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Vom alten Eisen

Kurzgeschichte für Kinder von Torsten Schulz

Auf dem Gelände abseits vom Bahndamm stand eine alte Lokomotive. Sie stand da zwischen alten Waggons, Achsen und vielerlei sonstigen Dingen, die die Eisenbahngesellschaft zum alten Eisen zählte. Die Lokomotive -sie hieß 2306, richtige Lokomotiven haben nämlich keine Namen, sondern Nummern - hatte die Achsfolge 1B1, d.h. sie hatte zwei große Räder in der Mitte, die über die Treibstangen mittels Dampf angetrieben wurden, und je eines davor und dahinter, damit sie nicht umfallen konnte.

Sie stand da ziemlich verlassen, und der kalte Wind pfiff ihr durchs Gestänge. Es lag noch Schnee. Die Kälte machte der 2306 nichts aus, aber ansonsten war sie sehr unglücklich. Sie stand schon jahrelang herum. Nur einmal war sie vor zwei Jahren ein Stück geschoben worden. Aber kein Feuer brannte unter ihrem Kessel, kein Pfiff ertönte und ihre Lichter leuchteten nicht. Es gibt Menschen, die glauben nicht, daß Lokomotiven traurig sein könnten, aber die 2306 war es. Tagsüber konnte sie wenigstens die anderen Züge vorbeifahren sehen, hin und wieder winkten ihr die elektrischen Schnellzuglokomotiven zu. Aber nachts war es einsam. Da dachte 2306 an bessere Zeiten zurück, an die Züge, die sie durch Landschaften mit vielen Brücken und Tunnels gezogen hatte, an die schönen Bahnhöfe, an denen sie gehalten hatte, und die schönen Stunden im Bahnbetriebswerk, wenn sie gewartet und gewaschen wurde. Jetzt war sie schmutzig und rostig.

Die einzigen, die außer den elektrischen Schnellzuglokomotiven nett waren zu 2306 waren die Kinder, die hin und wieder auf ihr spielten. Sie machten lange Fahrten mit 2306, fuhren mit höchstem Tempo durch lange Kurven, und machten alle Geräusche selber. Tsch, tsch, tsch, ging es so schnell wie möglich und huiit, huiit. Aber jetzt im Winter kamen die Kinder nicht.

Eines Tages aber kamen drei Männer auf die 2306 zu. Sie gingen um sie herum, klopften mit einem schweren Hammer auf ihr herum und stiegen dann ins Führerhaus. 2306 konnte leider nicht verstehen, was die Männer sagten, und deshalb fürchtete sie sich ein wenig. Die Männer guckten sich alles genau an, verließen dann den Führerstand und machten Fotos. 2306 war etwas verwundert, schön war sie ja nun wirklich nicht. Die Männer gingen wieder fort. Ein paar Tage stand 2306 wieder allein herum. Sie hatte die Männer schon fast vergessen, da kamen sie wieder, und brachten noch eine Frau und einen Mann mit, der aussah wie der Mann, der immer auf dem Führerstand gestanden hatte, als 2306 noch im aktiven Dienst war. Er war Lokomotivführer.

Diesmal wurde 2306 noch viel genauer untersucht, als beim ersten Mal. Über sechs Stunden wurden alle Nieten, Schrauben, Bleche, Räder, Ventile und Regler genau begutachtet. 2306 war mißtrauisch, aber sie dachte scharf nach und kam zu dem Schluß, daß die Leute nicht so lange alles genau untersuchen würden, wenn sie 2306 nur verschrotten wollten. Davor hatte 2306 nämlich große Angst.

Als die Frau und die Männer fertig waren, gingen sie fort. Diesmal vergingen drei Wochen bis wieder etwas passierte. 2306 hatte die Hoffnung auf ein Wiedersehen schon fast aufgegeben, als erstaunliche Dinge passierten. Zunächst konnte 2306 beobachten, wie die Waggons vor ihr einer nach dem anderen weggezogen wurden. Dann war 2306 selber an der Reihe. Fast fünfhundert Meter wurde sie gezogen. War das ein Gefühl, wie sich die Räder und die Treibstange bewegten. Neben einem großen Kran kam 2306 zum Stehen. Nach einer Weile verlor 2306 plötzlich die Gleise unter den Räder. Das war ein eigenartiges Gefühl. Und dann schwebte sie und wunderte sich, wie weit sie sehen konnte. Sie konnte schon ganz in der Ferne die elektrische Schnellzuglokomotive sehen. Auf einem Tieflader wurde sie wieder abgesetzt. Dann ging es los und 2306 bewegte sich zum ersten Mal, ohne daß sich ihre Räder drehten. Vor Aufregung hätte 2306 gern geschnauft, aber ohne Dampf im Kessel ging das nicht.

Nach einem Tag Fahrt wurde 2306 wieder auf ein Gleis gehoben und in eine Halle geschoben. Dort war es warm und trocken. 2306 hatte weder die Kälte noch den Regen gefürchtet, also war es ihr auch nicht wichtig, daß sie es nun warm hatte und im Trockenen stand. Wichtig und gut aber war, daß es in der Halle noch einen Triebwagen gab und eine kleine Diesellok. Endlich war sie nicht mehr allein. Fünf Tage in der Woche waren die drei immer für sich. Sie erzählten von alten Zeiten, und 2306 erfuhr nun endlich wo sie gelandet war. Die Menschen hier würden 2306 wieder auf Hochglanz polieren. Und dann sollte sie einen Zug ziehen.

Am sechsten und siebten Tag kamen die Leute und arbeiteten. Alles an 2306 wurde gereinigt, entrostet, repariert, ausgetauscht, gestrichen und poliert. Dann kam endlich der Tag, an dem zum ersten Mal wieder Wasser und Kohle gefaßt wurden und dann - ja dann- brannte nach langer, langer Zeit wieder ein Feuer unter dem Kessel von 2306. Ein Freudenpfiff gellte, und dann ging es los. Der Dampfdruck war da, der Regler wurde aufgeschoben und der Dampf strömte in die Zylinder, drückte den Kolben mit den Treibstangen nach vorn und setzte 2306 in Bewegung. Vor Freude hätte sie fast einen Satz nach vorn gemacht.

Von diesem Tag an fuhr 2306 jedes Wochenende zweimal am Tag mit einem Zug von Bahnhof an der Nebenstrecke zu einem kleinen Dorf mit einer Station. Auf dem Zug fuhren viele Männer mit Fotoapparat und Videokamera, Kinder, die alles bestaunten, und Frauen, die sich wunderten. In der Woche ruhte 2306 sich aus - sie war ja nicht mehr die jüngste - und plauderte mit der anderen Lokomotive und dem Triebwagen.


© by Torsten Schulz.

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05.07.99