugel verpassen lassen und mich niedergeschlagen, aber meine Rache habe ich schon gehabt.« Wenn man den blutenden und mit Cognac übergossenen Poszilny betrachtete, konnte man mir durchaus zustimmen. Der Makler würde einige Zeit an dieses Zusammentreffen denken. »Ich habe Sie nicht niedergeschlagen. Das war Heinz.« »Aber Sie waren ebenfalls in Eckolts Haus.« »Wir mußten sichergehen, daß er nichts über unsere Geschäfte aufgeschrieben hatte.« »Hatte er?« »Nein. Wir haben zumindest nichts gefunden.« »Kommen wir auf meine ursprüngliche Frage zurück. Diese Fotos haben ausgereicht, um Kurt seinen Großvater töten zu lassen?« »Offensichtlich zeigen die verschmorten Fetzen weniger als Sie behaupten. Kurt hat sich mit meinen jüngsten Schäfchen vergnügt. Ich denke, daß die Veröffentlichung der Schnappschüsse seiner Karriere erheblich geschadet hätte.« »Wann sind die Bilder aufgenommen worden?« »Vor einem Monat.« »Wieviele Kunden haben Sie noch in der Hand?« »Ich benötigte die Fotos als Druckmittel gegen Kurts Vater.« »Als Druckmittel?« »Nannen. Das Geschäft ist knallhart. Je mehr man gegen seine Geschäftspartner in der Hand hat, umso ruhiger kann man nachts schlafen. Ich hatte die Fotos für den Fall gemacht, daß Heinz versuchen würde, mich auszubooten. Als das Problem mit dem alten Knacker auftauchte, kam ich auf die Idee, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Ich ließ Eckolt beseitigen und machte Kurt zum Mörder. Max hat auf Video aufgezeichnet, wie Kurt das Haus seines Opas kurz vor dem Mord betreten und nachher wieder verlassen hat. Da fiel es nicht schwer, dem kleinen Naivling die Schnappschüsse abzudrücken.« »Dann hatten Sie noch das unverschämte Glück, daß Christa Kerner kurz nach der Tat bei Franz auftauchte.« »Genau. Max hat sofort reagiert und die Polizei verständigt.« »Durch den anonymen Anruf hat Max dafür gesorgt, daß zunächst nicht weiter in der Sache herumgeschnüffelt wurde. Trotzdem konnten Sie Kurt jederzeit ans Messer liefern; Ihr Druckmittel gegen Heinz blieb also erhalten.«112 »Sie haben es erfaßt.« »Heinz weiß also weder, daß Kurt Stammgast in Ihrem Puff war, noch, daß er der Mörder von Franz ist?« »Richtig. Bisher hat sich Heinz als guter Partner erwiesen.« »Geben Sie mir das Videoband.« »Nein.« »Poszilny. Ich bin derjenige, der die Waffe und damit das Sagen hat. Ich vermute zwar, daß Kurt alles gestehen wird, wenn ich ihn mir zur Brust nehme, aber ein wasserdichter Beweis kann nicht schaden. Wo ist die Kassette?« Der Makler hatte wohl erkannt, daß heute nicht sein Glückstag war. Mühsam hob er eine Hand und deutete auf ein Bild an der Wand. »Im Tresor. Ich gebe sie Ihnen, wenn Sie danach verschwinden.« »Sie sind zu liebenswürdig.« Ich ließ Poszilny den Safe öffnen und mir das Video aushändigen. Danach riß ich die Telefonleitung aus der Wand und fesselte die beiden. »In ein bis zwei Stunden werde ich Heinz anrufen, damit er Sie befreit. Sie können sich bis dahin überlegen, welche Lügenmärchen Sie ihm auftischen werden. Wenn Sie im Laufe der Zeit auf die Idee kommen sollten, Max mit meiner Liquidierung zu beauftragen, sollten Sie bedenken, daß mein Anwalt auch einen Tresor besitzt. Dort sind interessante Unterlagen deponiert, die Ihnen das Genick brechen werden.« Als ich schon an der Tür war, fiel mir ein, daß ich etwas vergessen hatte. »Was machen wir mit dem Toten, den Max in meiner Wohnung hinterlassen hat? Er hat über drei Dutzend Schafe besessen, und ich habe keine Lust, die Herde durchzufüttern. Der einzige, der mir die Tiere abnehmen kann, sitzt im Knast.« »Geben Sie mir einen Tag, Nannen. Ich bringe das in Ordnung.« »Ich verlasse mich darauf.« Mir fiel ein zweites Versäumnis ein: Da wir uns nicht in einem schalldichten Raum befanden, war eine Knebelung der beiden Gestalten mit Sicherheit nicht von Nachteil. Ich zerriß das Seidenhemd des Maklers und fertigte zwei Knebel an, die ich ihnen in den Mund stopfte. Ich verließ den Raum, schloß ab und steckte den Schlüssel in einen Blumentopf auf dem Fenstersims, der einer einsamen Geranie Halt bot. Darauf machte ich auch das Telefon im Vorzimmer unbrauchbar, trat auf den Gang und ließ die Tür ins Schloß fallen. Zur Feier des Tages verschmähte ich den Fahrstuhl und gelangte über das Treppenhaus ins Freie.113 Während des Marsches durch die Münsteraner Innenstadt rechnete ich im Geiste mein Honorar aus. Das Ergebnis gefiel mir. Es stellte sich nur die Frage, wer mich bezahlen würde. Streng genommen war Irene Eckolt meine Auftraggeberin, oder etwa doch nicht? Ich würde mit Sicherheit Probleme bekommen, wenn ich ihr berichtete, daß der eigene Sohn ihren Schwiegervater erdrosselt hatte, und direkt danach die Begleichung der Rechnung forderte. Nein, ich mußte mich an Christa Kerner halten, wenn ich die Kohle wollte. Zunächst war es jedoch sinnvoll, den Auftrag zu beenden. Ich bestieg meinen Wagen, wählte einen Radiosender, der passable Musik durch den Äther schickte, und machte mich auf den Weg nach Havixbeck. XXVIII Eine Viertelstunde später hatte ich meinen Wagen vor dem Grundstück der Eckolts geparkt. Auf dem Bürgersteig spielten zwei Mädchen Gummitwist. Die Vögel in den Gärten zwitscherten unschuldige Sommerlieder, und die Rasensprenger verschafften dem ausgetrockneten Grün eine angenehme Abkühlung. Ich durchschritt den Vorgarten und nahm aus den Augenwinkeln wahr, daß die Rhododendronbüsche ihren Platz im Garten gefunden hatten. Ich betätigte die Klingel und wartete. »Hallo, Marlowe.« Theklas Traumkörper füllte den Türrahmen aus. Heute trug sie eine rote Bluse, die ihre Reize mehr unterstrich als verhüllte. »Hast Du Zeit, noch einen Fall zu übernehmen?« »Für Gedächtnisschwund in bezug auf Namen sind Neurologen zuständig, nicht Privatdetektive.« Sie blickte mich verdutzt an, ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen. »An Gedächtnisschwund leide ich nicht. Ich bin doch erst einundzwanzig.« Ihre Wimpern klimperten im Takt ihrer Stimme. »Weißt Du, ich bin auf der Suche nach der großen Liebe. Suchst Du sie für mich? Ich habe genug Geld, und wenn das nicht reicht...« Ihre Wimpern bewegten sich mit einer so hohen Schlagzahl, daß sie morgen einen hübschen Muskelkater haben mußte. »Wer suchet, der findet, hat meine Großmutter immer gesagt. Ist Dein Bruder da?«114 Ich wartete ihre Antwort nicht ab, sondern schob mich an ihr vorbei in das Wohnungsinnere. In der Diele kam mir Irene entgegen. In der Hand hielt sie eine Illustrierte, von der mir die Schlagzeile "Stuhl tötete hundertzwanzig Menschen; wer ist der Nächste?" ins Auge fiel. »Guten Tag, Frau Eckolt. Haben die Stühle die Jagdsaison eröffnet?« »Wie?« Als sie meine Anspielung verstanden hatte, machte sich ein verlegenes Lächeln auf ihrem Gesicht breit. »Ich hatte Langeweile, wissen Sie. Man darf diesen Mist ja nicht glauben. Obwohl die Geschichte der Hausfrau aus Bochum, die Roy Black auf Mallorca gesehen hat, sehr interesssant ist. Roy hat ihr erzählt, daß sein Tod nur ein Reklamegag der Plattenfirma war.« »Ich habe auch manche Träne vergossen, als ich hörte, daß der Meister das Zeitliche gesegnet hat.« »Ja, ja.« Sie nickte nachdenklich. »Aber Sie sind bestimmt nicht gekommen, um sich über den besten Sänger aller Zeiten zu unterhalten. Lassen Sie uns in das Wohnzimmer gehen.« Nachdem wir es uns auf der Ledergarnitur bequem gemacht hatten, und eine Flasche Bier vor mir stand, mußte ich unweigerlich zur Sache kommen. »Ich wollte eigentlich nicht mit Ihnen reden, sondern mit Kurt. Ist er zuhause?« »Nein. Kann ich Ihnen weiterhelfen?« Ich überlegte, ob ich ihr die Wahrheit erzählen sollte. Nach Abwägung von Pro und Contra entschied ich mich, alles zu berichten; erfahren würde sie es so oder so. »Tja, Frau Eckolt. Der Fall ist gelöst. Ich weiß, wer Ihren Schwiegervater ermordet hat. Sie bekommen selbstverständlich einen schriftlichen Abschlußbericht.« »Sie haben schnell gearbeitet. Ich werde eine stattliche Zulage zahlen. Wer war es?« »Wie bereits gesagt: Zu dem schriftlichen Bericht bin ich noch nicht gekommen. Meine Ermittlungen wurden erst heute abgeschlossen.« Verdammt. Es konnte doch nicht schwierig sein, ihr zu sagen, daß ihr Sohn mit dreizehnjährigen Thaimädchen herumexperimentierte, und aus Angst vor dem Bekanntwerden seiner pädophilen Veranlagung seinen Großvater über den Jordan geschickt hatte. »Nun sagen Sie schon, wer meinen Schwiegervater auf dem Gewissen hat.« Sie wurde ungeduldig.115 »Ihre Schwägerin ist unschuldig. Sie war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.« »Wie soll ich das verstehen?« Ich berichtete alles der Reihe nach, wobei mich Eckolt zu meinem Erstaunen kein einziges Mal unterbrach. Als ich geendet hatte, sprang sie auf. »Das soll ich glauben? Sie besitzen die Frechheit, hier hereinzuplatzen und mir mitzuteilen, daß mein Sohn ein Mörder ist. Das haben Sie sich doch aus den Fingern gesogen. Mein Kurti. Er ist ein so lieber Junge. Alle Professoren prophezeien ihm eine glänzende Karriere. Bei Frauen hat er auch großen Erfolg. Er sieht gut aus. Da hat er es doch nicht nötig, in ein Bordell zu gehen. Seinen Großvater hat er auch geliebt. Sehen Sie her!« Sie stürzte zu einer Kommode und nahm ein Foto herunter. Triumphierend hielt sie es mir unter die Nase. Es zeigte einen älteren Herrn - wenn mich mein Gedächtnis nicht trog, mußte es Franz Eckolt sein - mit einem etwa fünfjährigen blonden Jungen auf dem Schoß. Sie deutete auf den Knaben. »Sieht so ein Mörder aus? Sie sind doch krank!« »Frau Eckolt. Auch Jack The Ripper soll ein süßes Kind gewesen sein. Außerdem scheinen Sie das Video zu vergessen. Kurts Anwesenheit im Haus Ihres Schwiegervaters zur Tatzeit ist unwiderlegbar dokumentiert.« Langsam hatte sich die Erkenntnis, daß ich die Wahrheit sagte, ihren Weg zu Irenes Gehirn gebahnt, denn sie heulte jetzt hemmungslos. Es war sinnlos, das Gespräch fortzuführen. Sie hatte erfahren, was sie erfahren wollte. Jetzt mußte ich mich um Kurt kümmern. »Wissen Sie, wo sich Ihr Sohn im Augenblick aufhält?« Ich mußte dreimal nachfragen, bis ich aus ihrem Wimmern Wörter wie Golfplatz, Tennisclub und Parteizentrale entnehmen konnte. Ich erhob mich und machte mich auf die Suche nach Kurts Zimmer. Ich wurde schnell fündig. In der Schreibtischschublade entdeckte ich ein grünes Adreßbuch. Ich notierte die Anschriften der von Irene angegebenen Aufenthaltsorte. Als ich das Zimmer verließ, kam mir Thekla entgegen. Sie mußte besonders hitzeempfindlich sein, denn sie hatte sich ihrer Bluse entledigt. »Noch immer keine Zeit für eine neue Klientin, Marlowe?« »Einstein hat festgestellt, daß Zeit und Raum relative Kategorien sind. Da ich persönlich aber zu der Auffassung neige, daß die Zeit linear verläuft, glaube ich, daß ich Dich nicht in meinem Terminkalender unterbringen kann.« Mit diesen Worten ließ ich sie zum zweiten Mal an diesem Tag stehen. Ich hörte noch, wie sie mir etwas nachrief. Es klang wie "Bist Du schwul, Nannen?"116 Zumindest war ihr mein Name eingefallen. XXIX Wo sollte ich mit der Suche beginnen? Ich beschloß, zunächst das Büro der Jungen Union aufzusuchen, da dieses in Havixbeck und damit am nächsten lag. Falls ich Kurt dort nicht antreffen würde, konnte ich immer noch zum Golf- oder Tennisclub nach Münster gondeln. Die Parteien hatten ihre Zentralen in der Nähe des Havixbecker Rathauses eingerichtet. Von dort aus konnten die wichtigen Entscheidungen des Rates sofort nach Bonn gefaxt werden, wo die Minister nur darauf warteten, die Beschlüsse der Basis zu erfahren. Das Lokal der Jungen Union lag zwischen einem Schuhladen und einer Buchhandlung. An dem mit Gardinen verhängten Fenster hing eine Liste mit den Aktivitäten der Jungpolitiker. Es wurden Kurse in Rhetorik, Skatabende und Wanderfahrten in die Mark Brandenburg angeboten. Ich betrat das Büro. Sofort stürmte ein dynamisch wirkender Mittzwanziger auf mich zu. Er trug einen blauen Zweiteiler und ein weißes Hemd. An seinem Hals baumelte eine gesprenkelte Krawatte. »Was kann die stärkste Partei Deutschlands für den mündigen Bürger tun?« Wollte mich der Affe verschaukeln? Wahrscheinlich dachte er, ich wäre einer der hiesigen Bauerntrottel, der sich über die niedrigen Milchpreise der Europäischen Gemeinschaft beschweren wollte. »Bin ich hier richtig? Junge Union?« »Ganz recht, der Herr. Was ist Ihr Begehr?« Den Rhetorikkurs schien mein Freund nicht besucht zu haben. Mit seinem gespreizten Sprachstil konnte er im Münsterland keinen Blumentopf gewinnen. »Ich bin Vater einer dreijährigen Tochter und suche für meine Kleine einen Kindergartenplatz.« »Wie Sie sicher in der Zeitung gelesen haben, kämpft die Junge Union mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln für die Einrichtung neuer Kindergärten.« »Ich lese keine Zeitung. Ich kann nicht lesen. Wollen Sie mir daraus einen Vorwurf machen?«117 Er sah mich an, als ob ich ihn beschuldigt hätte, mit meiner Frau geschlafen zu haben. »Nein, nein. So hatte ich das nicht gemeint, aber...« »Also, meine Kleine, Sarah heißt sie übrigens, soll bald in den Kindergarten. Und ich wähle die CDU, seit ich achtzehn bin.« »Es freut mich zu hören, daß Sie mit unserer Politik zufrieden sind.« »Immerhin seid Ihr die einzige christliche Partei. Aber darum geht es nicht. Mein Baby muß von der Straße weg. Sie soll nicht auf böse Gedanken gebracht werden. Und da dachten Hermine, das ist meine Frau, und ich, daß wir sie am besten in den Kindergarten schicken. Die Junge Union ist doch der Kindergarten für CDU-Wähler. Ich zahle auch sofort den Mitgliedsbeitrag.« Ich zückte mein Portemonnaie. Mein Gegenüber sah mich hilflos an. »Ich fürchte, da liegt ein Mißverständnis vor. Wir sind kein Kindergarten, sondern...« Bevor ich mir einen stundenlangen Vortrag über Aufgabe, Funktion, Sinn und Zweck seines Vereins anhören mußte, schien es geraten, zu meinem Anliegen zu kommen. »Ein Bekannter hat von Eurem Kindergarten erzählt. Kurt Eckolt.« »Sie kennen Kurt?« »Ich habe nicht den Eindruck, daß Sie fähig sind, meiner Tochter einen Kindergartenplatz zu verschaffen. Ist Kurt da? Er weiß, wie man solche Sachen deichselt.« »Nein. Er ist seit einer Woche nicht mehr hier gewesen. Aber ich verstehe nicht...« »Sie haben recht. Sie verstehen nichts, aber auch gar nichts. Wenn unser Land von Leuten wie Ihnen regiert wird, sehe ich für Deutschlands Zukunft schwarz. Bei der nächsten Wahl werde ich der SPD meine Stimme geben. Auf Wiedersehen.« Im Sturmschritt verließ ich das Büro und warf die Tür mit einem lauten Knall hinter mir zu. XXX Auf dem Weg zum Golfclub hatte ich mich verfahren. Dieser lag auf der Bellheimer Straße. Dummerweise hatte ich jedoch die Berliner Straße aus dem Stadtplan herausgesucht. Statt grüner Parklandschaft fand ich die Pflegestation der Caritas vor. Die einzige Gemeinsamkeit der beiden Örtlichkeiten war, daß sie sich in der Peripherie von Münster befanden. Leider war die Caritas im Norden, der Golfclub im Süden Münsters angesiedelt. Um zum Golfclub zu gelangen, mußte ich quer durch die Stadt gurken. Ich warf eine Motörhead-Kassette in das Radio und drehte die Anlage voll auf.118 Eine halbe Stunde später erreichte ich das Clubgelände. Als ich meinen Passat zwischen einem Porsche und einem Ferrari abstellte, mußte ich mir die Augen reiben. Mir gegenüber parkten zwei weitere Passats. Es war weniger erstaunlich, daß Autos unterhalb der Fünfzigtausend-Mark-Grenze vor einem Golfplatz standen, als daß diese Wagen grün-weiß lackiert waren und die Aufschrift "Polizei" trugen. Am Eingang stand ein livrierter Bediensteter, der untertänig buckelte. »Ich darf Sie herzlich willkommen heißen. Leider haben wir momentan geschlossen.« Ich zückte meinen Privatdetektivausweis und hielt ihn dem Portier für eine Viertelsekunde unter die Nase. »Nannen. Meine Kollegen erwarten mich schon.« »Treten Sie bitte ein, Herr Nannen. Eine schlimme Sache, nicht wahr?« »Bitte informieren Sie mich in aller Kürze! Die Zentrale hat mich hierher geschickt, sagte aber nicht, was los sei.« Ich hoffte, daß mein Befehlston seine beabsichtigte Wirkung nicht verfehlte. »Jemand hat Kurt Eckolt erstochen, einen unserer hoffnungsvollsten Spieler.« Das durfte nicht wahr sein. Ich stand kurz vor dem Höhepunkt meiner Karriere, und jemand besaß die Frechheit, meinen Garanten für Ruhm und Wohlstand umzubringen. »Haben meine Kollegen den Täter schon verhaftet?« »Nein, der ist unerkannt entkommen. Kurt wollte einige Löcher spielen. Ein anderes Clubmitglied hat ihn zehn Minuten später in einer Blutlache liegend auf Bahn Nummer elf gefunden. Aber das können Ihre Kollegen bestimmt genauer erzählen.« »Ich arbeite in der Rauschgiftfahndung und bin für Tötungsdelikte überhaupt nicht zuständig. Die Zentrale muß sich in der Wagennummer geirrt haben. Denen werde ich etwas geigen.« Ohne mich zu verabschieden, machte ich kehrt und lief zum Parkplatz zurück. Ich setzte mich in den Wagen und brauste zu Poszilnys Büro, ohne die Regeln der Straßenverkehrsordnung zu beachten. Eine halbe Stunde später hatte ich die Bürotür geknackt, und meine Finger pflügten durch die Blumenerde des Geranientopfes. Ich grub den Schlüssel aus, schloß die Tür auf und fand das reizende Pärchen so vor, wie ich es zurückgelassen hatte. Poszilny wollte etwas sagen, verursachte aber nur ein Geräusch wie ein Kleinkind, das seinen Spinat ausspuckte. Ich hob die Hand zum Gruß.119 »Ich will nur nachsehen, ob Euch nichts fehlt.« Ich entschied mich, die beiden freizulassen, denn so sparte ich einen Anruf bei Heinz Eckolt. Ich löste Yvonnes Fesseln. Während sie den Knebel aus ihrem Mund zog, verließ ich die Geschäftsräume und betrat den Lift. Ich war ratlos. Wer außer Poszilny sollte ein Interesse daran haben, Kurt in das Totenreich zu befördern? Wie ich die Fakten auch drehte und wendete, mir fiel kein potentieller Täter ein. Es sei denn... Eine abstrus anmutende Idee machte sich in meinem Kopf breit. Es gab jemanden, der durchaus ein Motiv hatte, Kurt von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen. Um meine These zu verifizieren, mußte ich zurück nach Havixbeck. Dort würde sich herausstellen, ob ich den Fall endlich abschließen konnte oder mich weiter mit der Eckoltsippe herumschlagen mußte. XXXI Der Freitag neigte sich seinem Ende entgegen, als ich an der Tür des Hauses Fliederweg Nummer zwanzig schellte. Die Geschäfte hatten vor mehr als zwei Stunden ihren Kassensturz gemacht, und die braven Familienväter saßen vor der Glotze und bewunderten Oberinspektor Derrick, der es erneut innerhalb einer Stunde schaffte, einen Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen. Sie würden nicht glauben, daß in diesem Augenblick in ihrer Nachbarschaft genau dasselbe passierte. Dieter R. Nannen hatte in knapp zweiwöchiger Ermittlungsarbeit drei Morde aufgeklärt und war soeben im Begriff, einen Mörder zu überführen und ihn bei der Polizei abzuliefern. Die Tür öffnete sich. »Guten Abend, Herr Nannen. Sie habe ich nicht mehr erwartet.« »Unverhofft kommt oft. Wollen Sie mich nicht hereinbitten?« »Natürlich. Treten Sie ein.« Ich wurde in das Wohnzimmer geleitet, das mit pseudoantikem Trödel vollgepfropft war. Ich setzte mich neben einen zur Zimmerdecke heulenden Porzellanhund. »Möchten Sie etwas trinken?« »Gegen einen Whisky hätte ich nichts einzuwenden.«120 »Ich habe keinen Alkohol im Haus. Ein Glas Wasser könnte ich Ihnen anbieten.« »Wie spät sind Sie aus dem Gefängnis entlassen worden?« Kerner überlegte kurz. »Heute mittag; die genaue Zeit weiß ich nicht mehr. Ich bin Ihnen so dankbar, daß Sie mich aus dieser Hölle herausgeholt haben.« »Ich habe nur meinen Auftrag ausgeführt. Umso schmerzhafter ist es, Sie nach Böckinghausen zurückschicken zu müssen.« Die Angst in ihrem Gesicht war unübersehbar. »Was meinen Sie damit?« »Sie brauchen mir nichts vorzumachen. Der Anwalt, den ich mit Ihrer Entlassung beauftragt hatte, sagte mir vorhin, daß Sie heute auf freien Fuß gesetzt worden sind. Um meinen Verdacht bestätigen zu lassen, habe ich Irene Eckholt angerufen. Sie sind kurz nach mir bei Ihrer Schwägerin eingetroffen. Sie fanden sie völlig aufgelöst vor und erfuhren den Grund. Sie hörten, daß Kurt Ihren Vater umgebracht hatte, den Mann, den Sie über alles geliebt haben. Sie haben sich sofort auf die Suche nach Kurt gemacht. Zu seinem Pech haben Sie ihn schneller gefunden als ich.« Kerners Augen schimmerten feucht. »Er hat meinen Vater kaltblütig ermordet, nur um seine Karriere zu retten. Als ich diese Geschichte von Irene gehört habe, ist mir schwarz vor Augen geworden. Ich bin sofort zum Golfplatz gefahren und habe Kurt gestellt. Gelacht hat er. Er fragte, ob ich im Gefängnis verrückt geworden wäre. Warum solle er, Kurt Eckolt, einen alten senilen Knacker umbringen, mit dem er nichts zu tun habe. Da habe ich zugestochen. Ich weiß nicht, wieso Kurt das getan hat. Sie können bestimmt verstehen, was in mir vorgegangen ist, oder?« »Sicher verstehe ich das. Dennoch muß ich Sie der Polizei ausliefern, Frau Kerner. Ich gelte als korrekter Ermittler und kann es mir nicht leisten, eine Mörderin zu decken.« »Das dürfen Sie nicht machen. Im Gefängnis halte ich es keinen Tag mehr aus. Außerdem haben Sie keine Beweise.« Sie wechselte die Taktik. Darauf war ich vorbereitet. »Sie erinnern sich an die Mordwaffe? Bei dem Anruf habe ich Frau Eckolt gebeten, in der Küche nachzuschauen, ob ein Messer fehlt. Und was meinen Sie, was sie gefunden beziehungsweise nicht gefunden hat?« Langsam schien ihr die Aussichtslosigkeit der Lage bewußt zu werden, denn jetzt weinte sie genauso hemmungslos wie ihre Schwägerin vor einigen Stunden.121 »Richtig. Frau Eckolt vermißt ein Bratenmesser. Solinger Stahl. Wegen Ihnen muß die arme Frau die Haushaltskasse plündern und ein neues kaufen.« Kerner wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus. »Packen Sie Waschzeug, Unterwäsche und was Sie sonst noch brauchen zusammen!« Sie wies auf einen Koffer, der neben einem Nußbaumsekretär stand, offensichtlich die Utensilien ihres letzten Gefängnisaufenthaltes. Ich nickte ihr aufmunternd zu und erwies mich als vollendeter Gentleman, indem ich den Koffer zum Wagen schleppte. Auf der Fahrt zu der Polizeiwache schlug ich ihr vor, sich freiwillig zu stellen. In diesem Fall könne sie mit einer geringeren Strafe rechnen. Zwei Gründe verleiteten mich zu diesem Vorschlag: Zum einen hatte ich keine Lust, stundenlang auf der Polizeiwache herumzuhängen, um tausende von Fragen zu beantworten. Zum anderen wußte ich nicht, ob das fehlende Küchenmesser als Beweis ausreichte, um Christa zu verurteilen. Zu meinem Glück erklärte Kerner sich einverstanden, ein Geständnis abzulegen. Mein Versprechen, daß sie nach spätestens einem Jahr wieder draußen sei, hatte Wunder gewirkt. Die Frontseite der Havixbecker Polizeiwache lag im tiefsten Dunkel. Trotz der schlechten Vorzeichen hoffte ich, jemanden dort anzutreffen, und hatte Glück. Die Eingangstür war unverschlossen. Ich schob die willenlose Christa Kerner zu einem Dienstzimmer, aus dem Stimmen zu hören waren. Eine erkannte ich sofort: Sie gehörte Reichert. »...und dann sagte der Punk zu uns: "Zeigen Sie mir Ihre Visitenkarte, damit ich weiß, über wen ich mich beschweren muß". Das war sein Fehler. Guido hat einmal mit dem Ellenbogen ausgeholt und zack, war sein Nasenbein gebrochen.« Sein Kollege meldete sich zu Wort. »Hat er geheult?« »Nee. Dazu war er zu stolz. Als er aber im Wagen geniest und uns damit die Sitzbank vollgeblutet hat, haben wir ihm eine Anzeige wegen Randalierens im Polizeigewahrsam aufgedrückt.« Beide lachten dreckig. Mir tat es leid, in dieses Plauderstündchen hereinplatzen zu müssen, denn ich hätte gerne noch weitere Geschichten aus dem Polizeialltag gehört. Ohne anzuklopfen traten wir ein. »Guten Abend, die Herren.« »Nannen! Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist? In fünf Minuten haben wir Dienstschluß. Wenn Sie einen Toten auf Ihrem Grundstück melden wollen, machen Sie das morgen früh. Da habe ich Urlaub.« Der andere Bulle, ein junger Spund, nickte zustimmend. »Mit einem Toten kann ich diesmal nicht dienen. Aber eine Mörderin ist auch nicht schlecht.«122 »Wir haben den Kerl, der Ihren Schäfer umgelegt hat. Er beteuert zwar immer noch seine Unschuld, aber es ist nur eine Frage von ein oder zwei Tagen, bis er gesteht.« »Guidos Ellenbogen bringt auch Stumme zum Reden, nicht wahr?« Reichert lief rot an und suchte nach einer passenden Erwiderung. Ich kam ihm zuvor. »Haben Sie von dem Mord in Münster gehört? Ein gewisser Kurt Eckolt aus Havixbeck wurde heute nachmittag erstochen. Ich habe die Frau, die den Mord begangen hat und sich freiwillig stellen möchte.« Dabei zeigte ich auf Kerner, die stumm auf ihre Füße blickte. »Aber wenn Sie Dienstschluß haben, kann ich auch nach Münster fahren. Die Beamten dort haben bestimmt nichts gegen eine Verbesserung ihrer Aufklärungsrate einzuwenden.« Ich drehte mich um und machte zwei Schritte in Richtung Ausgang. »Einen Moment, Nannen. Ich habe von dem Fall gehört. Ich glaube, heute verspüre ich Lust auf Überstunden.« Nachdem sich Reichert telefonisch über die Fakten erkundigt und Kerner gestanden hatte, wurde ich über eine Stunde lang ausgequetscht. Dann durfte ich gehen.123 Ich freute mich, die heutige Nacht wieder zuhause verbringen zu können. Dementsprechend schnell erreichte ich meinen Kotten. XXXII Es war ein angenehmes Gefühl, im eigenen Bett aufzuwachen. Aus diesem Grund verschob ich das Aufstehen um eine Stunde und döste vor mich hin. Dabei jagten mir tausende von Gedanken durch den Kopf. Es war sonnenklar, daß der Fall noch nicht abgeschlossen war, denn das Wichtigste fehlte: Die Entlohnung. Es war einerlei, ob Christa Kerner oder Irene Eckolt meine Auftraggeber waren, denn von beiden konnte ich kein Geld erwarten. Ich hatte Kerner zwar aus dem Knast geholt und damit den ursprünglichen Auftrag erfüllt, aber nach wenigen Stunden der Freiheit hatte ich sie erneut hinter Gitter gebracht. Ich konnte davon ausgehen, daß sich ihre Dankbarkeit in Grenzen hielt, und mein Bankkonto nicht aufgestockt werden würde. Mit Irene verhielt es sich ebenso. Sie schien über die Entlarvung des Täters keineswegs glücklich gewesen zu sein, und die Reinhaftierung von Kerner hatte ihre Laune mit Sicherheit auch nicht verbessert. Ich konnte kaum bei ihr vorsprechen mit den Worten "Dürfte ich mein Honorar dafür erhalten, daß ich Ihren geliebten Sohn als Mörder überführt und Ihre beste Freundin in den Knast befördert habe?" Ich zog als Resumée, daß ich von beiden keine müde Mark sehen würde. Andererseits hatte ich nicht vor, bei dieser Geschichte den Verlierer abzugeben. Schließlich hatte ich einen kniffligen Fall gelöst, bei dem mein Leben permanent in Gefahr gewesen war.124 Heinz Eckolt! Von ihm würde ich mir die Mücken holen. Ich hatte Irene gegenüber mit keiner Silbe erwähnt, in welche Geschäfte ihr werter Gatte verwickelt war. Heinz würde meine Rechnung freudestrahlend bezahlen. Die Vorfreude auf den Geldregen ließ mich aus dem Bett springen. Ich zog mich an und frühstückte Koffein und Nikotin. Während der Mahlzeit überlegte ich, was noch zu erledigen war. Es kam einiges zusammen: Ich mußte die Schafe loswerden, meine Klamotten aus dem Hotel holen und das Zimmer bezahlen. Ferner mußte ich mich bei Otto und Klaus bedanken, die Sache mit Karin ins Reine bringen und meinen Wagen aus der Werkstatt holen. Wegen der Sache mit Otto, Klaus und Karin hatte ich einen grandiosen Einfall. Ich konnte meine Spesenabrechnung stärker als üblich frisieren und von dem Überschuß eine Fete schmeißen. Gäste hatte ich genug: Otto, Karin, Klaus Lindner, den Dorfdeppen Stephan und Sabine Dohmen. Grabowski sollte auch nicht fehlen. Problem Nummer eins war gelöst. Um die Schafe loszuwerden, rief ich bei Reichert an. »Polizeidienststelle Havixbeck, Reichert hier.« »Einen wunderschönen Morgen, Herr Reichert. Wie geht es Ihnen?« »Bis vor genau fünf Sekunden fühlte ich mich blendend. Jetzt hingegen...« »Ich dachte, Sie hätten heute Urlaub?« »Den habe ich verschoben. Nicht alle Tage hat man die Möglichkeit, eine Mordserie aufzuklären.« »Sind Sie auch schon dahinter gekommen, daß der Mord an Franz Eckolt, der Tod von Ewald Potthoff und die Ermordung des jungen Eckolts zusammenhängen?« »Nannen. Nur weil Sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, haben Sie noch lange nicht das Recht, sarkastisch zu werden. Den Fall hätte ich auch...« »Ich würde mich gerne weiter unterhalten, Reichert, aber ich habe wenig Zeit. Da Sie mir die nächste Beförderung zu verdanken haben, sind Sie bestimmt bereit, mir eine Frage zu beantworten?« »Schießen Sie los. Aber strapazieren Sie meine gute Laune nicht.« »Was geschieht mit dem Mann, den Sie wegen Mordes an Ewald Potthoff verhaftet haben?« »In Anbetracht der neuen Erkenntnisse und Ihrer gestrigen Aussage werden wir ihn wahrscheinlich laufen lassen müssen. Wieso interessiert Sie das?« »Ich bin der Hüter von Moral und Gerechtigkeit und kann es nicht leiden, wenn unschuldige Menschen in Gefängnissen vermodern. Können Sie ihm ausrichten, daß er bei mir vorbeischauen soll? Ich habe ein Geschenk für ihn.« »Um was handelt es sich?« »Vielen Dank, Herr Reichert. Ihre Freundlichkeit erschüttert mich. Auf Wiedersehen.« »Ebenso.«125 Wir legten auf. Kurz darauf wählte ich erneut. »Mein "Auf Wiedersehen" nehme ich zurück. Ich...« Reichert hatte die Leitung unterbrochen. Anscheinend achtete man beim Einstellungstest für Bullen darauf, daß der Grad an Humorlosigkeit bei hundert Prozent lag. Jetzt wurde es Zeit, bei Hotel und Werkstatt vorbeizufahren, damit ich die Rechnung schreiben und den Fall endlich abschließen konnte. Ich steuerte zuerst die Werkstatt an, damit die Mechaniker an diesem Samstag pünktlich Feierabend machen konnten. Die Reparatur kostete satte achthundert Mark. Ich bezahlte mit einem Scheck und wechselte das Beförderungsmittel. Die fünf Tage Automatikwagen hatten mich nicht verlernen lassen, eine Gangschaltung zu bedienen, und so erreichte ich unbeschadet das Hotel. Ich räumte das Zimmer und beglich die Rechnung. Jetzt hatte ich alle Unterlagen zusammen, um die Spesenabrechnung aufzustellen. Zuhause grübelte ich eine Stunde lang über der Honorarberechnung. Am Ende kam ich auf knappe siebentausend Mark. Davon machten die Spesen mehr als die Hälfte aus. Heinz würde zwar schlukken, aber ohne Zögern zahlen. Meine Armbanduhr offenbarte mir, daß es kurz nach eins war. Ich beschloß, die Fete am heutigen Abend steigen zu lassen. Nacheinander rief ich Otto, Klaus, Karin, Sabine, Stephan und Gurkennase an. Bis auf Karin und Sabine sagten alle zu. Karin wollte es sich noch überlegen, und Sabine hatte bereits eine Verabredung, würde aber später vorbeikommen. Ich blickte mich im Wohnzimmer um und entschied, die Fete ins Freie zu verlegen. Da ich weder einen Grill noch das dazugehörige Fleisch zu Hause hatte, beauftragte ich einen Partyservice, für das leibliche Wohl meiner Gäste zu sorgen. Jetzt mußte ich die Schulden eintreiben. Ich griff erneut zum Hörer. »Guten Tag, Herr Eckolt. Sie sind samstags im Büro?« »Ich bin jeden Samstag hier, Nannen.« »Ich würde gerne vorbeikommen und eine Kleinigkeit mit Ihnen besprechen. Haben Sie Zeit?« »Nein.« »In zwanzig Minuten bin ich da.« Ich legte auf, steckte die Rechnung ein und machte mich auf den Weg zu Eckolts Büro. Nach genau siebzehn Minuten stand ich vor ihm. »Ihr Sohn ist gestern getötet worden, und Sie arbeiten heute?« »Die Geschäfte lassen keinen Raum für Sentimentalitäten. Außerdem wird mein Sohn auch nicht wieder lebendig, wenn ich zuhause sitze und Däumchen drehe. Was wollen Sie?« »Ich habe den Auftrag ausgeführt und möchte bezahlt werden. Ihre Frau wollte ich nicht damit belästigen, denn ihr macht Kurts Tod weitaus mehr zu schaffen als Ihnen.« »Sie sind mitschuldig an Kurts Tod, und ich soll dafür bezahlen? Raus, aber schnell!« »Erstens trage ich keine Schuld am Tod Ihres Sohnes, und zweitens habe ich Ihrer Frau einiges verschwiegen, was ich im Rahmen der Ermittlungen herausgefunden habe.« Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Während meines Berichtes verfärbte sich Eckolts Kopf immer mehr, bis er schließlich dunkelrot war. »Habe ich Sie richtig verstanden? Sie wissen von meiner Nebentätigkeit und haben Beweise?« »Ja.« »Poszilny hat Kurt gezwungen, meinen Vater umzubringen?« »Ja.« »Poszilny hat Druckmittel gegen mich gesammelt?« »Ja.« »Geben Sie mir die Rechnung.« Heinz war ein guter Geschäftsmann. Er erkannte die Situation und fällte innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Entscheidung. Ich gab ihm die Kostenaufstellung. Er studierte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann ging er zum Schreibtisch und zog ein Bündel Banknoten heraus. »Ich gebe Ihnen zehntausend, wenn Sie kein Sterbenswörtchen über die Sache verlauten lassen.« »Sie haben mich im Haus Ihres Vaters niedergeschlagen.« »Fünfzehntausend und wir sind quitt.« »Einverstanden. Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen.« Er zählte den Betrag ab und reichte mir den Packen.126 »Und jetzt raus!« Mit fünfzehntausend Schleifen in der Tasche fiel es nicht schwer, seiner Aufforderung Folge zu leisten. XXXIII Um vier Uhr rollte der Golf auf meinen Kotten. Vor der Haustür stand der Freund des Schäfers. »Hallo.« »Ich bin vorbeigekommen, um mich zu bedanken. Ohne Ihre Hilfe säße ich noch immer im Knast. Oh, ich habe ganz vergessen, mich vorzustellen: Dirk Simoneit.« »Dieter Nannen. Sie brauchen mir nicht zu danken. Das war eine Selbstverständlichkeit. Als Privatdetektiv ist man verpflichtet, Unschuldigen zu helfen. Übrigens habe ich ein Geschenk für Sie.« »Der Polizist hat so etwas angedeutet, und ich kann mir denken, um was es sich handelt. Ich nehme das Geschenk an.« Im Gegensatz zum schizophrenen Potthoff schien er ein kluges Köpfchen zu sein. »Sie wollen mit den Schafen weiterziehen?« »Ich muß. Es ist eine Pflicht dem toten Ewald gegenüber.« »Da bin ich erleichtert. Wissen Sie, ich liebe Tiere. Ich besitze Kaninchen und bis vor kurzem auch ein Schwein, das leider gestorben ist. Aber mein Beruf nimmt viel Zeit in Anspruch, und ich habe keine Erfahrung mit Schafen.« »Es scheint, als ob wir beide Glück hätten.« »Sie sagen es. Wollen Sie noch eine Nacht bei mir bleiben, bevor Sie weiterziehen? Ich gebe heute abend eine kleine Feier. Sie sind herzlich eingeladen.« »Ich würde gerne, aber...«127 »Kein Aber. Sie bleiben. Dafür müssen Sie beim Aufbauen helfen.« »Okay. Für mich ist es bestimmt auch von Vorteil, wenn ich wieder unter normale Leute komme. Im Gefängnis gab es nicht gerade viele davon.« Mir fiel ein Stein vom Herzen. Endlich war ich die blökenden Viecher los. Ich instruierte den neuen Eigentümer der Hammelherde, an welchen Platz er Tische und Stühle zu postieren hatte. Ich erinnerte mich daran, daß ich bei der Jagd nach einem Kaninchen, das vor einigen Wochen beim Füttern entwischt und im Stall herumgehoppelt war, über eine Lampionkette gestolpert war. Ich schickte Simoneit auf die Suche. Meine Wenigkeit wollte sich eine Dusche gönnen. Ich hatte mich gerade bis auf die Unterhose entkleidet, als das Telefon läutete. Fluchend latschte ich in das Wohnzimmer und riß den Hörer von der Gabel. »Nannen!« »Poszilny hier. Ich wußte nicht, daß Versager so aggressiv ins Tele- fon bölken.« »Das müßten Sie doch am besten wissen. Was wollen Sie?« »Ich möchte Sie nur davon in Kenntnis setzen, daß Sie der größte Schwachkopf sind, der mir jemals über den Weg gelaufen ist.« »Wollen Sie sich dafür rächen, daß ich Ihr Büro verlassen habe, ohne ein Haus zu erwerben, oder was bezwecken Sie mit diesen Beleidigungen?« »Sie haben durch Ihre Tölpelhaftigkeit den Tod eines Menschen verschuldet.« »Ich habe meinen Job gemacht. Wenn irgendwelche Leute ausflippen und vierundzwanzigjährige Snobs umbringen, ist das nicht mein Problem.« »Es ist aber Ihr Problem, wenn vierundzwanzigjährige Snobs umgebracht werden, die keiner Fliege etwas zuleide getan haben.« Mir fiel der Hörer aus der Hand. Ich zählte langsam bis zehn und führte ihn wieder an mein Ohr. »Was meinen Sie damit?« »Kurt ist unschuldig wie ein Lamm. Das einzige, was er sich hat zuschulden kommen lassen, war das Vögeln von minderjährigen Thaimädchen. Aber dafür hat er bezahlt.« »Mit dem Mord an Franz Eckolt.« »Sie sind so blöd, daß es weh tut. Mit Geld hat er bezahlt, womit sonst. Die Beseitigung des senilen Knackers hat Max erledigt.« »Das glaube ich nicht. Alle Fakten sprechen dafür, daß Kurt seinen Großvater umgebracht hat.« »Alle Fakten oder das, was ich Ihnen erzählt habe? Von welchen Fakten sprechen Sie?« »Das Videoband zum Beispiel.«128 »Ich sehe schon, ich habe es mit einem Irren zu tun. Sie waren nach meinem Geständnis so erpicht darauf, den Fall abzuschließen und das Honorar zu kassieren, daß Sie überhaupt nicht auf die Idee gekommen sind, das Band anzuschauen.« Er hatte recht. Ich hatte ihm geglaubt und mir nicht die Mühe gemacht, das Tape in einen Rekorder zu schieben. »Was war auf dem Videoband, Poszilny?« »Kurt Eckolt. Allerdings nicht im Haus seines Großvaters, sondern im Zimmer meines Puffs. Für diesen Streifen würde Theresa Orlowsky eine Menge Geld hinlegen.« Poszilny hatte mich ausgetrickst wie einen kleinen Jungen. Ich sah meine Karriere als Dorfschnüffler beendet. »Sie haben sich darauf verlassen, daß ich das Videoband nicht überprüfe? Das können Sie mir nicht erzählen.« »Ich wollte Zeit gewinnen. Ich dachte, daß ich mich schnell befreien könnte, aber die Fesseln saßen gut. Wenigstens ein Punkt, in dem Sie nicht versagt haben. Ich hätte Max mit Kurts Liquidierung beauftragt, selbstverständlich als Selbstmord getarnt, und alles wäre in Ordnung gewesen. Durch Ihre Dämlichkeit hat sich die Geschichte jedoch von selbst erledigt.« »Sie haben verdammt hoch gepokert...« »Und gewonnen. Nannen, in meinem Geschäft bin ich andere Risiken gewöhnt. Über einen kleinen Fisch wie Sie kann ich nur lachen.« So leicht wollte ich nicht aufgeben. »Sie scheinen zu vergessen, daß ich Ihren ganzen Laden auffliegen lassen kann.« »Sie sprechen sicherlich die Disketten an. Ihre Aussage, daß man jeder Diskette ansehen würde, aus welchem Computer sie stammt, war reiner Bluff. Das wußte ich schon, als Sie mich gestern in meinem Büro unter Druck zu setzen versuchten. Allerdings wußte ich nicht, was Sie noch gegen mich in der Hand hatten. Ich vermute, daß es gegen Null tendiert, aber selbst wenn nicht, ist es egal.« »Unterschätzen Sie mich nicht, Poszilny.« »Ich sagte soeben, daß es egal ist. Meinen Sie, ich hätte sonst angerufen? Einen Moment bitte.« Poszilny hatte den Hörer beiseite gelegt. Nach wenigen Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, nahm er das Gespräch wieder auf. »Max ist eingetroffen. Er bringt mich gleich zum Flieger. Ich habe das Angebot eines guten Freundes angenommen und werde Geschäfte auf dem südamerikanischen Kontinent tätigen. Das Bordellgeschäft ist am Boden, und als erfolgreicher Geschäftsmann nutzt man jede Chance, den Gewinn zu maximieren.«129 Ich hatte Poszilny unterschätzt. Er war ein eiskalter Geschäftsmann und einige Nummern zu groß für mich. »In meinem Safe habe ich zehntausend Mark liegen, die ich Max geben werde. Können Sie sich denken, wofür?« Plötzlich zitterte ich am ganzen Körper. Ich ahnte, was der Killer als Gegenleistung erbringen würde. »Sie sind ein toter Mann, Nannen. Ich habe Max nur zur Auflage gemacht, daß Sie schnell und ohne große Schmerzen sterben. Sie haben mir nämlich eine Menge Freude bereitet. Jetzt muß ich aber los, in einer halben Stunde geht mein Flieger.« »Können wir nicht noch einmal über die Sache reden, Herr Poszilny?« »Tut mir leid, Nannen. Ich sehe keine Notwendigkeit, Ihnen...« Das Gespräch wurde unterbrochen, bevor der Makler seinen Satz zu Ende gesprochen hatte. Stattdessen schrie er auf und ließ den Hörer fallen. Dieser mußte mit der Muschel nach oben liegen, denn ich bekam alles mit, was am anderen Ende der Leitung passierte. Es fielen mehrere Schüsse, und Poszilny brüllte immer wieder nach Max. Am Klang erkannte ich, daß mit zwei verschiedenen Waffen gefeuert wurde. Nachdem sechs Schüsse abgegeben worden waren, herrschte völlige Stille. Wenig später hörte ich, wie zwei Körper aufschlugen. Ich schrie mehrmals Gerds Namen in die Muschel, bekam aber keine Antwort. Dann wurde der Hörer wieder aufgenommen. Eine gedämpfte Stimme sprach mich an. »Wenn Sie ein Haus kaufen wollen, wenden Sie sich bitte an einen anderen Makler. Herr Poszilny und sein Assistent verschachern jetzt Grundstücke in der Hölle.« Die Leitung war tot. »Was ist denn hier los?« Dirk Simoneit stand in der Tür. Offensichtlich war er durch meine Schreie angelockt worden. »Nur ein obszöner Anrufer. Ich habe ihm ordentlich die Leviten gelesen.« Simoneit schaute mich befremdet an. Ich mußte ein gutes Bild abgeben, wie ich nur mit der Unterhose bekleidet vor dem Telefonapparat stand. Dirk schien sich aber mit meiner Antwort zufrieden zu geben, denn er drehte sich um und verschwand. Was sollte ich jetzt unternehmen? Offensichtlich hatten Poszilny und Max überraschenden und wenig erfreulichen Besuch bekommen. Beide waren tot. Ich konnte mir denken, wer die Exekutierung in Auftrag gegeben hatte: Heinz Eckolt. Eigentlich mußte ich mich bei ihm bedanken, denn er hatte meine Liquidierung verhindert. Andererseits war das, was der Makler vor seinem unfreiwilligen Ableben erzählt hatte, weniger dazu geeignet, unbeschwert die Party zu genießen. Ich war sicher, daß er heute und nicht gestern die Wahrheit gesagt hatte. Kurt Eckolt war unschuldig.130 Somit hatte er recht, als er behauptete, ich wäre für Kurts Tod veranwortlich. Hätte ich sorgfältiger gearbeitet, wäre Eckolt junior noch am Leben. Worüber machte ich mir Gedanken? Ich hatte den Fall nach bestem Wissen und Gewissen bearbeitet, und schließlich hatte nicht ich, sondern Christa Kerner das Messer gezückt. Der einzige, der außer mir wußte, daß Kurt nicht seinen Opa erdrosselt hatte, lag in einer Blutla- che auf seinem Perserteppich. Für Kurt war es egal, ob er schuldig oder unschuldig war. Christa Kerner saß im Knast, aber schließlich hatte sie einen Menschen umgebracht. Der Rest der Familie würde es auch überleben. Ich beschloß, den Fall zu den Akten zu legen und mich auf die Feier vorzubereiten. Schließlich mußte ich das Geld ausgeben, das ich verdient hatte. XXXIV Um halb acht klingelte es an der Tür. Ich schlurfte aus dem Badezimmer, wo ich mein Gesicht mit einem französischen Duftwasser einbalsamiert hatte. »Partyservice! Wir wollen Ihre Bestellung abliefern.« Ein vollschlanker Endfünfziger schnippte seine Fluppe auf den Boden. Hinter ihm stand ein Junge mit lila gefärbten Haaren, der unter der Last einer Kühlbox fast zusammenbrach. »Sollten Sie nicht eine Stunde früher kommen?« »Glauben Sie, Sie sind der einzige, der am Samstag eine Party steigen läßt? Nee, Meister. So läuft das nicht. Wir sind seit dem frühen Morgen auf den Beinen...« Ich winkte ab. »Bauen Sie das Zeug hinter dem Haus auf. Dort, wo die Lampions hängen.« »Wird erledigt.«131 Als der Junge um die Ecke verschwunden war, faßte ich den Alten an der Schulter. »Wohnt Ihr Kollege neben einem Atomreaktor? Das ist der schlimmste Fall von Mutation, den ich je zu Gesicht bekommen habe.« »Hör mal zu, Chef. Beleidigen Sie, wen Sie wollen, aber nicht meinen Sohn, klar?« Dabei sah er mich nicht allzu freundlich an. Ich verschwand im Haus, wo ich mir einen Whisky genehmigte. Nach einer Viertelstunde hörte ich, wie sich der Lieferwagen entfernte. Ich erhob mich, um nachzusehen, ob alles geliefert worden war. Auf dem Tisch drängelten sich mehrere Salatschüsseln, zwei Tabletts mit Baguette und eine Plastiktüte mit Plastikgeschirr und Plastikbesteck. Simoneit war dabei, einen Topf mit Gulaschsuppe an das Stromnetz anzuschließen. Wir plazierten Teller und Besteck; dann bauten wir die Zapfanlage auf. Ich hatte mich gerade auf einem der Stühle niedergelassen, als ein Zeigefinger gegen meinen Hinterkopf piekste. »Du bist ein toter Mann, Django.« Da ein Meisterdetektiv immer im Dienst war, versuchte ich sofort, diese grauenerregende Stimme auf ihre Charakteristika zu untersuchen und einem der mir bekannten Gangster zuzuordnen. »Paleface Baumeister. Du hast keine Chance. Ergib Dich!« »Oh Gott. Man hat meine Identität erkannt.« Ich fand Ottos Räuber- und Gendarmspiel reichlich übertrieben. Nachdem sich mein Assistent ein Bier geholt hatte, setzte er sich neben mich. »Weißt Du, Dieter. Ich habe überlegt, daß ich am besten aus dem Altenheim ausziehe und mich bei Dir einquartiere. Dann bin ich immer in Bereitschaft, wenn Du meine Hilfe brauchst. Ich kann die Fälle erledigen, für die Du keine Zeit hast.« Zum Glück wurde ich durch Grabowskis Ankunft von der Pflicht enthoben, mich zu diesem wahnwitzigen Vorschlag zu äußern. Als ich Peters Bier abgefüllt hatte und mich wieder setzen wollte, trafen Stephan und Klaus ein. Klaus erzählte mit einem Augenblinzeln, daß er Stephan vor dem Haus getroffen habe, und daß ihm noch keiner so treffend den biologischen Unterschied zwischen Schwein und Schaf erklärt habe. Da ich in Ruhe mein Bier trinken wollte, gab ich bekannt, daß von nun an Selbstbedienung herrschte. Das ließ sich Grabowski nicht zweimal sagen. Er schnappte sich einen Teller und packte ihn voll. Kaum hatte er sich wieder hingesetzt, wurde er von Otto in ein Gespräch über seine Erfahrungen im Detektivbusiness verwickelt. Die Party war ein voller Erfolg. Das Bier vom Faß schmeckte vorzüglich, und das Essen war ebenfalls nicht zu verachten. Bis auf Stephan hielt sich in punkto Erhöhung des Alkoholpegels niemand zurück. Als ich ins Haus ging, um eine Box meiner Stereoanlage in das Fenster zu stellen, schwankte ich bedenklich. Ich legte eine Beastie Boys-Scheibe auf den Plattenteller und gesellte mich wieder zu meinen Gästen.132 Als ich zufällig auf meine Armbanduhr blickte, stellte ich erstaunt fest, daß wir schon seit drei Stunden feierten. »Bin ich hier richtig, oder ist das ein reiner Männerabend?« Karin hatte doch den Weg zu meinem Hof gefunden. »Mensch, Du bist goldrichtig. Komm gleich zu Onkel Peter. Der gibt jedem einsamen Mädchen einen aus. Wirt! Eine Runde für alle auf meine Rechnung.« Schuhmann grinste mich an. Sie schien mir noch nicht verziehen zu haben, denn sie tat das Schlimmste, was sie tun konnte: Sie setzte sich neben Grabowski und gab ihm einen Kuß auf die stoppelige Wange. Während sich mein Magen zusammenzog, fühlte sich Peter wie ein König. »Mensch, was ist los, Dieter? Bringst Du jetzt der Lady ein Bier, oder muß das der Richard Gere von Essen selbst machen?« »Wer ist denn der Richard Gere von Essen?« Karin blickte unschuldig. »Wer wohl, Zuckerpuppe? Peter Grabowski natürlich. Der Traum aller Frauen.« Mir wurde diese Posse zuviel. Ich ging ins Haus, um meine Wunden mit einem Whisky zu pflegen. Ich holte die Flasche aus dem Keller und nahm ein paar kräftige Schlucke. Als ich sämtlichen Ärger heruntergespült hatte, kehrte ich zu meinen Gästen zurück. Stephan, Klaus und Otto mußten schon den Heimweg angetreten haben, denn ihre Stühle waren leer. Grabowski und Schuhmann hatten ihre Köpfe zusammengesteckt und tuschelten angeregt. Von dieser Party hatte ich gestrichen die Nase voll. Ich ging zu dem reizenden Pärchen und baute mich vor Grabowski auf. »Paß auf, Gurkennase. Das ist meine Frau! Ist das klar?« »Mensch, Nannen. Die Lady steht auf mich. Das ist das einzige, was klar ist. Entschuldigung, da ist noch was klar. Du bist voll wie eine Haubitze. Ich werde die Dame gleich nach Hause bringen.« »Du bist selber bis zum Rand voll!« »Frag doch Karin, von wem sie ins Bett gebracht werden will.« Als ich mir vorstellte, wie Peter an Karin herumfummelte, brannte eine Sicherung durch. Ich zerrte Grabowski aus dem Stuhl und schleuderte ihn auf den Tisch. Er landete unsanft zwischen Kartoffel- und Nudelsalat. Mehr als einen ungläubigen Blick brachte er nicht zustande, denn er war dermaßen abgefüllt, daß er nicht mehr aufstehen konnte. Mich hatte die Aktion ebenfalls umgerissen, denn auch mein Alkoholpegel befand sich jenseits von Gut und Böse. Ich landete auf Karins Schoß. Nach einer kurzen Orientierungsphase packte ich die Gelegenheit beim Schopf und ergriff ihre Hand, um sie aus dem Stuhl zu bugsieren. Widerstandslos ließ sie sich ins Haus führen. Ich plumpste auf das Sofa; Karin setzte sich neben mich.133 »Tut mir leid, Dieter. Vielleicht habe ich ein bißchen übertrieben, aber ich habe Dir die Geschichte mit den Disketten sehr übelgenommen. Ich dachte, Du magst mich, und dann setzt Du mich einer sol- chen Gefahr aus.« Eine warme Handfläche strich über meine Wange. Ich stand auf und torkelte zum Plattenspieler. Kurze Zeit später besang Julian Cope die Vorzüge seiner Charlotte Anne. Mit erheblichen Schwierigkeiten fand ich zur Couch zurück. Ich legte meinen Arm um Karins Schulter. Ein roter Mund näherte sich meinem. Unsere Lippen waren nur noch zwei Millimeter voneinander entfernt, als Schuhmann erschreckt auffuhr. »Guck mal da!« »Was ischt denn los, Liebling?« »Da sitzen zwei Kaninchen auf der Türschwelle.« »Ischt egal. Komm, laß unsch weitermachen.« Ich zog Karin zurück und gab ihr einen langen, intensiven Kuß. »Isch liebe Disch, Karin.« Sie schaute mir tief in die Augen. »Ich liebe Dich auch, Dieter.« Der folgende Kuß übertraf den ersten bei weitem. Dann löste sich Schuhmann. »Trotzdem müssen wir zuerst die Tierchen einfangen. Sie sind aus dem Stall entwischt.« »Isch glaube kaum, daß isch in meinem Zustand hinter den Langohren herhecheln kann. Sie werden schon nischt weglaufen, und wenn, ischt es auch egal.« »Das ist typisch für Dich. Warte hier.« Sie verließ das Sofa und schlich sich an die Kaninchen heran. Diese erkannten die drohende Gefahr und hoppelten nach draußen. Karin folgte.134 Julian Cope war mittlerweile bei der China Doll angelangt. Mehr bekam ich nicht mehr mit. Tiefe Dunkelheit legte sich über meine Augen. Mein Unterbewußtsein registrierte noch, wie Karin mehrmals meinen Namen rief. Dann fiel ich in ein schwarzes Loch. XXXV Abgesehen von einigen Zigarettenpausen und etlichen vergeblichen Versuchen, Schuhmann an die Strippe zu bekommen, schlief ich den gesamten Sonntag durch. Am Montagmorgen erstand ich am Bulderner Kiosk den Havixbecker Kurier. Zuhause schlug ich sofort den Lokalteil auf: "BLUTBAD IN MAKLERBÜRO - Am Samstagabend wurden der renommierte Makler Gerd Poszilny und ein Mann, der später als Maximilian Schoppe identifiziert wurde, in Poszilnys Büro (Lessingstraße 57) tot aufgefunden. Ein Nachbar hatte Schüsse gehört und daraufhin die Polizei verständigt. Die Beamten erwartete ein Bild des Schreckens: Poszilny lag in einer Blutlache auf dem Fußboden. Der Polizeiarzt gab auf Nachfrage des HK an, daß Poszilny zwei Schüsse in den Magen und einen in die Brust bekommen habe. Er sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Schoppe wurde durch einen Kopfschuß hingestreckt, der sofort tödlich war. Zwei weitere Projektile, offensichtlich aus Schoppes Waffe, steckten in der Tür des Büros. Über Tathergang und Motiv schweigt sich die Polizei aus. Einzelheiten sollen auf der Pressekonferenz am heutigen Montagnachmittag bekanntgegeben werden."135 Ich warf die Zeitung in den Papierkorb und steckte mir eine dicke Zigarre an. E N D E 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128 129 130 131 132 133 134 135 2