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Die Erlebnisse eines 10-Dollar-Scheines

Ein Märchen von Hermann Bauer

Hergestellt wurde ich in einer großen Druckerei. Walzen, auf denen Farbe klebte, rollten über mein Papier. Durch eine Spezialbehandlung bekam ich noch ein Wasserzeichen. So wurde ich neben Tausenden von anderen 10-Dollar-Scheinen am gleichen Tag wie sie geboren.
Dann ging die große Reise los. Wir wurden gebündelt zu einer Bank gebracht. Dort lagen wir dicht gedrängt im Kassenraum. Wir rochen alle gleich intensiv nach frischer Farbe. Auch hatten wir noch keine Eselsohren. Nicht mal geknickt oder gefaltet war unser schönes, neues Papier. Bis zu diesem Zeitpunkt war unser Leben gleich. Das sollte sich aber bald ändern...
Ich wartete schon mehrere Wochen und hoffte, bald den Kassenraum verlassen zu können. Bei jedem Bankkunden, der an der Kasse stand, pochte mein Herz heftig. Viele Kunden gaben aber nur Schecks ab und diejenigen, die Geld von ihrem Konto abhoben, bevorzugten teilweise größere Scheine. Doch endlich war es soweit... Eine ältere Frau ließ sich ihre Rente in 10- und 50-Dollar-Scheinen auszahlen.
Diese Frau war sehr arm. Sie trug mich lange in ihrer Handtasche spazieren. Mal stand sie am Obststand, dann wieder an einer Wurst- und Käsetheke an. Die Preise waren ihr aber meistens zu hoch, so daß sie mich wieder heim zu ihrer Wohnung trug. Weihnachten stand vor der Tür. Sie wollte ihrem Enkel, dem kleinen Mike eine Freude machen. Sie steckte mich in einen Briefumschlag und übergab ihm das Kuvert am 24. Dezember. Mike freute sich sehr über das Geschenk der Oma und faltete mich zweimal zusammen, um mich besser in sein dunkelblaues Sparschwein stecken zu können. Dort lag ich auf Münzen, die schon sehr alt waren und nicht mehr so schön glänzten wie neue. Kurz vor Ostern befreite mich Mike aus dem Sparschwein. Mike wollte sich nämlich ein Osterhasen-Malbuch kaufen. Er ging mit mir zu einem Buch- und Zeitungsladen und tauschte mich für ein Malbuch ein. Mich steckte der Verkäufer in seine Kassenschublade, in ein Fach, in dem lauter 10-Dollar-Scheine lagen. Manche waren schon sehr zerknittert. Ich sah mir ihre Falten an und dachte: "Was hatten die wohl schon alles erlebt?" Eine Nacht schlief ich dort. Am frühen Morgen kaufte sich ein sehr hektisch wirkender Mann eine Zeitung und bekam mich neben mehreren Münzen als Wechselgeld zurück. Uns alle steckte er in seine Manteltasche. Er hatte es sehr eilig. Draußen regnete es. Der Regen war teilweise mit Schneeflocken vermischt. Als er aus seiner Manteltasche Handschuhe herausnehmen wollte, zog er mich mit und ich flog in hohem Bogen in eine Regenpfütze. Das Wasser war unerträglich kalt. Das war aber nicht das Schlimmste. Mindestens dreißig Autoreifen rollten über mich. Auch einige Motorräder und Fahrräder. Wie war ich froh, als mich die aufmerksame Susan, die gerade auf dem Schulweg war, entdeckte und mich aufhob.
Ich kann von einem Wunder sprechen, daß ich mir keine Erkältung zugezogen habe. In der Schule angekommen, legte sie mich zwischen zwei Blättern in ihrem Schulheft. Bald war ich wieder trocken. Noch am gleichen Tag trug mich Susan in ein Kaufhaus. Sie kaufte sich eine Kinder-Musik-CD und ich landete wieder in einer Kasse. Das Kaufhaus war eines der größten in der Stadt. Es gab dort viele Kassen und die Tageseinnahmen waren beträchtlich. Aus Sicherheitsgründen kamen wir alle in einen Tresor. Dort sollten wir bis zum nächsten Morgen bleiben. Aber es kam anders...
Nachts schlichen sich Einbrecher in den Tresorraum und schweißten den Safe auf. Ich lag in der Nähe der Türe. Durch die Hitze des Schweißbrenners brannte mein Papier seitlich etwas an. Darüber war ich natürlich überhaupt nicht erfreut! Einer der Diebe nahm mich zu sich und trug mich in seine Wohnung. Dort versteckte er mich neben anderen Geldscheinen in seinen Kleiderschrank zwischen Hemden und Pullovern. Der Dieb stahl aber nicht nur Geld, er brach auch Autos auf. Daß das auf Dauer nicht gut gehen kann, ist jedem klar. Der Krug geht eben so lange zum Brunnen bis er bricht. So wurde der Dieb von einem Gericht verurteilt und zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt. Zwei ganze Jahre mußte ich in dem dunklen Schrank ausharren. Die Luft war stickig. Wenn man bedenkt, daß selbst Tiere nur wenige Monate Winterschlaf halten, dann kommen einem zwei Jahre wie eine halbe Ewigkeit vor. Aber auch diese Zeit ging vorüber...
Der Einbrecher wurde aus dem Gefängnis entlassen und kehrte in seine Wohnung zurück. Dort ging er sofort zum Kleiderschrank und sah nach, ob das Diebesgeld noch da war. Er packte einige Scheine, steckte uns in seine Hosentasche und besuchte eine Gaststätte. Dort trank er viel zu viele Biere. Von dem Alkohol wurde er schnell müde und betrunken. Er konnte nicht mehr flüssig reden, er lallte nur noch. Als er seine Zeche zahlen wollte, streifte er versehentlich mit seinem Ärmel das Bierglas und schüttete den Inhalt des Glases, dieses ekelhafte Gebräu, auf mich. Der Kellner trocknete mich zwar sofort mit einer Serviette, doch wieviele Tage oder Wochen mußte ich nun nach Bier stinken? Im Geldbeutel des Kellners trocknete ich schneller als erwartet. Meine Geldnachbarn waren überhaupt nicht begeistert, mich aufnehmen zu müssen. Aber was blieb ihnen schon übrig? Noch am gleichen Abend wechselte ich den Besitzer.
In der Gaststätte bekam mich beim Zahlen ein älteres Ehepaar. Dieses Paar hatte keine Kinder. Bei der Heimfahrt im Auto sagte der Mann, er habe in der Zeitung gelesen, daß es Länder gibt, in denen Kinder hungern müßten. Auch fehlten Medikamente, um Kinder von Krankheiten zu heilen. Da beschlossen die beiden, Geld zu spenden und somit zu helfen. Die Frau zahlte mich und andere Scheine am nächsten Tag im Postamt ein. Der Postbeamte steckte mich ­ wieder mal ­ in eine Schublade, in ein Fach mit lauter 10-Dollar-Scheinen. Wie der Zufall es so wollte, traf ich in dem Fach einen anderen 10-Dollar-Schein, der am gleichen Tag in der selben Druckerei wie ich das Licht der Welt erblickte. Wir freuten uns sehr über das Wiedersehen. Der Schein sah mich an, dann sagte er: "Gut siehst du aus, du hast dich gut gehalten!" Der andere Schein erzählte mir, was er alles in der ganzen langen Zeit erlebt hatte. Er erzählte unter anderem von einem Fischverkäufer, der Geldscheine mit seinen ungewaschenen Händen anfaßte. Die armen Scheine stanken danach noch nach Monaten. Ein Kind bastelte gar einen Flieger aus dem Schein. Auch hatte der Schein wie ich die Erfahrung gesammelt, daß viele Leute die Geldscheine einfach lose in die Hosentasche oder Handtasche steckten. Dadurch wurden wir immer an einer anderen Stelle verletzt und eingerissen. Hätten alle Menschen Geldbörsen, wäre die Lebenserwartung der Scheine wesentlich höher. Manche werden nämlich sehr alt. Wenn die nächsten Besitzer gut mit mir umgegangen sind, was ich hoffe, dann bin ich noch heute im Umlauf und sitze in diesem Moment vielleicht in deinem Geldbeutel. Schau doch mal in deiner Geldbörse nach, ob du einen 10-Dollar-Schein drin hast!

© by Hermann Bauer

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29.08.99