Kurzgeschichten    Gedichte    Krimis    Fantasy    Kinder    Buchtips

www.Kongolo.de

Dein Buch im Internet

_________________________________________________________________________

Rote Schuhe

Ein Text von Vanessa Stadler

Ich habe ein Paar Schuhe

Ich habe ein Paar Schuhe.
Ein Paar rote Schuhe.
Es sind meine roten Schuhe.
Sie sind nicht neu, nein.
Aber es sind meine roten Schuhe.

Ihre Sohlen sind schon durchgelaufen, sie haben Löcher, und die Farbe ist schon längst von der Sonne ausgebleicht, aber es sind meine roten Schuhe, die einzigen die ich habe.

Ich werde nie den Tag vergessen, an dem ich sie zum ersten Mal sah.
Meine roten Schuhe. Ich stand auf dem voll Menschen angesammelten Marktplatz. Ich stand da und die Sonne schien heiß wie immer über den Köpfen der Leute und auch über meinen.

Dann kam er, der große graue Lastwagen, er kommt selten. Hochachtungsvoll standen die Leute da und warteten darauf zu sehen, was er heute bringt. Und die Menschen drängten vor. Denn jeder wollte der erste sein.

Dann hielt er an. Der große graue Lastwagen, und der Mann, der ihn immer fuhr stieg aus. Er lief an das Ende des Anhängers, den der Lastwagen hatte. Die Spannung unter den Leuten begann zu steigen und auch mein Herz fing an schneller zu schlagen, nicht aus Angst, nein! Sondern aus Freude. Der Mann nahm seine Kappe vom Kopf und wusch sich mit seiner rechten Hand, an der eine glitzernde Silberne Armbanduhr hing, den Schweiß von der Stirn. Jetzt war es so weit, er öffnete die große schwere graue Tür des Anhängers. In ihm standen ungefähr ein Dutzend Kartons. Und in einem davon waren meine Schuhe, meine roten Schuhe, sie gehören mir.

Die Leute wurden langsam ungeduldig und schauten den Mann mit ihren traurigen erwartungsvollen Augen an, doch er hatte nur ein müdes Lächeln übrig als er einen großen Schluck von seiner Wasserflasche nahm, die an seinem Gürtel hing, um seinen Durst, den jeder hatte, zu stillen. Dann endlich öffnete er den ersten Karton. Er holte mit seiner rechten Hand viel Schwung und schmiß einzeln, das was im Karton war, weit hoch hinter sich.

Wie auf ein Kommando erhoben sich viele Hände, die alle nach den Sachen geierten, die in einem großen Bogen in der Luft flogen und mit einem dumpfen Knall auf dem weichen sandigen Boden landeten. Plötzlich fiel etwas vor meinen knochigen nackten Füßen nieder, direkt vor mir runter, als ich zu Boden blickte war es für mich so, als hätte ich ein Geschenk Gottes erhalten.

Es waren rote Schuhe. Meine roten Schuhe, die mir gehören. Ich beugte mich vor, um sie aufzuheben und als ich schon den Schnürsenkel mit den Fingerspitzen berührte, griff eine andere Hand zu und entriß sie mir.

Meine roten Schuhe. Es war ein Junge in meinem Alter, den ich vielleicht ein oder zweimal in den dunklen Ecken der Straßen sitzen sah. Er hielt sie fest in der Hand. Meine roten Schuhe. Und mit einem Satz drehte er sich um und rannte weg. Ich stand da, alleine, ohne etwas zu haben. Ich sah mich um und sah im Blinkwinkel den großen grauen Lastwagen wegfahren, und die Leute krallten sich krampfhaft an den Sachen, die sie ergattern konnten, fest und liefen einfach davon, sich aber umsehend, umsehend ob nicht doch noch etwas auf dem sandigen Boden liegen könnte, etwas, das vielleicht vergessen wurde.

Ich drehte mich auch um und ging. Ohne meine roten Schuhe. Einige Tage später, sah ich sie wieder, meine roten Schuhe, die mir gehören. Das Kind das sie mir aus der Hand gerissen hatte, hatte sie an. Es lag am Wegrand, mit meinen roten Schuhen. Die mir gehören. Ich lief auf es zu, stellte mich vor ihm hin und schaute es an. Es bewegte sich nicht, ich lief näher hin und berührte es auch, es war kalt, ganz kalt. Ich stand auf und nahm ihm die roten Schuhe ab. Denn, sie gehören mir.

Ich zog meine Schuhe an, meine roten Schuhe. Die mir gehören. Ich lief die Straße entlang. Ich bemerkte, daß ein Kind mir folgte, es war ein Junge, er war ungefähr so alt wie ich. Mein Magen knurrte sehr, deshalb setzte ich mich auf den Wegrand, und betrachtete meine roten Schuhe. Die mir gehören. Dann sah ich den Jungen an, der nicht weit weg von mir stand und meine roten Schuhe anstarrte. Meine roten Schuhe, die mir gehören, die einzigen die ich habe.

Text (c) by Vanessa Stadler

nach oben                        Autorenprofil                     nächster Text

01.04.2001