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Das kleine, goldene Fischlein und der Krebs

Kurzgeschichte für Kinder von Herbert Barfuß

In einem dunkelblauen Meer, nahe an einem wunderschönen gelben Sandstrand, auf dem die Äffchen in den Kokospalmen turnten und bunte Papageien kreischten, da lebten einmal viele Meerestiere im Wasser. Die spielten den ganzen Tag, tollten umher, neckten sich und hatten immer viel Spaß miteinander. Hier wohnte auch ein großer Krebs in seiner Höhle und ein kleines Fischlein. Dieses hatte viele goldene Schuppen. Es war sehr hübsch anzuschauen, wie die goldenen Schuppen in der Sonne glänzten und funkelten. Und der Krebs wackelte, wenn er gute Laune hatte, so schnell mit seinen langen Fühlern, dass einem ganz schwindelig wurde beim Zusehen. Dieses kleine, goldene Fischlein und der große Krebs waren schon seit langem gute Freunde. Sie trafen sich beinahe täglich und spielten am Meeresgrund "Schneckenhausverstecken", oder "Fang die Muschel". Und manchmal ärgerten sie auch den großen alten Kraken, der unter der Wurzel eines versunkenen Baumes hauste. Da schwamm dann das goldene Fischlein dem Kraken vor der Nase herum und neckte ihn. Und wenn dieser dann aus seiner Höhle schwamm um das Fischlein kräftig zu schimpfen, dann zwickte der Krebs, der sich leise von hinten an den Kraken herangeschlichen hatte, den alten Griesgram in den Popo. 

Aber eines Tages hatten das Fischlein und der Krebs einen Streit. Es war eigentlich nur wegen einer völlig unwichtigen Sache. Das Fischlein hätte lieber bei den großen, grünen Algenwäldern verstecken gespielt und der Krebs wollte lieber am Strand schöne Muschelschalen suchen. Keiner von Ihnen wollte nachgeben und sie zankten sich dermaßen, dass der Krebs das Fischlein in die Seite zwickte und jeder in eine andere Richtung schwamm. Der Krebs verkroch sich schmollend in seiner Höhle und wollte mit dem goldenen Fischlein nicht mehr sprechen. 

Das Fischlein aber war durch die scharfen Scheren des Krebses jedoch verletzt. Es hatte eine Wunde an der Seite. So konnte es nicht mehr so gut schwimmen und die Wellen warfen es an den Strand. Das Fischlein schreit ganz leise, aber niemand hört es. Verzagt ruft es nach dem Krebs, aber der rührt sich nicht, er schmollte noch und wollte nicht gestört werden. Hoffentlich kommt er noch zurecht, ansonsten ist das arme Fischlein in großer Lebensgefahr. Nachdem der griesgrämige Krebs genug geschmollt hatte, kroch er wieder aus seiner dunklen Höhle hervor und wollte das Fischlein wieder besuchen und mit Ihm spielen. Er fand das Fischlein aber nicht, da es ja verletzt am Strand lag. Da erschrak der Krebs fürchterlich, als er sah was er angerichtet hatte. Eilig krabbelte er so schnell Ihn seine vielen Beine trugen zur Auster und fragte sie: "Hast Du das Fischlein gesehen?" Doch Austern sind sehr überheblich und sprechen nur mit Ihresgleichen, darum ließ die Auster einfach ein paar Luftblasen heraus und verschloss sich. Normalerweise hätte der Krebs kräftig geschimpft aber dazu war jetzt keine Zeit. Darum schwamm er zur Seeanemone, die mit Ihren langen Armen huldvoll im Wasser fächelte. "Liebe Anemone, hast Du vielleicht das goldene Fischlein gesehen?" fragte der Krebs eilig. "Tut mir leid, entgegnete die Anemone, "leider nicht, aber ich habe heute einen Fischer in der Nähe gesehen." Da wurde der Krebs ganz rot vor Schreck und konnte sich gar nicht mehr bewegen. "Aber frage einmal den alten Pfahl in Strandnähe, der schaut bei Ebbe immer mit dem Kopf aus dem Wasser, vielleicht weiß er etwas" sagte die Anemone noch. "Danke, Anemone" stieß der Krebs atemlos hervor und schwamm mit Höchstgeschwindigkeit zum alten Pfahl. 

Der wiegte bedächtig seinen langen, grünen Algenbart in den Wellen und entgegnete auf die Frage des Krebses: 
"Leider habe ich das Fischlein auch nicht gesehen, gestern Abend aber schwamm es sehr aufgebracht an mir vorbei. Ich konnte es gar nicht fragen, was denn geschehen sei. Du weist ja, ich bin schon etwas langsam. Doch.... Moment.... da..., am Strand, da glitzert etwas, das sieht doch wie ein kleiner Fisch aus....." 
Der Krebs wartete gar nicht mehr ab, bis der alte Pfahl zu Ende gesprochen hatte und ruderte mit seinen Scheren so schnell wie es noch nie ein Krebs in den sieben Weltmeeren gemacht hatte auf den Strand zu. Dort angekommen sah er gleich das Fischlein neben einigen Muschelschalen liegen. Halb lag es aus dem Wasser und sein Mäulchen war noch offen, als ob es nach Luft schnappte. Die Wellen stießen es sanft an den Flossen an, so als ob sie sagen wollten: "Komm doch, Fischlein, du hast an der Luft nichts verloren, das ist Dein sicherer Tod! Komm wieder zu uns und spiel mit uns." Doch das Fischlein bewegte sich nicht mehr und die erste garstige Fliege begann sich schon auf seine hübschen, golden glänzenden Schuppen zu setzen. Als der Krebs das sah jammerte er: "Ach, läge ich doch an des Fischleins statt hier am Strand und sterbe! Ich hätte es wohl verdient!" Und schon begann er ins Landesinnere zu krabbeln in der Hoffnung, dass Ihn ein Mensch fände und lebendig, wie es so Sitte ist, in den Kochtopf stecken würde. Doch dann fiel ihm noch die letzte Rettungsmöglichkeit für das Fischlein ein. Zuerst packte er es mit einer Schere ganz zart an der Flosse und zog es ins Wasser, damit die heiße Sonne das Fischlein nicht noch mehr austrocknen würde. Ein paar Seepferdchen, die zufällig in der Nähe herumbalgten und umhertollten, bat er: "Liebe Seepferdchen, das Fischlein hier ist vielleicht noch zu retten! Bitte bewacht es, damit Ihm nicht noch mehr Leid geschehe!" Und die Seepferdchen umringten das regungslose Fischlein und hielten es im Wasser, damit es nicht wieder an das Land gespült werden würde. Der Krebs hingegen eilte zum Doktor aller Meerestiere, Doktor Krakus, ein alter und sehr weiser Krake. Ganz außer Atem stammelte der Krebs: "Doktor Kra Krak Krakus, Doktor Krakus, helft dem goldenen Fischlein, bitte, es liegt vielleicht schon tot am Strand!" Doktor Krakus verlor keine Zeit, er war nämlich ein sehr guter Doktor und wusste, das man mit Schnelligkeit manchmal ein Leben retten konnte. Gemeinsam schwamm er mit dem Krebs so schnell es ging zum Strand. Sofort machten die Seepferdchen platz und Dr. Krakus öffnete seine Arzttasche und holte alle möglichen Instrumente hervor. Zuerst fühlte er dem Fischlein den Puls. Nach einiger Zeit schaute der Doktor immer trauriger und schließlich sagte er bedrückt zu den Meerestieren: "Leider, hier ist nichts mehr zu machen, das Fischlein ist schon tot. Wenn jemand an gebrochenen Herzen gestorben ist, dann hilft selbst die beste Medizin der Welt nichts mehr." Betroffen schwammen die Seepferdchen leise davon. Dr. Krakus packte seine Instrumente wieder ein und verabschiedete sich. Nur der Krebs saß noch neben dem toten Fischlein und wusste nicht wohin er jetzt gehen sollte. "Am Besten ist es wohl, wenn ich jetzt auch hier bleibe bis ich sterbe!" sagte er halblaut zu sich selbst und verkroch sich in seinen Panzer. 

So vergingen Tage und Wochen und das Fischlein hatte sich schon ganz in Meerschaum aufgelöst. Liebe Kinder, Ihr müsst nämlich wissen, wenn ein Wassertier aus Liebe stirbt, dann lebt es als der weiße, zarte Schaum auf den Wellen weiter. Der Krebs aber hatte seit dem Tod seines geliebten Fischleins nichts mehr gegessen und war bereits so dünn und schwach, dass sein Gehäuse schon an seinem mageren Körper klapperte. Doch Neptun, der Gott aller Meeresbewohner, hatte von Anfang an alles mitangesehen. Wie der Krebs so garstig zum Fischlein war, wie das Fischlein verletzt am Strand starb und wie der Krebs aus Trauer jetzt auch sterben wollte. Obwohl Neptun manchmal sehr streng zu den Menschen ist, die das Meer nicht achten und respektieren, so liebt er doch seine Meerestiere über alles und die beiden taten Ihm sehr, sehr leid. Als der Krebs schon im Sterben lag und den Meeresschaum nicht mehr spüren konnte, der zart und beinahe unsichtbar seinen mageren Körper umspülte und sich an sein Gehäuse anschmiegte, da hielt es Neptun einfach nicht mehr aus. Mit einem gewaltigen Zauberspruch ließ er einen großen Blitz aus seinem Dreizack herniederfahren, sodaß der Donner viele Meilen über das Meer zu hören war und die Fischer Ihre Regenmäntel anzogen, weil sie dachten, dass ein Unwetter herankäme. Der Blitz fuhr neben dem Krebs in den Meeresschaum und plötzlich....ja, mit schneller Geschwindigkeit huschten jetzt die Luftblasen zueinander. Zuerst konnte man es noch kaum sehen.... dann wurde der Körper des Fischleins ein bischen deutlicher. Jetzt war es noch durchsichtig.... doch schon begann es ganz leicht golden zu glänzen und schließlich schwamm das Fischlein mit seinen wunderschönen goldenen Schuppen durchs Wasser, als ob es nie tot gewesen wäre. Sofort schwamm es zum Krebs und klopfte mit seinen Flossen an sein Gehäuse. "Lieber Krebs, wach auf! Ein Wunder ist geschehen! Ich bin wieder ein Fisch und völlig gesund!" Der Krebs hörte zwar noch das Fischlein doch dachte er bei sich: "Das bilde ich mir sicher nur ein, weil ich vor Hunger nicht mehr klar denken kann." Doch das Fischlein gab nicht auf und kitzelte den Krebs mit einer langen Alge durch die Öffnung seines Gehäuses, so wie sie es früher immer gemacht hatte wenn sie den Krebs necken wollte. Langsam und zaghaft streckte der Krebs zuerst die eine Schere, dann die andere heraus und krabbelte schließlich ganz heraus. "Fischlein, Du bist es!" schrie er und kullerte den Abhang herunter, da er vor Freude und Aufregung den Halt verloren hatte. Der Krebs schnappte das Fischlein vorsichtig an den Flossen und konnte es erst jetzt glauben und das Fischlein streichelte den Krebs zärtlich an den Fühlern. Die beiden machten vor Wiedersehensfreude so einen Wirbel, dass auch die anderen Meeresbewohner herbeieilten. Als sie sahen, dass das Fischlein wieder lebte, freuten sie sich über alle Maßen und beschlossen am Abend ein großes Fest zu Ehren des Neptun zu feiern. Ich kann Euch sagen, das war vielleicht ein Gekrabbel und ein Geflossel! Der Krebs aß 25 Algenburger und trank 17 Muschellimonaden, so einen Hunger hatte er. Doktor Krakus hatte zuviel Seeigelschnaps getrunken und in seinem Schwips alle Arme miteinander verknotet. Die Seepferdchen führten ein wunderschönes Meeresballett auf. Ein jedes Meerestier zeigte sein bestes Kunststück, Kinder, stellt Euch nur vor, was da alles zu sehen war! Das Meer leuchtete in seinem schönsten Grün, und die Meerestiere tanzten und feierten bis in die späte Nacht hinein. Und der mächtige Meeresgott Neptun machte mit seinen Blitzen aus dem Dreizack ein wunderschönes Feuerwerk am Himmel. Das goldene Fischlein und der Krebs hingegen waren abseits ganz still bei einem kleinen Stein, sahen dem Feuerwerk zu und versprachen sich, dass sie sich nie mehr wieder im Leben gegenseitig weh tun werden. 

Vielleicht findet Ihr sogar, wenn Ihr einmal im Urlaub mit Euren Eltern ans Meer fährt, auf einem Stein oder in einer kleinen Höhle einen Krebs und ein goldenes Fischlein, eng aneinander gekuschelt. Liebe Kinder, versprecht mir, dass Ihr dann ganz leise seid und sie nicht stören werdet!


© by Herbert Barfuß

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08.08.01